Frankfurter Rundschau, 12.08.2004

"Immer der erste zu sein und vorzustreben vor andern"
Hatten die antiken Olympischen Spiele wirklich die überragende Bedeutung, an die wir heute glauben? / Ein Streifzug durch antike Quellen

 

Das alte Olympia im Nordwesten des Peloponnes soll zu Ehren des Zeus die mit Abstand wichtigsten Wettkampfspiele der Antike ausgerichtet haben. Kaum ein Geschichtsbuch, das diese Auffassung, auf die sich auch die modernen Olympier berufen, nicht vertreten würde. Dennoch gibt es gute Gründe, Olympias Status als wichtigste Feststätte des Altertums zumindest für die ersten Jahrhunderte zu hinterfragen.

Als der ehrgeizige Athener Politiker Kylon beschloss, die Macht in seiner Stadt gewaltsam an sich zu reißen, ließ er sich zuerst vom Orakel in Delphi den geeigneten Termin weissagen. Er solle, so lautete der Rat, am höchsten Fest des Zeus die Akropolis besetzen. Als nun die Olympischen Spiele begannen, schlug Kylon los. Aber sein Aufstand wurde niedergeschlagen. Kylon musste fliehen, und viele seiner Anhänger wurden getötet, obwohl sie heiliges Asyl in Anspruch genommen hatten.

 

Thukydides, der "Vater der wissenschaftlichen Geschichtsschreibung", erzählt gegen Ende des 5. Jahrhunderts v. Chr. in seiner "Geschichte des Peloponnesischen Krieges" die Episode um Kylon. Sie mag sich 150 oder 200 Jahre zuvor abgespielt haben. Den Frevel um die getöteten Asylanten auf der Akropolis schob Sparta Generationen später als Kriegsgrund gegen Athen vor. Wieso der Putsch trotz des verheißungsvollen Worte der Orakelpriesterin Pythia gescheitert war, darüber mochte Kylon tief ins Grübeln geraten sein. Thukydides begründet das Scheitern des Putschisten mit einem Missverständnis:

 

"Ob aber in Attika oder anderswo das größte Fest gemeint war, hatte weder er selber bedacht, noch hatte es das Orakel deutlich erklärt; es haben nämlich auch die Athener Diasien, die als das höchste Fest des Zeus Meilichios bekannt sind, außerhalb der Stadt, an denen das ganze Volk opfert, nicht Schlachtopfer, sondern viele landesübliche Rauchopfer. Er glaubte aber, richtig zu verstehen und machte sich ans Werk."

 

Kylon hielt die Olympischen Spiele an den Ufern des Alpheios für das wichtigste Zeusfest. Offensichtlich waren sie das in den frühen Tagen aber nicht für den gesamten griechischen Raum. Obwohl Kylon seinem Irrglauben zum Opfer fiel, teilen ihn heute die meisten Menschen immer noch unerschütterlich mit ihm. Ihnen gilt es als ausgemachte Sache, dass in dem kleinen Ort in der Region Pisa zwischen 776 v. Chr. und 393 n. Chr. die mit Abstand wichtigsten Wettkämpfe ihrer Art im Altertum präsentiert wurden. Kaum ein Lexikon oder Geschichtsbuch, das diese Annahme nicht vertreten würde. Aus der Art, wie Thukydides den gescheiterten Putschversuch Kylons beschreibt, kann man jedoch schließen, dass die Frage nach dem wichtigsten Heiligtum im alten Griechenland unterschiedlich beantwortet werden konnte. Er selbst entschied sie nicht.

 

Olympias hohes Alter wird stets als Hauptargument für die überragende Bedeutung seiner Wettkampfspiele angeführt. Obwohl das Jahr 776 v. Chr. noch immer in den meisten Nachschlagewerken als sicheres Anfangsdatum genannt ist, kann diese Angabe als widerlegt gelten. Wie alt genau die Spiele in dem Heiligtum zwischen den Flüssen Kladeos und Alpheios sind, wissen wir nicht sicher. Archäologische Befunde schließen größere Festversammlungen am Fuße des Kronoshügels vor der Wende zum 7. Jahrhundert jedoch aus. Älter, jedenfalls viel älter als die anderen gesamtgriechischen Spiele - in Delphi, Nemea und bei Korinth - müssen sie also nicht gewesen sein. Diese haben in der ersten Hälfte des 6. Jahrhunderts begonnen, und wer bei allen vier Wettkampffesten siegte, erhielt den Ehrentitel "Periodonike". Darüber hinaus gab es bei den Hellenen noch eine Vielzahl weiterer wichtiger Agone (Wettkämpfe).

