Leseproben

Hein-Direck Neu (1944 - 2017), Interview im Januar 2014

 

8.6.2 Der Dopingfall Neu 1978: Medikamenten-Empfehlung von Klümper

Armin Klümper hat vielen deutschen Leichtathleten Anabolika verordnet. Im Zusammenhang mit dem Todesfall Birgit Dressel und anderen Fällen stößt man immer wieder auf den Umstand, dass trotz der häufig berichteten umfangreichen Rezeptierungen durch Klümper selbst oder durch einen Mitarbeiter der Sporttraumatologischen Spezialambulanz in den 1980er Jahren bei Ermittlungen und Kontrollen Anabolikarezepte offenbar nicht gefunden wurden oder aber darüber nichts bekannt gegeben wurde. Dies hängt zum einen damit zusammen, dass Anabolikarezepte zu diesem Zeitpunkt häufig nicht mehr bei Krankenkassen eingereicht, sondern entweder direkt in Apotheken ohne Vorlage eines Rezeptes „schwarz“ gekauft oder mit Vitaminrezepten verrechnet wurden. Für die 1970er Jahre ist dagegen ein umfänglicheres Rezeptierungsverhalten festzustellen, dass dann auch häufiger noch über die Krankenkassen abgerechnet worden ist. Darauf verweist zum Beispiel der Zeitzeuge Hein-Direck Neu im Interview mit der Evaluierungskommission.

Der Diskuswerfer Hein-Direck Neu – dreifacher Olympiateilnehmer, zwischen 1964 und 1982 in 58 Länderkämpfen für die Nationalmannschaft aktiv und 1967 der erste bundesdeutsche 60-Meter-Werfer – gehörte zu den wenigen Leichtathleten, die im Zeitraum bis zur Wiedervereinigung wegen Dopings überführt und mit einer Sperre belegt wurden. Die dafür verantwortliche Medikation mit Deca-Durabolin sei, so teilt Neu im Zeitzeugeninterview mit, nicht direkt von Klümper verordnet worden, beruhe aber auf einer Empfehlung durch diesen. Ansonsten habe der Freiburger Arzt ihn und andere Werfer des Deutschen Leichtathletik-Verbandes regelmäßig mit Anabolikarezepten versorgt, die in seinem Fall zumindest über die Krankenkasse abgerechnet wurden. Neus nachfolgend im Wesentlichen vollständig abgedrucktes Interview verweist auf einen Zustand des verbreiteten medizinisch nicht indizierten Missbrauchs von anabolen Steroiden bereits in den 1960er Jahren – auch mit Wissen des damaligen Diskuswurf-Bundestrainers.

Hein-Direck Neu berichtet ferner von einer wohl in den 1970er Jahren kursierenden Vorstellung, dass man nach Einführung von Anabolikakontrollen im Sport vereinzelt individuelle Absetzzeiten von Anabolika im Kölner Kontrolllabor von Manfred Donike habe ermitteln können.

Desweiteren sind die Einlassungen Neus für den Zeitraum vor 1970 von hohem Interesse. Nach Angaben des mehrfachen deutschen Rekordwerfers sprachen Funktionäre des Deutschen Leichtathletik-Verbandes bis 1970 Einnahmeempfehlungen für Spitzensportler zu Anabolika aus und begründeten dies mit einem besonders hohen Energiebedarf vergleichbar dem Bergbau in der Arbeitswelt.

Neus Aussagen verweisen ferner auf ein gravierendes Problem fehlender Gesundheitsnachsorge bei ehemaligen Hochleistungssportlern. Die bereits im Gutachten zu Reindell geschilderte Problematik der irreversiblen anabolikainduzierten Herzwandverdickungen bei Athleten mit Anabolikaabsusus ist vom deutschen Sport und der Politik bis heute nicht als Aufruf zum Handeln wahrgenommen worden, obgleich die Problematik seit etwa 1990 grundsätzlich bekannt ist (siehe hierzu Singler und Treutlein 2014, 31 ff.).

Das Interview im Wortlaut:

Frage: Sie haben vor einiger Zeit öffentlich über Ihr eigenes Doping gesprochen. Inwieweit hängt dies mit Professor Klümper zusammen?

Zeitzeuge: Ich habe jetzt meine Unterlagen nicht mehr gefunden, ich wollte mir die mal raussuchen, meine Trainingsbücher, aber ich habe keine Aufzeichnungen über Medikamenteneinsatz aufgehoben, weil man vielleicht auch dachte, dass jemand die findet, aber ich weiß, dass wir Empfehlungen von Klümper bekommen haben von der Dosierung her und uns dann auch daran gehalten haben.

Frage: Schriftlich?

Zeitzeuge: Nein. Das war mündlich, aber wir haben es uns dann aufgeschrieben. Und der hat natürlich auch später bei den Länderkämpfen, ich weiß jetzt nicht mehr ob das Europacup war oder irgendeine Runde in Russland war. Jedenfalls saß Klümper dann auf dem Rückflug im Flugzeug, und da waren etwa zehn Athleten, die sich die Sachen haben verschreiben lassen von ihm. Wobei er nicht nur Anabolika verschrieben hat, er hat ja auch diese anderen Sachen verschrieben, Vitamine etc.

Frage: Nach Ihrem positiven Dopingbefund 1978 wurden Sie gesperrt.

Zeitzeuge: Der Verband hatte mir ja auch vorgeschlagen ich sollte doch jetzt dann aufhören. Da habe ich gesagt: ,Nein, das mache ich nicht.‘ Ich hatte immer noch gehofft, die Gegenprobe würde von einem anderen Institut vielleicht untersucht und man fände nichts mehr. Der damalige Trainer der Eva Wilms [Christian Gehrmann] hat gesagt, ich solle nach Köln fahren, mir die Gegenprobe geben lassen und die auf den Boden schmeißen. Das sind alles so gute Tipps, aber das habe ich alles auch nicht gemacht.

Frage: Die Gefahr, damals bei Dopingtests überführt zu werden, war sehr gering. Was hat zu Ihrem positiven Befund geführt?

Zeitzeuge: Das war leider so gewesen, dass ich Deca-Durabolin oder wie das hieß, diese Spritzen, nur vielleicht zwei Mal genommen habe. Das war für mich eine stützende Sache fürs Trainingslager, und eigentlich hätte das nach vier Wochen weg sein sollen. Und nach acht Wochen haben die noch was gefunden. Ich war so überrascht davon, dass ich das nicht erklären konnte. Und dann wurde halt gesagt: Entweder sind die Methoden besser geworden, um das länger rückwirkend noch zu finden, das wäre die eine Erklärung gewesen, oder es war eine verkapselte Spritze, so dass sich dieser Stoff erst später abgesetzt hat.

Weil wir ja das alle privat machten und auch gar keine Unterstützung bekamen. Wenn ich das sehe, da waren Zentren, die haben die Sachen zu Donike geschleppt, da in Köln. Und der hat dann Untersuchungen gemacht, und dann wussten die auch ihre Abbauzeiten. Diese Möglichkeiten hatten wir nicht.

Frage: Wer hat bei Donike so was machen können?

Zeitzeuge: Ich weiß nicht mehr, aber das habe ich gehört. Er ist auch schon tot.

Frage: Der das gesagt hat?

Zeitzeuge: Nein, nein. Der das gemacht hat.

Frage: Donike?

Zeitzeuge: Nein, nein. Der Donike, dem wurde gesagt: ,Hier sind Jugendliche die haben da was probiert und guck mal, ob da noch was drin ist.‘ Der hatte nicht gesagt, dass das von Athleten ist, der wusste nicht, von wem das ist, der hat es nur untersucht und dann hat er gesagt: ,Ist nichts’, und dann wussten die Bescheid.

Frage: Also im Prinzip wie die DDR-Ausreisekontrollen?

Zeitzeuge: Ja. Aber das war alles Privatinitiative.

Frage: Also nicht über den Verband gesteuert?

Zeitzeuge: Nein, nein. Das ist nie vom Verband gesteuert worden. Der Verband, ich weiß das ja von den Länderkämpfen, ob das der [....] [Name eines hauptamtlichen DLV-Funktionärs] war oder sonst jemand. Da wurde auch über Doping nur gesagt: ,Da sind Kontrollen und ihr wisst das und wir möchten nur saubere Athleten sehen‘. Damit hatte er das Thema angesprochen. Dann haben die sich alle geduckt und wollten damit nicht zu tun haben. Sie wussten genau, dass sie, wenn sie Mitwisser sind, auch mit dran sind. Also ich glaube, die haben wirklich da ein Schild aufgebaut, da war ja auch kaum ein aktiver Trainer dabei, die haben es vielleicht vermutet oder auch gewusst, aber die haben jedenfalls das Thema nie angesprochen.

Frage: Blattgerste hat dem Alwin Wagner doch schon mal einen Brief geschrieben, in dem er ihm so unter der Hand sinngemäß zu verstehen gab: ,Wenn du mit allen Konsequenzen deinen Sport betreibst, dann bist du ein Mann für uns.‘

Zeitzeuge: Das könnte sein.

Frage: Also das war ja eigentlich schon ein versteckter Hinweis, du musst schon.

Zeitzeuge: Ja, natürlich. Das war aber von uns auch so. Ich habe immer gesagt: ,Will ich denn mit Holzschwertern gegen Metall kämpfen, wenn ich weiß, dass die Russen und die Amerikaner und weiß der Kuckuck, die armen Länder, die auch keine Kontrollen kriegen, das alle machen. Und dann hat man [...].

Wir haben das praktisch selbstständig gelöst, und wir wurden auch von niemandem da angeleitet. Wie gesagt, wenn wir da vo Klümper Informationen bekamen, waren wir dankbar dafür. Wir haben da nur gehört, wie heißt der andere? [gemeint ist Joseph Keul] Oder [Manfred] Steinbach hat das mal gemacht. Und dann hat man sich an die Leute, die man gehört hat, auch immer gewandt, wenn man was brauchte. [...] Ich habe auch befreundete Ärzte hier in [...] gekannt, und die haben auch mal geholfen, wenn mal [...] [Bedarf bestand].

Frage: Ab 1976 gab es in Freiburg eine Struktur, nach der Klümper die orthopädische Seite abgedeckt hat, und dann gab es noch eine internistische Untersuchung bei Keul.

Zeitzeuge: Genau. Die zwei Sachen haben die dann auch immer gemacht. Das orthopädische bei Klümper und das internistische bei Keul.

Frage: Und haben Sie beim Keul z.B. auch Leberwerte besprochen? Klümper hat Anabolika rezeptiert. Hat Keul sich zu den Laborwerten wie etwa Leberwerte geäußert oder hat er Dosierungsempfehlungen ausgesprochen?

Zeitzeuge: Klümper hat schon gesagt: ,Wenn du Anabolika nimmst, dann musst du Leberschutzmittel nehmen, damit nichts passiert.‘ Der hat einen da schon drauf hingewiesen, dass man da nicht übertreiben soll, weil man sonst die Leber schädigt.

Frage: Können Sie sich noch an die Ihnen empfohlenen Dosierungen erinnern?

Zeitzeuge: Da kann ich nichts mehr dazu sagen, aber das waren jedenfalls keine hohen Dosierungen. Das hat der [...][Name eines anderen Werfers] ja auch immer gesagt, dass wir da nicht hoch dosiert haben. Er hat wohl auch von Klümper die Informationen. Das war nicht so gefährlich, weil wir relativ niedrig dosiert haben.

Frage: Aber haben Sie schon Anabolika selbst genommen bevor Sie 1970 zu Klümper kamen?

Zeitzeuge: Das weiß ich auch nicht mehr genau. Ich war Jugendmeister und Juniorenmeister, da brauchte ich nichts dazu. Ich war Männermeister, mit 23, und 1968 war meine erste Olympiade. Ich habe, wie gesagt, mein Trainingsbuch nicht mehr gefunden. Ich weiß nicht, wann ich eingestiegen bin. Aber das muss in der Zeit gewesen sein, wo es dann nach oben ging, so Richtung Deutschen Rekord.[1]

Frage: Waren Sie in der Studie von Steinbach schon drin? Die er mit Jugendlichen gemacht hat. Steinbach hatte wohl auch einige Erwachsene vom USC Mainz in der Studie mit drin.[2]

Zeitzeuge: Nein, da war ich nicht dabei. [...] Mich hat er da nicht mit reingenommen, obwohl ich ja Diskuswerfer war, wahrscheinlich auch Deutscher Meister.

Frage: Beim Bundestrainer, Herrn [...], ist da jemals über Doping, Anabolika, gesprochen worden?

Zeitzeuge: Jetzt nicht mit Dosierung, aber da fiel schon mal der Hinweis auf die ‚Muskelpillen’. Das war alles so hinten rum, ohne [...] [konkret darüber zu reden/direkte Empfehlungen].

Frage: Also da hätte man sich selber drum kümmern müssen?

Zeitzeuge: Der [...] [Name eines anderen Werfers] und wie die alle hießen, die waren ja auch älter als ich, [...], und die haben das auch da auf ihren Dingens stehen gehabt, da bei den Lehrgängen, hat man das gesehen.

Frage: Wie? Was stehen gehabt?

Zeitzeuge: Ja. Die hatten ihre Pillen aufgebaut im Schlafzimmer. Die haben sich da totgelacht, wenn sie sich die reingehauen haben.

Frage: In den 60er Jahren?

Zeitzeuge: Ja. Wann war denn das? Ja, 60er. 64, 65, da habe ich die ja kennengelernt, auch in Freiburg. Da waren wir noch in so einem Hotel. [...]

Frage: Also in den 60er Jahren war ein offener Umgang auch mit Medikamenten?

Zeitzeuge: Was heißt offen, die haben es halt nicht versteckt. Ich hätte es nicht hingestellt, dass es jeder gesehen hätte, wenn ich da gewesen wäre, aber die haben das da halt hingestellt und das war auch, da das ja im Training nicht kontrolliert wurde war das auch nicht so schlimm, glaube ich. Also man hatte da nicht das Gefühl, dass man auffällig wird. Hätten wir damals schon diese Trainingskontrollen gehabt, wär das sicher alles nicht so breit gelaufen.

Frage: Der Impuls ging nicht vom Bundestrainer aus?

Zeitzeuge: Eigentlich nicht. Nein. Die waren zwar an Leistung interessiert, aber wie gesagt im Jugendbereich hat es ja bei uns jedenfalls keine Rolle gespielt, wurde es nicht gemacht. Ich weiß nicht, ob Jugendliche es gemacht haben oder heute machen inzwischen. [...]

Frage: Können Sie Herrn Klümper einmal als Arzt beschreiben, wie Sie ihn erlebt haben, als Diagnostiker, auch in seiner Magie, mit der er oft geschildert wird?

Zeitzeuge: Das stimmt, ich will jetzt nicht sagen: diabolisch, aber Klümper war für mich als Arzt schon einer, der einen beeindrucken konnte. […] Erstens mal hatte der auch einen Nimbus schon als Arzt. Bevor man zu ihm kam wusste man ja […] Der war ja Professor. […]

Frage: Erst ab 1977.

Zeitzeuge: Ach das weiß ich jetzt gar nicht mehr, wann der Professor wurde, aber er hatte irgendwie, wie soll ich sagen, so einen Nimbus als, nicht Zauberer, aber so als sehr fähiger Sportarzt, und deswegen ist man dann auch zu ihm gegangen. Wie gesagt ich hatte ja nicht so gravierende Probleme, wir sind also dazu gekommen, weil wir in Freiburg über den Bundestrainer [...] einen Trainingsschwerpunkt hatten. […]

Ich kann mich erinnern, dass, wenn ich Beschwerden hatte, also meistens dann im Knie, ich da wegen der Spritzen mit dem Auto runtergefahren bin und dort meine Spritzen da reinbekommen habe. Und dann bin wieder zurückgefahren. [...] Er hatte auch so eine Technik, dass er so einen gespickten Rehrücken, so fünf, sechs, acht Spritzen gelegt und reingestochen hat. Einmal habe ich so ein dickes Bein bekommen. Und dann haben wir angerufen, ich habe ja gar nicht gewusst, was da alles drin ist, er hat einem auch nicht immer alles gesagt was er da reingemacht hat. Da war auch Jod dabei, und danach habe ich immer gedacht, ich hätte vielleicht eine Jod-Allergie, aber das hat dann auch nicht gestimmt. [...] Und dann habe ich um zehn Zentimeter gegen Wippermann verloren. Damals habe ich auch gedacht: ,Siehst du, wärst du nicht mit den Kniebeschwerden da hin gefahren, dann hättest du vielleicht einen Titel mehr gehabt.‘ […]

Er hat ja morgens als Röntgenologe bis 12 Uhr und dann bis abends um halb zwölf durchgearbeitet, der hatte dann immer was zu essen dabei. Der war für uns, nicht ein Magier, aber zumindest einer, der sich sehr ins Zeug gelegt hat für die Athleten. Ich weiß gar nicht, warum der das gemacht hat, was ihn da motiviert hat dazu. Ich habe mich darüber mit ihm auch nicht unterhalten, warum er so viel arbeitete. [...] Aber er war schon beeindruckend als Arzt, finde ich. Man hat auch Vertrauen zu ihm gehabt, was er gemacht hat, hat man eigentlich erduldet und hat gehofft, dass es funktionierte. Und er hat auch, glaube ich, viele Leute wieder hingekriegt.

Ich weiß nicht, wie lange ich noch Kontakt mit ihm gehalten hatte. Wie gesagt, ich weiß nicht mehr, als ich dann diese Sache 1978 hatte, von wem ich die Tipps bekommen hatte. Es kann sein, dass er mir damals den Tipp gegeben hatte, ob ich nicht sagen sollte, dass ich wegen angeblicher Störungen in der Sexualfunktion Anabolika eingenommen habe, das hat ja dann auch so in der Bild Zeitung gestanden, das war ja noch schlimmer nachher. Wie gesagt so eine Hilfskonstruktion, die nichts gebracht hat.

Frage: Also eine Stoffwechselstörung haben Sie mal ins Feld geführt. Ich kenne einen Leserbrief in Bild der Wissenschaft von Ihnen.

Zeitzeuge: Genau. Das habe ich auch noch gefunden, irgendwo habe ich das mal geschrieben. Haben Sie das auch gelesen?

Frage: Das habe ich irgendwo zu Hause.

Zeitzeuge: In der Bild Zeitung stand dann: ,Probleme im Ehebett.‘ Da hatte ich ein Attest darüber gehabt, dass ich wegen Sexualstörungen mit Hormonen behandelt worden sei, die denselben Abspalter hatten wie mein Anabolika.

Frage: Und das Attest kam von Klümper? Oder von Professor Manfred Steinbach?

Zeitzeuge: Nein. Weder noch. Das kam nicht von den beiden. Der Tipp auf das Medikament (Deca-Durabolin) wurde mir nur gegeben durch Klümper, aber das Attest habe ich mir privat besorgt. Nicht von den beiden. Den Steinbach habe ich gar nicht angesprochen in der Sache. [...] Und das habe ich damals auch nicht so richtig verstanden [...]. Ich wusste gar nicht, dass das von der Spritze war. Und ich habe ja die Anabolika dann auch in dieser Zeit nicht in Tablettenform genommen. [...] Ich habe es auch nicht aufgezeichnet, aber eigentlich hätte ich es aufzeichnen sollen.

Frage: Können Sie sich erinnern, in welchen Abständen Sie damals Rezepte bekommen haben? Kamen die Rezepte meistens von Klümper?

Zeitzeuge: War das nicht früher so, dass man das manchmal mehrfach holen konnte, dass man das nicht nur einmal auf Rezept holen konnte? Da gab es doch so ein Zeichen, dass man das zwei oder drei Mal holen konnte?

Frage: Auf dem Rezept?

Zeitzeuge: Auf dem Rezept gab es doch solch einen Hinweis, meine ich. Das geht ja heute nicht mehr. Heute kriegt man ja nur eine Sache ein Mal, aber früher gab es so Wiederholungsrezepte, da konnte man wahrscheinlich zwei oder dreimal das Zeug holen. Und ich nehme auch an, dass wenn da mal ein Engpass war, dass ich dann sicher auch mir Verschreibungen von anderen Ärzten noch holen konnte.

Frage: Aber da haben Sie keine Erinnerung jetzt mehr?

Zeitzeuge: Nein. Ich weiß nicht, wie das dann gelaufen ist.

Frage: Aber Sie haben eben von Klümper mehrfach oder häufiger Rezepte bekommen?

Zeitzeuge: Von Klümper. Wenn ich da war, habe ich mir immer was mitgeben lassen, weil sich das ja angeboten hatte.

Frage: Das haben Sie automatisch bekommen, wenn Sie diese Reihenuntersuchungen gemacht haben?

Zeitzeuge: Nein automatisch nicht, ich musste schon danach fragen. Das war nicht automatisch, sondern ich musste das sagen, ich brauche noch das oder das.

Frage: Und bei anderen Athleten? Der ein oder andere berichtet dann mal, dass er eben auch nicht danach gefragt hat, hat aber dann Anabolika gefunden, wenn er die Rezepte eingelöst hat.

Zeitzeuge: Nein, nein. Das war bei mir nicht der Fall. Ich habe die nicht überraschend gefunden, sondern ich habe danach gefragt. Er wusste ja, dass ich Werfer war und so und da nehme ich auch an, dass das nicht ungewöhnlich war.

Zeitzeuge: Ich hatte früher mal, weiß ich, da haben sie ja auch die Herzgröße gemessen, da hatte ich mal 800, da war ich ganz stolz drauf. Jetzt habe ich vielleicht noch 600. Ich habe ja nie Herz trainiert, konnte keine 1000er gut laufen, wollte keine 5000er laufen…

Frage: Aber Sie hatten ein vergrößertes Herz?

Zeitzeuge: Ja, ich hatte ein vergrößertes Herz.

Frage: Kann es sein, dass Ihr Herz durch Anabolika vergrößert war?

Zeitzeuge: Das kann sein, da habe ich mir gar keine Gedanken gemacht, warum das so groß war, denn vom Training ist es nicht passiert. [...]

Man hätte ja mal gucken können, wenn die sterben, woran sie gestorben sind oder irgendwie. Das hätte ja nichts gekostet. Aber wie viele Krebstote man jetzt bei den Werfern hat, es sind ja schon einige weg.

Ich weiß nur, der DLV früher hat ja auch argumentiert, als das noch nicht verboten war, die Tiefbauarbeiter, die die Kohle da unten rausholen, die müssen sich auch speziell ernähren, damit sie das aushalten können. Anabolika ist ja auch eine Hilfe, um das harte Training aushalten zu können.

Frage: Wer hat das gesagt, wissen Sie das 

Zeitzeuge: Das war jetzt vom DLV gesagt worden. Ich weiß nicht mehr, ich habe auch die Unterlagen nicht mehr. Das war damals ein Argument, daran kann ich mich noch erinnern.

Frage: In den 60er Jahren?

Zeitzeuge: Ja, ganz früh, als es noch erlaubt war.

Frage: Ein Schreiben vom DLV?

Zeitzeuge: Nein, das war kein Schreiben. Das wurde mal bei einer Länderkampfsitzung oder einer Mannschaftssitzung im Herbst gesagt, die es damals gab. [...] Da wurde das so auch gesagt, und da hat man auch immer zugehört. Und als es verboten wurde, wurde gesagt: ,Früher konnte man da ja so argumentieren, das ist halt jetzt nicht mehr aufrecht zu erzuhalten.‘

Frage: Also ab wann ist das Verbot bei Ihnen angekommen? Also 70/71 war es im DLV verboten. Ist es so auch angekommen bei Athleten?

