Hayakawa Tokuo: „Die Geschichte der Atomkraft ist die Geschichte eines Amoklaufs“

Der buddhistische Mönch Hayakawa Tokuo 早川篤雄 aus Naraha-machi kämpft seit einem halben Jahrhundert gegen Atomkraft. Als Vorsitzender einer Kläger*innen-Gruppe von Flüchtlingen aus seiner Gemeinde forderte er vom Kraftwerksbetreiber Tôkyô Denryoku (kurz: Tôden, engl. TEPCO) noch immer angemessenen Schadenersatz. Der Atomunfall von Fukushima 2011 habe sich zwangsläufig ereignet, sagte der heute 82-jährige Vorsteher des buddhistischen Tempels Hôkyô-ji  宝鏡寺, 16 Kilometer entfernt vom Atomkraftwerk Fukushima Daiichi, im Interview mit Andreas Singler im Oktober 2018. Die Geschichte der Atomkraft in seinem Land sei die Geschichte eines Amoklaufs. "Atomkraft ist eine Technologie, die gar nicht anders kann als die Sicherheit der Bevölkerung und ihre Menschenrechte zu gefährden." Gelernt habe die Regierung jedoch selbst nach dem Atomunfall nichts. Auch der nächste schwere Atomunfall, so Hayakawas dunkle Prognose, drohe sich daher in Japan zu ereignen. Teil 3 des Oral-History-Projekts "Fukushima erzählt".

 

Herr Hayakawa, Sie gehören zu den Menschen in dieser Gegend, die sich seit Jahrzehnten gegen den Bau und den Bertrieb von Atomkraftwerken u.a. in Fukushima gewehrt haben. Wie weit geht Ihr Engagement gegen Atomkraft zurück? 

 

Ich interessiere mich seit langem sehr stark für das Thema Atomkraft. 1972 habe ich angefangen, mich im Rahmen von Bürgerinitiativen zu engagieren. Anlass dafür war der Betriebsbeginn des Atomkraftwerks Fukushima Daiichi am 26. März 1971. Bis dahin wusste ich nichts über Atomkraft, das war das für mich ein Buch mit sieben Siegeln. In jenem Jahr allerdings begann ich Zweifel in Bezug auf die Sicherheit von Atomkraftwerken zu hegen. Im Jahr darauf, 1972, gründete ich deshalb eine Bürgerinitiative, die „Versammlung der Gemeindebewohner zum Schutz von Naraha-machi vor Umweltzerstörung“ (Kôgai kara Naraha-machi o mamoru chômin no kai  公害から楢葉町を守る町民の会). Damit hat mein Engagement in der Bürgerbewegung begonnen. Es war die erste Bürgerinitiative dieser Art hier in der Gegend. 

 

Jedermann konnte da mitmachen, es waren etwa 130 unabhängige, parteilose Mitglieder. Aber auf sie wurde von Seiten der Liberaldemokratischen Partei Druck ausgeübt, und andere wurden durch die  Kommunistische Partei oder die Sozialistische Partei abgeworben. Viele traten aus, und es blieben 15 bis 16 Leute übrig. Durch Einflüsse wie den Druck der Liberaldemokratischen Partei hielten viele es für besser, nichts zu sagen und keine Aktivitäten an den Tag zu legen. Es ist typisch für Japaner. In Deutschland war es während des Krieges genauso. In Japan hieß es während des Zweiten Weltkriegs: „Der Tennô ist ein Gott.“ Das setzt sich bis heute fort.  In Japan verhindert das Tennô-Prinzip eine große Wende in der politischen Machtordnung. Das ist der Unterschied.

