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Noch mehr Umfragen: Über 80 Prozent wollen Olympia (jetzt) nicht (mehr)

Seit Monaten vermitteln Umfragen in Japan einen eklatanten Schwund an Zustimmung zur Durchführung der Olympischen und Paralympischen Spiele in Tôkyô. Je prekärer die Corona-Lage, desto größer die Ablehung, so die Tendenz. Mit der Verschlimmerung der aktuellen Situation schwindet nun rapide auch die Unterstützung durch das medizinische Fachpersonal. Immer mehr Organisationen und Vertreter*innen des Gesundheitssystems fordern aus Sorge um die Sicherheit und um das Leben ihrer Patient*innen die Absage der Spiele bzw. ihre nochmalige Verschiebung. Zugleich gerät das IOC wegen seiner als "Abzocke" etikettierten Geschäftstüchtigkeit immer stärker in die Kritik. Als "Baron Nepp" wird IOC-Präsident Bach mittlerweile tituliert.


83 Prozent dagegen: In einer am 15. und 16. Mai durchgeführten Meinungsumfrage der Tageszeitung Asahi Shimbun zur Frage der Durchführung der Olympischen und Paralympischen Spiele in diesem Sommer fanden sich nur noch 14 Prozent an Befragten, die sich für eine Ausrichtung trotz der unbewältigten Corona-Krise und der daraus resultierenden drohenden Überforderung des Gesundheitssystems aussprachen. 43 Prozent plädierten für die Absage der Spiele. Weitere 40 Prozent waren für eine erneute Verschiebung, die für das Internationale Olympische Komitee aus merkantilen Gründen allerdings nicht in Frage kommt.

 

83 Prozent dagegen, das sind noch einmal deutlich mehr als noch in der April-Umfrage des Blattes (69 Prozent). 28 Prozent hatten sich im Vormonat noch für die Durchführung von Tôkyô 2020 in diesem Sommer ausgesprochen. 30 Prozent waren es im Dezember und – der bisherige Tiefpunkt – elf Prozent im Januar inmitten der in Japan verzeichneten dritten Welle und in einem exponentiellen Wachstum nur kurz vor dem Sprung in die Sphären deutscher Corona-Zahlen. 

 

Die TV-Nachrichten-Agentur All-Nippon News Network (ANN), eine Tochter des landesweiten Senders TV Asahi, kam in einer weiteren Umfrage der vergangenen Tage auf einen fast identischen Wert. ANN ermittelte 82 Prozent an Befragten, die für eine erneute Verschiebung oder eine ersatzlose Absage der Spiele plädieren. Nur 15 Prozent sprachen sich für eine Ausrichtung in diesem Sommer aus. Die konservative und traditionell regierungstreue Zeitung Yomiuri Shimbun hatte zuvor die Ergebnisse einer eigenen Umfrage veröffentlicht, nach der 59 Prozent für eine Absage der Spiele plädiert hatten. Dabei war die Antwortmöglichkeit einer erneuten Verschiebung der Spiele allerdings nicht eingeräumt worden. Bessere Werte pro Olympia sind seit langem nicht mehr ermittelbar.

 

Kein Wunder also, dass eine Petition des Bürgerrechtsanwalts und Sozialpolitikers Utsunomiya Kenji 宇都宮 健二 mit der Forderung nach Absage der Olympischen und Paralympischen Spiele in nur einer Woche mehr als 350.000 Unterzeichner fand. Adressiert war die Petition an IOC-Präsident Thomas Bach, den Präsidenten des Internationalen Paralympischen Komitees (IPC), Andrew Parsons, Premierminister Suga Yoshihide, Olympiaministerin Marukawa Tamayo, Tôkyôs Gouverneurin Koike Yuriko sowie die Präsidentin des Organisationskomitees für Tôkyô 2020, Ex-Olympiaministerin Hashimoto Seiko. 

 

Auch Japans mächtigster Oppositionspolitiker, der frühere Minister und Kabinetts-Sekretär Edano Yukio 枝野幸男, Vorsitzender der Konstitutionell-Demokratischen Partei (Rikken Minshu-Tô 立憲民主党) reihte sich ein in die Schlange derjenigen, die mittlerweile eine Olympiaabsage forderten. Man kommt leider nicht umhin zu sagen, dass es unmöglich ist, das Leben der Menschen zu beschützen und gleichzeitig Olympische und Paralympische Spiele auszurichten, sagte Edano am 10. Mai 2021 im Haushaltsausschuss des Japanischen Unterhauses. Wir können diese Entscheidung nicht mehr länger aufschieben (Asahi Shimbun, 10.05.2021).

