Auf den Spuren von Heinrich Schliemann und Adam Schall von Bell in China - Reisereportage (2001)

Über diese Stadt steht nichts im Reiseführer, und wer weiß, ob es sie überhaupt noch gibt. „Ku-pa-ku, Ku-pa-ku“, repetiert mein Bekannter ein paar Mal den Namen, als ließe er ihn durch ein Dechiffriersystem laufen. Dann geht er zum Bücherregal in seinem Büro, zieht ein beträchtliches Werk über „Die Große Chinesische Mauer“ heraus, lässt den Zeigefinger durchs Inhaltsverzeichnis wandern und tippt auf die gefundene Stelle: „Das muss es sein: Gubeikou!“

Mein Bekannter arrangiert den Ausflug für mich. Er ruft den Besitzer eines dieser inoffiziellen Privattaxen an, telefoniert mit einer Englisch sprechenden Studentin, die mich begleiten wird und sagt, dass die Fahrt 400 Yuan kosten solle, also etwa 40 Euro.  „Was wollen Sie dort eigentlich?“, fragt er noch. „Vor langer Zeit war ein berühmter Deutscher dort, um die Große Mauer zu besichtigen“, antworte ich. „Er hieß Heinrich Schliemann.“ – „Nie gehört“, sagt der Chinese. – „Er hat Troja ausgegraben.“ Viel Eindruck macht auch das nicht auf ihn, aber er wünscht uns einen schönen Tagesausflug in die Berge.

Am nächsten Morgen holen der Fahrer und die Übersetzerin mich in meinem  Pekinger Hotel ab, und wir fahren in den Norden. Nach Gubeikou, oder besser gesagt erst mal in diese Richtung. „Da wären wir“, sagt Mister Wang, der Fahrer, nach ungefähr zwei Stunden auf jener Fernstraße, die am Miyun-Stausee vorbei und bis zur Kaiserlichen Sommerresidenz und den Acht Äußeren Tempeln führt. Er steuert einen großen asphaltierten Parkplatz an, stellt den Wagen auf ein schattiges Plätzchen und verwandelt seinen Fahrersitz in eine Liegefläche, um praktisch im selben Moment einzuschlafen.

Es ist Anfang September und längst nicht mehr so heiß wie im Hochsommer, aber es ist in Peking immer noch heiß genug, um im Hotel die Klimaanlage einzuschalten. Hier oben an der Grenze zur Mandschurei, 120 Kilometer von der Hauptstadt entfernt, ist es dagegen angenehm kühl. Fräulein Li, die Übersetzerin, und ich gehen los, über einen großen Platz mit Souvenirständen hinweg in Richtung Eingang und Große Mauer, die hier wieder einmal atemberaubend ist und über Berge führt, die so spitz sind wie Nähnadeln.

Es ist, wie der englische Text auf der Eintrittskarte verrät, „der gefährlichste Teil“ der Großen Mauer. An manchen Stellen führt sie fast im rechten Winkel nach oben. Sehr eindrucksvoll, aber etwas stimmt hier nicht, denn nichts ist so, wie es der Forschungsreisende des Jahre 1865 beschrieb. Nein, hier gibt es keine „große Stadt“ und keinen Fluss, der diese Stadt in zwei Hälften trenne würde, von denen eine auf einer Halbinsel liegen muss. Hier gibt es nur einen großen Parkplatz für die Touristenbusse, unzählige Buden für Andenken, Getränke oder kleine Mahlzeiten. Und eben diese phänomenale Mauer.

„Ist das hier wirklich Gubeikou?“, frage ich nach einer halben Stunde Fußmarsch in Richtung der immer unerreichbarer erscheinenden Mauer, denn die Gondel zu den spitzen Hügeln ist gerade außer Betrieb. „Nein, das ist Simatai“, sagt Fräulein Li. „Haben Sie dem Fahrer nicht gesagt, dass ich nach Gubeikou will?“, frage ich. „Doch, aber er meinte, hier sei die Mauer viel schöner.“

Vielen Dank, Mister Wang.

Aber Mister Wang hat es gut gemeint, und Gubeikou liegt, wie wir gleich feststellen werden, nur wenige Kilometer entfernt von Simatai. Ein paar Minuten Fahrt und wir sind am Ziel. Als Heinrich Schliemann 1865 hier vorbeischaute, war es angeblich „die sauberste Stadt in ganz China“. Wir klettern auf einen kleinen Hügel und schauen hinunter, und alles – der Ort, die Berge drum herum und der die Stadt teilende Fluss Chao – ist so, wie es im Buche steht. Kein Zweifel mehr, Gubeikou ist Schliemanns „Ku-pa-ko“.

