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Iwaishima: Atomkraftgegner schicken eigenen Kandidaten in Bürgermeisterwahl

Am 18. Oktober wird in der Gemeinde Kaminoseki-chô, wo seit 40 Jahren ein Atomkraftwerk in Planung befindlich ist, ein neuer Bürgermeister gewählt. Die Wahl steht im Zeichen der erbittert geführten Debatte um den Bau des AKW in der Seto-Inlandsee. 



Gegen den favorisierten Atomkraftbefürworter Nishi Tetsuo 西 哲夫, bislang Vorsitzender des Gemeinderates, schicken die fast komplett gegen das Projekt agierenden Bewohner*innen der Insel Iwaishima (siehe Coverfoto zu diesem Beitrag) einen der ihren, den 75-jährigen Kimura Tsutomu 木村 力, in den nur wenige Tage andauernden kurzen Wahlkampf. Notwendig geworden ist die Wahl aufgrund des krankheitsbedingten Rücktritts des Amtsinhabers Kashiwabara Shigemi 柏原 重海 vor wenigen Wochen.

 

Eineinhalb Wochen vor der Wahl hat die Anti-AKW-Organisation „Vereinigung der Inselbewohner von Iwaishima, die den Bau des Atomkraftwerks Kaminoseki verhindern“ (Kaminoseki Genpatsu o Tatesasenai Iwaishima Tômin no Kai 上関原発を建てさせない祝島島民の会) am 9. Oktober beschlossen, für die bevorstehende Bürgermeisterwahl mit ihrem Vorstandsmitglied Kimura Tsutomu explizit einen eigenen Kandidaten ins Rennen zu schicken. Zum ersten Mal seit elf Jahren kommt es damit zwischen den Kandidaten von Befürwortern und Gegnern der Atomkraft bei den Bürgermeisterwahlen in Kaminoseki wieder zur Kampfkandidatur, berichtet u.a. die Asahi Schimbun vom 9. Oktober 2022.

 

In Kaminoseki, einer dünn besiedelten Verbandsgemeinde mit rund 4000 Einwohner*innen, verfolgt der Energieversorger Chûgoku Denryoku in der Bucht von Tanoura seit 1982 Jahren den bis heute noch nicht einmal annähernd realisierten Plan zum Bau eines neuen Atomkraftwerks. Die Bevölkerung ist über dieses Projekt gespalten. Auf der Insel Iwaishima, von wo aus man aus in dreieinhalb Kilometer Entfernung den geplanten Standort direkt vor Augen hat, sind die Einwohner*inne praktisch komplett gegen das Vorhaben. Teilgemeinden, für die die Bucht von Tanoura außer Sichtweise liegt, sind mehrheitlich dafür. Dort erhofft man sich einen wirtschaftlichen Aufschwung der peripher gelegenen Region durch ein Atomkraftwerk. 

 

Nach dem Atomunfall von Fukushima 2011 wurden die Vorbereitungsarbeiten für einen Baubeginn des AKW nach zahllosen Gerichtsverfahren und Protestaktionen der vor allem auf Iwaishima beheimateten Gegner*innen allerdings zunächst auf Eis gelegt. Der vormalige Bürgermeister Kashiwabara war einst Verfechter des Bauvorhabens, propagierte aber im Zeichen des Atomunfalls mit der Parole vom Bau einer „Gemeinde, die sich nicht von Atomkraft abhängig macht“ (Genpatsu ni tayoranai machi zukuri  原発に頼らない町づくり) eine differenziertere Haltung. Zwar machte ihn das noch nicht Atomkraftgegner, die Opposition verzichtete jedoch angesichts dieser Haltungsveränderung bei den beiden letzten Wahlen darauf, eigene Bewerber ins Rennen zu schicken. 

 

Nun nimmt die Polarisierung innerhalb der Bevölkerung in den von Fischerei und Landwirtschaft geprägten Gemeinden im Meeresgebiet zwischen den drei Hauptinseln Honshû, Shikoku und Kyûshû wieder zu. Bewerber Nishi hatte im Stadtrat als Sprecher einer Fraktion fungiert, die sich explizit für den Bau des AKW Kaminoseki ausspricht. Noch im August hatte sich Premierminister Kishida Fumio für eine Restauration der Atomkraft  (genpatsu kaifuku 原発回帰) ausgesprochen. Beides habe bei der Oppostion zur Entscheidung, einen eigenen Kandidaten aufzustellen, beigetragen, so die Asahi Shimbun.

 

 

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