 

Sowohl Deutschland als auch Japan führten Angriffskriege, aber im Gegensatz zu Japan setzten sich die Deutschen z.B. mit Bundeskanzler Brandt und Herrn von Weizsäcker überaus selbstkritisch mit der Zeit des Krieges auseinander. Und in Deutschland wurden die Verantwortlichen für den Krieg und für Ausschwitz vor Gericht zur Verantwortung gezogen. In Japan kontrollierten die Rädelsführer im Krieg auch danach die Politik. Das ist der große Unterschied. Die japanischen Kriegsverantwortlichen haben nicht wie in Deutschland Brandt oder von Weizsäcker von Herzen Selbstkritik (hansei  反省) geübt. Mag sein, dass die Rechten auch in Deutschland wieder zugenommen haben, aber die Kriegstreiber in Japan, Kriegsverbrecher der Kategorie A, haben die Politik im Nachkriegsjapan kontrolliert. Mit der Atomkraft ist es dasselbe. Obwohl sich der Unfall in Fukushima ereignet hat, kontrollieren ihre Befürworter weiter das Land. In Japan verhindert das Tennô-Prinzip eine große Wende in der Machtverteilung. 

 

Japan als Staat leistet gegenüber den geschädigten Ländern keine Abbitte. Eine Entschuldigung gegenüber Südostasien, China oder Korea sowie gegenüber den sogenannten „Trostfrauen“ (ianfu 慰安婦/meist koreanische Zwangsprostituierte des japanischen Militärs im 2. Weltkrieg; Anm. A.S.) gibt es nicht. Als Staat gibt es keine Entschuldigung für die gegenüber den „Trostfrauen“ begangenen Verbrechen.  

 

Frage: Aber unter dem früheren Ministerpräsidenten Murayama Tomiichi 村山富市 gab es am 15. August 19995 anlässlich des 50. Jahrestages des Kriegsendes die sogenannte Murayama-Erklärung, mit der um Entschuldigung für die japanischen Verfehlungen im Krieg gebeten wurde. 

 

Nach dem früheren Premierminister Murayama gab es aber bis einschließlich zu Premierminister Abe keine Entschuldigung mehr, und explizit gegenüber den betroffenen Zwangsprostituierten gab es sie nie. Das wurde zurückgewiesen. Es gab lediglich einen politischen Austausch zwischen den Staaten. Die koreanischen Zwangsprostituierten ärgert das. Ihre Herzen erfahren keine Heilung. Japan ändert seine Politik nicht. Die Erziehung ist wie vor dem Krieg. Die Augen der Bevölkerung sind nicht geöffnet. Das Volk entkommt der Gedankenkontrolle durch das staatliche Erziehungssystem nicht.    

 

Deshalb kann man sagen, dass der Atomunfall von Fukushima ein Unfall war, der sich zwangsläufig ereignete. Der direkte Anlass waren zwar Erdbeben und Tsunami, aber selbst wenn es dazu nicht gekommen wäre, hätte er sich aus meiner Sicht ereignen können. Es hätte jederzeit passieren können. Auch vor dem 11. März gab es Gefahr. Japan und die Menschen außerhalb Japans haben das Atomunglück in Fukushima unter dem Aspekt des Erdbebens und des Tsunamis betrachtet, aber das ist nicht ausreichend, so muss man das sehen. Die Situation ist außer Kontrolle geraten, weil die Sicherheitsvorkehrungen zur Verhütung eines Unfalls ganz einfach nicht ausgereicht haben. 

 

Vor Gericht habe ich vorgetragen, dass der Atomunfall sich zwangsläufig ereignet habe. Er war die Folge einer staatlichen Politik, die die Sicherheit, das Leben der Bürger aus Gewinnstreben missachtete. Tôden (TEPCO) ist ein Überzeugungstäter. Und obwohl sich der Unfall in Fukushima ereignet hat, ändert sich nichts. Deshalb wird sich erneut ein Atomunfall ereignen. Ich sage das den Menschen, die mich hier besuchen: dass sich zwangsläufig erneut ein Atomunfall ereignen wird. Nicht einmal im Zeichen des Atomunfalls von Fukushima hat der Staat seine Politik geändert. Deshalb sage ich: „Auch der nächste Unfall wird sich in Japan ereignen“ (vgl. Plakataufschrift unten). Die Rede von den strengsten Überprüfungen der Welt ist doch nichts als ein neuerlicher absurder Sicherheitsmythos.

