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IOC-Chef Bach in Hiroshima: "Entsetzliches Ego" auf der Jagd nach dem Friedensnobelpreis

Am 8. Juli wird IOC-Präsident Thomas Bach in Tôkyô erwartet. Als wäre der deutsche Funktionär mit seinem Festhalten an Tôkyô 2020 inmitten der Pandemie inzwischen nicht schon unbeliebt genug in Japan, setzen die ihm nachgesagten Ambitionen auf den Friedensnobelpreis, festzumachen an einem geplanten Gang nach Hiroshima, noch einmal neue Maßstäbe. Von "Wiederaufbau-Spielen" und Fukushima sei indessen keine Rede mehr, kritisiert das Massenblatt Nikkan Gendai und geht hart mit "Baron Nepp" (Bach) und den Seinen  ins Gericht.

Am Donnerstag (8. Juli) wird IOC-Präsident Thomas Bach in Tôkyô eintreffen. Auf ihn wartet dort neben einer gerade einmal dreitägigen Blitzquarantäne sehr viel offener Unmut bei zahlreichen Menschen im Gastgeberland der Olympischen und Paralympischen Spiele. Nicht nur die Sturheit, mit der das IOC gegen den Willen der allermeisten Menschen in Japan inmitten der Corona-Krise und wieder steigenden Infektionszahlen vor allem in der Hauptstadt das Projekt Tôkyô 2020 vorangetrieben hat, bringt Öffentlichkeit und immer mehr Medien gegen das IOC und seine Spitzenfunktionäre auf. Auch der dem IOC vorgeworfene Versuch der Instrumentalisierung der von Atombombenabwürfen im Zweiten Weltkrieg betroffenen Städte Hiroshima und Nagasaki stößt vielen Menschen übel auf. 

 

Der  Wunsch Bachs, am 16. Juli in Hiroshima Friedensapostel spielen zu dürfen, sorgt für Unmut. Dass Vizepräsident John Coates zeitgleich in Nagasaki auflaufen will, verstärkt die Antipathien noch.  Die Boulevardzeitung Nikkan Gendai (29.06.2021) kommentierte das mit unmissverständlichen Worten:  "Präsident Bach entblößt seine Begierde! Der Wunsch, Hiroshima zu besuchen, zeugt von einem entsetzlichen Ego und zielt auf den Friedensnobelpreis ab."

 

 "Warum kann er nicht einfach still sein?", fragt das Blatt rhetorisch. "Obgleich in der Hauptstadt die Verbreitung des Coronavirus sich wieder zum Schlechteren gewendet hat und obwohl gefordert wird, die Bewegung von Menschen einzuschränken, nimmt der Baron Nepp keinerlei Rücksicht. Es ist die nackte Gier (yokubô mukidashi da  欲望ムキ出しだ). Baron Nepp oder wahlweise Baron Abzocke (bottakuri danshaku ぼったくり男爵), so wird Thomas Bach mittlerweile in Japan verbreitet genannt. Meist wird der Ausdruck in Anführungszeichen gesetzt, weil er ins Japanische übersetzt, was zuvor die Kolumnistin der Washington Post, Sally Jenkins, am 5. Mai 2021 zuerst formuliert hatte: "Baron Von Ripper-off". Aber das Boulevardblatt bedarf der Gänsefüßchen nicht. Es nimmt in aller Regel kein Blatt vor den Mund.

 

So erinnert Nikkan Gendai auch daran, dass diese Spiele eigentlich einmal "Wiederaufbau-Spiele" (fukkô gorin 復興五輪) hießen. Tôkyô 2020 sollte ursprünglich einmal die Genesung der Nation vom Großen Ostjapanischen Erdbeben 2011, dem darauffolgenden Tsunami und dem sich daran anschließenden und bis heute nicht beendeten Atomunfall von Fukushima symbolisieren - auch wenn von Atomkraft und Strahlenschäden nie die Rede war im olympischen "Wiederaufbau"-Narrativ.  

 

Was also um alles in der Welt macht Bach in Hiroshima? Wieso ist er nicht in Fukushima? Wieso trifft er sich nicht mit Opfern der Atomkatastrophe, mit Flüchtlingen verstreut über das ganze Land, von denen die meisten überhaupt nicht gut auf diese Olympischen Spiele zu sprechen sind? Wieso hört er nicht zu, wenn sie von ihrem Leben auf der Flucht erzählen, von dem Druck, den der Staat ausübt, um die Menschen zurückzubewegen in halbverwaiste Gemeinden mit erhöhter radioaktiver Strahlung? Fragen wie diese treiben viele Menschen um, seit zehn Jahren nun schon.