 

 

Was schwerer wiegt als vieles andere: Immer größer wird der Widerstand gegen das Projekt Tôkyô 2020 besonders auch unter Vertreter*innen des Gesundheitswesens, die die neoliberalistische Politik ihrer Regierungen in den letzten Jahrzehnten ausbaden müssen: Selbst bei - im Vergleich mit westlichen Industrienationen - noch relativ wenigen Corona-Fällen droht der Intensivmedizin seit Monaten bereits die Überforderung. Groß daher die Sorge, dass zehntausende ausländische Besucher im Sommer zu einem Kollaps führen und Menschenleben kosten könnten.

 

Der landesweite Verband der Krankenhausärzt*innen wandte sich in der vergangenen Woche mit der dringenden Bitte um Absage der Spiele an die Medien und per offenem Brief auch direkt an dem in der Krise völlig überfordert wirkenden Premierminister Suga Yoshihide. „Was wir jetzt brauchen, sind Maßnahmen gegen Corona“, hieß es. „Wegen der Gefahr der Verbreitung und Neuausbildung gefährlicher Mutantenstämme des Corona-Virus verlangen wir mit Nachdruck die Absage der Olympischen Spiele", so ist der Brief an den Premierminister, gezeichnet von dem Vorsitzenden der Gerwerkschaft der Krankenhaus-Mediziner*innen, Ueyama Naoto 植山直人, überschrieben.

 

Angesichts der prekären Lage verwundert auch nicht, dass nur zwei Monate vor Beginn der Olympischen Spiele die Ausstattung der olympischen Wettkampfstätten mit medizinischem Fachpersonal noch immer nicht im vorgesehenen Ausmaß gewährleistet ist. 500 Ärzt*innen werden aktuell noch gesucht, darunter 200 Orthopäd*innen. Wie der Fernsehsender NHK am 8. Mai 2021 berichtete, haben sich auf eine Umfrage der Japanischen Orthopädischen Gesellschaft Ende April hin unter den 4784 Mitglieder*innen der Fachgesellschaft nur 92 Ärzt*innen gemeldet und grundsätzliches Interesse an der rein ehrenamtlichen Arbeit für Olympia signalisiert. 

 

Auch an Wettkampfstätten außerhalb der Hauptstadt fehlt es derzeit teils noch an medizinischem Fachpersonal. In der Präfektur Ibaraki, wo Krankenpfleger*innen für Fußball-Spiele in der Stadt Kashima benötigt werden, haben zuletzt mehr als zwei Drittel Pfleger'innen - 28 von 41 - ihre 2018 gegebene Zusage der ehrenamtlichen Mitarbeit wegen der Corona-Krise zurückgezogen, wie die Yomiuri Shimbun (12.05.2021) berichtete. „Die Corona-Situation hat sich grundlegend geändert. In den medizinischen Einrichtungen mangelt es aufgrund der Ausbreitung des Virus an Personal. Die Pfleger*innen sind von ihrer Arbeit für die Patient*innen und der Impfung der Menschen in Anspruch genommen“, teilte die Vereinigung des Pflegepersonals der Präfektur Ibaraki laut Yomiuri Shimbun mit.

 

Ende April hatte der Leiter der Sôgo-Klinik in Tôkyôs Vorort Tachikawa, das mit der Behandlung von Covid-19-Patienten betraut ist, keinen anderen Ausweg mehr gewusst, als seine Sorge über den bedingungslosen Willen der Regierung und der Olympia-Verantwortlichen öffentlich zum Ausdruck zu bringen: So sorgte der Mediziner Takahashi Masaya 高橋雅哉 dafür, dass die Fenster des Krankenhauses mit unmissverständlichen Botschaften bestückt wurden: Die medizinische Versorgung ist am Limit. Stoppt die Olympischen Spiele!“ (Iryô wa genkai. Orinpikku o yamete!  医療は限界。五輪をやめて!), hieß es da. Im Stockwerk darunter stand geschrieben: Habt Erbarmen. Olympische Spiele sind unmöglich“ (Mô kanben. Gorin muri! もうカンベン。オリンピックむり). Die Asahi Shimbun (07.05.2021) veröffentlichte Fotos der Szene. Auf einem von ihnen war auf der Hochtrasse dahinter ironischerweise ein Zug zu sehen, an dessen Außenwände die olympischen und paralympischen Maskottchen prangten. 