 

Wir haben im Jahr nach dem Atomunfall von Tschernobyl 1987 eine Organisation mit dem Namen „Landesweites Bürgerbewegungs-Verbindungszentrum zum Atomkraftproblem“ (Genpatsu Mondai Jûmin-Undô Zenkoku Renraku-Sentâ ) mit Sitz in Tôkyô ins Leben gerufen, damals waren 54 Reaktoren bereits errichtet. Nach dem Tschernobyl-Unfall hat die Regierung gesagt: „In Japan wird sich ein derartiger Unfall nicht ereignen.“ Wegen dieser törichten Rede hat die landesweite Bürgerbewegung zusammengefunden und diese Organisation gegründet.   

  

1992 hat die Atom-Sicherheits-Behörde (Genshiryoku Anzen I'inkai/Nuclear Safety Commission NSC) einen Text veröffentlicht, in dem es hieß: „In Japan wird sich ein solcher Unfall nicht ereignen.“ Es steht im Atomkraft-Weißbuch. Das hat der Staat veröffentlicht. Deshalb haben wir als 1992 eine Broschüre mit dem Titel „Der nächste große Atomunfall wird sich in Japan ereignen“, verfasst. Und so kam es dann schließlich. Nach dem 11. März hat sich an der Rücksichtslosigkeit der japanischen Atompolitik nichts geändert, und deshalb sage ich: „Auch der nächste Atomunfall, den die Welt erlebt, wird Japan treffen.“

 

Wir haben 1975 einen Prozess mit der Bezeichnung „Prozess zur Annullierung der Atomkraft“ begonnen. Wir waren etwa 400 Klägerinnen und Kläger, die zuerst beim Distriktgericht Fukushima (siehe Zeitungsfoto rechts), dann beim Obergericht Sendai und schließlich beim Obersten Gericht in Tôkyô klagten. Die Gerichte sprachen samt und sonders Fehlurteile und wiesen unsere Klagen zurück. Hätten sie von Anfang an anders entschieden, wäre es vielleicht nie zu den Ereignissen des 11. März gekommen. Tôden und der Staat erklärten damals, ein solcher Unfall könne sich in Japan nicht ereignen.

 

Widerstand gegen Atomkraft auch in Fukushima lange vor dem Atomunfall

"Fehlurteil": Hayakawa Tokuo 1984, nach Klageabweisung vor dem Bezirksgericht Fukushima 1984; Quelle: https://www.minpo.jp/pub/sinsai/2011-10-Fukushima_to_Genpatsu/post_6265.html
"Fehlurteil": Hayakawa Tokuo 1984, nach Klageabweisung vor dem Bezirksgericht Fukushima 1984; Quelle: https://www.minpo.jp/pub/sinsai/2011-10-Fukushima_to_Genpatsu/post_6265.html
"Der nächste Atomunfall - in Japan!? - Gegenmaßnahmen, die im Notfall dringend zu ergreifen sind"
"Der nächste Atomunfall - in Japan!? - Gegenmaßnahmen, die im Notfall dringend zu ergreifen sind"

"Atomkraft ist eine Technologie, die gar nicht anders kann als die Sicherheit der Bevölkerung und ihre Menschenrechte zu gefährden"

 

Frage: Die meisten Menschen haben auch in Japan den Gedanken der „Atome für den Frieden“ bzw. des "friedlichen Gebrauchs von Atomkraft" akzeptiert. Wieso hat dieses Konzept bei Ihnen nicht verfangen? Wie wurde aus Ihnen ein Gegner auch der sogenannten friedlichen Nutzung der Atomkraft?