Heinrich Schliemann war zum Zeitpunkt seiner „Reise nach China und Japan im Jahre 1865“ (so auch der Titel des im Berliner Merve Verlag erschienenen Buchs) ein 43 Jahre altes Geschäfts- und Sprachgenie. Seine altertumswissenschaftlichen Studien in Paris sollte er erst nach der Rückkehr von dieser ersten Weltreise aufnehmen, und bis zu seinen ersten Ausgrabungen in Troja waren es noch sechs Jahre hin. Aber mit alten Steinen hatte er es damals schon, sehr zum Amüsement der Einheimischen. Sein Diener Atshon hatte den Leuten erzählt, dass der seltsame Fremde die Große Mauer besichtigen wolle. „Da lachten sie alle aus vollem Halse, weil kein Mensch verstand, wie einer auf den verrückten Einfall kommen konnte, eine so lange und mühsame Reise zu unternehmen, nur um Steine anzusehen“, notierte Schliemann.

Die Überraschung der Bewohner des Grenzorts zur Mandschurei wurde nicht geringer, als der Deutsche nach einer achtstündigen Klettertour über das damals ziemlich verfallene Bauwerk halb verdurstet und mit einem 67 Zentimeter langen, auf den Rücken gebundenen Ziegelstein („ofengetrocknet, nicht gebrannt“) zurückkam. „Kaum hatte ich aber die Stadt wieder betreten, sah ich mich von neuem von einer Menschenmenge umringt, Frauen und Straßenjungen, die mit dem Finger auf den Ziegelstein zeigten und mir durch ihre Zurufe deutlich zu erkennen gaben, dass sie mich für verrückt hielten, weil ich mich damit abmühte, einen 50 Pfund schweren wertlosen Stein mit mir zu tragen.“

Schon bei seiner Ankunft am vorherigen Tag hatten ihn die Menschen wie eine Erscheinung bestaunt: „Keiner konnte verstehen, warum ich nicht auf chinesische Art gekleidet war, warum ich die Haare kurz trug und nicht lang und in Zöpfe geflochten, die bis zur Erde reichten.“ Oder warum er beim Schreiben waagerecht und nicht von oben nach unten agierte. Im Hotel dachte er kurz darüber nach, die 60 bis 70 Schaulustigen in seinem Zimmer mit der (ungeladenen) Pistole zu vertreiben. Aber er unterließ es, „denn diese konnten mir am Ende übel mitspielen“. 

Seine ganze Bildung und all seine Kenntnis von der Welt verhinderten nicht, dass Heinrich Schliemann sich in China keineswegs wie ein kultureller Pluralist aufführte. Das fing bei den einfachsten Sachen an. In Peking hatte er über die Verpflegung genörgelt: „Es war schlechter grüner Tee, den selbst der einfachste europäische Arbeiter verschmähen würde. Ich musste ihn zudem ohne Milch und Zucker trinken.“ Teller kenne man in China nicht, mäkelte er. Wein? Dito.

Beim Essen war er ohne europäisches Besteck und mit Stäbchen nahezu aufgeschmissen: „Es gelang mir nicht, auch nur ein einziges Fleischstückchen zum Mund zu führen, und, auf die Gefahr hin, die meisten meiner Tischgenossen zum Lachen zu bringen, stülpte ich die Ärmel meines Gehrocks hoch, um auf arabische Art zu essen.“ Und beim Betrachten einer Art Peking-Oper hielt er sich förmlich die Ohren zu: „Das Orchester, das sich aus sehr flachen Trommeln, Gongs und einer merkwürdigen Art Geigen zusammensetzte, vollführte eine wahre Katzenmusik, und auch die Sänger stießen für europäische Ohren beleidigende Schreie aus.“

Aus chinesischer Sicht war dieser merkwürdige Fremde also ein absoluter Banause. Immerhin, seinen Ausflug auf die Große Mauer hat Heinrich Schliemann trotz aller Strapazen und der beträchtlichen Gefahr auf dem damals halb verfallenen Wall so richtig genossen. Und die heute für Touristen erschlossene, von den großen Besucherströmen jedoch nicht zur Kenntnis genommene Mauerstrecke vor den Toren der „schönen Stadt Ku-pa-ko“ macht Schliemanns Begeisterung verständlich. „Nichts gleicht der Schönheit der tausend Hügel, die sich unter mir nach Süden hin erstrecken und über denen man einen Blick auf die Ebene von Peking werfen kann“, schrieb er. „Nichts ist großartiger als der Anblick der unzähligen Felswände, die jenseits des Tals im Osten aufsteigen und von einer ungeheuren Kette zackiger Bergspitzen überragt werden.“

