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Was erlauben Olympia? In Japan reagieren Medien und Öffentlichkeit zunehmend sensibel auf die Zumutungen des Sports

Der Großteil der japanischen Bevölkerung ist gegen Olympische und Paralympische Spiele inmitten der Pandemie. Vertreter*innen des schon mit vergleichsweise wenigen schweren Fällen an COVID-19-Erkrankungen überforderten Gesundheitssystems fordern vehement die Absage. Die Sturheit, mit der das IOC auf die Durchführung der Spiele pocht, schockiert viele Menschen. Der Sport benehme sich wie eine exterritoriale Macht, heißt es sogar. Über Werbepartnerschaften mit Olympia verbundene Medien, die bislang manchen Skandal totschwiegen, schauen nun endlich genauer hin. Fast täglich werden deshalb olympische Doppelmoral, Widersprüchlichkeit und Heuchelei offengelegt.

 

 

„Wir alle müssen Opfer bringen“, sagte der Präsident des Internationalen Olympischen Komitees, Thomas Bach am 22. Mai in einer Videobotschaft für die (virtuelle) Vollversammlung der Internationalen Hockey-Föderation. Und IOC-Vizepräsident und Chef der Tôkyô 2020-Koordinierungs-Kommission, John Coates, hatte einen Tag zuvor im Rahmen einer gemeinsamen Online-Pressekonferenz des Organisationskomitees für Tôkyô 2020 erklärt, dass die Spiele selbst unter Notstands-Verhältnissen in Japans Hauptstadt durchgeführt werden könnten.

   

„Opfer bringen“ - „Durchführung der Spiele selbst im Notstand“: Diese beiden Aussagen zusammengenommen wirkten wie Sprengstoff im Stimmungstief. Aus längst nicht mehr wegzudiskutierender allgemeiner Ablehnung in der Bevölkerung wurde allenthalben mit Händen zu greifende Empörung. Was erlauben Olympia? „Ich spürte, dass da ein Riss zwischen Olympia und der Bevölkerung entstanden ist“ schreibt der Journalist Harada Ryô in der Zeitung Tôkyô Shimbun (25.05.2021) eingedenk der definitiven Aussage des Australiers Coates. Eine Linie sei mit diesen Bemerkungen überschritten worden. „Man könnte auch sagen, dass das IOC in die nationale Souveränität Japans eingreift", schreibt Harada und zitiert einen Kollegen: „Mit welchem Recht sagt er so etwas? Finden die Olympischen Spiele etwa auf der Basis exterritorialen Rechts statt?

 

Was Bachs Äußerung angeht, so war diese gar nicht an den Gastgeber gerichtet, sondern an den Sport, wie nach Ausbruch der Erruptionen in Japan versucht wurde, deutlich zu machen. Gemeint war wohl: Die olympische Familie müsse zurückstecken, wolle sie die Spiele in diesem Jahr realisiert sehen. Wörtlich im Japanischen bzw. in deutscher Übersetzung: „Um die Olympischen Spiele von Tôkyô zu realisieren, müssen wir alle zahlreiche Opfer bringen. Wenn wir das tun, können wir die Erfüllung der Träume der Athlet*innen sicherstellen", so wurde Bachs Videobotschaft in Japan zitiert (vgl. Asahi Shimbun, 22. Mai 2021): 「東京大会を実現するために、我々はいくつかの犠牲を払わなければならない。(そうすれば)選手は夢を間違いなくかなえることができる」

 

"At al costs", aber "at own risk"

 

Trotzdem war das Zitat gegenüber der japanischen Öffentlichkeit nicht mehr zu retten, es war mit Coates absolutistischer Aussage - dass Olympia stattfinde, komme, was da wolle - längst unauflösbar verwoben zu einem Gestrick aus olympischer Rücksichts- und Gefühllosigkeit gegenüber der aktuellen Corona-Situation in Japan und der konkreten Gefahr, zuerst mit den Olympischen und dann mit den Paralympischen Spielen zwei Superspreader-Events mit Teilnehmer*innen aus 200 Nationen auszurichten. -  „At all costs“, wie Premierminister Suga Yoshihide schon vor längerer Zeit versprach.

 

Und „at my own risk and own responsibility“, wie sich das IOC von den Athletinnen und Athleten schlauerweise noch schriftlich versichern lässt, damit weder das Gesundheitsrisiko aufgrund des unsäglichen Zeitpunkts der Spiele inmitten der größten Sommerhitze und -schwüle, noch die Erkrankungsrisiken durch COVID-19 Anlass für Regressforderungen gegen das IOC geben können. Nicht einmal, und das wird ausdrücklich dazugesagt, im Todesfall. Details wie diese, z.B. von der Nachrichtenagentur Kyôdô (29.05.2021) auch in Englisch verbreitet, werden nunmehr äußerst sensibel wahrgenommen in der japanischen Öffentlichkeit.

 

Maximale Absicherung des Veranstalters bei gleichzeitiger Rezitation von Sicherheitsmantren - wer würde da nicht misstrauisch werden. Alles ganz sicher? Vor kaum mehr als zehn Jahren galt dies noch für die Atomkraft, jetzt sind Teile der Präfektur Fukushima noch immer wegen einer dreifachen Kernschmelze envölkert. Zehntausende sind auch jetzt noch auf der Flucht, Gemeinden und Familien auseinandergerissen und in alle Winde zerstreut. Trotz erhöhter Strahlung versucht die Regierung unter Ausübung ökonomischen Drucks und mit freundlicher Hilfe olympischer „Wiederaufbau“-Nebelkerzen die Bevölkerung zur Rückkehr zu zwingen - in Gebiete, für die die Evakuierungsanordnungen nach Meinung besorgter medizinischer Strahlenexperten weltweit viel zu früh wieder aufgehoben worden sind. In Japan wissen Millionen Menschen mittlerweile, was  es heißt, wenn ihnen jemand verspricht, alles sei sicher und safety first habe oberste Priorität : dass es gefährlich wird!