 

Atomkraft kam beim Abwurf der Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki zum Einsatz, und dagegen war ich schon immer. In Bezug auf die Sicherheit der Atomkraft wusste ich nichts. Nach 1972, nachdem Tôkyô Denryoku den Betrieb von Fukushima Daiichi aufgenommen hatte, habe ich angefangen, verschiedene Dinge über Atomkraft zu lernen, und dadurch habe ich auch die Geschichte verstanden. Die japanische Atomkraft geht zurück auf das Jahr 1953, als der US-Präsident Eisenhower von der militärischen Nutzung nicht abließ, aber sie in Form der Atomkraft als Energiequelle betrügerisch als „friedliche Nutzung“ darstellte. Mir war klar, dass das Unsinn war.

 

Frage: Aber selbst unter vielen Betroffenen der Atombombenabwürfe stieß der Begriff nicht auf Widerspruch.

 

Das stimmt. Die Menschen wurden beim Thema Atomkraft mit dem Begriff „friedliche Nutzung“ gehirngewaschen, und so kam es, dass Japan in den Besitz von Atomkraft kam. Präsident Eisenhower hat am 8. Dezember 1953 auf der 8. Versammlung der Vereinten Nationen diese Rede gehalten. Daraufhin hat Japan ab 1954 mit der Atomkraft begonnen. Als erstes hat die Regierung die demokratisch gesinnten, gewissenhaften Wissenschaftler ausgemustert. In Japan gab es schon vor dem Krieg Nuklearwissenschaftler, und unter ihnen waren auch seriöse Forscher, aber sie wurden auf die Abschussliste gesetzt.

 

Frage: Erhielten Sie den Eindruck, dass Atomkraft und Atombombe zusammenhängen?

 

Japan verfügte nicht über eigene Energieressourcen, deshalb führte es die Atomkraft ein. Die Liberaldemokratische Partei hat in Bezug auf Atomwaffen drei Prinzipien propagiert: „Nicht besitzen, nicht herstellen, nicht anschaffen.“ Die wahren Absichten der Regierung dahinter bestehen jedoch darin, jederzeit eine Atombombe herstellen zu können, das Material und das Knowhow vorzuhalten. Tatsächlich ist Japan technologisch in der Lage, eine Plutoniumbombe herzustellen, morgen schon wäre das möglich. Dieses technologische Wissen möchte die Regierung aufrechterhalten. Das ist das Ziel, das die Regierung mit der Atomkraft verbindet. Die USA haben Atomwaffen. Die Basis dafür, dass Japan Plutonium erzeugen kann, ist die strikte Geheimhaltung gegenüber dem Volk. Deshalb wurde das Volk mit dem Sicherheitsmythos oder mit finanziellen Argumenten betrogen.

 

Frage: In Deutschland haben selbst Philosophen wie Ernst Bloch oder zahlreiche Nuklearwissenschaftler das Konzept von der friedlichen Nutzung adaptiert. 

 

In Japan haben die führenden Politiker und die Energiefirmen bei der Einführung der Atomkraft von deren Gefährlichkeit gewusst. Die Nutzung erfolgte mithilfe der Propaganda von der friedlichen Nutzung der Atomkraft.

 

Frage: Wie nahm die Bevölkerung in Ihrer Umgebung die These von der sicheren Atomkraft auf?

 

Innerhalb der Bevölkerung hier im Ort gab es viele, die daran gezweifelt haben, dass Atomkraft sicher sei. Etwa 130 Menschen hier haben dazu den Mund aufgemacht und waren aktiv dagegen. Verschiedene Menschen, die meisten von ihnen waren Bauern. Die Menschen, die hier in den 1960er Jahren den Lügen der Regierung und des Energieerzeugers auf den Leim gegangen sind, waren Fischer und Bauern. Seit den 60er Jahren erlebte Japan ein schnelles Wirtschaftswachstum. Die Wirtschaft war jedoch in Tôkyô konzentriert. Alle hier dagegen waren arm. Nur von der Landwirtschaft konnten sich die Menschen nicht ernähren. Mehr und mehr Menschen gingen weg, um im Industriegürtel von Tôkyô zu arbeiten. Wenn nun ein Atomkraftwerk kommen würde, würde es durch den Bau hier Arbeit geben, dachten viele, und die Bauern müssten nicht mehr fern von der Heimat zur Arbeit gehen (dekasegi ni iku 出稼ぎに行く). Auch wenn sie gegenüber der Atomkraft Zweifel gehegt haben mochten, haben sie lieber den Mund gehalten, weil sie schließlich nicht mehr fern von der Heimat arbeiten gehen mussten.

