Die Ästhetik des Widerstandes: Zum Tod des Dichters und Atomkraftgegners Wakamatsu Jôtarô

Wie wenige andere verkörperte er die Ästhetik des Widerstandes: Jahrzehntelang hat Wakamatsu Jôtarô 若松丈太郎 (1935 - 21.04.2021) in Gedichten, Essays und Artikeln vor den Gefahren der Atomkraft gewarnt. Nach der Tschernobyl-Katastrophe sagte er ein ähnliches Ereignis für seine Heimat Fukushima immer wieder voraus. In einem Gespräch mit Andreas Singler aus dem Jahr 2018 gibt Wakamatsu Auskunft über seine Wurzeln im Japan des 2. Weltkriegs und seinen unbändigen Hang zum freien Denken.

 

 

Am 21. April 2021 verstarb 85-jährig der Dichter Wakamatsu Jôtarô 若松丈太郎 aus Hara-machi/Minamisôma. Geboren in Iwayadô/Präfektur Iwate, dem heutigen Ôshû, studierte Wakamatsu Japanische Literatur an der Universität Fukushima und unterrichtete danach viele Jahre als Lehrer für Japanische Sprache in Schulen seiner Wahlheimat Fukushima, der Heimat seiner Frau Yôko 蓉子. In einem am 13. Mai 2018 geführten Gespräch beschreibt der Dichter, wie ihn die Beschäftigung mit alten Quellen und ihrer Interpretation zu eigenständigem Denken verholfen habe und wie er - anders als die meisten anderen Menschen seiner Zeit - früh Zweifel hegte an der Sicherheit des 25 Kilometer von seinem Wohnort entferten Atomkraftwerks Fukushima Daiichi. Jahrzehntelang engagierte sich Wakamatsu zudem gegen Bestrebungen in Japan, die Nachkriegsverfassung und ihren "Friedens-Artikel" 9 zu ändern. Olympischen und Paralympischen Spielen unter dem Slogan "Wiederaufbau-Spiele" (fukkô gorin 復興五輪) vermochte der Dichter nichts abzugewinnen, sie würden lediglich der Rückkehr der Atomkraft dienen, vermutete Wakamatsu. 

 

Frage: Wie kam es, dass Sie um die Gefahren der Atomkraft schon von Anfang an gewusst haben, als noch fast alle Welt dem Traum von Atomkraft als nie versiegender, sicherer und sauberer Energiequelle nachhing?

 

Wakamatsu: Ich war Oberschul-Lehrer für Japanisch. 1971 gab es die Gelegenheit, das Atomkraftwerk Fukushima Daiichi zu besichtigen. Ich hatte meine Zweifel und dachte: „An diesem Ort produziert man so etwas Gefährliches?“ 

 

"Diejenigen, die die Atomkraft vorangetrieben haben, wussten um ihre Gefahren - sonst hätten man Atomkraftwerke mitten in Tôkyô bauen können"

 

Ich denke, dass auch diejenigen, die die Atomkraft vorangetrieben haben, um ihre Gefahren gewusst haben. Sonst hätte man Atomkraftwerke ja auch mitten in Tôkyô, wo der Großteil des Stroms verbraucht wurde, ansiedeln können. Dann hätte man auch keine Starkstromleitungen bauen müssen, um den Strom eigens von weit entfernten Orten unter Risiken hertransportieren zu müssen. Tôkyô Denryoku jedoch hatte einen abgeschiedenen, an der Küste gelegenen Ort mit wenigen Einwohnern im Visier, an dem der Schaden, selbst wenn sich eine Katastrophe ereignen würde, gering bliebe.

 

Als ich solche Überlegungen anstellte, wusste ich um die Gefährlichkeit der Atomkraft. Die Regierung fand süße Worte dafür: „Es hat nichts mit Kernwaffen, mit Atom- oder Wasserstoffbomben zu tun. Es handelt sich um den friedlichen Gebrauch von Atomen (kaku no heiwa riyô  核の平和利用).“ Die Menschen wurden alle belogen. Auch jene, die gegen das System eingestellt waren, wurden getäuscht und betrogen. 

 

Ich unternahm eine Besichtigung von Fukushima Daiichi. „Warum haben sie es an einem solchen Ort gebaut? Wälder und Steilhänge sind abgetragen worden“, so dachte ich. Aus dem Zug der Jôban-Linie oder von außen sah man das Atomkraftwerk nicht. Es war an einen tieferen Ort verlegt worden. Ich fand das sehr befremdlich. Das war der Auslöser für mich, fortan konzentrierte ich mich in besonderer Weise auf die Nachrichten über Atomkraft.

 

Es ereigneten sich Unfälle am laufenden Band. Sie wurden immer erst mit Verspätung veröffentlicht. Im AKW Fukushima Daini gab es zwar keinen größeren Unfall, aber viele kleinere. Es ging Gefahr von ihm aus. Ich gehörte der Gegenbewegung an, die sich gegen ihren Bau engagiert hatte. 

 

Frage: Mit wem waren Sie damals gemeinsam aktiv?