Zeitzeuge: Ja, natürlich. Mir ist aufgefallen, dass der DLV später diese Position auch nicht mehr vertreten konnte und auch nicht mehr vertreten hat. [...]

Frage: Wenn ich jetzt noch mal zu Prof. Keul fragen darf? Was haben Sie mit ihm für Erfahrungen gemacht? Wie sind Sie dem begegnet?

Zeitzeuge: Der Keul war für mich ein bisschen seriöser als der Klümper, in seinem Auftreten, der war ja auch so [...], der war ja damals schon weißhaarig. Für mich war das auch eine Autorität in seiner Art. Und der hat ja diese internistische Untersuchung gemacht: [...] Ich glaube, wenn der Klümper da [...][nichts gegeben hätte], hätte er einem wahrscheinlich auch weitergeholfen.

Frage: Sie haben noch im Interview mit dem Kurier[3] gesagt Sie hätten sich gewundert, dass die Krankenkasse das immer brav bezahlt hat, wenn Sie die Rezepte da abgegeben haben.

Zeitzeuge: Ja. Das Argument habe ich zwar nicht verwandt, aber das ist mir schon aufgefallen, ich weiß nicht, was das gekostet hat, aber wir bekamen ja Beihilfe von der Krankenkasse und ich nehme an, die haben das bezahlt, weil da ja eine Diagnose drauf stand. Früher musste man das ja immer begründen.

Frage: Erinnern Sie sich an die Diagnose die der Klümper geschrieben hat?

Zeitzeuge: Der Klümper hat da nichts drauf geschrieben, glaube ich nicht. Da stand nur Verschreibung [...]. Ich weiß nicht, ob er das als Universitätsarzt nicht machen musste.

Ich kann mich nur an eine Sache erinnern, die auch witzig war. Da haben wir auch drüber gelacht. Wahrscheinlich ist das auch bekannt: Da stand drauf: ,Anabolika wegen Gewichtsverlust nach Grippe‘.“

Das Interview mit Hein-Direck Neu vermittelt ähnlich wie zuvor die Ausführungen von Alwin Wagner den Eindruck, dass Klümper im großen Stil Doping bzw. medizinisch nicht indizierte Behandlungen zum Zweck der Leistungssteigerung im deutschen Spitzensport betrieben hat. Es ist also völlig klar, dass Klümper nicht nur im Rahmen von strittigen subjektiven Indikationsvorstellungen hochwirksame leistungssteigernde Pharmaka an Athleten verabreicht hat, sondern durchaus im vollen Bewusstsein der Dopingproblematik. Klümper war also nicht nur ein Arzt mit verqueren individuellen Haltungen zur Legitimität der Ausweitung von Indikationshorizonten. Er agierte auch ganz schlicht als Dopingarzt, der dem Athleten zu dem verhalf, „ohne was er nicht auszukommen glaubt “, wie er es selbst einmal ausdrückte (Stuttgarter Zeitung, 21.05.1977).

Das heißt nicht, dass ohne Klümper kein Doping in Westdeutschland stattgefunden hätte. Es gab durchaus auch deutsche Spitzenathleten, die nicht Patienten bei Klümper waren und die sich dennoch dopten. Dies gilt auch für die von Hein-Direck Neu vertretene Disziplin, den Diskuswurf. So berichtet ein weiterer von der Evaluierungskommission befragter Zeitzeuge, dass er erstens Anabolika andernorts verordnet bekommen habe und zweitens, dass der Deutsche Leichtathletik-Verband in Gestalt des Leistungssportreferenten Horst Blattgerste ihm wegen Dopingrezepten zwar den Gang nach Freiburg, aber nicht etwa zu Klümper, sondern zu Keul empfohlen habe:

Zeitzeuge: Man hatte als Leichtathlet, als Werfer da Informationen, jeder hatte so seine Quellen, das hat man da eben genutzt. Eine Begebenheit, das war 1974, da war der Horst Blattgerste Sportwart, relativ neu. Wir unterhielten uns natürlich auch über die Vorbereitung auf die Europameisterschaften in Rom. Da sagte der Horst: [...], wenn du unterstützende Mittel brauchst, dann wende Dich an den Dr. Keul. Der würde Dich dann da gut betreuen und versorgen.

Frage: Also nicht an Klümper, sondern an Keul?

Zeitzeuge: An Keul, ich bin nie bei Klümper gewesen. Ich bin auch nie zum Keul gefahren, aber ich hatte vom DLV, vom Sportwart die Aufforderung, zu Keul zu gehen. Ich bin nicht zu Keul gegangen, weil ich meinen Arzt in der Nähe von Leverkusen hatte, da brauchte ich nicht nach Freiburg fahren. Um mir ein paar Rezepte verschreiben zu lassen, konnte ich bei uns oben im […][Name der Stadt] Raum bleiben. Das ist eine Begebenheit, die werde ich nicht vergessen. Das hätte ich auch nicht gedacht, dass mir ein Offizieller vom DLV sagt: ,Wenn Du was brauchst, dann geh’ mal zum Keul.’ Das ist schon ziemlich harter Tobak” (Zeitzeugeninterview 87).

Und auch nach dem Beschluss des Deutschen Sportärztebundes 1977, medizinische Indikationsvorstellungen für Leistungssportler bei Anabolika auszuschließen, mussten westdeutsche Sportler, die auch fürderhin auf Anabolika nicht verzichten wollten, nicht zwingend nur nach Freiburg und dort schwerpunktmäßig zu Klümper, um sich mit als Therapie rationalisierten Dopingrezepten versorgen zu lassen. An der Deutschen Sporthochschule war dies ebenfalls problemlos möglich, wie der Fall des Kugelstoßers Joachim Krug zeigte, der sich zeitgleich mit dem Dopingfall Hein-Direck Neu ereignete.[4] In Köln wurde dem Athleten sogar schriftlich eine Bescheinigung ausgestellt, mit der die verbotene Medikation medizinische Begründung erfuhr. Sie konnte im Nachlass August Kirsch im Kölner Diem-Archiv recherchiert werden:

Ärztliche Bescheinigung

Herr Joachim Krug, [...], stellte sich am 17.5.78 vor und gab an, dass er seit 14 Tagen unter Ernährungsstörungen gelitten habe, wobei ein erheblicher Gewichtsverlust eingetreten sei. Zur Rekonvaleszenz und in Anbetracht der Anforderungen von Sportstudium und Training wurde ihm ‚Fortabol’ 2 Kapseln pro Tag verordnet. Von einem bevorstehenden Wettkampf wurde keine Mitteilung gemacht“ (Ärztliche Bescheinigung Dr. Hinrichs für Joachim Krug, 22.5.78; Nachlass August Kirsch, Diem-Archiv Köln).

 



[1] Hein-Direck Neu erzielte 1967 seine beiden ersten Deutschen Rekorde im Diskuswurf (60,27 m; 61,54; siehe Amrein 1999, 326).

[2] Siehe dazu Steinbach 1968.

[3] Vgl. das Interview des Wiesbadener Kuriers mit Hein-Direck Neu vom 08.08.2013, Zugriff unterhttp://www.wiesbadener-kurier.de/wissen/vermischtes/doping-war-die-einzige-chance-der-fruehere-diskuswerfer-hein-direck-neu-spricht-ueber-die-einnahme-leistungsfoerdernder-mittel_13333919.htm

[4] Siehe dazu im Überblick die Darstellungen unter http://www.cycling4fans.de/index.php?id=5388.

 

 

Inhaltsverzeichnis zum Klümper-Gutachten

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung................................................................................................................................ 4

2. Beruflicher Werdegang.......................................................................................................... 9

3. Persönlichkeitsskizze eines erfolgreichen ärztlichen Außenseiters................................... 12

4. Sportlerbetreuung durch Klümper und Mitarbeiter............................................................. 24

4.1 Zum sportärztlichen Werdegang nach eigener Darstellung.......................................... 24

4.2 Umfang und Art der Patienten- und Sportlerbetreuung................................................ 25

4.3 Zwischenzeitliches Verbot der sportärztlichen Tätigkeiten Klümpers durch Max Schwaiger            31

4.4 Bundeszuschüsse für die Sportlerbetreuung.................................................................. 34

5. Armin Klümper als Wissenschaftler.................................................................................... 37

5.1 Laufbahn als Professor................................................................................................... 38

5.1.1 Ernennung zum außerplanmäßigen Professor und Beamten auf Lebenszeit     38

5.1.2 Ausscheiden aus dem Universitätsdienst 1990............................................. 40

5.1.3 Wiedererteilung der Lehrerlaubnis und Wiederernennung zum außer-planmäßigen Professor       43

5.2 Wissenschaftliche Reputation zwischen Fremd- und Eigenwahrnehmung.................. 47

5.3 Veröffentlichungen und Vorträge bis 1991.................................................................... 51

5.4 BISp-geförderte Forschung............................................................................................. 55

5.5 Wissenschaftliche Legitimierung von Anabolika-Indikationen...................................... 64

6. „Sporttraumatologische Spezialambulanz“: Vorgeschichte und Institutionalisierung....... 66

6.1 Erste, nicht realisierte Pläne einer sporttraumatologischen Privatklinik...................... 67

6.2 Pläne für die Einrichtung einer Sektion Sporttraumatologie – Übertragung der Sportlerbetreuung als Dienstaufgabe        75

6.3 Abteilungsgründung – Initiativen, Widerstände und späte Realisierung...................... 94

6.3.1 Zur Vorgeschichte der Sporttraumatologischen Spezialambulanz im Freiburger Mooswald  94

6.3.2 Bad Krozingen oder Mooswald: Die Standortfrage der Sporttraumatologischen Spezialambulanz als Politikum 101

6.3.3 Hochleistungssport versus Krankenversorgung: Weitere Einwände von Fakultät, Klinikumsleitung und Universität       109

6.3.4 Klümpers Vorstellungen zur Sporttraumatologischen Spezialambulanz im Mooswald          114

6.3.5 Nationales Regenerationszentrum als Voraussetzung: Die Rolle des Bundesministeriums des Innern    118

6.3.6 Widerstand von Fakultät, Klinikumsleitung und Universität gegen die Sporttraumatologische Spezialambulanz als eigenständige Abteilung im Universitätsklinikum.................................... 125

6.3.7 Erneute Zuordnung der Sporttraumatologie zur Radiologie...................... 134

6.4 Kooperationsabkommen zwischen Universitätsklinikum und der privaten Mooswaldklinik – Abtretung der Sporttraumatologischen Spezialambulanz.................................................................................................................................... 137

6.5 Klümper als Ärztlicher Direktor der Mooswaldklinik / Scheitern des privaten Klinikprojekts u.a. aufgrund manipulierter Patientenzahlen            140

6.6 Rückkehr in die Sporttraumatologische Spezialambulanz und Ausscheiden............... 142

7. Konflikte mit Krankenkassen, disziplinar- und strafrechtliche Verfahren, berufsständische Sanktionen          145

7.1 Konflikte mit Krankenkassen wegen umfangreicher Rezeptierungs-praktiken (Vitamine u.a.) ab 1977       146

7.2 Disziplinarrechtliche Untersuchungen und Maßnahmen............................................. 157

7.2.1 Disziplinarverfügung wegen Fahrens unter Alkoholeinfluss, Widerstands gegen Vollstreckungsbeamte und Gewaltandrohung 1975...................................................................................................................... 157

7.2.2 Disziplinarische Vorermittlungen wegen Verdachts des Verstoßes gegen die ärztliche Schweigepflicht und das Werbeverbot für Ärzte 1980............................................................................................................ 160

7.2.3 Disziplinarverfahren wegen strafrechtlich relevanter Betrugsvorwürfe 1986     165

7.2.4 Erneute Vorwürfe wegen mutmaßlicher Verstöße gegen das ärztliche Werbeverbot 1988      167

7.3 Strafrechtliche Verurteilungen wegen Betrugs........................................................... 169

7.3.1 Verurteilung wegen Betrugs zum Nachteil von Krankenkassen und des Landes Baden-Württemberg 1989            170

7.3.1.1 Ermittlungen, Strafverfahren und Urteil............................................................. 170

7.3.1.2 Beihilfe zum Betrug bzw. Untreue durch führende Mitglieder der Universität?..... 180

7.3.1.3 Ermittlungsverhalten der Staatsanwaltschaft Freiburg und unvollständige Information des Parlaments durch die Landesregierung          185

7.3.1.4 Justizminister Dr. Eyrich und das Ermittlungsverfahren gegen Klümper............... 198

7.3.1.5 Rezeptbetrug als indirekter Hinweis auf die Dopingproblematik?....................... 200

7.3.1.6  Körperverletzung durch unethische wissenschaftliche Experimente?.................. 205

7.3.1.7 Vollstreckungsvereitelung durch die KDG-Baugesellschaft?................................ 206

7.3.1.8 Olympiaverzicht 1984 aufgrund strafrechtlicher Ermittlungen?......................... 208

7.3.1.9 Sportlersolidarität mit Klümper – Unterstützung durch Firma Puma.................. 213

7.3.2 Verurteilung wegen Betrugs 1997 vor dem Amtsgericht Freiburg.............. 215

7.3.3 Strafrechtliche Ermittlungen wegen fahrlässiger Tötung........................... 221

7.4 Verurteilung vor dem Berufsgericht für Ärzte wegen berufsunwürdigen Verhaltens 1992   221

8. Armin Klümper und das Dopingproblem........................................................................... 227

8.1 Selbstwahrnehmung und Selbstinszenierung als Anti-Doping-Kämpfer..................... 228

8.2 Haltungen und Einstellungen zur Anabolikaproblematik............................................. 233

8.3 Aktive Dopingmaßnahmen........................................................................................... 239

8.3.1 Anabolikadoping bei dem Hammerwerfer Walter Schmidt....................... 241

8.3.2 Doping bei dem Kugelstoßer Ralf Reichenbach – Willi Daume als Mitwisser  247

8.3.3 Doping im Ringen: Eduard Giray im Zeitzeugeninterview.......................... 249

8.3.4 Systematisches Doping von Radsportlern des BDR in den 1970er Jahren 253

8.3.4.1 Klümpers „Systembetreuung“ mit anabolen Steroiden....................................... 254

8.3.4.2 BDR-finanzierte Medikationen u.a. mit Anabolika – Minderjährigendoping?...... 266

8.3.5 Verschickung von Dopingsubstanzen und anderen Medikamente durch Armin Klümper nach Nordrhein-Westfalen: Der Zeitzeuge Dr. Gustav Raken............................................................................................... 272

8.3.6 Doping an bundesdeutschen Diskuswerfern in Zusammenarbeit mit Prof. Keul – Das Beispiel Alwin Wagner    276

8.3.7 Der Todesfall Birgit Dressel 1987 und das sich anschließende multiinstitutionelle Versagen        285

8.3.7.1 Zur Todesursache.............................................................................................. 286

8.3.7.2 Klümpers Reaktionen auf Vorwürfe der Mitschuld.............................................. 287

8.3.7.3 Die Diskussionen um Klümper als Olympiaarzt 1988........................................... 297

8.3.7.4 Einstellung von Ermittlungsverfahren der Staatsanwaltschaft Mainz – Ist Doping sittenwidrig?   302

8.3.7.5 Aufsichtsverhalten der zuständigen Krankenkasse.............................................. 306

8.3.7.6 Anabolika-Rezeptierungen an Birgit Dressel....................................................... 310

8.4 Vitamine als Zahlungsmittel: Freiburger Rezepte als „Währung“ für anabole Steroide u.a. bei Sprinterinnen des SC Eintracht Hamm     315

8.5 Doping im bundesdeutschen Zehnkampf in den 1980er Jahren durch einen ärztlichen Mitarbeiter Klümpers         316

8.6 Positive Dopingfälle im Zusammenhang mit Medikationen durch Klümper.............. 324

8.6.1 Positiver Dopingbefund bei der Bahnrad-WM 1967..................................... 324

8.6.2 Der Dopingfall Neu 1978: Medikamenten-Empfehlung von Klümper....... 325

8.6.3 Klümpers Anabolika-„Therapie“ bei Gerhard Strittmatter 1984................ 335

8.6.3.1 Der Fall Strittmatter als Symptom für punktuelle „Ausreisekontrollen“ im Westen? 336

8.6.3.2 Therapie oder Leistungssteigerung? – Leistungssteigerung durch „Therapie“?.... 338

8.6.3.3 Diskussionen um medizinische Indikationen von Anabolika bei Sportverletzungen 343

8.6.3.4 Zerwürfnis mit Keul und negative Konsequenzen für Klümper aus der Anabolikamedikation            349

8.6.4 Therapieversuche mit Anabolika und Entdeckungsrisiko für die betroffenen Sportler           356

8.7 Körperverletzungshandlungen und HGH-Applikationen ohne Wissen der betroffenen Leichtathletin Birgit Hamann 1994 bis 1996          358

8.7.1 Angriffe auf Verbandsarzt Dr. Graff und Solidaritätsbekundungen mit Klümper          358

8.7.2 Klümpers Einlassungen zu seinen Medikationen bei Birgit Hamann..... 363

8.7.3 Unterstützungsaktion für Klümper durch Sportler und Patienten............. 368

8.7.4 Das Ermittlungsverfahren der Staatsanwaltschaft Freiburg wegen Verdachts der vorsätzlichen Körperverletzung           371

8.7.5 Reaktionen auf die Einstellung des Ermittlungsverfahrens gegen Klümper 384

8.7.6 Der sinkende Stern Klümpers: Diskussionen um den Verbleib in der Sporttraumatologischen Spezialambulanz           387

8.7.7 Berufsständische Maßnahmen: Der Fall Klümper/Hamann und seine weitgehende Folgenlosigkeit         392

8.7.8 Reaktionen der Sportärztebünde: Zwischen Exklusion und Desinteresse 400

8.7.8.1 Verein „Verbandsärzte Deutschland e.V.“........................................................... 401

8.7.8.2 Gesellschaft für Orthopädisch-Traumatologische Sportmedizin (GOTS)............... 401

8.7.8.3 Sportärztebund Baden: Unwirksamer Ausschluss und Austritt Klümpers.............. 402

8.7.8.4 Deutscher Sportärztebund – Positionslosigkeit des Präsidenten Hollmann.......... 407

8.7.9 Reaktionen des Regionalsports: Der Funktionär Gundolf Fleischer....... 409

8.8 Schlussfolgerungen aus dem Fall Klümper/Hamann: Anzeichen für ein deutsches Dopingsystem nach der Wende?         412

9. Zur Vitalität von Vorstellungen indizierter Anabolikabehandlung: ungelöste Probleme der Dopingbekämpfung und Strafverfolgung            417

10. Schlussbemerkungen: Systematisches Doping in der Bundesrepublik Deutschland – Klümper als Bad Bank 428

Literaturverzeichnis................................................................................................................ 439

Anhang I: Zeitzeugeninterview 92......................................................................................... 444

Anhang II: Zeitzeugeninterview mit Dr. Bernd A. Kasprzak................................................. 502

 

1. Einleitung

Professor Dr. Armin Klümper ist unzweifelhaft der bundesdeutsche Sportarzt und Sportmediziner, der nach derzeitigem Kenntnisstand wie kein anderer in Dopingmaßnahmen des westdeutschen Sports verstrickt war. Seine Beteiligung am Doping der alten Bundesrepublik Deutschland bis zur Wiedervereinigung ist in gewissem Umfang bekannt, publiziert und durch die Standfestigkeit der Autorin Brigitte Berendonk in verschiedenen Gerichtsverfahren hinreichend juristisch erhärtet (siehe Berendonk 1991; 1992; Singler und Treutlein 2010a). 

Vereinzelt gibt es Hinweise, dass Klümper nach seinem Ausscheiden aus dem Universitätsdienst 1990 auch unter strukturell schwierigeren Bedingungen seine Aktivitäten im wiedervereinigten Deutschland fortgesetzt hat. Für diesen Zeitraum ist generell noch hoher Forschungsbedarf zu reklamieren, da er für das Verständnis der jüngeren deutschen Sport- und Dopinggeschichte auch in Bezug auf das Wirken Armin Klümpers wichtige Erkenntnisse bereithalten dürfte. Und umgekehrt versteht man diese jüngere und jüngste Zeitgeschichte erst, wenn man am Beispiel Klümper Muster institutioneller Kooperation identifiziert hat. Für dieses Gutachten ist insofern eine – allerdings variabel zu gestaltende – Grenze zu ziehen, als für den Auftrag der Evaluierungskommission Freiburger Sportmedizin in der Hauptsache diejenigen Aktivitäten von Interesse sind, denen Klümper im Rahmen seiner Zugehörigkeit zur Universität bzw. zum Universitätsklinikum Freiburg von 1962 bis zu seinem Ausscheiden aus dem Landesdienst 1990 nachgegangen ist. 

Die Beschäftigung mit Klümper im Rahmen einer Evaluierung der „Freiburger Sportmedizin“ ist nach Auffassung der Evaluierungskommission Freiburger Sportmedizin unverzichtbar. Es liegt auf der Hand, dass anhand des bereits vorliegenden, soziologisch fundierten Wissens zur Dopinggeschichte in der Bundesrepublik Deutschland eine eingehendere Beschäftigung mit seinem fast 30-jährigem Wirken an der Universität Freiburg und dem Universitätsklinikum von grundlegendem Interesse für die Vorgänge in Freiburg auf der einen, aber auch für das Verständnis einer Systematik des westdeutschen Dopings insgesamt auf der andere Seite ist. 

Wenn nun im Zusammenhang mit dem Projekt „Doping in Deutschland von 1950 bis heute aus historisch-soziologischer Sicht im Kontext ethischer Legitimation“ mitgeteilt wurde, dass das Doping nicht „nur“ nach individuellem Anteil Einzelner an der Problementwicklung zu erforschen sei[1], so mag man hier zunächst schwerlich widersprechen. Diese Prämisse ist aber so trivial, dass sie kritische Wissenschaft auch misstrauisch machen muss – denn wer wollte in der historischen Forschung „nur“ die Schuld Einzelner bemessen und auf die Betrachtung von Strukturen und Bewertung von komplexen ethischen Fragen überhaupt verzichten? So diese Vorstellungen von historischer Forschung und sozioloigischer Analyse darauf ausgerichtet gewesen sein sollten, zu einer Entindiviudalisierung von Geschichte zu führen, wäre damit der Erforschung deutscher Dopinggeschichte ein Bärendienst erwiesen worden. Denn mit dem Verschwinden des Einzelnen in der Geschichte würde die Wissenschaft automatisch das Verständnis von der Rolle wichtiger, auch institutioneller Protagonisten aufgeben – mithin vieles an Verständis zum Verhältnis Individuum und Struktur. Vernachlässigt würde dabei, dass der Einzelne grundsätzlich die Wahl hat, Entscheidungen zu treffen, umso mehr in demokratischen Gesellschaften; er kann deshalb nur begrenzt unter Berufung auf tatsächliche und vorgebliche System- bzw. strukturelle Zwänge von persönlicher Verantwortung entbunden werden.