 

 

Es hätte mir auch passieren können, dass – um Essen auf den Tisch zu bringen – statt auswärts arbeiten zu gehen, im Atomkraftwerk hätte arbeiten müssen. Wenn man Geld durch die Atomkraft verdient, dann kann man, selbst wenn man Zweifel hegt, nicht mehr dagegen sein. Nehmen wir mal an, Sie arbeiten im Atomkraftwerk und verdienen damit Ihr Geld, dann können sie trotz aller Ängste nichts mehr sagen und nichts mehr dagegen tun. Ich dagegen arbeitete als Lehrer, ich konnte es mir leisten, absolut dagegen zu sein und Aktivitäten zu unternehmen. 

Der buddhistische Tempel Hôkyô-ji 宝鏡寺 in Naraha-machi


Beim Bau eines Atomkraftwerks denkt man überhaupt nicht an die Sicherheit in der Region. Das wird praktisch ignoriert. Warum? Welche Gefahr das ist, haben wir hier klar vor Augen geführt bekommen. Tôkyô Denryoku hat in der Nähe Tôkyôs Kohlekraftwerke und Wasserkraftwerke gebaut, ein Atomkraftwerk hat die Firma zunächst nur in Fukushima gebaut. Die Bedingungen für den Bau eines Atomkraftwerks für Tôden waren: 1. Keine größere Stadt in der Nähe, 2. Geringe Bevölkerungsdichte. Der Grund dafür war, dass wenn sich ein Unfall der schlimmsten Kategorie ereignen sollte, der Schaden riesig sein würde. Das steht hier drin, in diesem Bericht mit dem Titel „Entwicklungsvision des Atomkraftgebiets Futaba“ (Genshiryoku chiku no kaihatsu bishon“ 双葉原子力地区の開発ビジョン).  

 

Frage: Die Gemeinde Futaba hat in diese Pläne eingewilligt?

 

Hayakawa: Weil sie betrogen worden ist. Als Stadt, deren Menschen zum Arbeiten weggegangen sind, hat man sich auf die Atomkraft eingelassen, obwohl man um die Gefahren wusste. Wenn man hungrig ist, isst man auch das vergiftete Manjû (gedämpfter Hefekloß gefüllt mit süßem Bohnenmus). Und trinkt man mit trockener Kehle nicht auch schmutziges Wasser? Genau so ist es auch hier. Als wir damals die Bürgerinitiative betrieben haben, haben wir gefragt: „Wenn es sicher ist, warum macht ihr es dann nicht in Tôkyô?“ Wir haben von Tôden oder von der Regierung nie eine Antwort darauf bekommen. 

 

 

Die Anti-Atomkraft-Postkarten von Hayakawa Chieko, der Ehefrau Hayakawa Tokuos

Serie "Viereinhalb Jahre Flüchtlingsleben"; Postkarte oben links: "So sieht er aus, der Sicherheits-Mythos"


"Mit einem Bündel Banknoten haben sie die Menschen hinters Licht geführt"

 

Frage: Welche Art von Aktivitäten haben Sie in den 1970er Jahren unternommen?