 

„Es schmerzt mich, dies zu tun, wenn ich an die Athlet*innen denke, die unvorstellbare Anstrengungen unternommen haben um teilzunehmen, und an die Mitarbeiter*innen, die hart dafür gearbeitet haben, dass die Spiele stattfinden können“, sagte Takahashi. „Aber ich habe keine andere Wahl, als mich jetzt gegen die Spiele auszusprechen.

 

Zu der Sorge um die Gesundheit der Menschen gesellt sich nun mehr und mehr auch eine bisher in dieser Wucht nicht beobachtete Antipathie gegen das Internationale Olympische Komitee. IOC-Präsident Thomas Bach wird in Sozialen Medien und nach einem Bericht der Sporttageszeitung Tokyo Sports sowie in Anlehnung an einen Bericht der Washington Post vom 5. Mai 2021 mittlerweile weithin als Baron Nepp“ (bottakuri danshaku ぼッタクリ男爵) bezeichnet. Das ist die Übersetzung des Begriffs, den die Washington Post gebraucht hatte: Baron Von Ripper-off.

 

Tokyo Sports nahm am 15. Mai eine - allerdings ziemlich abenteuerliche - Schätzung des mutmaßlichen Gesamteinkommens Bachs von 100 Millionen Yen (ca. 750.000 Euro) vor, wobei das bekannte Jahressalär als IOC-Chef 225.000 Euro beträgt. Weitere Einkünfte würde der Spitzenfunktionär Bach vermutlich im Zusammenhang mit dem IOC-eigenen Olympic Channel erzielen, mutmaßt  Tokyo Sports. Dem IOC-Chef werden in dem Bericht daher eigennützige Motive beim sturen Festhalten am Olympiafahrplan unterstellt. Das IOC selbst weist solche Vorwürfe indessen strikt zurück. Die Darstellungen in dem Artikel, dass Bach über seine als Aufwandsentschädigung bezeichnete Summe von 225.000 Euro hinaus im direkten oder indirekten Zusammenhang mit seiner Arbeit für das IOC weitere Honorare erhalten haben soll, seien falsch, teilt IOC-Mediendirektor Christian Klaue (E-Mail vom 17. Mai 2021) mit. Alle Einkünfte von Bach aus IOC-Tätigkeit seien im IOC Annual Report 2019 aufgeführt (S. 53): 225.000 Euro sind darin ausgewiesen.

 

 

Was über solche unbeweisbaren Spekulationen hinaus weltweit Kritiker, die sich mit dem IOC und seinem Geschäftsgebaren auskennen, schon seit langem umtreibt - die als Knebelverträge gegeißelten Kontrakte, in die olympische Gastgeberländer gezwungen werden - dämmert nun auch einer breiteren Bevölkerung in Japan: Wer sich mit dem IOC einlässt, gibt ein gehöriges Stück nationaler Souveränität auf - von der Einschränkung der Bürger*innenrechte und sonstigen Gefährdungen der Demokratie einmal ganz zu schweigen. Japan, spüren mehr und mehr Bürger*innen, ist in seinen Entscheidungen inmitten einer weltweiten Pandemie wegen Olympia nicht mehr souverän in seinen Entscheidungen.

 

Japan könne ohne die Zustimmung des IOC die Spiele überhaupt nicht einfach so absagen, wie Medienberichte mittlerweile verdeutlichen. Jedenfalls nicht, ohne astronomische Schadenersatzverpflichtungen einzugehen, so schreibt der Wirtschafts-Publizist und Medienkommentator Satô Haruhiko 佐藤治彦 in einem aktuellen Beitrag für das Magazin Nikkan SPA  und spricht  zitatweise von einem "Abzocker-Vertrag" (bottakuri keiyaku ボッタクリ契約) , den das IOC mit den Organisatoren von Tôkyô 2020 geschlossen habe.

 

Indessen zweifelt der Autor Satô jedoch an, ob sich im Fall einer japanischen Absage der Spiele gegen den Willen des IOC etwaige Schadenerssatzansprüche vor Gerichten überhaupt würden durchsetzen lassen. Außerdem sei der Ansehensverlust für die olympische Familie international verheerend, würde das IOC versuchen, im Schatten der Pandemie Ansprüche in großem Umfang geltend zu machen. Die Suche nach Gastgebern für Olympische und Paralympische Spiele in der Zukunft würde sich darüber hinaus noch schwieriger gestalten, so Satô.

 

(Letzte Akutalisierung: 19. Mai 2021, 8:00 Uhr)


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