· 

Schönheit, die von innen kommt

Den Fuji-san, Japans wichtigstes Wahrzeichen, darf man in normalen Zeiten zwei Monate im Jahr besteigen. Vor allem aber ist er ein Berg zum Anschauen

Um 3 Uhr ist im „Hotel Fujisan“ die Nacht vorbei. Das Personal in dieser Berghütte am nördlichen Hang von Japans berühmtestem Berg geht herum und weckt die Wanderer, die jetzt zu Ende bringen wollen, was sie am Tag zuvor begonnen haben. Wer jetzt sein einfaches Lager in dieser schlichten Herberge mit ihren klammen Decken aufgibt, sich die Müdigkeit aus den Gliedern schüttelt und bereit macht für das letzte Stück, der kommt rechtzeitig zum Tagesanbruch oben an. Der sieht, wenn er Glück mit dem Wetter hat, im Land der aufgehenden Sonne die Sonne von seinem höchsten Punkt aus aufgehen: Von der Spitze des Fuji-san, des Schnittpunktes zwischen Himmel und Erde, denn das ist der Fuji nach buddhistischem Glauben.

 

Es sind erhabene Ausblicke, die man an glücklichen, regenfreien Tagen von da oben aus genießen kann, wenn die Sonne hinter dem Kawaguchi-ko emporsteigt. Dort, an  einem der berühmten fünf Seen am nördlichen Fuße des Fuji, nimmt die populärste Route auf Japans höchsten Berg ihren Anfang. Der Weg hinauf ist in zehn Stationen unterteilt, aber die ersten fünf sparen sich die meisten. Vom Bahnhof Kawaguchi-ko aus fährt ein Bus die Touristen durch einen Wald hindurch bis zur fünften Station. Auf der anderen, dem Pazifischen Ozean zugewandten Seite des Berges, gibt es drei weitere dieser fünften Stationen, sie liegen zwischen 1400 und 2400 Meter über Meereshöhe. Hier kauft sich, wer keine Wanderstöcke mitgebracht hat, in einem der Andenkenläden einen Pilgerstab. Und hier ist die letzte Gelegenheit, eine heiße Nudelsuppe (Râmen) zu essen und damit gleichzeitig etwas für den Flüssigkeitshaushalt zu tun.

 


Der Aufstieg von einer der fünften Stationen ganz nach oben dauert zwischen fünf und sieben Stunden. Er bringt den Wanderer ins Schwitzen, aber eine wirkliche alpinistische Herausforderung ist der Fuji nicht. Dieser Berg, der im wesentlichen aus vulkanischer Asche, aus schwarzem Geröll und spitzen Felsbrocken aus erkalteter Lava besteht, wird selbst von Kindern und Alten bezwungen. Manche tun es – so wenig dies zu empfehlen ist – sogar in Sportschuhen. Verlaufen kann sich hier niemand, denn der Weg ist an den meisten Stellen auf beiden Seiten durch Seile markiert, und weiße Pfeile auf den Felsbrocken lassen keine Zweifel über die einzuschlagende Richtung aufkommen. Immer wieder kreuzen präparierte Pisten den Wanderweg. Auf ihnen fahren die Mitarbeiter der Andenkenläden, die Priester des Shintô-Schreins auf dem Gipfel oder die Beamten von Japans höchstem Postamt mit dem Bulldozer nach oben. 

 

In der Hochsaison im August gehen die Wanderer in langen Reihen empor, und in den mehr als 50 Hütten, die sich an die Hänge des Fuji-san schmiegen, können in einer Nacht zugleich an die 5000 Menschen für einige Stunden ruhen. Sie müssen ohne fließendes Wasser auskommen, und für die 7500 Yen (rund 65 Euro) die eine Übernachtung mit zwei kargen Mahlzeiten kostet, gibt es einen halben Meter Platz in der Breite. Jeder Toilettengang kostet 100 Yen extra. Vorbeigehende zahlen 200. Bereits vor Jahrhunderten haben Pilger von der Geschäftstüchtigkeit der Menschen auf diesem Berg zu berichten gewusst. 