 

Wir haben Experten eingeladen und Lernveranstaltungen organisiert. So haben wir erstmals etwas über Atomkraft gelernt. Wir haben öffentliche Anhörungen beantragt, und sie wurden auch abgehalten, aber die Regierung ist auf unsere Zweifel überhaupt nicht eingegangen. In dem sie sagten „Es ist sicher, es ist sicher“ und „Wir brauchen die Atomkraft“, betrogen sie uns, und nichts änderte sich. Eine Volksabstimmung gab es damals nicht. Unsere Gruppe hat Informationsmaterial mit der Aufschrift produziert: „Wenn sich eines Tages ein Atomunfall ereignen sollte, wird dies keine Überraschung sein.“ 

 

Frage: Können Sie etwas über Ihren persönlichen Werdegang erzählen?

 

Hayakawa: Ich bin 1939 geboren. Ich bin hier in diesem Tempel, im Hôkyô-ji  宝鏡寺, aufgewachsen. Es gibt verschiedene buddhistische Schulen, dieser Tempel gehört zur „Sekte des Reinen Landes“ (Jôdo-shû 浄土宗) und hat eine kleine Gemeinde von etwa hundert Gläubigen. Es ist ein alter Tempel, der im Jahr 1390 gegründet wurde. Er verfügt über eine Geschichte von über 600 Jahren. Ich bin der 30. Vorsteher dieses Tempels und meine Familie stellt die Vorsteher des Tempels in dritter Generation. Ursprünglich wollte ich das gar nicht, aber in unserer Gesellschaft übernimmt nun einmal der älteste Sohn das Haus als Erbe, und so blieb mir gar nichts anderes übrig. Wenn man hier geboren ist und an der Region Anteil nimmt, ist das eine ganz selbstverständliche Sache. Vom Tempel alleine aber vermochte ich nicht zu leben. Deshalb habe ich auch als Lehrer gearbeitet.  

 

Frage: Vom Standpunkt des Buddhismus aus gesehen – was spricht da aus Ihrer Sicht gegen die Atomkraft?

 

Sowohl vom Standpunkt des Buddhismus als auch des Christentums sowie anderer Religionen steht vor allem anderen, dass alle Menschen das gleiche Recht haben. Sie und ich sind als in diesem Augenblick lebende Wesen gleich. Der Geist des Buddhismus weist auf das wahre, grundsätzliche Wesen des Menschen hin: Es besteht in der Gleichheit unter den Menschen. 

 

Frage: Viele von denen, die Atomkraftwerke bauen oder betreiben, sind auch Gläubige.

 

Das sind Menschen, die über kein eigenes Herz verfügen. Sie denken alleine an ihren persönlichen Profit. 

 

Frage: In Deutschland war es vor allem die konservative Christdemokratische Partei, die die Atomkraft bis zuletzt unterstützte. 

 

Solche Menschen sind keine wahren Christen. Menschen, die wirklich dem christlichen Glauben anhängen, sollten im Angesicht großer Atomunfälle der Atomkraft abschwören. Wir Gläubigen, Shintôisten, Buddhisten, Christen und andere haben uns zu einem Friedensrat der Gläubigen zusammengeschlossen, auch ich bin Mitglied in dieser Gemeinschaft. Japan ist zwar ein buddhistisches Land, aber es gibt auch Christen hier. Auch für Mitglieder der Liberaldemokratischen Partei oder von Tôkyô Denryoku steht ein Lindenbaum vor dem Tempel. Wenn man die Lehren der Religionen wahrhaft versteht, und aufnimmt, dann muss man einfach sagen: „Ich kann an einem Krieg auf keinen Fall mitwirken, und Atomkraft brauchen wie auf keinen Fall!“ 

  

Frage: Sie sind Vorsitzender einer Klägergruppe. Bitte erzählen Sie etwas über diesen Prozess.