Entscheidendes zum Doping in der Bundesrepublik Deutschland ist nach Abschluss des in Teilen gescheiterten Projektes „Doping in Deutschland“ unentdeckt und unbesprochen geblieben. Ein zentraler Akteur des westdeutschen Dopings wie Klümper taucht in den Publikationen von Spitzer et al. (2013) oder Krüger et al. (2014) kaum auf. Insofern geht dieses Gutachten zu Klümper von einem durch das o.a. Forschungsprojekt praktisch unveränderten Forschungsstand aus, der insbesondere durch die Publikationen von Brigitte Berendonk (1991; 1992) und der Gutachter selbst begründet wurde (Singler und Treutlein 2010a und b). In diesem Gutachten wird darüber hinaus gezeigt werden, dass die Untersuchung von Mechanismen des Dopings in demokratischen Gesellschaften wie der Bundesrepublik Deutschland nur überzeugend gelingen kann, wenn man um das Verhalten einzelner zentraler Akteure weiß und deren Beziehungen zu Umweltakteuren und dahinter stehenden Strukturen zu rekonstruieren vermag. 

Wer Klümpers Aktivitäten nicht einbezieht, der vermag die Geschichte des Dopings in der Bundesrepublik zwischen 1960 und den 1990er Jahren nicht ausreichend zu durchdringen. Und wer die strukturellen Konstellationen nicht analysiert, die ihm seine Tätigkeit und seinen zunehmenden Aktionsradius ermöglicht haben, der vermag die politischen Zusammenhänge und Verantwortlichkeiten nicht einzuordnen. Darum soll es in diesem historisch-soziologisch angelegten Gutachten in erster Linie gehen. Daher werden neben der symptomatischen Benennung von episodischen Dopingereignissen im Zusammenhang mit Klümper vor allem die strukturellen und institutionellen Verantwortlichkeiten für seine häufig devianten Aktivitäten herauszuarbeiten sein. Klümper mag ein Arzt mit besonders hoher Innovationsbereitschaft gewesen sein, er mag zum großen Teil allein und auf eigene Faust gehandelt haben – ein Einzeltäter war er deshalb nicht. Die These vom Einzeltäter ist soziologisch von vornherein unplausibel, da beim Doping wie bei allen sozialen Prozessen und Handlungen „Akteure im Schnittpunkt diverser sozialer Beziehungsnetze“ operieren, wie die Soziologen Bette und Schimank (1995, 16) es formulieren. 

Weiter wird gezeigt werden, wie wichtig das Wirken von Armin Klümper auch für das Verständnis des Wirkens seines sportmedizinischen Kollegen und Widersachers Professor Joseph Keul ist. Mit der Dokumentation zu Klümper wird ein präziseres Verständnis der Rolle von Keul im bundesdeutschen Sport und in dessen Systematik des Dopings erst ermöglicht. Insbesondere aber soll die Bedeutung Klümpers für das Doping in der Bundesrepublik in der Zeit zwischen ca. 1970 und 1990 diskutiert werden. Dadurch streben wir einen Beitrag zur Klärung der immer wieder diskutierten Frage an, ob das bundesdeutsche Doping nun systematisch gewesen sei oder nicht bzw. wie man ggf. eine solche Systematik zu beschreiben hat. 

Methodologisch ist dazu neben der obligatorischen kritischen Rezeption von allen zugänglichen schriftlichen Quellen aus den unten angeführten Archiven bzw. in Form von Medienberichten die in der Geschichtswissenschaft ebenso wie in der qualitativen sozialwissenschaftlichen Forschung etablierte Methode der Zeitzeugenbefragung zum Einsatz gekommen. Über 90 Zeitzeugen standen der Kommission insgesamt für Befragungen zur Verfügung. Die von dem Münsteraner Sporthistoriker Professor Dr. Michael Krüger und Mitarbeitern geäußerten Bedenken gegen die Durchführung von Zeitzeugenbefragungen können nach langjährigen Erfahrungen der Gutachter auf diesem Gebiet und aufgrund der vertiefenden Erfahrungen über viele im Rahmen der Kommissionsarbeit vorgenommene Interviews nicht geteilt werden. Im Gegensatz zu den von Krüger et al. (2014, 17) erwähnten unergiebigen Befragungen haben die von der Evaluierungskommission Freiburger Sportmedizin durchgeführten Zeitzeugeninterviews eine Fülle neuer Erkenntnisse gebracht.

Dabei versteht es sich grundsätzlich von selbst, dass Aussagen von Zeitzeugen nicht per se objektiv als wahr oder als unwahr anzusehen sind, sondern dass es sich dabei um subjektive Repräsentationen von Geschichte handelt, die durch Wissenschaftler entsprechend einzuordnen und methodisch zu analysieren sind. Gleichwohl: Viele dieser Ergebnisse konnten eindrucksvoll validiert und plausibilisiert werden, als die Kommission zu Beginn des Jahres 2015 Zugang zu den Akten der Staatsanwaltschaft Freiburg zu den mit Verurteilungen abgeschlossenen Betrugsprozessen gegen Klümper erhielt. Die wichtigsten Ergebnisse hierzu wurden in einem Sondergutachten „Systematische Manipulationen im Radsport und Fußball“ (Singler 2015) zusammengefasst.

Für die Analyse und Kontextualisierung der erhobenen Daten kommt in diesem Gutachten ein bewährtes Set an soziologischen Theorien zum Einsatz, das frühere, interdisziplinär ausgerichtete Arbeiten der Gutachter ebenfalls gekennzeichnet hat. Als theoretischer Rahmen seien systemtheoretische Überlegungen von Bette und Schimank (1995), rekurrierend auf Niklas Luhmann, aufgrund ihres Transformationspotentials in Bezug auf die Dopingproblematik ebenso genannt wie die Überlegungen von Ulrich Beck zu modernen Risikoentwicklungen (Beck 1986) sowie zu Problemen der Verantwortungszuschreibung in „Systemen organisierter Unverantwortlichkeit“ (Beck 1988; zur Anwendung in Bezug auf die Dopingproblematik siehe z.B. Singler und Treutlein 2007). Zum Einsatz kommen zur punktuellen theoretischen Interpretation von deviantem Verhalten ferner vereinzelt auch solche kriminalsoziologische Theorien, deren Anwendung sich in Bezug auf die Dopingproblematik in den vergangenen zwei Jahrzehnten besonders bewährt haben (z.B. Theorie der Neutralisierungstechniken nach Sykes und Matza 1968).

Birgit Dressel

8.3.7 Der Todesfall Birgit Dressel 1987 und das sich anschließende multiinstitutionelle Versagen

 

Der Todesfall der Leichtathletin Birgit Dressel im Jahr 1987 ist, obgleich umfangreich dokumentiert, letztlich exakt nie aufzuklären gewesen. Eine eindeutige Verantwortlichkeit für den Tod der an einem toxisch-allergischen Geschehen verstorbenen Siebenkämpferin war nicht zuschreibbar. Es kann aber kaum einen Zweifel daran geben, dass Klümpers jahrelange polypragmatischen Behandlungen geeignet waren, zum tödlichen Geschehen beizutragen. Außerdem war angesichts der Verabreichung oder Rezeptierung von medizinisch nicht indizierten Interventionen juristisch wenn nicht eine Tötungshandlung, so doch immerhin eine Körperverletzungshandlung im Fall der nicht erfolgten Aufklärung oder einer rechtlich unwirksamen Zustimmung zu Maßnahmen zu diskutieren. Insofern rückt in diesem Abschnitt das Verhalten von Staatsanwaltschaften in den Blickpunkt, die die Einhaltung des Arzneimittelrechts zu verbürgen haben. Von Interesse sind Reaktionen des Dienstherren ebenso wie der berufsständischen Organisationen, denen Klümper angehörte. Zu zeichnen ist hier das Bild eines breiten institutionellen Versagens, da Klümper den Todesfall Birgit Dressel nur erstaunlich wenig beschadet überstehen konnte. Selbst ein Aufsehen erregender Todesfall, in dessen Zusammenhang medizinisch nicht indizierte Behandlungen Klümpers bis hin zur Einnahme von anabolen Steroiden durch die Athletin standen, vermochte den Arzt nicht zu stoppen.

8.3.7.1 Zur Todesursache

Laut rechtsmedizinischem Gutachten verstarb Birgit Dressel am 10. April 1987 allem Anschein nach an einem „komplexen toxisch-allergischen Geschehen“ (im Folgenden zitiert nach Presseerklärung des Leitenden Oberstaatsanwalts Werner Hempler vom 31.07.1987):

 

„Dieses manifestierte sich u.a. in einem massiven Abfall der Leukozyten, einem therapie-resistenten Blutdruckabfall, einer Verbrauchskoagulopathie und weiteren Schocksymptomen. Außerdem lagen neurologische Ausfallerscheinungen im Sinne einer aufsteigenden sensiblen Lähmung sowie Haut- und Muskelblutungen der lumbalen Rumpfstrecker vor.“

 

Für den blitzartigen Verlauf des toxisch-allergischen Geschehens am Nachmittag wurde eine überdosierte intravenöse Schmerzmittelgabe (Metamizol) „mit Wahrscheinlichkeit“ verantwortlich gemacht. „Innerhalb von etwa zwei Stunden nach Gabe dieses Schmerzmittels kam es zur Ausbildung eines Schocks, der zum Multiorganversagen führte“. Die Indikation für diese Art der Behandlung sei fragwürdig gewesen, so die Gutachter. „Die Dosierung war überhöht und entsprach nicht den Empfehlungen des Herstellers.“

 

Die Gutachter diskutierten aber auch die Möglichkeit, dass das toxisch-allergische Geschehen „möglicherweise von anderen Substanzen und Faktoren mitausgelöst, verstärkt bzw. mitbestimmt“ worden sein könnte. Diese würden dann vor allem auf fragwürdige Behandlungen hindeuten, wie Klümper sie an der Patientin vorgenommen hatte:

 

„So könnte ein infekt-toxisches Geschehen abgelaufen sein. Aufgrund der postmortalen Untersuchungen wurden nämlich nekrotisierende und demylesierende Entzündungen der lumbalen sowie thorakalen Spinalganglien festgestellt und Hinweise auf einen Mitbefall des vegetativen Nervensystems gewonnen. Diese lösten die neurologischen Ausfallerscheinungen aus. Morphologisch war belegbar, dass zum Todeszeitpunkt ein allenfalls wenige Tage alter Entzündungsprozess des peripheren Nervensystems eine Rolle spielte.

Die Sachverständigen gehen davon aus, dass bei Frau DRESSEL bereits bei ihrer Einlieferung in die Universitätskliniken ein langsam anlaufendes toxisch-allergisches Geschehen vorlag. Die eigentliche Ursache für die Entzündung sowie für das sich zunächst langsam aus- und fortbildende toxisch-allergische Geschehen konnte nicht eindeutig geklärt werden. Weder war es möglich, eine Infektionskrankheit noch eine virale Genese mit Sicherzeit nachzuweisen.

Es liegen Anhaltspunkte dafür vor, dass die vorangegangene, jahrelang durchgeführte Behandlung mit den unterschiedlichsten Substanzen und Arzneimitteln die Ausbildung des toxisch-allergischen Geschehens förderte. Über eine lange Zeit wurden Frau DRESSEL Wirksubstanzen in bedeutenden Mengen sowohl oral als auch durch Spritzen in die verschiedensten Körperregionen verabreicht. Dabei wurden ihr auch Substanzen zugeführt, die erhebliche Nebenwirkungen und Allergien auslösen können.

Bei dem fortwährenden Zusammentreffen parentral verabreichter tierischer Zellpräparate kam es im Organismus zwangsläufig zu ständigen Immunreaktionen mit der Gefahr einer Überforderung des Immunsystems, das durch gehäufte Infekte zusätzlich belastet wurde. Die sportärztlich durchgeführte Therapie mit ihren vielfältigen und variantenreichen Maßnahmen wird angesichts der außergewöhnlichen Zahl und der unterschiedlichsten Arten von Kombinationspräparaten und Fremdeiweißapplikationen als nicht mehr überschaubar und in ihren Wirkungen auf den Organismus (auch Kombinationswirkungen) nicht abschätzbar angesehen.

Möglicherweise hat sich auch in dem so unter Dauermedikation stehenden Körper von Frau Dressel auf Grund vor ihrer Einlieferung in die Universitätskliniken akut gegebener Schmerzmittel ein toxisch-allergisches Geschehen entwickelt.“

 

Eine exakte Zuschreibung, welche Medikationen für das toxisch-allergische Geschehen verantwortlich war, schien den Gutachtern nicht „mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit“ möglich. Sie hielten jedoch fest: „Es kann nicht ausgeschlossen werden, dass der Tod von Frau DRESSEL auch dann eingetreten wäre, wenn ihr Körper nicht zusätzlich durch 5 g Metamizol belastet worden wäre.“ Daher schlussfolgerte die Staatsanwaltschaft:

 

„Da hiernach nicht mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit festgestellt werden kann, welche möglichen Ursachen – allein oder im Zusammenwirken – den Tod von Frau DRESSEL verursachten, ist schon deshalb den behandelnden Ärzten ein fahrlässiges und damit schuldhaftes Verhalten nicht nachzuweisen.

Das Ermittlungsverfahren wird daher einzustellen sein“ (Presseerklärung des Leitenden Oberstaatsanwalts Werner Hempler, 31.07.1987).

8.3.7.2 Klümpers Reaktionen auf Vorwürfe der Mitschuld

Armin Klümper war zwar eine Mitverantwortung am Ableben von Birgit Dressel nicht mit der erforderlichen Sicherheit nachzuweisen. Dass die von ihr konsumierten Anabolika, deren Rezeptierung durch Klümper nicht einmal dieser selbst ausschließen mochte, aber für das schmerzhafte Geschehen verantwortlich sein könnten, das zur nach Meinung der Gutachter überdosierten Schmerzmittelbehandlung in den letzten Tagen vor ihrem Tod geführt hatte, liegt dagegen nahe. Ihr Krankheitsbild vor dem Einsatz der Schmerzmittel entsprach dem eines schmerzhaften Muskelhartspanns und stellte gemäß DDR-Dopingforschung die am häufigste festgestellte schädliche Nebenwirkung von anabolen Steroiden dar (siehe Berendonk 1992, 207).

 

Klümper ging in seinen diversen Verteidigungsschriften zu den Vorwürfen, seine Behandlungen und sein Doping stünden möglicherweise in Zusammenhang mit dem Tod der Athletin, auf diese Argumentation nicht ernsthaft ein. Als Reaktion auf einen die Öffentlichkeit schockierenden Artikel des Spiegel (Nr. 37/1987) entgegnete Klümper in einem Manuskript mit dem Titel „Entwürdigende Debatte und die Wahrheit zum Tod einer Sportlerin“[1] (Klümper 1989) dergestalt, dass er den Todesfall allein den Schmerzmittelbehandlungen zuschrieb.

 

„Entwürdigende Debatte und die Wahrheit zum Tod einer Sportlerin

 

In der Folge des traurigen Todes der Mehrkämpferin Birgit Dressel vor über 2 ½ Jahren haben zahlreiche Medien die Gelegenheit wahrgenommen, ihren tragischen Tod ‚publikumswirksam‘ aufzugreifen und in unsachlicher, teils geschmackloser Art und Weise über die Verstorbene und ihr Umfeld berichtet.

 

Einzelne Medien haben für sich in Anspruch genommen, dem geneigten Leser die ‚Wahrheit über den Fall Birgit Dressel‘ verkünden zu können.

 

Man kann ruhig von einer merkwürdigen Auffassung von Wahrheit sprechen insbesondere, wenn geschrieben wurde, dass man Einsicht in das rechtsmedizinische Gutachten habe. Wahrheit ist, dass Birgit Dressel am 10.4.1987 in der Mainzer Universitätsklinik verstarb; die letzte Behandlung aber in Freiburg am 24.02.1987 erfolgte.

 

Wenn von vielfältigen und variantenreichen Maßnahmen im Gutachten die Rede ist, die als nicht mehr überschaubar anzusehen seien, bleibt zu sagen, dass die von uns durchgeführte Therapieform in einem Zeitraum von über 20 Jahren entwickelt wurden und auch über 2 Jahrzehnte mit großem Erfolg und ohne Nebenwirkungen[2] eingesetzt wurden.

 

Wenn dem Gutachter unsere Behandlungsmethoden nicht geläufig waren und sind, hätten wir jederzeit zur Aufklärung der Zusammenhang zur Verfügung gestanden.

 

Entsprechend wahr ist, dass die serologischen und immunologischen Untersuchungen zur Überprüfung des Verdachts vorliegender Antikörper gegen einen Komplex aus Medikamenten ein negatives Ergebnis brachten.

 

Wahr ist, dass weitere Untersuchungen zum Nachweis einer immunologisch stattgefundenen Sensibilisierung auf verabreichte Präparate keinen Anhalt für Immunkomplexe ergaben.

 

Wahr ist, dass auch die Immunfluoreszenzuntersuchungen auf Antikörper alle negativ verliefen.

 

Es bleibt also festzuhalten, dass zwischen den in der Sporttraumatologie der Universität Freiburg durchgeführten Behandlungen und dem eingetretenen Tod der Birgit Dressel keinerlei gesicherter Kausalzusammenhang bestand bzw. besteht.

 

Unwahr sind die Behauptungen, in der Sporttraumatologie der Universität Freiburg würden Frischzellenbehandlungen durchgeführt.

Wahr ist, dass die von uns durchgeführte zytoplasmatische Therapie, der umfangreiche wissenschaftliche Untersuchungen zugrunde liegen, klar abgegrenzt ist gegen die ‚Zell-Therapie‘ z.B. durch Prof. Maurer (Institut für Pharmazie der Freien Universität Berlin) und Prof. Munder (Max-Planck-Institut für Immunbiologie Freiburg).

 

Der wesentliche Inhalt ist:

‚Die Gefahr der Allergisierung und Anaphylaxe ist recht gering‘. Dementsprechend heißt es auf Seite 59 des rechtsmedizinischen Gutachtens:

‚Die zwar in diesem Gutachten zitierten Ergebnisse der in Heidelberg bei Prof. Dr. Rauterberg durchgeführten Untersuschungen lassen erkennen, dass ein Nachweis von Antikörpern im Blut bei Birgit Dressel, die insbesondere mit den Präparaten NeyChondrin, NeyDop und NeyTroph in Verbindung gebracht werden können, nicht gelang, damit auch kein Beweis für einen gesicherten ursächlichen Zusammenhang zwischen der am 10.4.1987 bei der Birgit Dressel beobachteten toxisch-allergischen Symptomatik und der zytoplasmischen Therapie‘.

Dementsprechend ist auch zu keinem Zeitpunkt ein von uns verwendetes Medikament vom Bundesgesundheitsamt in Berlin jemals aus dem Verkehr gezogen worden.

 

Alle anderen Äußerungen – auch im vorliegenden medizinischen Gutachten – sind hypothetische Überlegungen und münden noch heute in unsachlichen Spekulationen.

 

Gleiches gilt für erfolgte Hinweise auf ein goldhaltiges Präparat.

 

Die Wahrheit ist, dass die bei Birgit Dressel von uns regelmäßig durchgeführten Laboruntersuchungen zu keinem Zeitpunkt irgendeinen Hinweis auf die im Gutachten diskutierten Nebenwirkungen zeigten.

 

Ich darf erwähnen, dass wir diese Hinweise auf die vorhandenen regelmäßigen Laboruntersuchungen im Gutachten und natürlich in den Darlegungen der Medien vermissen.

 

Die erwähnten ‚ständigen Immunreaktionen‘ sind rein hypothetisch bzw. ebenfalls Spekulation.

Der Hinweis auf gehäufte Infekte entspricht nicht den Tatsachen.

 

Anhand unserer Krankenunterlagen lässt sich eindeutig nachweisen, dass im Zuge der mehrjährigen Behandlung die Infektanfälligkeit von Birgit Dressel immer geringer wurde.

 

Die Beurteilung der im Rahmen der Akuterkrankung vom 8.4.1987 und danach durchgeführten ärztlichen Maßnahmen wurden in den Medien erstaunlich kurz abgehandelt, obwohl ja unzweifelhaft schwerwiegende medikamentöse Eingriffe in den Körper von Birgit Dressel im rechtsmedizinischen Gutachten ausgewiesen sind und es wohl näher liegen würde, hierauf einzugehen. […]“ (Klümper 1989, 1-3)

 

Im Anschluss setzt sich Klümper über mehrere Seiten hinweg im Detail mit dem rechtsmedizinischen Gutachten und dessen Beschäftigung mit der Akutbehandlung in den Tagen und Stunden vor Birgit Dressels Tod auseinander. Darin werden die verschiedenen Schmerzmittelgaben kritisch diskutiert. Klümper folgert daraus:

 

„Weitere Kommentare erübrigen sich im Zusammenhang des vorliegenden Gutachtens; sie erübrigen sich aber auch hinsichtlich verschiedener Artikel unter der Überschrift ‚Tod einer Sportlerin‘. Wortfindungen und Darstellungsversuche in den verschiedenen Artikel waren und sind Geschmackssache; die Wahrheit über den Fall Birgit Dressel ist es allerdings nicht!“ (Klümper 1989, 7).

 

Es ist allerdings davon auszugehen, dass Klümper seine persönliche Wahrheit über den Todesfall seiner Patientin Birgit Dressel nicht vollständig mitgeteilt hat. Klümper scheint subjektiv nämlich davon ausgegangen zu sein, dass durchaus eine medikamentöse Vorgeschichte zu dem Geschehen vor den Schmerzmittelverabreichungen der Tage vor ihrem Ableben bestanden haben dürfte – nur dass diese Vorgeschichte nicht ihm, sondern der Patientin selbst bzw. womöglich anderen sie noch behandelnden Ärzten anzulasten sei. Dies legen die Ausführungen der früheren Sprinterin Claudia Lepping in ihrem Vortrag beim Freiburger Symposium „Sportmedizin und Doping in Europa“ im September 2011 nahe:

 

„Auch mich schickte [Trainer Jochen] Spilker zu Prof. Klümper nach Freiburg – wie seinen ganzen Athletentross. In Erinnerung bleibt mir unter anderem diese Szene: Ich lag bäuchlings auf der Behandlungspritsche und der Guru der deutschen Sportmedizin kurvte auf einem Rollhocker um meine Liege herum – diverse Spritzen lagen aufgezogen griffbereit, für seine Klümper-Cocktails war er schließlich berühmt.

Ich fragte, ob er mich jetzt dopt, und er rollte vor das Kopfende, fasste mich an beide Ohren und antwortete: ‚Das macht bei Deiner Verletzung keinen Sinn.‘ Dann fragte ich ihn, ob er Birgit Dressel gedopt habe und wer Schuld sei an ihrem Tod. Darauf Klümper: ‚Wenn sie nur genommen hätte, was ich ihr geraten habe, würde sie noch leben. Aber bei ihr waren zu viele andere beteiligt.‘“ (Lepping 2011).

 

Diese Aussage ist wohl nicht auf die Behandlungen unmittelbar vor ihrem Tod zu beziehen, da sie bei diesen Medikationen nicht von einem „Nehmen“ von Medikamenten gesprochen werden kann. Klümper scheint davon ausgegangen zu sein, dass Birgit Dressel nicht nur zu ihm in regelmäßige Behandlung gekommen sei, sondern dass sie auch andere Ärzte konsultiert hat. Ob das wirklich so war, ist allerdings unklar.