 

Vor dem Beginn des 4. Jahrhunderts v. Chr. wird die Behauptung, Olympia habe die ältesten (und damit wohl auch wichtigsten) Spiele des Altertums ausgerichtet, interessanterweise überhaupt nicht erhoben - jedenfalls nicht mit dem Anspruch historischer Authentizität. Zu jener politisch turbulenten Zeit nach dem Ende des Peloponnesischen Krieges ersann der Ausrichter der Olympischen Spiele, die Stadt Elis, einen regelrechten Maßnahmenkatalog zur Geschichtsfälschung. Elis hatte den Krieg an der Seite Athens gegen Sparta verloren und fürchtete um seinen Einfluss in Olympia. Vermutlich deshalb ließ die Stadt eine Heiligtumschronik anfertigen, die den Ursprung der Spiele weit ins Dunkel der Vergangenheit zurückführte, ins 8. und nach anderer Lesart sogar ins 9. Jahrhundert v. Chr. Zudem ließ die 60 Kilometer von Olympia entfernte Stadt mit dem gefälschten "Diskos des Iphitos" die olympische Waffenruhe (Ekecheiria) auf diese fingierten Anfänge zurückdatieren. Wann genau sie eingeführt wurde, weiß niemand.

 

Mit einem weiteren Dokumentenbetrug in Form des "Diskos des Asklepiades" ließ Elis die Spiele von Olympia sogar ins 2. Jahrtausend, in mykenische Zeit also, zurückverlegen. Diese Strategie, so plump sie auch war, zeitigte einen größeren Erfolg als es ihre Initiatoren jemals erwarten durften. Denn in den meisten Geschichtswerken steht heute noch das Datum 776 v. Chr. als angeblich spätesten gesicherten Beginn der Zeus-Festspiele unerschütterlich.

 

Hinweise wie jene von Thukydides, die geeignet sind, prominente Mythen zu widerlegen, fallen jedoch meist durch den Rost einer olympiafixierten Chronistik unserer Tage. Thukydides, der die Forscher bis heute durch seine unbestechliche Objektivität beeindruckt, ist längst nicht der einzige, der ignoriert wird. Auch ein verblüffender Hinweis des Athener Dramatikers Sophokles Ende des 5. Jahrhunderts wird nur selten aufgegriffen:

 

In Sophokles "Elektra" lässt sich der mykenische Königssohn Orestes durch einen Boten für tot erklären. Er will aus dem Verborgenen heraus die Rache für den Mord an seinem Vater betreiben. Der Bote, den Orestes seiner Mutter Klystaimnestra, der Mörderin seines Vaters, ins Königshaus schickt, verkündet einen glorreichen athletischen Siegeszug des Jünglings. An dessen Ende sei Orestes beim Wagenrennen tödlich verunglückt. Wohin ihn diese Wettkampfreise geführt habe?

 

"Zu dem berühmten Ersten Sitz der Kampfesspiele von Hellas, um der Delphischen Preise willen".

 

Hätte Sophokles von Olympia als "Erstem Sitz der Kampfesspiele von Hellas" gesprochen, würden wir das heute gewiss in jedem Geschichtsbuch wiederfinden. Die Tatsache, dass in den Dramen der großen Athener Dichter von Olympia höchst selten einmal die Rede ist, wird im Zuge einer sehr einseitigen Wahrheitsfindung ebenfalls links liegen gelassen Fällt der Name Olympia in Athener Dramen einmal, dann kaum im Zusammenhang mit den dortigen Wettkämpfen, sondern im Zusammenhang mit Stätten vergleichbarer spiritueller Bedeutung. Im "König Ödipus" etwa lässt Sophokles den Chor singen:

 

"Nicht mehr zum unantastbaren werde ich gehen, zum Nabel der Erde, in Ehrfurcht, und nicht zum Tempel in Abai, und nicht nach Olympia, wenn dies nicht, handgreiflich erwiesen, allen Sterblichen richtig sich fügt."

 

Auch der Komödiendichter Aristophanes erwähnt in "Lysistrate" Olympia, auch er nur als Glied in einer Kette wichtiger Orte. Lysistrate strebt als Anführerin einer wackeren Frauengruppe, die sich ihren kämpfenden Männern verweigert, das Ende des Krieges mit den Worten an:

 

"Drum nehm ich jetzt euch vor und schelt euch aus, Wie ihr's verdient! - Besprengt ihr die Altäre aus einem Kessel nicht als Stammverwandte in Pylai, Pytho, in Olympia. Und wie viel Orte könnt' ich sonst noch nennen? - Habt ihr Barbaren Feinde nicht genug, dass ihr vertilgt hellenische Städt' und Männer?"