 

In den Gebieten, in denen Atomkraftwerke stand, gab es nie eine wirkliche Sicherheit, auch nicht für die Bewohner. 40 Jahre Atomkraftgeschichte, der Atomunfall vom 11. März wird verschwiegen, Daten wurden verschwiegen und mit einem Bündel Banknoten haben sie die Menschen hinters Licht geführt. Das ist es, was von dieser Geschichte bleibt. Die Geschichte der Atomkraft ist die Geschichte eines Amoklaufs. Wir wollen, dass der Staat und TEPCO zur Verantwortung gezogen werden. Und wir Entschädigung für die der betroffenen Bevölkerung entstandenen Schaden.

 

Frage: In welchem Umfang verlangen Sie und Ihre Mitstreiter*innen Schadenersatz?

 

Mit Geld lässt sich das nicht aufwiegen. Die Bevölkerung trifft keine Schuld für den Atomunfall. Der Schaden besteht darin, dass man künftig zu einem Zustand, wie er vor dem 11. März herrschte, nicht mehr zurückkehren kann. 30, 40 Jahre lang wird eine Rückkehr nicht möglich sein. Wo soll der geschmolzene Brennstoff aufbewahrt werden? Es bleibt Schrott für zehntausende Jahre übrig. Er kann nur hier gelagert werden. Je näher man ihm kommt, desto ernsthafter wird die Gefahr.   

 

"Die Möglichkeit eines schweren Unfalls wurde von Anfang an einkalkuliert - und verschwiegen"

 

Mir ist klar geworden, dass Atomkraft nichts ist, bei dem es ausschließlich um Strom geht. Bereits die Unfälle von Tschernobyl oder Three Miles Island zeigten, dass es keine Technologie gibt, die einen ernsten Unfall verhindern könnte. Atomkraft ist eine Technologie, die gar nicht anders kann als die Sicherheit und die Menschenrechte der lokalen Bevölkerung zu missachten.

 

Deshalb wurden bei der Einführung der Atomkraft zuerst auch jene gewissenhaften Wissenschaftler eliminiert, die derartige schwere Unfälle vorausgesagt haben. Amerikas Konzept vom „friedlichen Gebrauch der Atome“ (kaku heiwa riyô  平和利用) sah die „theoretische Möglichkeit eines schweren Unfalls“ ausdrücklich vor, wie sich dem Price-Anderson-Gesetz entnehmen lässt.

 

Sehen Sie, mit diesem Papier (US-Vorlage siehe nebenstehende Abbildung) haben sie über den Fall eines schweren Atomunfalls geforscht: „Geschätzte Kosten beim Bau großer Atomreaktoren, theoretische Möglichkeit großer Unfälle und öffentliche Schäden“ (Ôgata genshiro no jiko no rironteki kanôsei oyobi kôshû songai-gaku ni kan suru shisan 大型原子炉の事故の理論的可能性及び公衆損害額に関する試算).  

Stichwort: "Price-Anderson-Gesetz"

Mit dem Price-Anderson-Gesetz aus dem Jahr 1957 wurde in den USA die Haftung von AKW-Betreibern im Fall eines Atomunfalls auf 9,1 Mrd. Dollar begrenzt, laut DIW-Studie 2019 ca. zwei Prozent des bei einem GAU anfallenden möglichen materiellen Schadens. 

Quelle: https://www.osti.gov/servlets/purl/4344308
Quelle: https://www.osti.gov/servlets/purl/4344308

Wer hat das verfasst? Es war die Konferenz der landesweit neun regionalen Atomkraftwerke betreibenden Energieunternehmen. Sollte sich ein Urteil ereignen, so schrieben sie, würde die Schadenersatzsumme dem Staatshaushalt gleichkommen. Nur, das haben sie gegenüber der Öffentlichkeit verschwiegen. 