Wie wenig sich Klümper mit den berechtigten Vorwürfen gegen seine polypragmatische Behandlung auseinandersetzte und wie er die Kritik an ihm als leistungsfeindliche Hetze linker Kampfpostillen rationalisierte[3], zeigt exemplarisch seine schriftliche „Stellungnahme zum Artikel ‚Tod einer Sportlerin‘ in ‚Der Spiegel‘ Nr. 37, Seite 228 – 253“ aus dem Jahr 1989. Unangenehm zu berühren vermag auch die von Klümper zitierte Athletenstellungnahme des Beirats der Aktiven im Deutschen Sportbund zur öffentlichen Kritik an ihm. Sie zeigt die tiefe Verbundenheit der Athleten mit dem eigentlich permanent über Jahrzehnte hinweg deviant sich verhaltenden Arzt und muss in Modelle der Verantwortungszuschreibung bei der Analyse der Systematik westdeutschen Dopings unbedingt mit einbezogen werden:

 

„Dieser Artikel ist die Fortsetzung eines Dauertrommelfeuers seit 4 Jahren.

In den gelegentlichen Gefechtspausen muss man aufpassen, dass man nicht müde wird.

Die Machart des Artikels im Spiegel ist mehr als primitiv; selbst für den Uneingeweihten ist er voller Widersprüche. Wenn die Menschen nicht so gedankenlos wären, müssten sie darauf kommen, was hier gespielt wird, ein Räuberstück. Unter der Flagge pseudohumanistischer Angriffe wird der Versuch unternommen, den tragischen Tod und die Sportmedizin zu diskriminieren sowie die Athleten zu verunsichern.

Es soll dem geneigten Leser weisgemacht werden, der Medikamentenmissbrauch habe sie umgebracht; die Schilderung der letzten Phase ihrer Agonie beweist das Gegenteil.

 

Aber die Verdächtigung ist ja Absicht.

 

Das allein geht schon aus der Tatsache hervor, dass man im Artikel des Spiegels über mehrere Seiten die Packungen von zahlreichen Medikamenten abgebildet hat, um so dem Leser zu verdeutlichten, welche ‚Unmengen‘ von Medikamenten Birgit Dressel eingenommen habe.

 

Es sei darauf verwiesen, dass sich die Verfasser oder der Verfasser bzw. die Verfasserin dieses Artikels, die sich nicht zu erkennen geben, nicht davor zurückschrecken mit der Behauptung, alle hier abgebildeten Medikamente habe Birgit Dressel in letzter Zeit bekommen. Es ist schon makaber, wenn hier z.B. die Infusionslösung aufgeführt wird, die Medikamente, die [im] Rahmen der Intensivmedizin verwendet wurden und sogar die Schmerzmittel sowohl in Form von Injektionen, Zäpfchen und Tabletten, die Birgit Dressel in Mainz in der Zeit vom 8. bis 10.4.1987 verabreicht wurden.

 

Es werden Salben abgebildet und sogar ein Kontrazeptivum (medikamentöses Verhütungsmittel), also Medikamente, mit denen die Abteilung Sporttraumatologie der Universität Freiburg überhaupt nichts zu tun hat.

 

Darüber hinaus werden Hustentropfen, ein Medikament gegen Schnupfen, ein Medikament gegen Übelkeit sowie gegen Durchfallerkrankung aufgeführt, die irgendwann bei entsprechendem Krankheitsgeschehen rezeptiert wurden und deren Reste oder Packungen im Medikamentenschränkchen verblieben sind. Gleichzeitig werden die von uns rezeptierten Vitamin, Elektrolyte und Spurenelemente aufgelistet, die zum physiologischen Haushalt des Menschen gehören. Ebenfalls werden die von uns verwendeten Ampullen aufgeführt, die nahezu ohne Ausnahme pflanzlichen oder homöopathischen Charakter besitzen, wobei der vorliegende Artikel im gleichen Atemzuge mehr oder weniger deutlich behauptet, dass ausgerechnet diese Medikamente der Athletin Schaden zugefügt hätten. Auf der einen Seite bezeichnet der Artikel die von uns rezeptierten Medikamente als Phantasiegebilde zbw. ‚Regenbogen-Pillen‘, die sowieso völlig wirkungslos seien, auf der anderen Seite soll mit den ‚wirkungslosen Substanzen‘ massiver Schaden angerichtet worden sein.

Der Widerspruch kann kaum größer sein.

 

Auf der anderen Seite werden alle die Medikamente abgebildet, die die unglückliche Birgit Dressel in der Zeit vom 8.4. bis 10.4.1987 im Rahmen einer massiven schmerzstillenden chemischen Therapie erhalten hat.

 

Um so zu verfahren, gehört schon eine gehörige Portion infames Denken dazu.

 

Aber – wie gesagt – die Verdächtigung ist ja Absicht. Eindeutiges Ziel ist hier im Grunde den Leistungssport zu treffen. Dazu passen dann die Dopingvorwürfe, die in diesem Artikel schon ans Lächerliche grenzen.

 

Zu viele arbeiten offensichtlich in der Bundesrepublik gegen jegliche Leistung und wollen auch dem Athleten Hürden in den Weg stellen, die er nicht mehr bewältigen kann; in Bezug auf den traurigen Tod der Birgit Dressel fehlt dem ‚Spiegel‘ jegliches persönliche, aber auch nationale Schamgefühl. Hin und wieder sollte man einen Blick über den Zaun tun und sich ein Beispiel an den kürzlich in Rom siegreichen Nationen nehmen; wo gibt es in diesen Ländern ähnliche entwürdigende Debatten?

 

Gefragt sind offensichtlich marktschreierische Medienmacher, die das jeweils publikumswirksamste Thema aufgreifen; in diesem Zusammenhang muss auch noch der Tod eines unschuldigen Menschen herhalten, was schlicht als pietät- und geschmacklos bezeichnet werden muss. Der gedankliche Kreis schließt sich da, wo festzustellen bleibt, dass es auf der einen Seite einer existierenden Leistungsgesellschaft herausragende Leistungsträger gibt z.B. die Athleten, deren Symbolkraft im Rahmen des freien Leistungsstrebens offensichtlich dem Denken gewisser Medienmacher hinderlich ist, auf der anderen Seite eine Sportmedizin und Sporttraumatologie existiert mit herausragenden medizinischen Leistungen, die es mit der gleichen Absicht zu diskreditieren und zu diffamieren gilt. Sowohl in der Zeitschrift ‚Leistungssport‘ Nr. 4, August 1987, Seite 5 als auch im Protokoll des Vorstandes des Bundesausschuss Leistungssport sowie im Protokoll des Beirates der Aktiven vom 4. und 5.6.1987 ist nachzulesen:

 

‚Nach einer Diskussion über die Intension [sic!] der Zeitschrift Sports bei der Auswertung der Umfrage im Zusammenhang mit dem Artikel über den Tod von Birgit Dressel und über andere Medien wirksam gemachte Äußerungen, die bis zur Beleidigung von Sportlern und Ärzten (insbesondere Prof. Dr. Klümper) führen, spricht sich der Vorstand energisch gegen die Diffamierung des Spitzensports durch profilierungssüchtige Journalisten und ‚Fachleute‘ und für eine offensive Gegensteuerung aus‘.

 

Der Beirat der Aktiven formuliert:

‚Der Beirat ist, ebenso wie der Vorstand, der Auffassung, dass durch die Artikel der Zeitschrift ‚Sports‘ und einige weitere Äußerungen in der Öffentlichkeit die Sportler, Ärzte und der gesamte Leistungssport diffamiert werden. Er stellt mit Sorge fest, dass in der Zeitschrift ‚Sports‘ ein Zusammenhang zwischen der Sportlerumfrage und den reißerischen und unsachlichen Artikeln über den Tod von Birgit Dressel hergestellt wird. Der Beirat bittet den Vorstand, im Interesse des Leistungssports gegen diese Diffamierungskampagne energisch vorzugehen.‘

 

Somit werden die Beweggründe für Artikel wie im ‚Spiegel‘ und ähnliche Schriftstücke deutlich; es geht den Verfassern keineswegs um Prof. Klümper, sondern im Grunde darum, den Leistungssport und das Umfeld wie z.B. die Sportmedizin möglichst zu liquidieren.

gez.

Prof. Dr. med. A. Klümper

Ärztlicher Direktor

Abt. Sporttraumatologie

Universität Freiburg“ („Stellungnahme zum Artikel ‚Tod einer Sportlerin‘ in ‚Der Spiegel‘ Nr. 37, Seite 228 – 253“ durch A. Klümper, o.D./1989; Unterlagen Hans-Volkhart Ulmer).

 

In einem Schreiben an den Direktor des Geschäftsbereichs Leistungssport beim Deutschen Sportbund, Helmut Meyer, ließ Klümper ebenfalls jede auch nur leiseste Form der Selbstkritik oder des Selbstzweifels vermissen. Er inszenierte sich erneut als Opfer einer leistungsfeindlichen, linksorientierten Medienkampagne:

 

„Sehr geehrter Herr Direktor Meyer,

bereits im Vorfeld des jetzt erschienenen Artikels ‚Tod einer Sportlerin‘ in ‚Der Spiegel‘ hat es bereits eine ganze Reihe von gleichen oder ähnlichen Artikel in ‚Sports‘, ‚Stern‘ sowie ebenfalls bereits im ‚Spiegel‘ gegeben.

Bisher habe ich zu den diversen Verdächtigungen und Anschuldigungen geschwiegen, da mir das Andenken an Birgit Dressel etwas bedeutet, und ich darüber hinaus den Schmerz der Familie Dressel respektiert habe.

Das jetzige Machwerk eines abstoßenden Sensationsjournalismus überschreitet jedoch die zu tolerierenden Grenzen.

Meiner Stellungnahme habe ich nichts hinzuzufügen.

Allerdings sei auch erwähnt, dass ich von der ‚offensiven Gegensteuerung‘ z.B. seiten des Vorstandes des Bundesausschuss Leistungssport bisher wenig spüre.

Ich glaube, es ist nun langsam Zeit, dass sich der Bundesausschuss Leistungssport einmal mit dem existierenden Presserat in der Bundesrepublik in Verbindung setzt, da der Artikel im ‚Spiegel‘ ja wohl alle geltenden Regeln des Journalismus außer Acht lässt.

In meinem Brief vom 2. Juli 1987 an Herrn Direktor Eduard Friedrich zum Thema ‚Benennung der Olympiaärzte‘ war ich wohl etwas vorhersehend.

Ich hatte schon damals darauf hingewiesen, dass man als neueren Inhalt einer wohl gezielten Kampagne versucht, mir den traurigen Tod von Birgit Dressel in die Schuhe zu schieben.

Dass das völlig abwegig ist, sei hier nur am Rande erwähnt; darüber hinaus belegt auch der Inhalt des Gutachtens das Gegenteil.

Bemerkenswert dürfte auch die Tatsache sein, dass das rechtsmedizinische Gutachten ganz offensichtlich über den Deutschen Leichtathletik-Verband an den ‚Spiegel‘ zur publizistischen Ausschlachtung weitergeleitet wurde. Nach über 25 Jahren ständiger Betreuung der verschiedenen Sportverbände an der ‚Front‘ im wahrsten Sinne des Wortes, empfinden meine Mitarbeiter und ich die diversen Aussagen in den verschiedenen Zeitungen verständlicherweise als einen Schlag ins Gesicht.

Dass ausgerechnet diejenigen, die sowieso die Hauptlast der Betreuung in den verschiedenen Verbänden bereits tragen, an den berühmten Pranger gestellt werden, stößt nicht nur auf Unverständnis, sondern führt zu einer ganz erheblichen Verbitterung aller meiner Mitarbeiter.

Der Denkprozess darüber, welche Konsequenzen hieraus zu ziehen sind, ist sicher noch nicht abgeschlossen.

Gestatten Sie mir noch abschließend einen Leserbrief wiederzugeben stellvertretend für die vielen Leserbriefe der Athleten, die in den diversen Zeitungen natürlich nicht abgedruckt werden.

‚Ihre nicht widerlegbaren, weil nicht konkreten Unverschämtheiten gegen Prof. Klümper sind einfach abstoßend. Prof. Klümper hat mir als Leistungssportler während und nach meiner Karriere über 14 Jahre genial geholfen; er hilft jährlich tausenden von Menschen mit einem unvorstellbaren Arbeitseinsatz. Es scheint einfach nicht in Ihre linke Gleichheitsideologie zu passen, dass ein Arzt von tausenden von Patienten anerkannt und bewundert wird, wie kein anderer. Besonders abgestoßen von Ihrem Sensationsjournalismus sind die Menschen, die nicht nur die überragenden medizinischen Fähigkeiten, sondern auch die hohen menschlichen Qualitäten Prof. Klümper’s kennenlernen durften.‘

Mit freundlichen Grüßen

Prof. Dr. med. A. Klümper

Abt. Sporttraumatologie“ (Klümper an Meyer, 14.09.1987; Daume-Archiv Frankfurt/M.).

 

Für die Medizinerin Dr. Heidi Schüller, die in der Intensiv- und Extremmedizin als Ärztin beheimatet war, war der Fall Klümper ein einschneidendes Erlebnis. Die frühere Weitspringerin, die bei den Olympischen Spielen 1972 in München als Sprecherin des Olympischen Eides fungierte, führte für das Nachrichtenmagazin Der Spiegel nach dem Tod von Birgit Dressel und dem Bekanntwerden der Klümper-Behandlungen ein Interview mit dem Freiburger Kollegen, dem ein von ihr verfasster Artikel in dem Magazin folgte (Der Spiegel, Nr. 33/1987, 136 f.). Im Interview mit der Evaluierungskommission erklärte Heidi Schüller:

 

„Ich habe dann Herrn Klümper angerufen und mit ihm ein langes Gespräch geführt. Ich habe mich sehr gewundert über seine völlige Schuldunfähigkeit, oder sagen wir mal, er hatte kein Unrechtsbewusstsein, überhaupt kein Unrechtsbewusstsein. Auch als er mir im Detail die Substanzen seiner diversen Cocktails erklärt hat – das können Sie alles nachlesen, es steht alles in dem Spiegel-Artikel drin – so nach dem Motto: viel hilft viel. […]

Nun muss man dazu wissen, dass ein anaphylaktischer Schock ein ganz akut auftretendes Ereignis ist, das auch eine ganz akut konsekutive Handlung nach sich ziehen muss. Also wenn da im Vorfeld irgendwas gelaufen ist, was nicht koscher ist, was vielleicht vertuscht werden soll, dann ist jede Verzögerung vital bedrohlich. Und wenn nicht bekannt ist, was zuvor gegeben worden ist, dann ist es für den Patienten – und das war es ja letztlich auch – vital bedrohlich. Nun ist das erschienen im Spiegel, und ich habe gedacht, so: Jetzt wird der DLV anrufen, jetzt wird der anrufen und der und der, und wird sagen: Was war da, erklär uns das, woher weißt du das, was können wir tun, um so etwas zu verhindern? Es passierte gar nichts. Null.

Herr Klümper meinte, das hätte mit ihm überhaupt nichts zu tun, und selbst diese wilden Mischungen, die er mir dann akribisch diktiert hat: das und das miteinander, und nicht nur intraartikulär, sondern auch noch intramuskulär gespritzt. Also, er fand das völlig in Ordnung. Er hatte überhaupt kein Unrechtsempfinden“ (Zeitzeugeninterview Heidi Schüller).

Dass Klümper nicht allein dastand, sondern auf die volle Unterstützung der meisten für den Leistungssport zuständigen Institutionen und Organisationen zählen konnte, verdeutlicht ein Leserbrief-Beitrag von Klümpers Mitarbeiter Dr. Bernd A. Kasprzak in der Zeitschrift Leistungssport (17/4, 5). Demnach hatte sich auch der Bundesausschuss Leistungssport hinter einer nicht eben sachlich zu nennenden Erklärung der, wie sie mittlerweile wohl offiziell hieß, Abteilung Sporttraumatologie, versammelt:

 

„Sportmedizin im Brennpunkt

Die in der Zeitschrift ,sports‘ 6/87 erschienenen Artikel ,Tod einer Athletin‘ und ,Was wird Sportlern alles gespritzt?‘ fordern die Abteilung für Sporttraumatologie der Universität Freiburg zu folgender Erklärung heraus, die inhaltlich vom Bundesausschuß Leistungssport in vollem Umfang mitgetragen wird.

Die Gegner einer freien Leistungsgesellschaft versuchen immer wieder, den Leistungssport als ein Symbol des freien Leistungsstrebens zu diskreditieren und zu diffamieren, um seine Vorbildwirkung abzuschwächen oder in Frage zu stellen. Dabei sind die Wurzeln dieser Angriffe im pseudophilosophischen und pseudosozialen Gestrüpp von Kollektivneurosen, brutalem Opportunismus und Neidideologie zu suchen. In Folge der großen Popularität des Leistungssports erfolgen diese Angriffe fast immer unter dem Deckmantel scheinbarer Sympathie für die Spitzenathleten, die vor antihumanistischen Gefahren oder finsteren Machenschaften prominenter und einflußreicher Persönlichkeiten im Leistungssport geschützt werden sollen.

Eine solche prominente und einflußreiche Persönlichkeit im Leistungssport ist Prof. Dr. Klümper und daher alle Jahre wieder Zielscheibe dieser pseudohumanistischen Angriffe. In den Artikeln ,Tod einer Athletin‘ und ,Was wird Sportlern alles gespritzt?‘ wird in der Zeitschrift ,sports‘ 6/87 die journalistische Sorgfaltspflicht aufs gröbste verletzt und in unglaublich impertinenter Art das Recht auf freie Meinungsäußerung mißbraucht. Es wird der Versuch unternommen, den tragischen Tod von Birgit Dressel zu mißbrauchen, um Prof. Dr. Klümper zu verunglimpfen und Athleten zu verunsichern.

Es wird versucht, diesen unglücklichen Tod in negativen Zusammenhang mit dem Leistungssport zu bringen. Weiterhin wird indirekt unterstellt, daß der tödliche Ausgang im Zusammenhang mit der sportmedizinischen Behandlung in Freiburg zu sehen ist. Die Krönung der Impertinenz des Autors gipfelt in der Feststellung, daß die Athletin für viele steht und einen Stellvertretertod starb. Diese Gedankengänge entbehren jeder Grundlage. Die in der sporttraumatologischen Abteilung der Universität Freiburg verwendeten Medikamente für Injektionen und zum oralen Gebrauch stellen kein Risiko für eine Weiterbehandlung durch einen anderen Arzt dar. Die Möglichkeit der Weiterbehandlung eines anderen Arztes wird somit auch in keiner Weise beeinträchtigt. Es ist zu hoffen, daß die Ursachen des Todes von Birgit Dressel recht bald aufgeklärt werden, damit endlich den Gegnern des Leistungssports der Boden für ihre üblen Diffamierungen entzogen wird” (Kasprzak 1987).

8.3.7.3 Die Diskussionen um Klümper als Olympiaarzt 1988

Auch gegenüber dem NOK-Präsidenten Willi Daume gerierte Armin Klümper sich als Opfer einer Schmutzkampagne in der Folge des Todes von Birgit Dressel, er kritisierte die Sportverbände und Sportorganisationen, die sich seiner Ansicht nach nicht in genügendem Maße für ihn einsetzten. Dieses gab er als einen von mehreren Gründen für seinen Verzicht auf eine Olympiateilnahme an:

 

„Ein zweiter wesentlicher Grund [für die Nichtteilnahme an den Olympischen Spielen in Seoul 1988 als ärztlicher Betreuer der deutschen Olympiamannschaft] ist natürlich der traurige Tod von Birgit Dressel und das damit verbundene Verhalten der Sportverbände und Sportorganisationen sowie die diversen Artikel in den verschiedenen Medien, die weit über der Grenze des Tolerierbaren lagen.

In diesem Rahmen erlaube ich mir, Ihnen unsere Stellungnahme zum Artikel ‚Tod einer Sportlerin‘ in ‚Der Spiegel‘ Nr. 37 mit gleicher Post zuzuleiten sowie die Kopie eines Schreibens vom 14. September 1987 an die Direktoren des BAL.

In der Zeit, in der kübelweise Unrat über mich ausgegossen wurde, habe ich in der Öffentlichkeit von Sportverbänden oder Sportorganistaionen nichts gesehen und nichts gehört.

Es gab vereinzelt sicher gut gemeinte Absichtserklärungen, aber klare Stellungnahmen blieben aus, obwohl bereits das Primärgutachten über den unglücklichen Tod von Birgit Dressel klar erbracht hatte, dass wir bzw. meine Behandlung mit ihrem Tod überhaupt nichts zu tun hat. Das können Sie noch einmal unserer Stellungnahme entnehmen.

Sie sind inzwischen im Besitz weiterer Gutachten, die der DLV bzw. Herr Dr. Munzert hat erstellen lassen; in diesen Gutachten von Prof. Krahl z.B. wird klar ausgesprochen, dass jegliche Herstellung eines Zusammenhangs zwischen unserer Behandlung und dem Tod von Birgit Dressel reine Hypothese ist.

Die für mich bei oberflächlicher Lesart nicht günstig klingenden Gutachten wurden mit Windeseile an die Medien gebracht, über die übrigen Gutachten, die klar und deutlich aussprechen, dass weder unser Haus noch ich persönlich eine Schuld am Tod von Brigit Dressel trifft, wurde der Mantel des Schweigens gebreitet.

Von Seiten Herrn Dr. Munzert ist das immer noch der Fall.

Sie waren der Erste und sind bisher der Einzige, der den Mut und die Zivilcourage besessen hat, in der Öffentlichkeit in der Folge unseres Gespräches in Baden-Baden eine Art Ehrenerklärung für mich abzugeben.

Dafür danke ich Ihnen sehr; ein paar Männer mehr von Ihrem Schlage wünscht man sich im Deutschen Sport schon. […]“ (Klümper an Daume, 22.03.1988; Daume-Archiv Frankfurt/M.).

 

Zum Ende des Schreibens wandte sich Klümper den gesundheitlichen Problemen Willi Daumes zu, der zu diesem Zeitpunkt offensichtlich noch nicht Patient in Klümpers Sporttraumatologie gewesen war:

 

„Es liegt mir grundsätzlich nicht, die Fähigkeiten unseres Hauses oder mein persönliches Können herauszustreichen.

In Ihrem Falle möchte ich Ihnen jedoch sagen, dass ich nicht nur in Deutschland, sondern auch in der Welt als die Nummer 1 hinsichtlich der konservativen Diagnostik und Therapie im Rahmen […] gelte.

Ich erneuere deshalb mein Angebot an Sie, Ihnen persönlich zu helfen. Nur mehr als anbieten kann ich Ihnen meine Hilfe auch nicht.

Ich kann nur hoffen, dass Sie in den wesentlichen Dingen, die sowohl den Sport als auch die persönliche Seite betreffen, gut beraten werden. Seien Sie meiner Hochachtung und meiner Dankbarkeit versichert.

Ich kann es Ihnen nicht übelnehmen und nicht verdenken, wenn Sie meine Entscheidung, nicht nach Seoul zu gehen, nicht akzeptieren, aber darf Sie doch bitten, sie nach wirklicher eingehender persönlicher und jetzt schriftlicher Darlegung zu respektieren“ (Klümper an Daume ebd.).