 

Nun, es ist des Weltfriedens wegen. Bach will am 16. Juli nach Hiroshima, weil das der Tag ist, an dem die Vereinten Nationen die sogenannte Olympische Waffenruhe ausrufen. Sie verlange von den Nationen der Welt ein Verhalten, dass den Bemühungen des Sports um Frieden gerecht wird, wie die Zeitung erläutert. Als würde sich die sogenannte olympische Bewegung um wahren Frieden und um die Menschenrechte, die dafür Voraussetzung sind, irgendwo auf der Welt auch nur einen Deut scheren. Alles Berechnung:

 

"Präsident Bach hatte im Mai bereits einen Besuch in Hiroshima geplant, um an den Feierlichkeiten zum dortigen olympischen Fackellauf teilzunehmen. Auch war geplant, dass er als Fackelläufer antreten würde. Aber diese Pläne wurden durch das Coronavirus zunichte gemacht", wird jemand aus dem Umfeld des Organisationskomitee  zitiert. Dass der IOC-Präsident davon nicht ablassen mag, liege daran, "dass er damit dem ersehnten Nobelpreis am nächsten kommt". Mit Fukushima und seinen Abertausenden mit kontaminierter Erde gefülltern schwarzern Säcken ist dagegen wohl kaum etwas zu gewinnen.

 

Seit dem Amtsantritt Bachs 2013 sei über das große Ziel der Olympier, den Nobelpreis, immer wieder spekuliert worden. Dafür streut das Milliardenunternehmen IOC immer mal wieder ein paar Brosamen aus. 2016 in Rio gab es erstmals ein Flüchtlings-Team. Auch bei den jetzt bevorstehenden Spielen wird ein Team von Flüchtenden zugelassen. Einen chinesischen Uiguren wird man darin vergebens suchen. Auch sonst lässt Bach nichts unversucht, den großen Friedensstifter zu geben. 2018 in Pyeongchang nahm Bach nicht nur am Fackellauf teil, er ließ bei der Eröffnungsfeier auch eine gemischte süd- und nordkoreanische Mannschaft einlaufen, zudem gab es ein gemischtes koreanisches Frauen-Eishockey-Team.

 

Und nun Hiroshima: das ultimative Symbol für die Hoffnung auf Weltfrieden. "IOC-Präsident Bach strebt ganz zweifellos den Friedensnobelpreis an", wird der renommierte Sportjournalist Taniguchi Gentarô in Nikkan Gendai zitiert, der seit langem kritisch über die olympische Bewegung berichtet. "Er mag wohl glauben, dass er für eine rührende Geschichte unbedingt den Ort eines Atombombenabwurfs besuchen müsse. Ganz offensichtlich glaubt er fälschlicherweise, er sei dort willkommen“, so Taniguchi. 

 

Unterdessen schweigt das IOC öffentlich zu dem Affront, den Gastgeber Japan sich damit leistet, dass es zur Illustration des olympischen Fackellaufes eine äußerst kontroverse Japankarte veröffentlicht hat (vgl. "Territorial-Streitigkeiten und Kriegssymbolik: Wie Japan die Olympischen Spiele politisch instrumentalisiert"). Die Karte  bringt alle denkbaren territorialen Streitigkeiten mit den Nachbarn aus China, Taiwan, Südkorea und Russland zum Ausdruck. Kein Wort auch zu den provokativen Uniformen des japanischen Golf-Teams bei Olympia, die in Mustern der berüchtigten Kriegsflagge "Banner der aufgehenden Sonne" (kyokujitsu-ki  旭日旗) gehalten sind. Würde das IOC dazu Stellung beziehen, könnten seine Funktionäre in Hiroshima und Nagasaki womöglich aus noch ganz anderen, nämlich nationalistischen Gründen plötzlich nicht mehr willkommen sein.

 

Der Beitrag des Boulevardblattes schließt mit Worten, die an Deutlichkeit nichts zu wünschen lassen: "Es bleibt einem nichts anderes übrig als sich zu wehren." Und zu sagen: „No more Olympics“, „No more IOC “, No more Bach“.  

 

Hintergrund: 

"Thomas Bach verdient keinen Friedenspreis", DLF vom 31.10.2020

 


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