Auch wenn man die zahllosen Schönheiten dieser Erde nicht gegeneinander ausspielen soll: ein bisschen was ist da dran. Folgt man in der Touristenanlage bei Gubeikou einem kleinen Pfad hinauf auf den Berg, bleibt einem mit jedem gewonnenen Höhenmeter aufs Neue schier die Luft weg vor Erstaunen. Mit jedem Schritt nach oben entfaltet sich das Panorama der Berge erhabener. Jeder Schritt nach oben bedeutet einen Qualitätssprung für die Aussicht, die man genießt.

Oben dann steht man, obgleich keine tausend Meter hoch, wie auf dem Dach der Welt und kann kaum glauben, dass sich das alte Bauwerk auf seinem Giebel so endlos wie für das Guinness-Buch der Rekorde geschaffen dahin zieht. Anderswo, etwa in Badaling als der populärsten Mauerstelle in der näheren Umgebung Pekings, kann man die Große Mauer in ihrer faszinierenden Größe und Stärke bewundern. Zehntausende tun es jeden Tag. In Gubeikou, wo auf einem Schild ehrlicherweise mit dem Hinweis auf die „incomplete Great Wall“ geworben wird, genießen die wenigen Besucher dagegen nicht zuletzt den Blick von der Mauer. Mitten hinein in alte Zeiten, in denen die Soldaten in ihren Wachtürmen auf der einen Seite nach China sahen und auf der anderen in die feindselige Mandschurei, von wo aus man den Ansturm barbarischer Eindringlinge befürchtete.

So groß und mächtig wie anderswo ist die Große Mauer hier, wo die Berge vielfach schon Schutzwall genug wären, nicht. Aber von hier aus kann man sie mit dem Auge weiter verfolgen als anderswo. Hier litt sie unter historischen Schlachten, und genau so sieht sie aus. Hier ist sie klein, manchmal nur ein bis zwei Fuß breit. Und manchmal ist sie gar nicht da, unvollständig eben, und nur ein winziger Pfad hält dann das Tausende Kilometer umfassende Kontinuum ein paar Schritte weit zusammen.

In Gubeikou fertigte Heinrich Schliemann in seiner Herberge die Notizen des ersten Teils seines China-Aufenthalts an, der ihn über Kanton und Shanghai nach Peking bis hierher geführt hatte. Vieles zeugt von der hohen Bildung des erfolgreichen Kaufmannes. Vieles zeugt jedoch auch von seinem für die Zeit typischen Eurozentrismus, der die asiatischen Völker als geistig und moralisch unterlegen einstufte. Bemerkungen wie jene von Schliemann, „dass das chinesische Volk keine Spur von Harmonie- und Melodiegefühl besitzt“, gehören da noch zur Klasse der Harmlosigkeiten.

Beobachter wie der spätere Ausgräber Trojas prägten das europäische Asienbild mit ihrer ganzen Intoleranz, und vieles von den damals kolportierten Vorurteilen rund um die von Kaiser Wilhelm II. in seiner berüchtigten "Hunnenrede" beschworene „gelbe Gefahr“ hält sich hartnäckig. Die Besucher priesen die Natur oder die militärischen und religiösen Bauwerke aus der Vergangenheit. Den Menschen jedoch begegneten sie mit westlicher Überheblichkeit: „Ich glaube, dass man, um den geistigen Niedergang und den sittlichen Verfall der chinesischen Herrscher und ihres Volkes zu belegen, keines anderen Beweises bedarf als den der ungeheuren Fahrlässigkeit, mit der sie die Heiligtümer ihrer Götter, diese zahllosen Denkmäler ihrer glorreichen Vorfahren, verkommen lassen“, schrieb Heinrich Schliemann über ein Volk, das nach den Opiumkriegen von den Europäern gerade brutalst möglich ausgebeutet und sozusagen kollektiv auf Drogen gesetzt worden war.