 

Es ist also anscheinend unzutreffend anzunehmen, dass Daume sich deshalb so massiv für Klümper einsetzte, weil er dessen Patient gewesen wäre. Eher erscheint plausibel, dass für sein Engagement pro Klümper der Einsatz vieler deutscher Spitzenathleten für den Freiburger Sportmediziner ausschlaggebend war.

 

Für Klümpers Einsatz in Seoul 1988 hatte sich zu Beginn des Olympiajahres die Aktivensprecherin des Deutschen Leichtathletik-Verbandes, die Speerwerferin Ingrid Thyssen, vehement eingesetzt. Mit Datum vom 20. Januar 1988 appellierte sie an NOK-Präsident Daume unter dem Betreff „Medizinische Betreuung in Seoul“ an Daumes „Hilfsbreitschaft“ im Fall Klümper. Zu ihm würden „Sportler aus allen Sportarten“ nach Freiburg fahren, „weil sie sich dort, im sporttraumatologischen Institut, am besten aufgehoben fühlen. […] Freiburg ist meist Endstation für alle Sportler, denen andernorts nicht weitergeholfen werden konnte.“ Auch die Aktivensprecherin diskreditierte kritische Medienberichte, ähnlich harsch wie die Leistungssportabteilung des DSB:

 

„Man sollte sich nicht durch sensationslüsterne Pressediffamierungen und infame Verleumdungskampagnen irre machen lassen.

Professor Klümper hat das volle Vertrauen aller von ihm betreuten Athleten. Auf den Deutschen Leichtathletik-Verband bezogen sind dies sicherlich mehr als 2/3 der Kaderathleten und 90-95% der Kernmannschaftsmitglieder.“

 

Die Leichtathletik-Nationalmannschaft, so Thyssen, habe am 4. Dezember 1987 in Frankfurt und bei der Vollversammlung der Aktivenvertreter am 18. November 1987 „ausführlich die Notwendigkeit der medizinischen Betreuung in Seoul durch Prof. Klümper diskutiert“. Die Mitglieder der Leichtathletik-Nationalmannschaft hätten sich ebenso für Klümpers Teilnahme in Seoul ausgesprochen wie die Mehrheit der Vertreter der Sportverbände. Im Protokoll der Vollversammlung der Aktivenvertreter heiße es:

 

„Die Vollversammlung diskutiert ausführlich die sportmedizinische Betreuung der Sportler und bittet anschließend das NOK eindringlich, Professor Dr. Klümper in das medizinische Betreuungsteam für die Olympische Spiele in Seoul aufzunehmen“ (Thyssen an Daume, 20.01.1988; Daume-Archiv Frankfurt/M.).

 

Daume setzte sich daraufhin auf eine ungewöhnlich engagierte Art dafür ein, dass der Deutsche Leichtathletik-Verband den umstrittenen Freiburger Sportmediziner für Seoul nominieren würde. Dies berichtete der frühere DLV-Präsident Professor Dr. Eberhard Munzert, der zu den wenigen Verantwortungsträgern gehörte, die aus den verschiedenen Gutachten zum Tod von Birgit Dressel eine verantwortungsethisch fundierte Schlussfolgerung zog und im Zweifel auf einen Mediziner verzichten wollten, dessen Behandlungen geeignet waren, gesundheitliche Schäden hervorzurufen. Munzerts Weigerung, Klümper als Teamarzt für die Olympischen Spiele zu nominieren, führte dazu, dass er nach eigener Wahrnehmung fortan von der Sportgemeinde geschnitten und ausgegrenzt wurde. Sein Beispiel mag als Ausdruck des moralischen Verfalls eines ganzen Systems gedeutet werden – des Systems des Hochleistungssports in der BRD und seiner medizinisch-wissenschaftlichen und politischen Unterstützungsakteure. Die nachfolgend zitierten Aussagen stammen aus einem Interview, das die Autoren dieses Gutachtens um das Jahr 2000 mit Eberhard Munzert führten:

 

„Und dann kriegte ich Ärger mit Klümper, weil der 1988 für die Olympischen Spiele als Mannschaftsarzt aufgestellt werden sollte. Aufgrund der Unterlagen habe ich gesagt: Aus der Verantwortung gegenüber den Athleten kann Klümper kein Mannschaftsarzt sein. Und da gab es natürlich auch den Ärger mit allen möglichen. Sie glauben gar nicht, wer mich da alles angesprochen hat: der Oberbürgermeister von Fulda, Hamberger, schrieb mir einen Brief, ich sollte doch den Klümper nicht verdammen. Und […] war bei Klümper in Behandlung, der Vizepräsident, dann stellte sich raus: […] auch. Jetzt war Mannschaftsarzt Klümper aufzustellen vom DLV. Dann habe ich gesagt, ich nicht. Wenn das NOK den haben will, soll es ihn selbst aufstellen, als Verband schlage ich den nicht vor. Auch innerhalb des Verbandes kamen alle mal auf mich zu, Otto Klappert, ich solle doch nicht so sein. Ich habe gesagt, nach diesem Vorlauf übernehme ich die Verantwortung dafür nicht, das sind junge Leute. Da kam, ich meine im Januar 1988, Willi Daume angefahren nach Düsseldorf, um mich zu bedrängen, ich solle doch den Klümper vorschlagen. Da hat er bei mir eine Stunde im Büro gesessen. Das fand ich ganz ungewöhnlich, dass Willi Daume mich aufsuchte und redete immer auf mich ein, ich solle doch nicht so sein. Da habe ich gesagt: ‚Herr Daume, ich verstehe das überhaupt gar nicht. Wenn Ihnen so viel an dem Klümper liegt, dann nominieren Sie ihn doch einfach, aber da brauchen Sie mich doch nicht zu.’ Dann ging er unverrichteter Dinge weg, und im Laufe des Jahres wurde aus allen Rohren geschossen, alles, was da nur irgendwo war. Und es war so, dass ich allmählich beruflich Schaden nahm. Da hatten die sich wahrscheinlich die Masche ausgedacht, der ist Präsident des Landesrechnungshofes, darüber können wir ihn kriegen. Bei den Meisterschaften 1988 in Frankfurt Ende Juli, da war der Länderkampf [Bundesrepublik vs. DDR] gerade gewesen, da hatte mich der Hans Hansen angeschossen, ich hätte die deutsch-deutschen Verhältnisse gestört, Länderkampf zu falschen Zeit, alles mögliche.

 

Und Freitagabend war da ein Empfang vom Bürgermeister. Überall wurde miteinander gesprochen, ich saß da mit dem Bürgermeister, und da merkte ich schon, da braut sich was zusammen. Und bei den Meisterschaftstagen dann saß ich wie ein Aussätziger oben auf der Tribüne. Bei den Siegerehrungen war Helmut Meyer auch mal dran, da habe ich gesagt, Helmut, kannst ja schon mal ein bisschen üben.

[…] Und als die Meisterschaften dann vorbei waren, wir waren fast die letzten, meine Frau und ich, da kam der Holzbach von sid und sagte zu mir: Was halten Sie denn davon, wenn Meyer gegen Sie kandidiert. Ich sagte, nun, das ist in einer Demokratie so und das Beste, was mir passieren könnte, ist, wenn er mir unterliegt. Dann habe ich mir aber überlegt, was ist. Ich bin von Frankfurt weg nach Sudbury [Austragungsort der Junioren-Weltmeisterschaften 1988], da habe ich mit dem [DLV-Sportwart] Otto Klappert so einiges beredet. Dann bin ich zurückgekommen, da waren meine Frau und ich uns darüber einig, dass ist nicht unsere Welt, dann trete ich zurück. Da gibt es Animositäten wahrscheinlich wegen des Dopings, das wird der Auslöser gewesen sein, alle übrigen Gründe sind hergesucht. Am Sonntag bin ich zurückgekommen, am Dienstag habe ich dann die Findungskommission des DLV angerufen. Am nächsten Wochenende waren Juniorenmeisterschaften in Dortmund (dort musste eine Sitzung anberaumt werden). Dann hat mich von Dienstag bis Sonntag keiner zurückgehalten. Das Geschäftsführende Präsidium hat sich nicht gemeldet, Erwin Sichmann, der die Findungskommission leitet, hat gesagt, willst du dir’s nicht noch mal überlegen. Aber von Dienstag bis Sonntag hat sich keiner mehr gemeldet. Dann habe ich gesagt, da war die Entscheidung ja wohl richtig. Aus, Feierabend“ (Zeitzeugeninterview Eberhard Munzert, Projekt „Doping im Spitzensport“ von Singler und Treutlein; siehe dies. 2010b, 84 f.).

 

Ähnlich wie die Autoren dieses Gutachtens interpretieren die Münsteraner Autoren Meier, Reinhold und Rose (2012, Internet) Willi Daumes Verhalten sowie die Reaktionen, denen sich Eberhard Munzert ansonsten ausgesetzt sah, als „stillschweigendes Einverständnis“ mit Klümpers Therapie- und Manipulationsformen:

 

„Das Festhalten Willi Daumes an dem kompromittierten ,Wunderdoktor‘ Klümper und die Isolierung des DLV-Präsidenten und Klümper-Kritikers Eberhard Munzert müssen als stillschweigendes Einverständnis mit fragwürdigen medizinischen Praktiken im bundesdeutschen Sport interpretiert werden. Der Verzicht auf konsequentere institutionelle Eingriffe nährt wiederum den Vorwurf der Scheinheiligkeit an die Sportverbände. Dabei vollbringen die verantwortlichen Funktionäre abermals das sportpolitische Kunststück, politische Interventionen nicht nur durch Symbolhandlungen zu vermeiden, sondern fragwürdige Praktiken im bundesdeutschen Sport zum Anlass für weitere Subventionsforderungen zu nehmen“ (Meier, Reinhold und Rose 2012).

8.3.7.4 Einstellung von Ermittlungsverfahren der Staatsanwaltschaft Mainz – Ist Doping sittenwidrig?

Nachdem ein Ermittlungsverfahren wegen fahrlässiger Tötung gegen Unbekannt, das nach dem Tod von Birgit Dressel durch die Staatsanwaltschaft Mainz eröffnet worden war, rasch ergebnislos eingestellt worden war, erstattete der Mainzer Dopingrechtsexperte Dr. Joachim Linck Strafanzeige wegen des Verdachts der Körperverletzung zum Nachteil von Birgit Dressel. Zwar wurde das Ermittlungsverfahren gegen Unbekannt geführt, klar war aber von Anfang an, dass Armin Klümper Ziel dieses von Linck angestoßenen Ermittlungsverfahrens war. Es ging dem damaligen Verwaltungsjuristen des Mainzer Landtages darum, auf den Aspekt der Körperverletzung bei ärztlichem Doping aufmerksam zu machen, von der immer auszugehen sei, wenn eine Aufklärung nicht rechtswirksam sei. Zudem wollte Linck das Augenmerk auf die von ihm so eingeschätzte Sittenwidrigkeit des Dopings legen, die von immenser juristischer Bedeutung in der Beurteilung der Strafwürdigkeit von Dopinghandlungen war und auch heute noch ist. In einem auch heute noch in vielen rechtswissenschaftlichen Beiträgen zum Dopingproblem zitierten Beitrag für die Neue Juristische Wochenschrift trug Linck 1987 seine Argumente vor:

 

„Doping ist im Leistungssport weit verbreitet. Es gibt keine nachhaltig wirksamen Dopingmittel ohne schädigende Nebenwirkungen. Der dopende Arzt verstößt gegen die ärztliche Berufsordnung, gegebenenfalls auch gegen gewerbe-, steuer- und kassenarztrechtliche Vorschriften. Er besitzt in aller Regel die Tatherrschaft, so dass bei Todesfällen strafbare Fremdtötung (§§ 211, 212, 222 St.GB) oder bei Gesundheitsschäden vorsätzliche oder fahrlässige Körperverletzungen vorliegt. Eine rechtfertigende Einwilligung des körperverletzen Sportlers setzt dessen umfassende Aufklärung voraus. Liegt eine wirksame Einwilligung vor, ist die Tat dennoch nicht gerechtfertigt, da sie gegen die guten Sitten verstößt (§ 226a StGB)“ (Linck 1987, 2445).

 

Mit Datum vom 05. April 1988 stellte Joachim Linck bei der Mainzer Staatsanwaltschaft „Strafanzeige wegen fahrlässiger Körperverletzung und wegen Betrugs im Dopingfall Birgit Dressel“:

 

„Sehr geehrte Damen und Herren,

aus dem gerichtsmedizinischen Gutachten der Professoren Dr. Wagner und Dr. Mattern geht hervor, dass Birgit Dressel auch Medikamente verschrieben bzw. verabreicht worden sind, die medizinisch nicht indiziert waren. Das erfüllt zumindest den Tatbestand der fahrlässigen Körperverletzungen. Ich verweise hierzu im einzelnen auf meine Darstellung in der NJW 1987, S. 2549 f.

Sofern auch diese – medizinisch nicht indizierten – Medikamente über die AOK Mainz abgerechnet worden sind, wie dies für die ‚Behandlungskosten‘ für Frau Dressel öffentlich behauptet wird (vgl. dazu auch den beigefügten Artikel in der Süddeutschen Zeitung vom 10.02.1988), liegt darüber hinaus von seiten des verschreibenden Arztes Betrug zu Lasten der AOK vor (vgl. hierzu meine Ausführungen in NJW 1987, S. 2547).

Die Frage der rechtswidrigen Abrechnung von Dopingmitteln ließe sich durch eine Abklärung der hierzu bei der zuständigen Krankenversicherung und der AOK Mainz vorhandenen Daten beantworten“ (Strafanzeige Dr. Joachim Lincks vom 05.04.1988 wegen fahrlässiger Körperverletzung und wegen Betrugs im Dopingfall Birgit Dressel).

 

Bei der Staatsanwaltschaft Mainz folgte man den juristischen Überlegungen des Dopingrechtsexperten Linck nicht. Die Begründung, mit der das pro forma eingeleitete Ermittlungsverfahren in Folge der Strafanzeige Lincks eingestellt wurde, vermochte nicht zu überzeugen: Die Staatsanwaltschaft wies nämlich die Vorstellung einer Sittenwidrigkeit des Dopings und anderer medizinisch nicht indizierter Medikationen zumindest bis zum Zeitpunkt des Todes von Birgit Dressel zurück und ging im Prinzip davon aus, dass Doping ein sozial akzeptieres Verhalten dargestellt habe. Mit Schreiben vom 08. März 1989 stellte sie daher das Ermittlungsverfahren ein:

 

„Sehr geehrter Herr Dr. Linck,

auf Ihre vorbezeichnete Strafanzeige habe ich ein Ermittlungsverfahren gegen Unbekannt zum Nachteil der im April 1987 verstorbenen Sportlerin Birgit Dressel eingeleitet und Ihren in dem Anzeigevorbringen in Bezug genommenen Aufsatz ausgewertet. Die dort vorgenommene Beurteilung des Dopings unter strafrechtlichen Gesichtspunkten gibt mir jedoch keinen Anlass zu weiteren Ermittlungen.

Zunächst ist darauf hinzuweisen, dass bereits in dem anhängig gewesenen Ermittlungsverfahren gegen Unbekannt wegen fahrlässiger Tötung zum Nachteil von Birgit Dressel die Frage geprüft wurde, ob gegen Professor Dr. Klümper als behandelndem Arzt ein gesondertes Ermittlungsverfahren wegen fahrlässiger Körperverletzung und anderem eingeleitet werden soll.

Davon wurde im Ergebnis abgesehen, da es den Sachverständigen trotz umfangreicher Untersuchungen nicht gelang, einen gesicherten ursächlichen Zusammenhang zwischen der bei der Sportlerin beobachteten toxisch-allergischen Symptomatik und den Fremdeiweiß-Applikationen durch Prof. Dr. Klümper herzustellen. Die Erfüllung des Tatbestandes der Körperverletzung würde indessen zumindest den Nachweis voraussetzen, dass gerade durch die Medikationen eine Gesundheitsbeschädigung im Sinne des § 223 StGB eingetreten ist. Dies ist hier jedoch nicht der Fall.

Von entscheidender Bedeutung ist darüber hinaus, dass selbst eine nachweisbare Gesundheitsschädigung durch die Einwilligung der Verletzten gerechtfertigt gewesen wäre. Anhaltspunkte dafür, dass das Verabreichen von leistungssteigernden Medikamenten im Tatzeitraum (also vor April 1987) als sittenwidrig anzusehen wäre, liegen nicht vor. Ein Verstoß gegen die guten Sitten liegt nämlich nur dann vor, wenn allgemein gültige Wertmaßstäbe, die vernünftigerweise nicht anzweifelbar sind, zu einem eindeutigen Sittenwidrigkeitsurteil führen (vgl. Schönke-Schröder, 23. Auflage, Rand-Nr. 6 zu § 226a StGB). Dies lässt sich zumindest für die Zeit vor dem tragischen Tod von Birgit Dressel nicht mit Sicherheit feststellen. Es spricht vielmehr vieles dafür, dass erst nach diesem spektakulären Todesfall ein Wandel in der öffentlichen Meinung eingesetzt hat, so dass heute der Einsatz von Dopingmitteln zunehmend negativ beurteilt wird. Für die strafrechtlich relevante Zeit vor dem Todesfall lässt sich eine derart eindeutige Ablehnung von leistungssteigernden Medikamenten im Sport dagegen nicht mit Sicherheit feststellen, so dass zu Gunsten der behandelnden Ärzte von einer rechtsgültigen Einwilligung auszugehen ist.

Auch Ihre Rechtsausführungen zu einem möglichen (Kassen-)Betrug der behandelnden Ärzte durch das Verschreiben von leistungssteigernden, aber evtl. medizinisch nicht indizierten Medikamenten geben mir keinen Anlass zur Durchführung weiterer Ermittlungen.

Zum einen erscheint es bereits fraglich, ob im konkreten Fall der Birgit Dressel die Allgemeine Ortskrankenkasse Mainz-Bingen durch Prof. Dr. Klümper getäuscht wurde. Die Ermittlungen haben nämlich ergeben, dass die der Krankenkasse vorgelegten Rezepte detaillierte Angaben zu den verordneten Medikamenten enthalten.

Zum anderen kann dem behandelnden Arzt zumindest nicht mit der für eine Verurteilung erforderlichen Sicherheit nachgewiesen werden, dass er die gesetzliche Krankenkasse vorsätzlich über ihre Leistungspflicht täuschen wollte. Zu Gunsten von Prof. Dr. Klümper ist nämlich nicht auszuschließen, dass er subjektiv davon ausging, die von ihm verordneten Medikamente wären zumindest auch zur Heilung und Linderung von Krankheiten zweckdienlich einzusetzen. Dies kann ihm insbesondere deshalb nicht widerlegt werden, weil – wie oben bereits dargelegt – die öffentliche Diskussion über die Zulässigkeit des Verschreibens von sogenannten Dopingmitteln erst nach dem Tod der Sportlerin Brigit Dressel in aller Öffentlichkeit begonnen wurde.

Ich habe das Ermittlungsverfahren daher ohne weitere Ermittlungen aus rechtlichen Gründen eingestellt“ (Staatsanwältin Dagmar Gütebier an Joachim Linck, 08.03.1989; Unterlagen Hans-Volkhart Ulmer).

 

Allerdings hat sich die Beurteilung des Dopings als sittenwidrig danach, anders als die Staatsanwaltschaft Mainz vermutete, nicht durchgesetzt. So ging auch die Staatsanwaltschaft Freiburg im Ermittlungsverfahren gegen die dopenden Ärzte der Abteilung Rehabilitative und Präventive Sportmedizin der Universität Freiburg, Dr. Andreas Schmid und Dr. Lothar Heinrich, von einer wirksamen Einwilligung des Patienten in potentiell gesundheitsschädliche Dopingmaßnahmen unter Zurückweisung der Sittenwidrigkeit solcher Maßnahmen aus. Obwohl der Radprofi Patrick Sinkewitz gegenüber der Staatsanwaltschaft Freiburg erklärt hatte, über mögliche schädliche Nebenwirkungen einer Eigenblutretransfusion im Jahr 2006 nicht unterrichtet worden zu sein, nahm Oberstaatsanwalt Frank eine wirksame Einwilligung und eine fehlende Sittenwidrigkeit in seiner Einstellungsverfügung vom 17. Juli 2012 an:

 

„Selbst wenn es jedoch einen pathologischen Gesundheitszustand in Folge der Behandlung durch den Beschuldigten Schmid gegeben haben sollte, war die in der Behandlung liegende Körperverletzung durch eine Einwilligung des Zeugen Sinkewitz gerechtfertigt (§ 228 StGB): Die Einwilligung ist wirksam erteilt worden. Nach den Ermittlungen ist davon auszugehen, dass Sinkewitz über die allgemeinen Risiken des Blutdopings durch den Beschuldigten Prof. Schmid im Rahmen der allgemeinen Betreuung des Radsportteams und auch bei der konkreten Behandlung seiner Person aufgeklärt worden ist.

 

Die Unwirksamkeit der Einwilligung wird allenfalls dann angenommen werden können, wenn Fremddoping auch bei hinreichender Aufklärung und daher nach allgemeinen Regeln wirksamer Einwilligung dann als sittenwidrig angesehen wird, wenn schwerwiegende Gesundheitsschäden verursacht worden sind. Dagegen wird Sittenwidrigkeit bei Behandlungen über die Gesundheitsrisiken aufgeklärter erwachsener Berufssportler durch auf diese Dopingmethoden spezialisierte Ärzte nicht angenommen werden können“ (Staatsanwaltschaft Freiburg, Einstellungsverfügung vom 17.07.2012, 14).

8.3.7.5 Aufsichtsverhalten der zuständigen Krankenkasse

Die Einstellungsverfügung der Staatsanwaltschaft Mainz im Ermittlungsverfahren gegen Unbekannt wegen des Verdachts der fahrlässigen Körperverletzung und Betrugs zu Lasten der Krankenkasse bzw. der Solidargemeinschaft der Versicherten im Zusammenhang mit dem Tod von Birgit Dressel weist auf ein weiteres Mosaiksteinchen im komplexen „System organisierter Unverantwortlichkeit“ (Ulrich Beck) hin: Die Krankenkassen wurden den Angaben der Staatsanwaltschaft zufolge bei der Rezeptierung von Dopingmitteln keineswegs zwangsläufig betrogen. War also die Krankenkasse mitschuldig, wenn Armin Klümper Birgit Dressel massenhaft nicht seriös indizierte Medikamente verschrieben hatte, darunter auch anabole Steroide?

 

Auf den mutmaßlichen Abrechnungsmissbrauch wies der Mainzer Sportphysiologe Professor Hans-Volkhart Ulmer in einem Schreiben an die Ministerin für Soziales und Familie des Landes Rheinland-Pfalz, Dr. Ursula Hansen, hin. Unter dem Betreff „Rechts- und Fachaufsicht über die Allgemeine Ortskrankenkasse Mainz/Bingen, hier: Dopingfall Birgit Dressel“ schrieb Ulmer:

 

„Sehr geehrte Frau Minister!

In der Süddeutschen Zeitung vom 10.2.1988 wurde öffentlich behauptet, dass Frau B. DRESSEL vor ihrem Tod bei der AOK Mainz versichert gewesen sei und dass zumindest ein Großteil der Anscheinend horrenden ‚Behandlungskosten‘ von der AOK Mainz übernommen worden seien. Im Hinblick auf die vermuteten Behandlungskosten sei auf die im Nachrichtenmagazin ‚Spiegel‘ genannten Medikamente verwiesen.