 

Es fehlt also nicht an Hinweisen, dass eine Überschätzung der Bedeutung Olympias einer Unterschätzung der Kultur Griechenlands insgesamt gleichkommen würde. Aber: Da ist ja auch noch Pindar. Der Verfasser olympischer (und anderer) Siegeslieder muss seit alters her als Kronzeuge für Olympias angeblich überragende Rolle herhalten. Tatsächlich singt er in seiner ersten Olympischen Ode:

 

"Wenn du aber von Kampfpreisen künden willst, mein Herz, dann suche neben der Sonne auf dem einsam weiten Himmel kein Gestirn, das sein Licht am Tage wärmer verströmte: von einem herrlicheren Kampfspiel als zu Olympia können wir nicht singen!"

 

Es gibt noch den ein oder anderen Hinweis mehr von Pindar, der die Theorie von der Vormachtstellung des Zeusfestes zu Olympia anscheinend bestätigt. Aber der Auftragsdichter, der dem Sieger und dem Mythos weitaus mehr verpflichtet war als irgendeiner historischen Wahrheit, hat noch ganz andere Dinge gesagt. Doch dazu schweigt die philologische Olympiaforschung. Für Alkimedon von Aigina und seinen Sieg im olympischen Ringkampf der Knaben 460 v. Chr. dichtete Pindar diesen aufschlussreichen Vers:

 

"Viele Wege führen mit Gottes Hilfe zum Erfolg. Timosthenes, euch hat das Schicksal für Zeus, euren Stammgott, auserkoren, der dich in Nemea mit Glanz umstrahlt, den Aklimedon aber beim Kronoshügel zum Olympiasieger machte."

 

Hier ist plötzlich nichts mehr von der alles überragenden Bedeutung Olympischer Spiele zu bemerken, lediglich noch von einer, die ebenso hoch wie die nemeische anzusetzen ist. Bei Nemea liegen die immer wieder von Pindar besungenen "Weideplätze des Löwen", den niederzuringen der Legende nach eine von Herakles großen Prüfungen darstellte. Höchster Ruhm, erfahren wir von dem Dichter, lässt sich an beiden Stätten erringen.

 

Würde man des weiteren Pindars Oden aus Nemea oder aus Delphi ebenso überinterpretieren wie jene aus Olympia, käme man mühelos zu dem - ebenfalls unzutreffenden - Schluss, dass jene Heiligtümer den "wichtigsten" Agon ausgerichtet hätten. So lobt der wankelmütige Dichter in der 10. Pythischen Ode für Hippokles aus Thessalien und seinen Sieg im Doppellauf der Knaben 498 v. Chr. Delphi, das seit alters her als "Nabel der Welt" und "Mittelpunkt der Erde" bezeichnet wurde, über alles.

 

Pindar hat nicht nur Kontrapunkte zu seinen olympischen Jubeloden gesetzt. Er gibt zudem Hinweise darauf, was im alten Griechenland tatsächlich von allergrößter Bedeutung gewesen zu sein scheint: Bei möglichst vielen heiligen Festen Zweige, Kränze, Sach- oder Geldpreise zu erlangen. Oder, wie Homer es Ende des 8. Jahrhunderts in der "Ilias" ausgedrückt hat:

 

"Immer der erste zu sein und vorzustreben vor andern."

 

Pindar zählt häufig eine lange Reihe an Erfolgen auf, die seine Helden errungen haben, selbst die Triumphe im Knabenalter waren erwähnenswert. Wie wichtig es war, möglichst viele Titel zu gewinnen und als erfolgreicher Athlet gar eine Familientradition fortzusetzen, zeigt die 8. Olympische Ode. Für Xenophon von Korinth dichtete Pindar 464 v. Chr., an Zeus gewandt:

 

"Nimm an für ihn den bekränzten Festzug, wie er nach dem Brauch abgehalten wird, den er aus der Ebene Pisas herführt, als Sieger im Fünfkampf zugleich und im Stadionlauf. Dies hat ein Sterblicher noch nie früher erreicht. Zwei Mal haben ihn Efeugewinde geschmückt, als er bei den isthmischen Spielen auftrat, Nemea sagt nichts anderes. Und von seinem Vater Thessalos ist bei des Alpheios Fluten noch der glänzende Ruhm seines Laufs lebendig, in Pytho besitzt er die Ehre des Sieges im Stadion- und im Doppellauf an einem Tag, und im steil aufragenden Athen hat ihm im selben Monat ein Tag drei Auszeichnungen im Lauf um die Haare gelegt und die Hellotien sieben Mal."

 

Zu siegen, immer wieder zu siegen - das war entscheidend im alten Griechenland.