 

Mehrere 100.000 Menschen besteigen den Fuji in normalen Jahren, fast alle tun es zwischen dem 1. Juli und dem 31. August, während der offiziellen Saison. Einige Hütten zwischen der sechsten Station und dem Gipfel eröffnen bereits Ende Juni und manche bleiben bis in den September hinein in Betrieb. So leicht der Fuji im Sommer zu erklimmen ist – sofern man nicht zur Höhenkrankheit neigt und das Wetter halbwegs mitspielt –, so gefährlich würde das Unternehmen werden, wenn Schnee liegt und Lawinengefahr besteht.

 

Wohl dem, der Anfang Juli hier ist, wenn die Hütten unter der Woche nur von einigen Dutzend Besuchern in Anspruch genommen werden und noch einen Hauch von Privatsphäre gewährleisten. Später, in der Hochsaison während der Schulferien, gibt ein wahrer Pilgerstrom dann ein Bild der besonderen Art ab: Die Menschen am Fußes des Berges schauen in diesen Wochen bisweilen in der Dunkelheit nach oben und erfreuen sich an dem Leuchtspektakel, dass die Wanderer mit ihren Kopflampen in der Nacht veranstalten. Eine Prozession von Glühwürmchen geben sie für den Beobachter da unten ab.

 

Vor 100.000 Jahren noch war der Fuji ein Vulkan wie jeder andere. Er verdankte seine Geburt in jenen Tagen einem ungeheuren Auswurf dieser beständig brodelnden Erdschichten des japanischen Archipels und begann seine Karriere als einer der schönsten Berge der Welt zunächst eher unauffällig mit 2700 Metern Höhe. Damit fiel er im Kreis seiner Nachbarn, die mindestens doppelt so alt waren, kaum weiter auf. Vor 10.000 Jahren erst erhielt er seine heutige Gestalt.

 

Rund 100 Ausbrüche, so schätzen Geologen, haben ihn in dieser langen Zeit zu dem gemacht, was er heute ist: zum höchsten, zum schönsten Berg Japans und dem wichtigsten Wahrzeichen im Land der aufgehenden Sonne. Seine Spitze setzt sich aus acht kleineren Gipfeln zusammen, die sich um den Hauptkrater mit seinen 500 Metern Durchmesser gruppieren. Schicht um Schicht war der Fuji auf seine heutige Höhe von 3776 Meter gewachsen, weil glühende Lava sich immer wieder um seine Schultern legte wie ein goldener Schal. 

 

Schönheit, die von innen kommt. Ebenmäßig und geradlinig sind seine Konturen durch den zumeist gleichmäßigen Ausfluss der Lava geworden. Nur dieser Höcker im Südosten des Fuji, der Seitenkrater des 2693 Meter hohen Hoei-zan, durchbricht die kegelförmige Geometrie ein wenig. Doch er stört nicht, eher ist er ein Schönheitsfleck. Gleichzeitig zeugt er von der letzten großen Aktivität des Fuji. Sie fand vor etwas mehr als 300 Jahren statt, und die Experten glauben, dass dieser Ausbruch der heftigste in der langen Geschichte des Berges war.

 

Fast einen Monat lang feuerte der Fuji damals um die Wende zum neuen Jahr  glühendes Gestein aus seinem Schlund. Als er, nach heutigem Kalender, schließlich Mitte Januar 1708 damit aufhörte, war selbst das über 100 Kilometer entfernte Edo, das heutige Tôkyô, mit einer 15 Zentimeter dicken Ascheschicht bedeckt. Seither schweigt der Berg, aber als erloschen gilt er nicht. Niemand weiß, ob sich der Fuji-san eines Tages nicht doch noch einmal zu Wort melden und mit welcher Intensität er dies dann geschehen lassen wird.  