 

Wir führen zwar einen Prozess um Schadenersatz wegen des Atomunfalls von Fukushima, aber wie hoch dieser Schadenersatz ist, das entscheiden der Staat und Tôkyô Denryoku auf Basis nicht etwa einer Fahrlässigkeitshaftung, sondern einer Gefährungshaftung (für verschuldensunabhängige Schäden aus einer erlaubten Gefahr). Mit anderen Worten: Nach Kriterien, die die selbst entschieden haben, greift ein Mechanismus: „Wir bezahlen eine Entschädigungssumme, aber es wird nicht nach der Verantwortung gefragt.“ Wir aber wollen Staat und Tôden Verantwortung übernehmen lassen. Im Atomkraft-Schadenersatz-Gesetz hingegen steht von Anfang an, dass es nicht um verschuldensabhängige Haftung gehen kann. In unserem Prozess geht es allerdings nur um eine Klage gegenüber TEPCO. Eine Klage auch gegen den Staat würde sehr viel mehr Zeit in Anspruch nehmen und einen langen Prozess erfordern.

 

"Mein Leben hier zu beenden ist mein Glück, mein Karma, mein Los"

 

Frage: Sie sind nach dem Atomunfall zeitweise geflüchtet und leben jetzt wieder hier in Naraha in dem Tempel, dem Sie vorstehen. Können Sie hier auch Ihre Familie sehen, können Sie Neujahr (oshôgatsu お正月) gemeinsam feiern? 

 

Meine drei Kinder wohnen mit den fünf Enkeln in Sendai, Tôkyô und Kyôto. Neuerdings können wir uns auch hier wieder treffen. Während meiner Flucht nach Iwaki konnten sie nicht nach Naraha-machi komme, da haben wir uns irgendwo in einem Ryokan getroffen. 

 

Frage: Wie hoch ist die Strahlung hier in Naraha heute noch? 

 

Sie ist ziemlich gesunken, etwa zwei bis drei Mal so hoch wie in Tôkyô, aber keine so problematische Strahlenmenge mehr wie zuvor. Ich nehme jeden Tag Messungen vor. 2016 waren es hier noch zwischen 3 Mikrosievert pro Stunde und 15 Mikrosievert an höher gelegenen Stellen im Garten. Eltern mit Kindern kehren hierher aber nach wie vor nicht zurück. (Anm. A.S.: Die durchschnittliche Strahlendosis in Deutschland beträgt 0,23 Mikrosievert pro Stunde). 

 

Frage: Die älteren Bewohner*innen möchten häufig zurückkehren, weil Ihnen die Heimat fehlt? 

 

So ist es. Mit dem Ende der Atomkraft hier wird diese Stadt entvölkert werden. Dann wird das hier wohl eine Lagerstätte für geschmolzenen Brennstoff werden (Anm. A.S.: Laut Kraftwerksbetreiber TEPCO soll der Brennstoff nach der Bergung in Spezialbehälter gefüllt und in einer neuen Lagerstätte auf dem Kraftwerksgelände zwischengelagert werden).

 

Frage: Sie sind bereits 2015 zurückgekehrt, als die Gebäude, Straßen oder Felder im Ort offenbar noch nicht im heutigen Umfang "gereinigt" waren und hier noch eine deutlich gefährlichere Strahlung herrschte als heute. Was hat Sie zur Rückkehr zu diesem frühen Zeitpunkt bewogen?

 

An meinem Zufluchtsort habe ich in einem kleinen Apartment gelebt, dort baute sich immer mehr Stress auf, es war schlimm. Und zu diesem Tempel gehört eine Gemeinde mit ihren Gläubigen. Als die Evakuierungsanordnung für Naraha aufgehoben wurde, war ich in der Pflicht, den Tempel zu schützen. Ich kehrte notgedrungen zurück, aber der durch die Flucht bedingte Stress war auch schlimm. Ich hätte vielleicht nach Kyôto ziehen und bei meiner Tochter leben können. Aber ich konnte den Tempel nicht einfach jemand anderem überlassen. Ich kann mich von diesem Ort nicht entfernen. So verantwortungslos kann ich nicht sein. Ich bin hier geboren, und mein Glück besteht darin, hier mein Leben auch zu beenden. Als jemand, der hier geboren ist, ist dies mein Karma, mein Los.  


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