Sollte diese Tatsache zutreffen, wären aus meiner Sicht (und der des Juristen LINCK, siehe Anlage S. 2547) Recht und Satzung der AOK verletzt, auch im Hinblick auf Verordnungshöchstsätze für Kassenpatienten.

Meine entsprechende Anfrage bei der AOK Mainz wurde mit Bezug auf ‚datenschutzrechtliche Gründe‘ abgewiesen.

Daher bitte ich, im Rahmen Ihrer Dienstaufsicht zu prüfen, ob die AOK Mainz/Bingen bzw. welche Krankenkasse für Frau B. DRESSEL zuständig war und ob im vorliegenden Fall mit der Übernahme von Behandlungskosten Recht, Satzung und Bestimmung der zuständigen Krankenkasse verletzt wurden.

Mit einer solchen Überprüfung ließe sich exemplarisch klären, ob Medikamentenmissbrauch und Doping bei Spitzensportlern durch gesetzliche Krankenversicherungen zu Lasten der Solidargemeinschaft der Versicherten vorschriftswidrig mitfinanziert werden. Ohne Aufklärung der Beschaffungswege fast unzähliger Medikamente kann aus meiner Sicht der missbräuchliche Einsatz dieser Präparate im Spitzensport mit all seinen Ausstrahlungen auf den Breitensport nicht wirksam bekämpft werden. Worte hat es hierzu genug gegeben (siehe Antwort des Herrn Staatsministers CAESAR auf die kleine Anfrage Nr. 221 vom 19.10.1987)“ (Ulmer an Hansen, 23.03.1988; Unterlagen Hans-Volkhart Ulmer).

 

Ministerin Ursula Hansen informierte Ulmer in ihrem Antwortschreiben vom 21. Juni 1988 über den Sachstand:

 

„[…] Die eingehende Überprüfung der Angelegenheit im Rahmen der Rechtsaufsicht hat ergeben, dass die Allgemeine Ortskrankenkasse Mainz-Bingen weder gegen Gesetz noch sonstiges für sie maßgebendes Recht verstoßen hat.

Allgemein ist zur Übernahme der Kosten von verordneten Medikamenten durch den behandelnden Arzt zu bemerken, dass der Patient mit dem vom Kassenarzt ausgestellten Rezept in die Apotheke geht und dort die verordneten Medikamente erhält. Die Apotheke rechnet in der Regel über ein Apothekenrechenzentrum die abgegebenen Medikamente mit der Krankenkasse ab. Aufgrund dieser Verfahrensweise haben die Krankenkassen keine Möglichkeit, die Bezahlung abzulehnen. Stellt die Krankenkasse im nachhinein fest, dass unrechtmäßige oder unwirtschaftliche Verordnungen vorgenommen worden sind, wird der verordnende Arzt in Regress genommen.

Nach den gesetzlichen Bestimmungen haben Versicherte Anspruch auf die ärztliche Versorgung, die zur Heilung oder Linderung nach den Regeln der ärztlichen Kunst zweckmäßig und ausreichend ist. Leistungen, die für die Erzielung des Heilerfolges nicht notwendig oder unwirtschaftlich sind, kann der Versicherte nicht beanspruchen, der an der kassenärztlichen Versorgung teilnehmende Arzt darf sie nicht bewirken oder verordnen, die Kasse darf sie nachträglich nicht bewilligen. Bei Beachtung dieser gesetzlichen Vorschrift ist meines Erachtens sichergestellt, dass eine rechtswidrige Mitfinanzierung von Medikamentenmissbrauch und Doping bei Spitzensportlern zu Lasten der Solidargemeinschaft der gesetzlichen Krankenversicherung ausgeschlossen ist“ (Ministerin Hansen an Ulmer, 21.06.1988; Unterlagen Hans-Volkhart Ulmer).

 

Auf Nachfrage von Ulmer, der sich aufgrund der für ihn unbefriedigenden Antwort der Ministerin behandelt fühlte „wie ein dummer Schuljunge“ (A. Singler in Mainzer Rhein-Zeitung, 10.04.1992; siehe Singler und Treutlein 2010a, 277), antwortete die Ministerin am 11. November 1988 ergänzend:

 

„Sehr geehrter Herr Prof. Dr. Ulmer,

es ist in der Tat nicht auszuschließen, dass die gesetzlichen Krankenkassen zur Mitfinanzierung rechtswidriger ärztlicher Arzneimittelverordnungen herangezogen werden. Dies ist eine Folge des geltenden Abrechnungsverfahrens, welches ich Ihnen im 2. Absatz meines Schreibens vom 21. Juni 1988 in Kürze dargelegt habe.

Die Krankenkassen haben demnach als Kostenträger im Regelfall keine Möglichkeiten, die Finanzierung illegaler Arzneimittelverordnungen zu verweigern. Stellt sich heraus, dass ein bestimmtes Medikament nicht hätte verordnet werden dürfen, können die Krankenkassen einen Regressanspruch geltend machen, was ich Ihnen ja bereits dargelegt habe. In dem speziellen Fall wird die betroffene Krankenkasse – soweit sich dies als notwendig erweist – den verordnenden Arzt in Regress nehmen.

Die Verantwortung für die Folgen des Medikamentenmissbrauchs bei Spitzensportlern liegt nun einmal bei jenen Personen, welche die Einnahme unzulässiger Arzneimittel zur Erzielung sportlicher Hochleistungen wollen und veranlassen. Den hier in Betracht zu ziehenden Personenkreis übersehen Sie sicher besser als ich.

Mit freundlichen Grüßen

Ursula Hansen“ (Hansen an Ulmer, 11.11.1988; Unterlagen Hans-Volkhart Ulmer).

 

Hans-Volkhart Ulmer wandte sich in der Frage der nicht indizierten Medikationen auch an den Ministerialdirigenten im Bundesministerium für Jugend, Familie, Frauen und Gesundheit, Professor Manfred Steinbach, als Sportmediziner einst selbst Anabolika-Rezepteur. Der frühere Leichtathlet, der sich in den 1970er Jahren mit Keul öffentliche Dispute über die Frage des Dopings und der medizinisch nicht indizierten Behandlungen geliefert hatte und ein Kritiker der dopingfreundlichen Haltung Keuls in den 1970er Jahren war, mochte kein Problem auf Seiten der Krankenkassen sehen, wenn ein Anabolikaabusus mit therapeutischen Intentionen begründet worden wäre:

 

„Was Ihr intensives Bohren in Sachen Krankenkasse anbetrifft, so weiß ich zwar nicht, wie die von Ihnen beanstandeten Verschreibungen gehandhabt worden sind. Aber ich kann mir sehr gut vorstellen, dass hier nicht ein Dopingmittel, nämlich ein Anabolikum mit der Indikation Doping verschrieben wird. Vielmehr hat auch Herr Klümper verschiedentlich gesagt, dass er in der Rehabilitationsphase verletzter Sportler durchaus Anabolika einsetze, was seiner Meinung nach geradezu das Ziel des legalen Einsatzes solcher Mittel sei. Wenn also das Anabolikum im Rahmen einer Behandlung bestimmter Krankheiten mit Abbauerscheinungen eingesetzt wird, dann kann ich mir nicht vorstellen, dass es dann kassenrechtliche Beanstandungen geben kann. Würde man also prüfen, dann stünde ganz sicher nicht auf dem Rezept als Anabolika zum Zwecke des Dopings“ (Steinbach an Ulmer, 04.07.1989; Unterlagen Hans-Volkhart Ulmer).

 

Auch der Dopingrechtsexperte Joachim Linck hatte zur Frage der Abrechnungspraktiken Recherchen angestellt. Am 01. April 1988 informierte er den Sportphysiologen Ulmer darüber:

 

„Sehr geehrter Herr Professor Ulmer,

vielen Dank für Ihr Schreiben, in dem Sie der Frage nachgehen, wer eigentlich die ‚Behandlungskosten‘ bei Birgit Dressel bezahlt hat. Es ist wichtig, dieses Thema nicht versanden zu lassen.

Ich hatte mich in dieser Frage auch schon vor einiger Zeit an den – übrigens sehr qualifizierten – zuständigen Abteilungsleiter im Sozialministerium gewandt. Seine Ermittlungen bei der AOK haben ergeben, dass diese – im Gegensatz zu den privaten Kassen – keine Daten über den Medikamentenverbrauch bei ihren einzelnen Mitgliedern haben und insoweit keine Kontrolle ausüben können. Ich weiß allerdings, dass die KV über jeden Arzt eine lückenlose Liste über die von ihm ausgestellten Rezepte führt. Sofern also die behandelnden Ärzte von Birgit Dressel bekannt sind, könnte festgestellt werden, in welcher Höhe ihr welche Medikamente verschrieben worden sind. Die entsprechenden Summen müssten sich ja dann bei der AOK wiederfinden lassen. Allerdings weiß ich nicht, wie lange diese Unterlagen bei der KV und AOK aufgehoben werden.

Vielleicht könnte man auf diesem Wege vorankommen“ (Linck an Ulmer, 01.04.1988; Unterlagen Hans-Volkhart Ulmer).

 

Nach den Angaben, die das rheinland-pfälzische Sozialministerium zu dem Sachverhalt machte, war es also den Krankenkassen selbst nicht möglich, direkte Informationen über das Rezeptierverhalten von Ärzten zu erhalten. Das wundert insofern, als die Staatsanwaltschaft Mainz im Zuge der Ermittlungen zum Fall Dressel durchaus Rezepte bei der AOK Mainz-Bingen vorgefunden haben will, nämlich als sie anscheinend Ermittlungen zur Praxis der Blankorezepte vornahm:

 

„Die bei der zuständigen Krankenkasse sichergestellten Krankenscheine und Rezepte für den Zeitraum von Januar 1985 bis April 1987 sind ausnahmslos mit den Personalien und dem Geburtsdatum der Verstorbenen versehen. Auch bei Durchsicht sämtlicher von Prof. Dr. Klümper in Mainz eingereichter Rezepte ist kein Blankokopfteil gefunden worden“ (Staatsanwaltschaft Mainz, 18.10.1989; zit. nach Berendonk 1992, 256).[4]

 

Die Recherchen des Wissenschaftlers Hans-Volkhart Ulmer und des Juristen Joachim Linck zur Problematik unrechtmäßiger Mitfinanzierung von Dopingmitteln und Medikationen, die nicht medizinisch indiziert waren und die zu Lasten der Solidargemeinschaft gingen, zeigten insofern Wirkung, als die AOK Mainz-Bingen im April 1988 nach eigenen Angaben über die Kassenärztliche Vereinigung Südbaden gegenüber Klümper Regressansprüche in Höhe von rund 19 000 DM „für nicht verordnungsfähige Arzneikosten, die an zwei Mainzer Patienten verabreicht wurden“ geltend machte. Der Geschäftsführer der AOK Mainz-Bingen, Joachim Fiebig, sagte gegenüber der Mainzer Rhein-Zeitung (26.04.1988; Autor A. Singler): „Es handelt sich dabei um Behandlungskosten, die aus unserer Sicht ungerechtfertigt sind, allerdings nicht um Anabolika.“ Vitaminpräparate, Mittel zur Stimulierung des Immunsystems und „große Mengen von Bädern und Einreibmitteln“ waren nach AOK-Angaben bemängelt worden.

 

Die Behauptung, die ärztlichen Verordnungen seien im Prinzip durch die Kassen nicht kontrollierbar, war schlicht und einfach falsch, und sie war wohl lediglich auf fehlenden gesundheitspolitischen Willen bei Kassen und Aufsichtsbehörden zurückzuführen. Dies beweist der Umstand, dass Jahre zuvor wegen der Rezeptierungspraktiken Klümpers bei der Staatsanwaltschaft Freiburg schon Strafanzeigen eingegangen waren, die letztlich 1989 zur Verurteilung wegen Betrugs führen sollten. Eine Kontrolle der verordneten Medikamente durch die Kassen war also sehr wohl möglich und ist zum Teil auch durchgeführt worden. In Bezug auf die Verordnung von Vitaminpräparate mochte dies mehrfach zu Beanstandungen führen – vergleichweise kostengünstige Anabolika wurden dagegen anscheinend viel eher akzeptiert.

8.3.7.6 Anabolika-Rezeptierungen an Birgit Dressel

Auch wenn die Krankenkasse der verstorbenen Sportlerin keine Dopingrezepte gefunden haben will: Armin Klümper hat seiner Patientin Birgit Dressel wohl zwei verschiedene Anabolika rezeptiert bzw. zukommen lassen. Klümper gab dies weder zu, noch leugnete er in polizeilichen Vernehmungen, dass er es gewesen sein könnte, der die Verstorbene mit Dopingmitteln versorgt hatte (s.u.). Dies wurde in einer Vernehmung des damaligen Trainers und Verlobten der Athletin, Thomas Kohlbacher, durch die Staatsanwaltschaft Mainz am 14. Mai 1987 deutlich, gelangte jedoch erst Mitte der 1990er Jahre an die Öffentlichkeit. Auf die Frage, ob Birgit Dressel Anabolika eingenommen habe, antwortete Kohlbacher, dass sie im März 1987 ein Mittel genommen habe, das sie „von anderen Sportlern bekommen“ habe. Wahrscheinlich handelte es sich hierbei um das Anabolikum Megagrisevit, das Klümper bereits Jahre zuvor den Kaderathleten des Bundes Deutscher Radfahrer flächendeckend rezeptiert und empfohlen hatte. Es sei ihr „ohne Absenderangabe zugeschickt“ worden. Auf die Frage, ob Frau Dressel weitere Anabolika genommen habe, antwortete Kohlbacher:

 

„Sie hat auch davor, etwa seit Beginn 1986, etwas anderes, ein anderes Anabolika genommen. Dieses Mittel trägt den Namen ‚Stromba‘. Sie hat dieses Mittel in mehrwöchigen Intervallen eingenommen, d.h. während der Wettkampfzeit nicht und davor ca. drei Wochen eingenommen, danach eine Zeit nichts eingenommen. Sie hat von diesen Tabletten am Anfang 2 pro Woche genommen und später dann so ca. 5 pro Woche (Höchstdosis). In jedem Falle hat sie nicht mehr als sechs Tabletten pro Woche eingenommen.

Frage:

Wer hat die Behandlungsart, Behandlungsdauer, Dosierung und die anderen Einzelheiten der Einnahme empfohlen oder festgelegt?

Antwort:

Dies ist eigentlich durch keine einzelne Person erfolgt; diese Mittel werden praktisch unter dem Tisch gehandelt – von den Sportlern – und da wird dann auch über die Anwendungsmodalitäten gesprochen. An einzelne Personen in diesem Zusammenhang kann ich mich nicht erinnern. […] Ich sah die ganze Sache mehr als Versuch an, ob dadurch Leistungssteigerungen zu erzielen wären. Die Mittel haben nach meiner Ansicht schon etwas gebracht. […]

Frage:

Hat ein Arzt die Mittel verordnet?

Antwort:

Diese Substanz wurde von Prof. Dr. Klümper verordnet; dies erfolgte auf einem Rezept, auf dem sich nur der Substanzname, der Präparatsname befand. Der Name von Birgit erschien auf diesem Rezept nicht. Bezüglich des zuletzt eingenommenen Mittels (das ich auf meiner Liste aufgeführt habe) kann ich nur nochmals bestätigen, dass dieses Mittel nicht von Dr. Klümper verordnet worden war“ (Zeugenvernehmung Thomas Kohlbachers durch die Staatsanwaltschaft Mainz vom 14. Mai 1987; Quelle: Archiv Franke-Berendonk).

 

Woher Kohlbacher gewusst haben will, dass ein ohne Absenderangabe zugeleitetes Päckchen nicht von Klümper stammte, bleibt offen. Nicht einmal Klümper selbst mochte in seiner Vernehmung durch das 1. Kommissariat Mainz im Mai 1987 ausschließen, dass er es war, der Birgit Dressel das Mittel Megagrisevit hatte zukommen lassen. Seine Ausführungen in dieser Zeugenvernehmung verdeutlichen, dass er unter dem Siegel fragwürdiger medizinischer Indikationen, die den Anti-Doping-Bestimmungen des deutschen und des internationalen Sports zuwider liefen, nahezu obligatorisch Sportler gedopt haben dürfte – vermutlich auch solche, die überhaupt nicht darüber informiert, geschweige denn aufgeklärt waren, dass sie im Rahmen therapeutischer Arzt-Patienten-Konstellationen zum Doping geeignete Mittel erhielten:

 

„Frage:

Was können Sie zu ANABOLICA im Zusammenhang mit Frau Dressel sagen?

Antwort:

Zu Beginn möchte ich sagen, dass ANABOLICA durchaus in das Therapiespektrum meines Instituts gehören, z.B. in Regenerationsphasen, nach Operationen usw.

Eine dauerhafte Anwendung wird hier nicht vorgenommen, sie wäre auch sinnlos.

Drei Tatsachen deuten für mich daraufhin, dass Frau DRESSEL keine ANABOLICA einnahm:

-        die bei uns vorgenommenen Laboruntersuchungen hätten Anhaltspunkte für die Einnahme derartiger Substanzen ergeben, solches lag nicht vor,

-        vom äußeren Aspekt her sehen Sportlerinnen, die ANABOLICA benutzen, anders aus,

-        ich kann mir nicht vorstellen, dass Birgit DRESSEL mit der Benutzung derartiger Substanzen verheimlicht hätte. Zum einen haben wir über das Für und Wider dieser Mittel ausführlich miteinander gesprochen, auch im Rahmen der ganzen Mehrkampfgruppe. Darüber hinaus bestand ein recht enges Vertrauensverhältnis von Birgit DRESSEL zu mir. Sie hätte mir die Einnahme dieser Substanzen wohl kaum verheimlicht.

Auf Frage: Aus den mir vorliegenden Karteikarten ergibt sich nicht, dass Frau DRESSEL von mir oder von einem meiner Mitarbeiter ANABOLICA verordnet erhielt. Diese Krankenunterlagen werden – wie ersichtlich – sehr gründlich und sorgfältig geführt; eigentlich müssten sich derartige Substanzen, wenn sie verordnet worden sein sollten, aus diesen Unterlagen ergeben.

Ich möchte nochmals betonen, dass ich selbst von durch Frau DRESSEL verwendete[n] ANABOLICA nichts weiß, deren Benutzung durch sie ich auch aus den o.g. Gründen auch ausschließe.

ANABOLICA haben einen fest definierten Anwendungsbereich bei Knochen- und Gelenkerkrankungen.

Frage: Wie erklären Sie die Aufnahme von ANABOLICA in Ihrer ‚Strichliste‘?

Antw.: Im Rahmen unseres Therapiekonzeptes, welches ich oben erläutert habe, sind auch diese Mittel anzuwenden, z.B. nach Operationen, Knochenverletzungen, in Regenerationsphasen.

Frage: Was sagen Sie dazu, wenn Ihnen vorgehalten wird, dass Frau DRESSEL mit einem Rezept von Ihnen – ohne ausgefüllten oberen Teil des Rezeptes – sich ANABOLICA in einer Apotheke verschafft hat?

Antw.: Das überrascht mich sehr. Da habe ich keine Erklärung dafür. Rezepte ohne Kopf gehen bei uns eigentlich nicht raus.

Auf Frage: Ich verwende keine sogenannten ‚Blankos‘.

Ich bin sehr überrascht über diesen Vorhalt; ich kann nur sagen, dass Frau DRESSEL im Rahmen der Nachbehandlung nach ihrer Operation, im Jahr 1985, eigentlich planmäßig hätte ANABOLICA bekommen müssen. Dafür finden sich keine Anhaltspunkte in den Unterlagen.

Frage: Ist Ihnen der Name MEGAGRISEVIT ein Begriff?

Antw.: Ja. Es ist ein typisches ganz mildes ANABOLICUM, das wir im Rahmen unserer Therapie auch verwenden. Nach den mir vorliegenden Unterlagen stammt dieses Mittel nicht von uns. Ich habe jedoch insoweit nicht alle Patienten im Kopf. Ich kann nicht ausschließen, dass Frau DRESSEL dieses Mittel von uns erhielt. Die Athleten erhalten bei Verordnung von ANABOLICA ein reguläres Rezept, insbesondere eins mit ausgefülltem Kopf.

Frage: Ist Ihnen das Mittel STROMBA ein Begriff?

Antw.: Ja. Ich kenne alle ANABOLICA, die auf dem Markt sind.

Wir haben dieses Mittel einige Zeit verwendet, seit etwa einem Jahr wird dieses Mittel von uns im Rahmen der Therapie nicht verwendet.

Frage: Lagen nach Ihrer Einschätzung die Voraussetzung für eine ärztlich indizierte ANABOLICA-Therapie nach Beginn 1986 bei Frau Dressel vor?

Antw.: Für den Zeitraum, Anfang 1986 bis spätestens Mai 1986, würde ich dies – allerdings im weiteren Sinne – bejahen.

Aus den Krankenunterlagen ergibt sich für diesen Zeitpunkt, dass eine Kiefernhöhlenentzündung vorlag und damit wohl eine Zeit der Ruhestellung der Athletin erfolgt. Insoweit könnte man – ich betone allerdings im weiteren Sinne – eine Indikation für die Anwendung von ANABOLICA als gegeben ansehen.

Frage: Haben Sie STROMBA verordnet?

Antw.: Aus den Unterlagen ergibt sich dies nicht, es müsste in der Kartei aufscheinen. Ich kann mich jedoch insoweit nicht genau erinnern, mithin nicht ausschließen, dass ich dieses Mittel evtl. verordnet haben könnte.

Frage: Gibt es eine Übung in Ihrem Hause, dass ANABOLICA, - aus welchen Gründen auch immer – in den Krankenunterlagen nicht festgehalten werden?

Antw.: Nein. Ganz im Gegenteil, da diese Substanzen sich in den Dopinglisten befinden, ist es ja ein entscheidende Sache für die Athleten“ (Zeugenvernehmung Prof. Armin Klümpers durch das 1. Kommissariat Mainz vom 15.05.1987; Archiv Franke-Berendonk).

 

Klümper lavierte mit beträchtlichem Geschick in den polizeilichen Vernehmungen um eine Falschaussage herum, die ihm später ernsthaften Ärger mit der Justiz hätte einbringen können. Er gab Anabolikaverabreichungen nicht zu, mochte sie aber auch nicht völlig ausschließen. Die Frage, ob die von Birgit Dressel eingenommenen Anabolika von Klümper stammten oder nicht, war von großer Bedeutung in der Diskussion um eine mögliche Mitschuld des Sportarztes am Tod der Sportlerin, da der bei ihr im Vorfeld der umfangreichen Schmerzmittelbehandlungen aufgetretene schmerzhafte Muskelhartspann anabolikainduziert sein konnte und mit hoher Wahrscheinlichkeit auch war.