 

Furcht ist derzeit wohl nicht angebracht. Ehrfurcht aber flößt der Fuji-san seinen Betrachtern unbedingt ein. Das liegt aber weniger an seinem latenten Bedrohungspotential als an seiner Schönheit, die am wenigsten derjenige wahrnimmt, der gerade auf ihm herumtrampelt. Nur mit gebührendem Abstand ist die Ästhetik des Fuji zu genießen. Wer dem Berg zu nahe kommt, verliert sie. Sie ist, wie alles Schöne in Japan, von verblüffender Schlichtheit: Jedes Kind kann den Fuji zeichnen, zwei Striche mit einem Stock in den Sand gezogen reichen dafür aus. Steht man mit dem Rücken zum Pazifischen Ozean, so zieht man den ersten Strich von links oben leicht geschwungen herab. Den zweiten beginnt man mit einer leichten wellenförmigen Bewegung vom Ausgangspunkt nach rechts, bevor der Stift unter Berücksichtigung des Seitenkraters sanft abschwingt. Wer von der anderen Seite schaut, muss natürlich umdenken. Auf alle Fälle ist der Fuji schneller gezeichnet als beschrieben.

 

Dass die Japaner Fuji-san sagen und nicht Fuji-yama, hat nichts mit einer besonders ehrerbietigen Art zu tun, wie gerne kolportiert wird. Das san zum Fuji ist nur eine andere Lesung des chinesischen Schriftzeichens für „Berg“ (yama). Es wird nicht im Sinne der identischen höflichen Anrede von Menschen verwendet. Bei allem Respekt: Nicht einmal in Japan werden Berge „gesiezt“. Ehrfurcht und Hochachtung für den Fuji, sie sind geistiger und spiritueller Natur.  

 

 

Es stimmt, dass seit Jahrhunderten Pilger aus religiösen Gründen die beschwerliche Wanderung auf sich nehmen. Dass aber jeder Japaner es für seine Pflicht halten würde, mindestens einmal im Leben den heiligen Berg des Landes zu besteigen, ist eine jener Legenden, die die Fremden sich zusammengereimt haben oder die die Informationsbroschüren der Touristenbüros sie glauben machen wollen. So wenig aber dieser Berg Fuji-yama heißt, so wenig sind wirklich alle Japaner, davon überzeugt, unbedingt auf diese schönsten aller Erhebungen aufsteigen zu müssen. „Der Fuji-san ist ein Berg zum Anschauen“, sagte etwa der Busfahrer, der uns vom Bahnhof zur fünften Station gebracht hat. „Ihn zu besteigen, dass ist etwas für die Ausländer oder die Japaner von den anderen Inseln.“ Sätze wie diese hört man hier immer wieder. Die Einheimischen aus den Präfekturen Yamanashi und Shizuoka haben sogar einen Ausdruck dafür: miruyama. Anschau-Berg. Das ist der Fuji in Wahrheit. 

 

Und wer ihn mit gebührendem Abstand betrachtet, der wird wahrhaft beschenkt mit immer wieder neuen berauschenden Anblicken und manch philosophischer Inspiration: Niemals sieht man denselben Berg zwei Mal, so hätte es wohl Heraklit formuliert, der griechische Philosoph, der sagte, Wasser sei der Anfang von allem (oder: 

„Man kann nicht zweimal in den selben Fluss steigen“). Verbirgt der Berg in einem Augenblick den größten Teil seiner beeindruckenden Gestalt in Nebel und gibt nur einen winzigen Teil von sich preis, so steht er kurze Zeit später in voller Pracht so klar und mächtig da, dass es einem dem Atem verschlägt. Färbt die Sonne seine Hänge im Sommer bisweilen so rot wie auf einem Bild des berühmten Malers Hokusai, dann rufen sich die Menschen zu seinen Füßen nach einer regnerischen Nacht eines Morgens strahlend zu: „Ah, der Fujisan trägt eine Mütze!“ Wenn sie das sagen, ist es Herbst, und endlich hat sich oben der erste Schnee auf die Gipfellandschaft um den Krater gelegt.

 

Dann sind die Wanderer längst nicht mehr da, und der Berg findet seine Ruhe wieder. Er ist jetzt, wie die Japaner sagen, „geschlossen“. Mit jedem neuen Schneefall da oben wird die weiße Haube größer, und mit jedem Mal bringt der Fuji-san ein neues Wunder zustande: noch schöner zu werden.

 

Kommentar schreiben

Kommentare: 0