 

 

Olympische Medienpartner - Die Gangart wird kritischer 

 

Lange Zeit haben nach dem Geschmack vieler Kritiker*innen große Teile der japanischen Massenmedien ihre Informationspflichten gegenüber den Bürger*innen und ihre Rolle als vierte Macht im Staat sträflich vernachlässigt, wenn es um olympische Problemlagen ging. Kein Wunder: Fast alle der großen nationalen Tageszeitungen gehören zu den Werbepartnern von Tôkyô 2020. Mit umfassenden Senderechten ausgestattet ist zudem der öffentlich-rechtliche Sender NHK.

 

Große Teile der Medien und insbesondere die über ihr Sponsoring mit den Spielen verbundenen Blätter haben sich in der Aufarbeitung jener zahlreichen im Zusammenhang mit Tôkyô 2020 zu beklagenden Skandale seit den Vertragsschlüssen bemerkenswert zurückgehalten. Die Aufhebung des jahrzehntelang geltenden Prinzips, wonach nur ein Sponsor jeder Branche IOC-Partner werden konnte, gerät, wenn es um die Akquise von Medien-„Partnern“ geht, zu einem Problem von demokratieschädlichen Ausmaßen.

 

So wurde der Milliardenschaden, der dem Steuerzahler durch die Verscherbelung der Grundstücke für das olympische Athletendorf an ein Konsortium an Bauunternehmern und Maklern für rund ein Zehntel des Marktwertes entstanden ist, von jenen Medien praktisch totgeschwiegen. Es blieb der kommunistischen Parteizeitung Shimbun Akahata überlassen, diesen Skandal aufzudecken (vgl. Olympisches Amakudari, Blogbeitrag vom 29.03.2020; Immobiliengutachter unterstreichen Amakudari-Verdacht, Blogbeitrag vom 06.04.2021). 

 

Einer dieser Partner, die liberale Asahi Shimbun (26.05.2021), hat nun aber - u.a. wegen des für ihn nicht mehr aufzufindenden olympischen Geistes - eine kritischere Gangart angeschlagen. Zuerst veröffentlichte das Blatt eine eigene Umfrage, wonach mehr als 80 Prozent der Bevölkerung gegen die Abhaltung der Spiele in diesem Jahr sind. Dann forderte es in einem Editorial (shasetsu 社説 ) als erster Sponsor unmissverständlich die Absage bzw. die Verschiebung der Spiele: Prime Minister Suga, please call off the Olympics this summer.

 

Und die Tageszeitung Mainichi Shimbun, ebenfalls Official Partner von Tôkyô 2020, konzentriert sich nun in der Berichterstattung über Olympia und das IOC auf Details, die vor Monaten vielleicht noch nicht in den Mittelpunkt gerückt wären. Nun nämlich wartete der Olympia-Partner - Stichwort Opferbringen - mit der Enthüllung auf, was bei im Schatten der Fünf Ringe so verdient wird, während Tausende Freiwillige umsonst arbeiten sollen. Rund 3000 Euro (350.000 Yen) täglich erhält nach den Erkenntnissen der Mainichi Shimbun (26.05.2021) das Führungspersonal an den 42 privatwirtschaftlich betriebenen olympischen Einrichtungen, während das ganze Land fürchtet, dass daselbst hochriskante Superspreader-Events durchgeführt werden könnten. 

 

Oder das Bach'sche Thema olympisches Opferbringen: Warum, wenn angeblich alle Opfer bringen müssen, bleibt beim olympischen Abspecken ausgerechnet die Zahl der Mitglieder*innen der bei den Spielen anwesenden Olympischen Familie" wie gehabt bei 3000? „Diese Zahl aufrecht zu erhalten, ist weit entfernt von einem Opfer“, legt die Sportzeitung Sports Nippon (Sponichi ; 27.05.2021) den Finger in die Wunde. 

 

Kondome statt Masken

 

Dass die Spiele sich zu gefährlichen Relaisstationen für weltweite Neuinfektionen auswachsen könnten, fürchten nach zahlreichen Warnungen durch japanische Gesundheitsexpert*innen und medizinische Organisationen nun auch besorgte Mediziner aus den USA. Sie haben in einem Beitrag für das New England Journal of Medicine (Sparrow et al., 25.05.2021; DOI: 10.1056/NEJMp2108567) die vom IOC geplanten Maßnahmen zum Gesundheitsschutz der Teilnehmer*innen mit bereits erprobten best practices  abgeglichen und sind zu einem äußerst unbefriedigenden Ergebnis gekommen. „Die Absage wäre die sicherste Option“ so ihre Schlussfolgerung. 

 

Alleine die Forderung des IOC an die Athlet*innen, ihre eigenen Masken mitzubringen, sagt viel über das Verantwortungsbewusstsein des Veranstalters. Und dies umso mehr, als - wie ebenfalls kritisch in der Öffentlichkeit reflektiert wurde - im Olympischen Dorf nach wie vor und ungeachtet des gebotenen social distancing 150.000 Kondome verteilt werden sollen (Tôkyô Sports, 28.05.2021). 

 


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