Buchvorschau "Tokyo 2020: Olympia und die Argumente der Gegner" (ab September 2019 im Handel)

 

Die Olympischen und Paralympischen Spiele in Tôkyô 2020 stoßen in Japan nicht nur auf Gegenliebe. Es gibt neben viel Zustimmung auch beachtlichen Widerstand.

 

Weithin Ablehnung schlägt dem wichtigsten Sportfest der Welt insbesondere aus der japanischen Anti-Atomkraft-Bewegung entgegen. Deren Mitglieder fürchten, dass das als „Wiederaufbau-Spiele“ (fukkôgorin) proklamierte Mega-Event  dazu missbraucht wird, den Atomunfall von Fukushima vergessen zu machen und dass die für Olympia benötigten Ressourcen den Betroffenen der Dreifachkatastrophe von 2011 verloren gehen. 

 

„Im Augenblick sollten wir so etwas nicht tun“, ist eine der am häufigsten zu vernehmenden Aussagen zu Tôkyô2020. Olympia werde politisch missbraucht, so heißt es ferner. Um der Weltöffentlichkeit zu demonstrieren, dass die Situation in der betroffenen Region wieder in Ordnung sei, würden 2011 evakuierte Gebiete unter Ausübung ökonomischen Zwangs trotz noch immer deutlich erhöhter radioaktiver Strahlung mehr und mehr repatriiert. Dem Motto von den „Wiederaufbau-Spielen“ setzen manche Kritiker daher den Begriff von den „Wiederaufbau-Behinderungs-Spielen“ (fukkôbôgai gorin) entgegen. 

 

Genuine Olympiagegner kritisieren darüber hinaus sportliche Großereignisse im Kern. Sie begründen, ähnlich wie Olympiagegner weltweit, ihre Ablehnung sozialpolitisch und aus bürgerrechtlicher Perspektive. So steht Olympia als Motor der Gentrifizierung und des Sozialabbaus sowie der Vertreibung von Obdachlosen aus dem Stadtbild auch in Tôkyôin der Kritik. Großprojekte würden mittels gigantischer Umverteilungen von öffentlichem Kapital in privatwirtschaftlichen Profit realisiert. Der US-Politologe Jules Boykoff spricht in diesem Zusammenhang von Celebration Capitalism (shukuga shihonshugi). Damit einher gingen wachsender Nationalismus und ein negativer Einfluss auf die demokratische Kultur. 

 

Olympias hoher ethischer Selbstanspruch, so glauben viele ferner, sei längst nicht mehr mit der sozialen Realität großer Sportorganisationen mit ihren Problemen zwischen verbreiteter Korruption und strukturell gefördertem Doping in Einklang zu bringen.

 

Dr. phil. Andreas Singler (*1961) ist Journalist, Japanologe und Sportwissenschaftler. Seit vielen Jahren setzt er sich mit den problematischen Aspekten des modernen Hochleistungssports auseinander. Als Japanologe beschäftigt er sich mit japanischer Protestkultur, insbesondere mit der Anti-Atomkraft-Bewegung und dem Widerstand gegen Tôkyô2020. Im Berliner EB-Verlag erschien 2018 der Band „Sayônara Atomkraft. Proteste in Japan nach ‚Fukushima'“ .

Tôkyô 2020 - zwischen "Kraft durch Träume" und Widerstand 東京2020年オリ・パラ「夢の力」と対抗の間

 

 

 

"Gerade jetzt braucht Japan die Kraft dieses Traumes." - Aufnahme März 2013 Nähe Tôkyô-Ueno.

Für die im September 2013 vom IOC in Buenos Aires beschlossene Ausrichtung der Olympischen und Paralympischen Spiele 2020 in  Tôkyô  gab und gibt es in Japan nicht nur Zustimmung. Aus Kreisen der Anti-Atom-Bewegung schlägt diesem Vorhaben weitestgehende Ablehnung entgegen. Das Geld, das für Olympia verbraucht würde, gehe dem Wiederaufbau der betroffenen Katastrophenregionen in Tohoku und insbesondere in der Präfektur Fukushima verloren, so heißt es. Darüber hinaus hat sich mit der Hangorin no Kai, der "Vereinigung gegen die Olympischen Spiele", eine gesonderte, verhältnismäßig kleine Protestbewegung etabliert, die auf Probleme aufmerksam macht, wie sie in vielen Ausrichterstätten diskutiert werden: Gentrifizierung, Verdrängung von Obdachlosen aus dem Stadtbild, mangelnde Nachhaltigkeit beim Bau von Großarenen etc.. In eine ähnliche Richtung geht die im Januar 2017 gegründete "Nein Danke-Verbindungskonferenz zu 'olympischen Schäden'". 

 

https://hangorin.tumblr.com/

 

http://www.2020okotowa.link/20171216-2/

 

https://www.andreas-singler.de/olympia-in-tokyo-2020-東京五輪/anti-olympic-activists-反五輪活動団/

 

Die Proteste gegen Olympia in Tokyo 2020 sind Gegenstand augenblicklicher japanologischer Forschung, u.a. an der Universität Frankfurt (siehe https://www.japanologie.uni-frankfurt.de/58719888/Olympia2020_Tokyo---Goethe-Universitaet.pdf).



Tokyo 2020 und seine vielen Peinlichkeiten - Olympiaprobe der Segler mit Delphin-Show