 

Den deutschen Sport, von den Athleten bis hinauf zu NOK-Präsident Willi Daume, kümmerten solche Fragen nicht. Und die Spitzen der deutschen Sportmedizin mochten die polypragmatischen und auch sonst umstrittenen Behandlungsmethoden Klümpers zwar kritisieren. Die nicht von der Hand zu weisende Möglichkeit einer Mitschuld Klümpers am Tod der Siebenkämpferin, vor dem ein im Zusammenhang mit Anabolikagaben diskutiertes schmerzhaftes Geschehen ablief, wurde von Klümpers Kollegen dagegen pauschal und ohne jede Würdigung von möglichen Gegenargumenten zurückgewiesen. Kritik mag es im Detail gegeben haben, die Solidarität mit einem – ansonsten so ungeliebten Kollegen – überwog jedoch. Dass die Sportärzteschaft insgesamt – im Gegensatz zu ihrer Führung – Klümper anscheinend sehr kritisch gegenüberstand und sich berufsrechtliche Maßnahmen gegen den Freiburger Sportmediziner durchaus erhoffte, zeigt ein offener Brief, den der Arzt und Medizinjournalist Hans Jürgen Richter am 18. Februar 1988 an den baden-württembergischen Wissenschaftsminister Helmut Engler schrieb:

 

„Sehr geehrter Herr Minister,

aufgrund des Dressel-Gutachtens wurden auf einer Fortbildungsveranstaltung des Deutschen Sportärztebundes am 7.2.1988 in Mainz auch standesrechtliche Konsequenzen für Herrn Professor Dr. Armin Klümper, ‚Sporttraumatologe‘ aus Freiburg, dringend gefordert. Wie mir durch die zuständige Ärztekammer Südbaden mitgeteilt wird, kann diese nicht tätig werden, da Herr Professor Klümper Beamtenstatus genießt (§ 56 Kammergesetz Ihres Landes).

Ich möchte Sie deshalb öffentlich auffordern, Ihre Zustimmung zu geben, damit die Kammer endlich handlungsfähig wird. Alternativ könnten Sie natürlich – wegen doppelter Zuständigkeit – auch im Rahmen eines Dienstordnungsverfahrens aktiv werden“ (Offener Brief Richters an Engler, 18.02.1988; Archiv Franke-Berendonk).

Einmal mehr aber versandeten Versuche, die ethisch fragwürdigen und häufig unzweifelhaft verwerflichen Aktivitäten Klümpers zu stoppen und zu ahnden, in Stuttgart, in den Gefilden der baden-württembergischen Landesregierung.



[1] Das Manuskript war von Klümper zum Abdruck in der Zeitschrift Therapiewoche gedacht, die von einer Publikation jedoch absah (siehe etwa Schreiben Klümpers an Chefredakteur Hans Jürgen Richter, 19. Juni 1989; Unterlagen Hans-Volkhart Ulmer). Die Urfassung dieses Klümper-Manuskriptes war eine direkte Replik auf den Artikel im Spiegel (Nr. 37/1987).

[2] Dass die Behandlung bei Klümper jahrzehntelang ohne Nebenwirkungen bei Patienten durchgeführt worden wären, ist natürlich eine unhaltbare Aussage. Es wäre erst noch zu untersuchen, wie weitgehend die unerwünschten Nebenfolgen der Behandlungen Klümpers bei vielen Patienten einerseits spontan, andererseits auf lange Sicht waren. Punktuell ist in Gesprächen mit Zeitzeugen jedoch deutlich geworden, dass unerwünschte Nebenwirkungen etwa in den 1970er Jahren durchaus bereits zu beklagen waren. So berichtete etwa der Diskuswerfer Hein-Direck Neu im Gespräch mit der Evaluierungskommission von Unverträglichkeiten der zahlreichen ihm verabfolgten Spritzen (siehe Abschnitt 8.6.2). Ein weiterer Zeitzeuge will durch die Behandlung bei Klümper einen Zusammenbruch erlitten haben: „Und dann habe ich eine Spritze ins Knie bekommen und noch wegen der Wade eine Spritze bekommen. Und dann bekam ich richtig körperliche Probleme. Es war einfach zuviel, was er mir da alles gegeben hat. Ich weiß nicht, was es war. Das finde ich das Schlimmste, […] dass man nicht genau weiß, was er da gemacht hat. Und das ärgert mich am meisten, dass ich da nicht nachgefragt habe. […] Also überall, wo Drüsen sind, war es ange­schwollen so ein bisschen, mir war hundeelend. Ich habe mich sofort hingelegt, dann kamen gleich mehrere Ärzte, und dann war ich auch einen halben Tag zur Beobachtung da. Das war glaube ich nicht so ganz ohne. […] Ich bin deshalb nicht mehr hingegangen, weil diese Nebenwirkungen, also das hat mich komplett umgehauen. Und da bin ich auch richtig erschrocken. Ja, er hat auch immer gesagt, das wäre irgendwie etwas Pflanzliches, aber ich glaube, da kann man auch Menschen mit […][Satz unvollendet]” (Zeitzeugeninterview […]).

[3] Nach der kriminalsoziologischen Theorie der bei abweichendem Verhalten zum Einsatz kommenden Neutralisierungstechniken (Sykes/Matza 1968) wäre hier von einem „Angriff auf die Angreifer“ zu sprechen.

[4] An die Praxis der so genannten Blankorezepte vermochte sich ein von der Evaluierungskommission befragter Zeitzeuge, ein früherer Mitarbeiter Klümpers, noch zu erinnern: „Und es war zu meiner Zeit eigentlich noch Usus, es gab so genannte Blankorezepte, so etwas kenne ich auch noch. Dann wurde gesagt, Du gehst zur Apotheke, und dann schreibt die rein, was du brauchst und dann verschwindet das Rezept. Es war also alles möglich. In St. Georgen gab es die entsprechende Apotheke“ (Zeitzeugeninterview 19). Nach Schilderung des Zeugen wäre ein Auffinden von Blankorezepten bei den Krankenkassen also nicht mehrer erwartbar, da es überhaupt nicht von den Apotheken weitergegeben worden wäre. Eine Verrechnung, darauf weisen verschiedene Schilderungen hin, erfolgt dann ggf. mit nicht in Anspruch genommenen, ordnungsgemäß rezeptierten Mitteln zur Substitution. Allerdings sind Anabolika nach anderen Zeitzeugenangaben durch einen anderen Mitarbeiter Klümpers auch in der zweiten Hälfte der 1980er Jahre durchaus noch per Rezept verschrieben und ordnungsgemäß über eine Krankenkasse abgerechnet worden (Zeitzeugeninterview 81).

 

10. Schlussbemerkungen: Systematisches Doping in der Bundesrepublik Deutschland – Klümper als Bad Bank

Mit den Gutachten zu Herbert Reindell (Singler und Treutlein 2014), Armin Klümper und Joseph Keul (Singler und Treutlein 2015) sowie zweier weiterer Gutachten zu den Komplexen „Systematische Manipulationen im Radsport und Fußball“ (Singler 2015a) und Doping bei Team Telekom/T-Mobile (Singler 2015b) wird insbesondere das Ziel verfolgt, Antworten auf die Frage zu finden, welche Rolle Doping bzw. medizinisch nicht indizierte Maßnahmen zum Zweck sportlicher Leistungssteigerung in Einrichtungen der Universität bzw. des Universitätsklinikums Freiburg in den zurückliegenden Jahrzehnten gespielt haben. Das hier vorliegende Gutachten beschäftigt sich mit dem Wirken Klümpers, über den bereits seit Jahrzehnten klare Befunde und sogar manches Selbstbekenntnis zu Dopinghandlungen vorliegen. Nicht die Frage, ob Klümper gedopt hat, war mit dieser Arbeit somit zu klären, sondern eher Fragen wie:

 

  • in welchem Umfang man sich diese Aktivitäten vorzustellen hat,
  • mit welchen subjektiven Rechtfertigungen, sogenannten Techniken der Neutralisie­rung, er diese Handlungen ärztlich-ethisch plausibilisierte, 
  • ob und warum diese Aktivitäten den Ausdruck „systematisches Doping“ verdienen und insbesondere
  • inwieweit das Doping aus der Praxis Klümpers sich über die Vertraulichkeit des Arzt-Patienten-Verhältnisses hinaus als sozialer Prozess beschreiben lässt, der die von vornherein soziologisch unplausible Einzeltäterhypothese konterkariert und den Anteil von Umfeldakteuren an der Devianz Klümpers offen legt sowie Mitverantwortlichkeiten zurechenbar macht.

Dafür wurden unter Anwendung gängiger Methoden geistes- und sozialwissenschaftlicher Forschung alle erreichbaren Quellen nach Möglichkeit erschlossen und für die historisch-soziologische Forschung verfügbar gemacht. Neben der erneuten Rezeption bereits hinlänglich bekannter öffentlicher Quellen (z.B. Medienberichte) und der bereits vorliegenden wissenschaftlich relevanten Literatur (Berendonk 1991; 1992; Singler und Treutlein 2010a und b; Singler 2012a) konnte auf mehr als 90 Zeitzeugeninterviews zugegriffen werden, die die Evaluierungskommission Freiburger Sportmedizin zwischen 2010 und 2014 geführt hat. Desweiteren wurden im Rahmen einer Neuauswertung von rund 45 Interviews, die Singler und Treutlein zwischen 1996 und etwa 2000 für das Forschungsprojekt „Doping im Spitzensport“ (Pädagogische Hochschule Heidelberg) geführt haben, punktuell Daten auch für dieses Gutachten gewonnen und erstmals verwendet. Besonderes Gewicht wurde zudem auf die Rezeption von Quellen gelegt, die der Forschung bis vor wenigen Jahren noch verschlossen waren. Mehr als ein Dutzend Archive aus öffentlichen Einrichtungen wie auch aus privater Hand konnten für dieses Gutachten ausgewertet werden. Sie ergaben insbesondere zur Rolle von Politik, insbesondere der Landespolitik und zum Verhalten der Universität und des Klinikums zum „Problem Klümper“ ein teilweise neues, auch überraschendes Bild. 

 

Armin Klümper hat, das hat die mit diesem Gutachten zum Ausdruck gebrachte Arbeit der Evaluierungskommission Freiburger Sportmedizin zweifelsfrei ergeben, für die alte Bundesrepublik Deutschland in einem Umfang Dopingpraktiken angewendet, die weit über das ohnehin schon bekannte Maß hinausgehen. Seine Aktivitäten können nun umfangreicher und präziser rekonstruiert werden als dies bisher der Fall war. So hat er praktisch sämtlichen Kaderathleten des Bundes Deutscher Radfahrer ein Programm empfohlen, bei dem neben einer Vielzahl an Vitaminpräparaten anabole Steroide in vier verschiedenen Varianten zum Einsatz kommen sollten. Dieses Dopingkonzept wurde ganz eindeutig auch in die Wirklichkeit umgesetzt, auch unter Mitwirkung eines seiner Mitarbeiter, das beweisen die Zahlungen des BDR für umfangreiche Medikationen der gesamten Verbandsärztetruppe (vgl. Singler 2015a). Womöglich oder besser: wahrscheinlich hat in diesem Zusammenhang sogar Minderjährigendoping stattgefunden. Dieses wird allerdings von dem dafür laut Aktenlage in Frage kommenden früheren Verbandsarzt Dirk Clasing – mit einer nicht sehr glaubwürdig erscheinenden Argumentation – abgestritten. Ferner hat Klümper die Vereinsapotheken zweier Profiklubs im Fußball, den VfB Stuttgart und den SC Freiburg, u.a. mit Anabolika versorgt – dieser Komplex ist Gegenstand des Sondergutachtens „Systematische Manipulationen im Radsport und Fußball“ (Singler 2015a). 

 

Klümper hat Diskuswerfer des Deutschen Leichtathletik-Verbandes sehr wahrscheinlich praktisch obligatorisch mit Dopingmitteln versorgt, wobei mindestens einer seiner früheren Mitarbeiter, nicht identisch mit oben bezeichnetem Assistenten, beteiligt war. Die aktiven Dopinghandlungen Klümpers korrespondierten dabei mit einer sogenannten Gesundheitsüberwachung in der Abteilung Sport- und Leistungsmedizin, in deren Rahmen für eine gewisse Zeit (ca. 1976 bis 1984) Leber- oder Blutfettwerte bestimmt und durch Keul zumindest vereinzelt nach einer Zeitzeugenangabe auch Dosierungsempfehlungen für Anabolika ausgesprochen wurden. Dabei wurde der frühere Diskuswerfer Alwin Wagner nach eigenen Angaben punktuell von Keul sogar dazu ermuntert, Dosiserhöhungen vorzunehmen. 

 

Stellt man in Rechnung, dass Klümper bis 1998 integraler oder zuletzt immerhin noch subalterner Bestandteil des westdeutschen sportmedizinischen Betreuungssystems des Spitzensports war, lässt sich die Zahl der von ihm gedopten Athleten allenfalls erahnen: es müssen hunderte, wenn nicht tausende Sportler und zum Teil auch Sportlerinnen gewesen sein, die mit Klümper von einem langjährigen Mitglied des Universitätsklinkums und der Universität Freiburg aktiv im Sinne des Sportrechts gedopt bzw. mit medizinisch nicht indizierten Behandlungen überzogen worden sind. Zumeist, auch dies sei gesagt, geschah dies gemäß eigenem Willen der zumeist männlichen Sportler – wobei in vielen Fällen von einer rechtswirksamen Einwilligung aufgrund der wohl standardmäßig fehlenden Aufklärung nicht auszugehen ist. Zudem ist zumindest diskussionswürdig, ob eine Einwilligung trotz Aufklärung unwirksam sein könnte, wenn man bei dieser ärztlichen Handlung Sittenwidrigkeit annimmt. Diese Position hat sich in der Rechtssprechung – für viele unverständlich – aber nicht durchsetzen können (vgl. Schöch 2015). 

 

Da Klümper seine Medikationen selbst für unschädlich, ja sogar für essentiell im Hinblick auf die von ihm propagierte salutogen ausgerichtete Behandlungsstrategie gehalten zu haben scheint, ist jedoch um so weniger von einem Informed consent, also einer informierten oder im strafrechtlichen Sinne wirksamen Einwilligung, auszugehen: Wozu über „Ungefährliches“ aufklären? Viele Patienten wussten offenbar noch nicht einmal, was ihnen im Zuge von umfangreichen Behandlungen – die von jenen berühmt-berüchtigten zu „Klümper-Cocktails“ zusammengemischten Injektionen geprägt waren – überhaupt an Substanzen verabreicht worden ist geschweige denn, welche möglichen Nebenwirkungen diesen allein oder im synergetischen Zusammenwirken mit anderen Substanzen zukommen konnten. 

 

Es gibt somit gute Gründe, für die Bundesrepublik Deutschland von systematischem und teils auch flächendeckendem Doping bzw. von dahingehenden Versuchen zu sprechen. Klümpers zumindest in Ansätzen öffentlich durchaus bekanntes und so auch immer wieder von ihm selbst verteidigtes dopinggestütztes Therapie- und Leistungsförderungskonzept ist nicht nur – schon gar nicht für die Dauer von mehreren Jahrzehnten – über eine hohe Bereitschaft zur individuellen Devianz zu erklären. Ohne politische Unterstützung und ohne ein breites institutionelles Stillhalten, etwa von Strafverfolgungsbehörden, der zur Finanzierung eines nicht geringen Teils dieser Dopingaktivitäten herangezogenen Krankenkassen oder der einschlägig für ihr Dopingproblem bekannten bundesdeutschen Sportverbände und der Dachorganisationen Deutscher Sportbund und Nationales Olympisches Komitee wäre Klümpers Wirken nicht dauerhaft zu realisieren gewesen. 

 

Bei der Zuschreibung von Verantwortlichkeiten müssen zudem viel stärker als dies bisher möglich war lokale und regionale Gesichtspunkte berücksichtigt werden. Die baden-württembergische Landesregierung spielt auf der Seite derer, die Klümper nahezu bedingungslose Unterstützung zukommen ließen, eine besonders unrühmliche Rolle. Wie bereits im Gutachten zu Herbert Reindell im Zusammenhang mit der Gründung des eigens für Keul zugeschnittenen Lehrstuhls Sport- und Leistungsmedizin ausgeführt (Singler und Treutlein 2015, 112 ff.), hat die Landesregierung immer wieder autoritär in das universitäre Selbstbestimmungsrecht eingegriffen, um die sportmedizinische Sportlerbetreuung in Baden-Württemberg auszubauen. Dies angesichts der gleichzeitig öffentlich bekannten und von Klümper phasenweise selbst ganz offen eingeräumten Dopingaktivitäten allein mit der Sorge um die Gesundheit der Sportlerinnen und Sportler zu begründen, wäre naiv. 

 

Nicht nur der Lehrstuhl Keuls wurde so gegen den Widerstand der Universität politisch durchgesetzt, auch die Sporttraumatologische Spezialambulanz wurden gegen teils erbitterten Widerstand der Universität, der Medizinischer Fakultät und des Klinikums politisch geradezu befohlen. Dabei ist nicht auszuschließen, dass zum Teil sogar über rechtswidrige Hilfskonstruktionen Wege gefunden wurden, Klümper eine Tätigkeit offiziell zu erlauben, für die ihm arztrechtlich die Qualifikation fehlte. Ohne orthopädische oder traumatologische Facharztausbildung hätte nach damaligem Rechtsverständnis der medizinischen Experten der Universität Freiburg dem Radiologen Klümper niemals die Betreuung von Sportlern als Dienstaufgabe übertragen werden dürfen. 

 

Die über jedes normale Maß hinausgehende Unterstützung, die Klümper neben dem Bonner BMI insbesondere durch die Landesregierung in Stuttgart erfahren hat, verweist auf eine politische Mitverantwortung nicht nur für die therapeutischen Erfolge, die Klümper für sich in Anspruch nahm und die ihm auch von vielen seiner Patienten zugeschrieben wurden, sondern auch für alle Verfehlungen, die ihm anzulasten sind. Dies gilt für den letztlich noch immer ungeklärten Tod Siebenkämpferin Birgit Dressel. Da am Anfang des tödlichen Geschehens eine Schmerzsymptomatik (schmerzhafter Muskelhartspann) auftrat, die in der DDR-Literatur als häufigste schädliche Nebenwirkung von Anabolika bekannt war, steht Klümper als – nach eigenen Angaben – möglicher Rezepteur von anabolen Steroiden bei Dressel, u.U. am Anfang einer Kausalkette, die mit dem Tod der Athletin endete (siehe auch Berendonk 1992, 258). Zudem ist nach Meinung der damaligen medizinischen Gutachter nicht auszuschließen, dass die polypragmatische Behandlung bei Klümper mit ihren unüberschaubaren Nebenwirkungen einen Beitrag zum tödlichen Geschehen leistete bzw. dieses überhaupt erst in Gang gesetzt hatte. 

 

Das Dopingsystem der Bundesrepublik Deutschland, in dem Freiburg und durch die hohe aktive Komponente insbesondere Klümper eine zentrale Rolle spielten, ist ohne ein fast kollektives institutionelles Versagen – wenn es denn nur das war – nicht vorstellbar. Zwar wurde gegen Klümper wegen Betrugs strafrechtlich ermittelt. Damit in Zusammenhang stehende mögliche Körperverletzungshandlungen aber wurden nie strafrechtlich thematisiert, obgleich hier Ermittlungsansätze offensichtlich waren. Dies gilt umso mehr, als sich aus den Akten der Staatsanwaltschaft zu den Betrugsverfahren gegen Klümper sogar Hinweise auf mögliches Minderjährigendoping – im Bund Deutscher Radfahrer – aufzeigen lassen. Dieser Eindruck unterlassener, aber damals durchaus geboten erscheinender strafrechtlicher Ermittlungen wegen möglicher Körperverletzungshandlungen ließ sich durch die Aussage eines früheren Ermittlers im Zeitzeugengespräch nach Auffassung der Gutachter erhärten (Zeitzeugeninterview 92, Anhang).

 

Wenn es dann doch einmal zu Ermittlungsverfahren gegen Klümper wegen des Verdachts der Körperverletzung kam, wie 1987 bei der Staatsanwaltschaft Mainz im Zusammenhang mit dem Todesfall Birgit Dressel oder nach 1996 wegen der unerlaubten Wachstumshormon- und Kortison-Behandlungen bei einer weiteren Leichtathletin, wurden die Verfahren mit Begründungen eingestellt, die dopingwilligen Ärzten wie aus einem Lehrbuch der juristischen Dopingfreigabe erscheinen konnten. Nach Auffassung der Staatsanwaltschaft Freiburg 1998 war etwa die Verabreichung von Dopingpräparaten durch Injektionen ohne Wissen und Einwilligung der Betroffenen straffrei, wenn man die Substanz, für die keine Einwilligung vorlag, mit einer Substanz mischte, für die eine Einwilligung vorlag (vgl. im Gegensatz dazu z.B. Schöch 2015). Bereits aus der Einstellungsverfügung in Mainz rund ein Jahrzehnt zuvor hatten dopingwillige Ärzte lernen können, dass sie bei Doping straffrei bleiben, wenn sie eine subjektive therapeutische Indikationsstellung mit illegitimen oder illegalen Medikationen verbinden oder eine solche Indikationsvorstellung zumindest vortäuschen. 

 

Da bekannt ist und durch Zeitzeugenbefragungen durch die Evaluierungskommission auch mehrfach belegt werden konnte, dass Klümper selbst oder mindestens einer seiner damaligen Mitarbeiter zumindest auch noch in den 1980er Jahren Anabolika über Rezepte zu verordnen pflegten, die dann auch tatsächlich über Krankenkassen abgerechnet worden sind, muss die Akzeptanz solcher Rezepte durch Kassen und Kassenärztliche Vereinigungen und damit die Mitfinanzierung des westdeutschen Dopings durch die Solidargemeinschaft der Kassenpatienten angenommen werden und zugleich Erstaunen hervorrufen. Gegen Klümper wurden praktisch permanent Regressforderungen z.B. wegen dessen hoher Vitaminverordnungsrate geltend gemacht. Die Verordnungen von zum Doping geeigneten Medikamenten wie den anabolen Steroiden, für die etwa der Deutsche Sportärztebund zumindest ab 1977 keinerlei medizinischen Indikationsstellungen bei Sportlern mehr zu akzeptieren bereit war, wurden dagegen anscheinend in aller Regel klaglos hingenommen. Immerhin lassen sich für die Zeit Ende der 1970er Jahre diesbezüglich wenigstens in einem Fall kritische Rückfragen von Krankenkassen nachweisen, die Klümper mit offensichtlichen Scheinindikationen befriedete (vgl. dazu Singler 2015a).

 

Armin Klümper wurde, so umfassend und schwerwiegend die Vorwürfe gegen ihn auch waren, immer wieder und bis zu seinem endgültigen Ausscheiden aus der Sporttraumatologischen Spezialambulanz politisch gestützt, wenn auch ab Mitte der 1990er Jahre mit abnehmender Tendenz. Innerhalb des Bundesinnenministeriums, das Medikationen mit auf der Dopingliste stehenden Präparaten in Einzelfällen nachweisbar indirekt über den Deutschen Sportbund finanzierte und auch für einen dopingrelevanten „Ärzteplan“ im Bund Deutscher Radfahrer der 1970er Jahre aufkam (Singler 2015a), war nach Aktenfunden der Evaluierungskommission eine kritische Beschäftigung mit einem solch ausgewiesenen Doping-Arzt bis weit in die 1990er Jahre hinein nicht möglich. Damit steht das BMI für Verfehlungen Klümpers bzw. für eine unbefriedigende Aufarbeitung in einer klaren Mitverantwortung, die dort im einzelnen erst noch aufzuarbeiten wäre.