Schliemann selbst beschrieb die sichtbaren Zeichen des Opiummissbrauchs in den Mienen der Menschen: „Die Leidenschaft für dieses Gift ist in den südlichen Provinzen allgemein verbreitet; man sieht dort nur fahle, ausdruckslose Gesichter; sie nimmt aber immer mehr ab, je weiter man nach Norden kommt.“

Dass es in der Geschichte Chinas Menschen gab, die dem Land und seinen Menschen mehr Respekt entgegenbrachten als die Weltreisenden und Wirtschaftseroberer des 19. Jahrhunderts, zeigt Heinrich Schliemanns Spurensuche nach einem im Reich der Mitte bis heute berühmten und verehrten Deutschen. In Peking besuchte Schliemann das Observatorium, in dem der Kölner Jesuitenpater Johann Adam Schall von Bell (1592–1666) als „Lehrmeister der Geheimnisse des Universums“ gewirkt hatte. Mit seinen auf dem Dach ausgestellten jahrhundertealten astronomischen Originalinstrumenten ist das Observatorium auch heute noch ein faszinierender Ort. Außerdem hat man von hier aus einen schönen Blick auf Peking.

Allerdings hatte der Missionar und Wissenschaftler das Observatorium nicht gegründet, wie Schliemann annahm. Auch war der Jesuit nicht der Schöpfer des berühmten Chinesischen Kalenders. Er hatte ihn reformiert, was ihm freilich genügend astronomische Meriten einbrachte. Adam Schall, den sie hier Tang Jo-Wang (oder Tang Ruowang) nannten, erfuhr eine wechselhafte Karriere in China. Seine erfolgreiche Neuberechnung des Ming-Kalenders hatte ihm einst die Tore zur Verbotenen Stadt geöffnet. Adam Schall von Bell soll der erste Europäer gewesen sein, der den Kaiser mit eigenen Augen sah. Nachdem 1644 die Mandschuren Peking eingenommen und ihre erst 1911 beendete Qing-Dynastie begründet hatten, vertrauten auch sie lange Zeit auf den Rat des Christen.

Der Pater brachte es nach dem Ende der Ming-Dynastie 1644 unter den neuen mandschurischen Herrschern bis zum Mandarin Erster Klasse, zum Astronomie-Minister, und der junge Mandschurenkaiser pflegte den Berater bei Hofe „ehrwürdiges Väterchen“ zu nennen. Nach dessen frühen Ableben aber dreht sich der Wind in Peking. Schall fiel Palastintrigen zum Opfer und wurde zum Tode verurteilt. Dass es nicht zur Vollstreckung kam, werteten seinerzeit eine ganze Menge Leute – und längst nicht nur die Christen – als Zeichen des Himmels: Ein Erdbeben und eine Feuersbrunst ließen es das Herrscherhaus als klüger erscheinen, das Todesurteil zu revidieren. Adam Schall von Bell starb  etwas mehr als ein Jahr danach. Auf Betreiben seines belgischen Nachfolgers Ferdinand Verbiest erhielt er posthum alle Ehren zurück. Der neue Kaiser ordnete sogar ein nachträgliches Staatsbegräbnis an.  

Das Grab des Missionars und Wissenschaftlers kann man heute noch besuchen, allerdings ist das nicht ganz so einfach. Der „katholische Friedhof“, den auch Heinrich Schliemann während seines Pekingaufenthalts besichtigte, liegt  nämlich auf dem Gelände des „Beijing Adminstrative College“, einer Ausbildungsstätte für chinesische Kader. Zwei Wachsoldaten sind am Eingangstor zum Campus dieser Hochschule postiert. Das auf dem Gelände angesiedelte „Büro für internationale Zusammenarbeit und Austausch“ bietet gegen eine geringe Gebühr aber Führungen an. Es stellt auch Informationsmaterial über den Friedhof der mehr als 80 Missionare bereit, von denen der Italiener Matteo Ricci (1552–1610), Adam Schall von Bell und Ferdinand Verbiest (1623–1688) die berühmtesten waren.

Bei Schliemanns Besuch sah das Grab des Kölner Paters noch ganz anders aus als heute. Ehrwürdiger. Grabmal und Ruhestätte waren mehr als zehn Meter voneinander entfernt. „Daraus kann man auf den Grad der Verehrung schließen, die das chinesische Volk den Verdiensten des großen deutschen Gelehrten entgegenbringt“, schrieb Schliemann. Heute liegen Grabmal und -stätte beisammen. Das ist nicht etwa auf gesunkene Reputation des Paters zurückzuführen. Der Friedhof wurde beim Boxeraufstand 1900 verwüstet, im selben Jahr aber kompakter wieder aufgebaut. 

Als Heinrich Schliemann die letzte Ruhestätte des deutschen Missionars  verließ, tat er dies in dem Bewusstsein, an eines großen Mannes Grab gestanden zu haben. Dass er als „Entdecker“ Trojas selbst bald als ein großer Mann gelten würde, konnte zu diesem Zeitpunkt noch niemand ahnen.