Ôma - weiterbau des geplanten akw / stimmen der Gegner / das Asako-Haus

Auch nach der Atomkatastrophe von Fukushima gehen die Arbeiten an dem mit MOX zu betreibenden Atomkraftwerk in Ôma am nordwestlichsten Zipfel der Hauptinsel Honshu weiter. Dagegen ist seit etwa 1980 eine lokale Gegenbewegung aktiv, einer ihrer Vertreter ist Okumoto Masao, den wir für das Buchprojekt im Herbst 2014 interviewen konnten. Eine Enklave des Widerstandes vor Ort ist das Asako-Haus, erbaut 2006 von der inzwischen verstorbenen Kumagai Asakao, das nun von ihrer Tochter Ogasawara Atsuko weiterbetrieben wird. Das Grundstück liegt im Herzen des Geländes, auf dem das Akw Ôma gebaut wird. Rund 1,5 Millionen Euro wurden Kumagai Asako für den Verkauf des Grundstücks geboten - doch sie lehnte ab (Interview-Auszüge s.u.).

okumoto masao - interviewauszüge

„Wir haben so einiges unternommen. Zunächst haben wir Lernversammlungen veranstaltet. Die Einwohner hier, und das gilt auch für mich, hatten am Anfang überhaupt keine Ahnung davon, was Atomkraft eigentlich konkret ist. Deshalb haben wir auf einem oberflächlichen Niveau begonnen mit Sätzen wie ‚Ein Atomkraftwerk ist eine stromproduzierende Einrichtung, aber, soweit wir wissen, ein bisschen gefährlich’ (genpatsu wa denki o okosu shisetsu, teido no chishiki, chotto abunai). Wie gesagt waren, als in Ôma für die Atomkraft Werbung gemacht wurde, anfänglich 70 bis 80 Prozent der Bürger dagegen. Es gab eine Initiative mit dem Slogan ‚Was ist ein Atomkraftwerk für eine Sache? Lasst es uns erforschen!’ Zweieinhalb Jahre lang haben wir uns jeweils zu fünft oder zu sechst zwei bis drei Mal in der Woche hier in der Nähe getroffen. Wir haben in der Nähe ein Haus gemietet und den Menschen mitgeteilt: ‚Heute gibt es eine Lernversammlung zur Atomkraft, wollen Sie nicht zum Zuhören kommen?’ So haben wir zweieinhalb Jahre Lernversammlungen und Seminare veranstaltet. Durch diese Veranstaltungen haben wir erreicht, dass bei der ersten Bürgerversammlung auf die Frage ‚Sollen wir ein Atomkraftwerk bauen?’ ein Nein herauskam. [...] Anfang 1985 gab es eine außerordentliche Vollversammlung (rinji sôkai) der Fischereigenossenschaft. Dabei wurde das Projekt abgelehnt. Es wurde gegen die Atomkraft gestimmt. 

 

„Ôma hat die Atomkraft als Gemeinde angelockt. Sowohl der Bürgermeister als auch die Bevölkerung haben das letztlich unterstützt. Weil die Stadt dafür war, ferner die Industrie- und Handelskammer (shôkôkai), die Firschereigenossenschaft (gyogyô kyôdô kumiai) sowie allerlei andere Gruppen, wurde die Unterstützung immer mehr.“    

 

„Weil wir uns anders nicht zu helfen wussten, haben wir als Gewerkschaft ein Mitglied in den Gemeinderat entsandt. Die Gewerkschaft hatte damals auch eine Menge Einfluss, und so haben wir mit Herrn Satô gesprochen, ob er nicht bereit wäre, Gemeinderatsmitglied zu werden. Also haben wir ihn dort hineingewählt. Im Gemeinderat gab es eine Einrichtung mit der Bezeichnung Ausschuss für Maßnahmen zur Atomkraft (Genpatsu Taisaku Iinkai). Aber weil es eine Entscheidung gab, dass diesem Ausschuss keine Mitglieder mit ablehnenden Meinungen zur Atomkraft angehören dürften, konnte Herr Satô diesem Gremium nicht beitreten. Er hat aber allgemeine Fragen gestellt und hatte Gelegenheit, mit dem Bürgermeister in direkten Meinungsaustausch zu treten. [...] Er hatte Gelegenheit, danach zu fragen, inwieweit der Gemeinderat und die Verwaltung die Atomkraft weiter fördern würden. Er hatte die Gelegenheit, ausführlich und direkt zu fragen. Diese Informationen waren sehr wichtig, und deshalb haben alle seine Freunde ihn in den Gemeinderat entsandt.“  

 

„Ich gehe jetzt auf die 70 zu. 30 bis 40 Jahre lang habe ich jetzt der Gegenbewegung angehört. Wenn wir uns hier entmutigen ließen, was hätte all das, was wir bisher getan haben, für eine Bedeutung? Geht es nicht um grundlegende Prinzipien? Selbst wenn ich alleine dastünde, wäre es mir recht, und ich bin fest entschlossen, bis zum Ende dagegen anzugehen. [...] Was auch kommen mag, das Atomkraftwerk muss gestoppt werden. Das Atomkraftwerk Ôma kann verhindert werden, daran glaube ich.“    

Ogasawara-kumagai atsuko - INTERVIEWAUSZUG

"Frage: Das Grundstück liegt praktisch mitten im Baugebiet für das geplante Atomkraftwerk. Wie hat sich das Unternehmen dazu verhalten? Gab es Druck?            

 

Ogasawara-Kumagai: Den gab es. Es war eine Art Stalking, dahinter steckte wohl die Mafia, die Yakuza. Mein älterer Bruder ist Maguro-Fischer. Meiner Familie wurde das Boot angezündet, mein Bruder war dadurch gezwungen, es zu verschrotten. Es kamen Briefe, in denen es hieß ‚Stirb!“ oder ‚Wir töten dich!’.

 

Frage: Woher kamen diese Drohungen, von der Yakuza?

 

Ogasawara-Kumagai: Die Yakuza kam mit einem schwarzen Benz und stieß mit dem Wagen meiner Mutter zusammen. Sie wollten es nach einem Unfall aussehen lassen. Sie kamen direkt in ihr Haus in Ôma, um sie dazu zu bewegen, das Land zu verkaufen. Sie suchten die Häuser von Freunden und Verwandten auf und verhandelten über Grundstücksverkäufe. Meine Mutter sagte ‚Nein, kommt überhaupt nicht in Frage, das Grundstück ist unverkäuflich’ und verweigerte den Verkauf. Dadurch verlor sie jede Form von gesellschaftlichem Umgang. Sie wurde ignoriert. Es war die Gewalt der Sprache. Schließlich stand meine Mutter alleine da. Sie wurde aus der Dorfgemeinschaft ausgeschlossen (chimoto de murahachibu ni saremashita)."

 

"Alle haben meine Mutter als Verrückte (baka), Wahnsinnige (kichigai), Manische (kyô) bezeichnet, als jemand, der kein Mensch sei. Obwohl jeder sich Geld wünsche, so hieß es, sage sie, sie brauche kein Geld, und das sei seltsam (okashii). Bei diesem Zwischenfall wollte man ihr 70 Millionen Yen bieten, dann erhöhten sie auf 100 Millionen Yen und sagten sogar: 'Wir wäre es mit 200 Millionen?' Höher gingen sie glaube ich nicht mehr. Alle sagten: 'Asako, gönne Dir doch Reisen, lass es Dir beim Karaoke gut gehen, glücklicher kann man doch nicht mehr sein.' Aber meine Mutter lehnte ab. Deshalb hieß es, sie sei verrückt (kurutte iru) geworden."