 

Nach dem Ausscheiden aus dem Landesdienst 1990 wurde Klümper die Amtsbezeichnung außerplanmäßiger Professor wiederverliehen, ohne dass seine lange Liste an Straftaten und disziplinarrechtlich relevanten Verfehlungen hierfür einen Hinderungsgrund dargestellt hätte. Dabei ist zu fragen, wieso eine Universität, die im großen Stil von Klümper über die Vorenthaltung von Sach- und Nutzungskosten betrogen worden ist, der Wiederverleihung des Titels – ein mehr als ungewöhnlicher Vorgang – unter Umgehung der in dieser Frage skeptischen Medizinischen Fakultät – zustimmen konnte, obwohl der Mediziner als Wissenschaftler dort kaum ernst genommen wurde und obwohl eine aktive Beteiligung in der Lehre der Medizinischen Fakultät in der Vergangenheit praktisch nicht nachweisbar war. Bei allem erbitterten Widerstand der Universität gegen die politisch angeordnete Etablierung Klümpers innerhalb der Klinikumsstrukturen muss man auch festhalten: Gegen Klümper wurde Verschiedenes vorgetragen – der Vorwurf des Dopings gehörte nicht ein einziges Mal dazu. 

 

Klümper war, nach allem, was sich sagen lässt, derjenige Sportmediziner in der Geschichte des Hochleistungssports der Bundesrepublik Deutschland, der wie kein anderer aktiv am Doping der Sportler und zum Teil auch der Sportlerinnen mitwirkte. Klümper rezeptierte Dopingmittel augenscheinlich im großen Stil über Jahrzehnte hinweg. Er zeichnet damit – auch aus seiner eigenen Sicht – für Weltrekorde und viele Spitzenleistungen mitverantwortlich, die ohne Dopingmaßnahmen vor dem Hintergrund der damaligen internationalen Leistungsentwicklungen in der Regel nicht denkbar waren. Diese Erfolge wiederum halfen ihm, gegenüber der Politik und dem Sport auf nahezu einmalige Weise Ressourcen zu akquirieren. Ohne Doping hätte Klümper zwar immer noch vielen Athleten und anderen Patienten zu helfen versucht und sicherlich teils auch vermocht – der Eindruck wäre jedoch ein völlig anderer gewesen. 

 

Mit dem Wirken Klümpers ist also ein jahrzehntelang andauernder Dopingskandal zu beschreiben, der den Telekom- bzw. T-Mobile-Skandal des Radsports und der Freiburger Sportmedizin an Bedeutung zweifellos sogar noch übertrifft – und dies will etwas heißen! Dies lässt sich nicht nur angesichts der bloßen Zahl der betroffenen Sportler und Sportarten konstatieren, sondern auch eingedenk der mannigfaltigen institutionellen und politischen Unterstützung, die Klümper im Verlauf seiner Karriere zuteil wurde – eine Karriere, die von permanenter medizinischer und auch strafrechtlich relevanter Devianz gekennzeichnet war. 

 

Die Dimensionen des Dopingskandals, der mit dem Wirken von Klümper verbunden ist, erschließen sich erst, wenn man in die Überlegung einbezieht, wie viel Unterstützung der in ständigem Konflikt mit wie immer gearteten Regeln lebende Arzt von vielen Seiten erfahren hat. Wo liegen die Verantwortlichkeiten? Klümpers Handlungen sind zweifellos zunächst einmal ihm selbst zuzuschreiben; ferner selbstverständlich auch vielen seiner gedopten Patienten, sofern sie um Manipulationsmaßnahmen tatsächlich nachgesucht und gewusst haben, aber auch zahlreichen Umfeldakteuren aus Sport, Politik, Medizin, Wissenschaft, den unterwürfigen Medien – nicht zuletzt denen im Breisgau – oder der Justiz. So wie Doping als soziologisches Phänomen in seiner tatsächlichen Komplexität nur als „intersystemisches Konstellationsprodukt“ (Bette und Schimank 2006, 237) begreifbar wird, so ist auch der jahrzehntelange fulminante Erfolg Klümpers als so apostrophierte medizinische Kapazität (nicht genau zu definierender Provenienz) nur über konstellatorische Effekte zu verstehen. Bette und Schimank (2000, 91) beschreiben in diesem Zusammenhang die Selbstwahrnehmung solcher Interaktionspartner mit den Worten: „Diese Konstellation ist stärker als jeder in sie verstrickte Akteur, so dass keiner sich anders verhalten kann, als er sich verhalten hat.“ Dieses charakterisiert aber eben nur die Selbstwahrnehmung. Klümper hätte wohl leicht aufgehalten werden könnnen, hätten nur einige wenige der Ko-Akteure in diesem gigantischen Manipulationsgeschehen daran ein wirkliches Interesse gezeigt oder die Courage, die von Personen in entsprechenden Positionen erwartet werden durfte. 

 

Stattdessen ist, mit Bette und Schimank (1995, 225) bzw. dem von diesen zitierten Soziologen Niklas Luhmann gesprochen, von einer vielfach „erwünschten Illegalität“ oder auch von einer „brauchbaren Illegalität“ (dies. 1995, 360 ff.) der Handlungen Klümpers und seiner Patienten vor allem im Sinne der sportlichen Konkurrenzfähigkeit und internationaler Erfolge auszugehen. Er verbürgte sportliche Leistungen, die in der Leistungsgesellschaft BRD hochgradig erwünscht waren und zur nationalen Repräsentation beitragen sollten. Soziologisch ausgedrückt stand Klümper mit seinen Dopingtherapien für einen kulturellen Wert, zu dessen Verwirklichung entgegenstehende normative Standards gewisser vertraulicher Modifikationen bedurften (zur soziologischen Anomietheorie siehe Merton 1968).

 

Der Skandal um Klümpers Doping ist somit ein Skandal des Spitzensports und all jener sozialen Akteure, die sich von diesem materiellen oder immateriellen Nutzen versprechen – nicht zuletzt der Politik auf verschiedenen Ebenen. Besonders deshalb bezeichnen wir das Doping in der Bundesrepublik Deutschland als systematisch. Systematisches Doping liegt, in Anlehnung an eine Definition der Verfasser dieses Gutachtens aus dem Jahr 2000, etwa dann vor, wenn z.B. Anabolikadoping „nicht eine Frage individueller Devianz ist, sondern eine Erscheinung, die vom sozialen System des Spitzensports [...] aktiv gefördert oder zumindest geduldet und dadurch im Sinne von Unterlassungshandlungen ebenfalls ermöglicht wird“ (Singler und Treutlein 2010a, 222).

 

Diese Definition ist zweifellos dahingehend zu ergänzen und damit an einer noch weitaus höheren Komplexität auszurichten, dass sämtliche Umfeldakteure aus Politik, Wirtschaft, Wissenschaft, Gesundheitswesen, Medien oder Justiz in die Überlegungen miteinbezogen werden müssen. Klümpers medizinische Rolle innerhalb dieser hochkomplexen sozialen Konfiguration ist eindeutig: er garantierte, dass die Athleten durch einen von ihm selbst anscheinend nicht immer genau zu unterscheidenden Mix aus Therapie und offener leistungssteigernder Manipulation erfolgreich sein konnten.

 

Doping als soziologisches Phänomen indessen ist zu vielschichtig, als das es auf einen Hauptakteur reduziert werden könnte. Beim Doping in Westdeutschland, soweit wir es in der Beschäftigung mit Klümper überschauen können, ist über die dem vertraulichen Arzt-Patientenverhältnis überstellte Kernaktivität hinaus von einer komplexen Verschwörung zum Doping zu sprechen. Diese musste nicht erst über formale Kommunikationsprozesse hergestellt werden. Dafür brauchte es in der Regel keine Konferenzen, obwohl es sie vereinzelt  sogar gab wie etwa die Freiburger Tagungen im Oktober 1976 mit einem skandalösen Anabolika-Freigabebeschluss durch die Verbandsärzte. Die Zustimmung zu Manipulationsmaßnahmen durch einen Vertreter der Bundesregierung im Rahmen der Einweihung des sportmedizinischen Erweiterungsbaus 1976 wurde sogar vor laufenden Fernsehkameras geäußert und im Rahmen einer sonntäglichen ARD-Sportschau unter einem Millionenpublikum verbreitet.

 

Besser aber wäre von einer Verschwörung zum Doping durch das Schweigen über Doping zu sprechen. Doping als sozialer Prozess ist vor allem als – in aller Regel – nonverbale Verabredung zum Unterlassen zu verstehen, die über die allenthalben greifbare Herausbildung von Kommunikationstabus theoretisch begründet werden kann.[121] Das verstehen wir unter systematischem Doping in einer Gesellschaft wie der Bundesrepublik Deutschland. Und gerade solche Systeme organisierter Unverantwortlichkeit sind kennzeichnend für das Doping in demokratischen Gesellschaften. 

 

Diese Tabuisierung der Kommunikation über Doping bzw. über bestimmte Spielarten des Dopings lässt sich zeitlich zuverlässig verorten: für die Zeit nach den Olympischen Spielen 1976 bzw. der Verabschiedung der Grundsatzerklärung für den Spitzensport durch den Deutschen Sportbund und das Nationale Olympische Komitee 1977. Öffentliche Debatten um Manipulationspraktiken, die zum Teil noch nicht einmal formell unter Doping einzuordnen waren, hatten verdeutlicht, dass ein auf Doping und andere Formen der Manipulation basierender Spitzensport und eine diesen dahingehend unterstützende Sportmedizin in der Bevölkerung weithin abgelehnt wurden. Der Schaden, den der Sport und seine Unterstützungssysteme aus dieser Debatte davontrugen, war immens (siehe zu dieser Debatte insbesondere Berendonk 1991; 1992; Singler und Treutlein 2010a; Singler 2012a; Spitzer et al. 2013; Krüger et al. 2014).

 

Wer immer, ob der Sport, die Sportmedizin oder die Politik bestimmte Dopingmaßnahmen direkt gefördert, gefordert oder zumindest offen befürwortet hatte, musste sich nun korrigieren. Risikosoziologisch gesehen war für diesen kritischen Moment, indem sogar für den in der Regel umfassend informierten Topfunktionär Willi Daume die Integrität der Freiburger Sportmedizin in Frage gestellt wurde, die Aufgabe ihrer aktiven Unterstützungsrolle durch die meisten Mitspieler dieses Dopinggeschehens erwartbar und plausibel: „Laufende Irritation durch Fälle, in denen etwas schief gegangen ist, setzt sich so, langfristig gesehen, in programmierte Vorsicht um“, schreibt der Soziologe Niklas Luhmann (2003, 210). 

 

Dass hierfür zugleich Doping – und gleichbedeutend nach Meinung vieler Leistungssport­experten auch die internationale Wettbewerbsfähigkeit – aufzugeben waren, ist damit allerdings nicht gesagt. Nur nahm die Bedeutung einzelner Innovateure (seien sie Ärzte, Athleten oder Trainer) im Dienste der spitzensportlichen Unterstützungsgemeinde nun zu. Ihre Bereitschaft zur selbstverantwortlichen Aktion entband den Rest der vor allem durch Unterlassungshandlungen gekennzeichneten Verschwörungsgemeinschaft nunmehr von eigenen aktiven Handlungen oder selbst von einer simplen Wahrnehmung verbotener Vorgänge. Das System erblindete gewissermaßen gegen das von ihm selbst produzierte Phänomen des Dopings.

 

Allerdings war diese aktiv hergestellte Nichtsichtbarkeit der Dopingproblematik des Sports oder der Sportmedizin in der in Westdeutschland gepflegten Variante nur über externe Absicherungen hervorzubringen. Diese sind nicht zwingend mit Dopingabsicht gleichzusetzen. Sie konnte auch aus anderen Motiven erfolgen, etwa aus der Überzeugung heraus, dass die Klümper von vielen nachgesagten überragenden diagnostischen und therapeutischen Fähigkeiten und sein „selbstloser“ Einsatz für zahllose Patienten moralisch jene ihm zur Last gelegten wirtschaftskriminelle Aktivitäten oder Dopinghandlungen bei weitem überwiegen würden. So wären Interventionen oder Unterlassungshandlungen durch Politiker und hohe Beamte in Ministerien zu erklären, die schützend die Hand über Klümper gehalten hatten. Unterlassungshandlungen sind jedoch keineswegs nur indirekte Handlungen oder Handlungen zweiter Klasse, deren Beitrag zur Problementwicklung zu vernachlässigen wäre. Sie sind häufig genug – und waren es im Fall Klümper –  direkte und entscheidende Beiträge zur strukturellen Absicherung individueller Devianz. 

 

Das System organisierter Unverantwortlichkeit im Zusammenhang mit dem Doping in der Bundesrepublik Deutschland ist also nicht nur ein System, das versagt hat, weil seine Akteure nicht genau genug hingeschaut haben auf das, was für jedermann, der sehen wollte, sichtbar war. Dieses System war darüber hinaus potentiell kriminell bzw. im weiteren Sinne deviant. Wegschauen und systematisch hergestelltes Nichtsehen im Sinne eines aktiven Erblindens waren zur Absicherung Klümpers nämlich zwar eine Grundvoraussetzung, letztlich aber alleine nicht ausreichend. Zu offensichtlich, zu plump möchte man fast sagen, dopte Klümper vermutlich große Teile des bundesdeutschen Spitzensports über Jahrzehnte hinweg. 

 

Armin Klümper und mit ihm die Universität Freiburg spielen nach 1977 eine noch wichtigere Rolle im Doping-System Westdeutschlands als sie dies bis dahin getan hatten. Dies nicht vor allem deshalb, weil Klümper unzählige Athleten mit Dopingmitteln versorgte und so erst den Unterschied formte von normalleistungsfähigen Sportlern zu solchen, die sich mit der internationalen Elite zu messen vermochten. Klümpers hohe Innovationsbereitschaft als Sportmediziner sorgte genau für die Entlastung, die all jene Co-Akteure des Dopings benötigen, um selbst nicht direkt zum Mittäter werden zu müssen. So wurde etwa der unbedingte Wille zum internationalen Sporterfolg mit dem Ziel nationalistischer Selbstrepräsentation durch die Politik bis zur Wende – manche sagen auch: bis heute – mitnichten relativiert.

 

Armin Klümper stand nicht allein für das komplexe, föderale und hochdifferenzierte westdeutsche Dopingsystem. Aber angesichts der hohen Patientenzahlen und der fast geschlossen bei ihm behandelten und ihn gegen durchaus vorhandene Widerstände verteidigenden westdeutschen Spitzensportelite sowie einer über alle Maßen hinaus ungewöhnlichen politischen Unterstützung war niemand sonst als Einzelperson so wichtig wie er. Klümper war gewissermaßen die zentrale Bad Bank des westdeutschen Sports, in die (fast) alle dopingkontaminierten Handlungs- und Wissenszertifikate seiner Kooperationspartner ausdelegiert werden konnten. 

 

Diese Schlussfolgerung wird insbesondere am Beispiel von Joseph Keul weiter auszuführen sein, bei dem die Verordnung von Dopingmitteln bis 1976 in Einzelfällen nachweisbar ist, danach aber jedenfalls nach derzeitigem Forschungsstand nicht mehr. Wohl aber lässt sich zeigen, dass Keul eine Zeit lang in einem arbeitsteiligen Prozess mit Klümper in Form von Gesundheitsüberprüfungen die Fiktion des ärztlich kontrollierbaren, vermeintlich unschädlichen Dopings, die für das humanistische Selbstbild des westdeutschen Sports so essenziell war, durch passive Dopinghandlungen verbürgte.

 

Was können wir lernen? Die Tatsache, dass Klümper trotz seiner fast pausenlos ausgetragenden Konflikte mit dem Gesetz oder mit ethischen Grundsätzen des ärztlichen Berufes mehr als drei Jahrzehnte nicht aufzuhalten war, verweist darauf, dass weder bisherige Modelle der Strafverfolgung noch der darüber hinausweisenden Zuschreibung von ethischen Verantwortlichkeiten an Mitakteure ausreichend sind. Vieles deutet darauf hin, dass sich daran bis heute kaum etwas geändert hat. Neuere gesetzliche Regelungen und eine wachsende Zahl an durchaus gutgemeinten und ernstzunehmenden Vorschlägen für ein neues oder erweitertes, „verschärftes“ Anti-Doping-Gesetz geben noch immer keine Auskunft über die Strafbarkeit von ärztlichem Doping, sofern dieses gleichzeitig mit wie auch immer gearteten subjektiven Indikationsvorstellungen verbunden werden kann.

 

"Armin Klümper und das bundesdeutsche Dopingproblem: Strukturelle Voraussetzungen für illegitime Manipulationen, politische Unterstützung und institutionelles Versagen. Wissenschaftliches Gutachten im Auftrag der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg". Mainz 2015 (Mitarbeit Lisa Heitner).

Zusammenfassung (A. Singler)

Prof. Dr. Armin Klümper war derjenige Sportmediziner in der Geschichte des Hochleistungssports der Bundesrepublik Deutschland, der wie kein anderer aktiv am Doping der Sportler und zum Teil auch der Sportlerinnen mitwirkte. Klümper rezeptierte und verabreichte Dopingmittel augenscheinlich im großen Stil über Jahrzehnte hinweg. Er zeichnet damit für Weltrekorde, Medaillen und viele Spitzenleistungen mitverantwortlich, die ohne Dopingmaßnahmen vor dem Hintergrund der damaligen internationalen Leistungsentwicklungen in der Regel nicht denkbar waren. Diese Erfolge wiederum halfen ihm, gegenüber der Politik und dem Sport auf nahezu einmalige Weise Ressourcen zu akquirieren.

Mit dem Wirken Klümpers ist also ein jahrzehntelang andauernder Dopingskandal zu be- schreiben, der den Telekom- bzw. T-Mobile-Skandal des Radsports und der Freiburger Sportmedizin an Bedeutung sogar noch übertrifft. Dies lässt sich nicht nur angesichts der bloßen Zahl der betroffenen Sportler und Sportarten konstatieren, sondern auch eingedenk der mannigfaltigen institutionellen und politischen  Unterstützung, die Klümper im Verlauf seiner Karriere zuteil wurde – eine Karriere, die von permanenter medizinischer und auch strafrechtlich relevanter Devianz ebenso gekennzeichnet war wie von dem Verdacht, möglicherweise für den Tod einer von ihm gedopten Sportlerin verantwortlich zu sein.

Der Erfolg von Klümpers Therapie- und Dopingmethoden ist nicht nur über eine hohe Bereitschaft zur individuellen Devianz zu erklären. Ohne politische Unterstützung in Stadt, Land und Bund sowie ohne ein breites institutionelles Stillhalten, etwa von Strafverfolgungsbehörden, der zur Finanzierung eines nicht geringen Teils dieser Dopingaktivitäten herangezogenen Krankenkassen oder der einschlägig für ihr Dopingproblem bekannten bundesdeutschen Sportverbände und Sportorganisationen wäre Klümpers Wirken nicht dauerhaft zu realisieren gewesen. Auch die Universität Freiburg bzw. das Universitätsklinikum sehen in der Verantwortung, denn sie haben Klümper zwar aus wissenschaftlicher und medizinischer Sicht teils sehr kritisch gesehen, ihm das von ihm zeitweise sogar öffentlich verteidigte Dopingkonzept aber in keinem einzigen nachweisbaren Fall zum Vorwurf gemacht.

Das Dopingsystem der Bundesrepublik Deutschland, in dem Freiburg und durch die hohe aktive Komponente insbesondere Klümper eine zentrale Rolle spielten, ist ohne ein fast kol- lektives institutionelles Versagen nicht vorstellbar. Zwar wurde gegen Klümper wegen Betrugs strafrechtlich ermittelt. Damit in Zusammenhang stehende mutmaßliche Körperverletzungshandlungen aber wurden nie strafrechtlich thematisiert, obgleich sich hier Ermittlungsansätze durchaus eigentlich fast zwingend hätten ergeben müssen. Dies gilt umso mehr, als die Staatsanwaltschaft Freiburg 1984/85 sogar von möglichem Minderjährigendoping im Radsport Kenntnis erhielt.

Auf Bundesebene war innerhalb des Bundesinnenministeriums selbst nach den überzeugenden Dopingvorwürfen gegen Klümper durch Brigitte Berendonk 1991 eine kritische Beschäftigung mit dem Dopingarzt bis 1996 nicht möglich. Damit steht auch das BMI für Verfehlungen Klümpers bzw. für eine unbefriedigende Aufarbeitung in einer klaren Mitverantwortung. Bei der Zuschreibung von Verantwortlichkeiten müssen jedoch viel stärker als bisher auch lokale und regionale politische und sportpolitische Gesichtspunkte berücksichtigt werden. Die baden-württembergische Landesregierung spielt auf der Seite derer, die Klümper nahezu bedingungslos Unterstützung zukommen ließen, eine besonders unrühmliche Rolle. Sie hat immer wieder autoritär in die universitäre Autonomie eingegriffen, um Klümper zu helfen.

Nicht nur der Lehrstuhl Joseph Keuls wurde gegen den Widerstand der Universität politisch durchgesetzt, auch die Sporttraumatologische Spezialambulanz wurde gegen teils erbitterten Widerstand der Universität, der Medizinischer Fakultät und des Klinikums politisch autoritär befohlen. Dabei wurden womöglich über rechtswidrige Hilfskonstruktionen Wege gefunden, Klümper eine Tätigkeit politisch offiziell zu erlauben, für die ihm nach Meinung der medizinischen Experten arztrechtlich eindeutig die Qualifikation fehlte.

Das System organisierter Unverantwortlichkeit (Ulrich Beck) im Zusammenhang mit dem Doping in der Bundesrepublik Deutschland war also nicht nur ein System, das versagt hat, weil seine Akteure nicht genau genug hingeschaut haben. Dieses System war darüber hinaus selbst potentiell kriminell bzw. im weiteren Sinne deviant, weil es mögliche Straftaten nicht aufklärte und die systematische Beugung des Sportrechts als „brauchbare Illegalität“ (Niklas Luhmann) rationalisierte. Wegschauen, systematisch hergestelltes Nichtsehen im Sinne eines aktiven Erblindens waren zur Absicherung Klümpers zwar eine Grundvoraussetzung, letztlich aber alleine nicht ausreichend. Zu offensichtlich dopte Klümper vermutlich große Teile des bundesdeutschen Spitzensports über Jahrzehnte hinweg, als das dies nicht hätte Anstoß erregen können.

Klümpers hohe Innovationsbereitschaft als Sportmediziner sorgte genau für die Entlastung, die all jene Co-Akteure des Dopings benötigen, um selbst nicht direkt zum Mittäter werden zu müssen. Er stand nicht allein für das komplexe, föderale und hochdifferenzierte westdeutsche Dopingsystem. Aber angesichts der hohen Patientenzahlen und der fast geschlossen bei ihm behandelten und ihn gegen durchaus vorhandene Widerstände verteidigenden westdeutschen Spitzensportelite sowie einer über alle Maßen hinaus ungewöhnlichen politischen Unterstützung war niemand sonst als Einzelperson so wichtig wie er. Klümper war gewissermaßen die zentrale Bad Bank des westdeutschen Sports, in die (fast) alle dopingkontaminierten Handlungs- und Wissenszertifikate seiner Kooperationspartner ausdelegiert werden konnten.