 

Wakamatsu: In Iwaki gab es eine Organisation, in der Atomkraftgegner versammelt waren. Oder mit Herrn Ôwada aus Namie-machi, der jetzt nach Iwaki geflüchtet ist (Anm. A.S.: Ôwada Hidefumi 大和田秀文 (*1938) war lange Jahre Sozialkunde-Lehrer an einer Mittelschule in Namie-machi und jahrzehntelang gegen die benachbarten Atomkraftwerke aktiv. Nach dem Atomunglück flüchtete er zunächst nach Aizu-Wakamatsu, später zog er nach Iwaki).   

  

Anders als die Seehunde: In die andere Richtung blicken

 

Frage: Politische Parteien wie die Kommunistische oder die Sozialistische Partei waren - vollständig oder zumindest in Teilen - gegen Atomkraft. Gab es da eine Zusammenarbeit?

 

Wakamatsu: Ich habe nie irgendeiner Partei angehört. Die einzige Organisation, in der ich Mitglied war, war die Lehrergewerkschaft. Ich war gegen die damals an den Tag gelegte Ideologie der Kommunistischen oder der Sozialistischen Partei eingestellt. Vielleicht wäre es besser gewesen, zusammenzuarbeiten, aber damals war das unmöglich.  

 

Der Grund, warum ich nie in eine Partei eintrat, war, dass sie immer unter dem Einfluss von außen stehen. Meine Einstellung dazu hat noch mit der Kriegszeit zu tun. „Japan ist das Land der Götter, das Reich des Tennô.“ Die Erwachsenen dachten damals alle dasselbe. Menschen, die ursprünglich eine abweichende Meinung hatten, wurden immer mehr in diesen Sog hineingezogen. Es gab auch politische Gruppen, in der Schriftsteller teilnahmen, aber es war eine Zeit, in der es keine freie Meinungsäußerung gab. Mit den Augen eines Kindes sah ich damals, dass alle gleich dachten, und ich dachte so etwas wie: „Gibt es wirklich niemanden, der das Rückgrat hat zu widersprechen?“

 

Als Mittelschüler las ich den Gedichtband „Same“ (鮫/Hai) von Kaneko Mitsuharu 金子光晴. Darin befindet sich das Gedicht „Ottosei“ (Seehund). Der Seehund ist ein Tier, das auf dem Eis des Nordmeers in Herden lebt. Das Gedicht beschreibt Fischschwärme und das Verhalten der Seehunde. Wenn sie im Meer ein Geräusch hören, dann schauen alle in die eine Richtung. Und wenn ein Geräusch aus einer anderen Richtung kommt, dann schauen alle in die andere Richtung. Genau so verhielten sich auch die Menschen vor dem Krieg. Sie wandten sich alle in die selbe Richtung, dafür steht der „Seehund“ exemplarisch. 

 

Ich war wie ein Seehund, der in eine andere Richtung als die Herde schaute. Als ich das Gedicht las, fand ich, dass dies die richtige Art zu leben war. Als Mittelschüler empfand ich dies. Das heißt nicht, dass man der Herde den Rücken zukehrt. Auch wenn man es nicht sagt, vermag mag man doch, anders als die Herde zu handeln. Das zu tun, nahm ich mir vor. Deshalb schließe ich mich keiner Herde an. Das heißt, auch wenn ich bisweilen dachte oder handelte wie man das von der Kommunistischen oder Sozialistischen Partei kennt, so wollte ich doch nicht dazu gehören. Es ist Individualismus, es geht darum, sich selbst wertzuschätzen.   

 

Das Studium alter Quellen als Weg zum eigenständigen Denken

 

Seit meiner Studienzeit und schon seit meiner Schulzeit habe ich das Manyôshû 萬葉集 , die „Sammlung der zehntausend Blätter“ studiert (Japans älteste Gedichtsammlung, im 8. Jahrhundert kompiliert, Anm. A.S.). Ich habe aus eigenem Antrieb nachgeforscht und versucht herauszufinden, auf welche Weise man die Lieder des Manyôshû in das heutige Japanisch übersetzen könnte. Beim Üben mit den Liedern des Manyôshû lernte ich, in dem ich mir meine eigenen Gedanken machte, zugleich etwas über die Methoden des Lernens. In der Edo-Zeit haben unzählige Gelehrte Bücher über das Manyôshû veröffentlicht. Ich lernte, in dem ich verglich, wie früher die Autoren Literatur interpretierten und indem ich mich fragte, welche die beste Deutung sei und ob es außerdem nicht noch andere Möglichkeiten gab, den Text zu begreifen. 

 

Es gibt zu ein und derselben Sache verschiedene Interpretationen und Meinungen. Beim Lesen dieser Literatur vergewisserte ich mich, wie meine eigene Meinung dazu war. Bin ich mit einer Deutung einverstanden oder habe ich eine andere Meinung dazu? Eine eigene Meinung zu haben, ist sehr wichtig. Diese Herangehensweise an das Lernen hat sich für mich auch als nützlich im Leben erwiesen. An der Universität lernte ich nicht besonders gründlich, aber ich lernte, mit welchen Methoden man lernt. 

 

Vom Schwärzen der Bücher

 

Gegenwärtig erinnert der Zustand der Politik an die Zeit vor dem Krieg. Wir sind die letzte Generation, die den Krieg noch selbst erlebt hat, und wir wollen, dass unsere Kinder und Enkel die Not und den Schmerz des Krieges nicht ebenfalls erfahren müssen. In diesem Geist habe ich dieses Buch „Bis zu dem Sommer, als ich zehn Jahre alt war, herrschte Krieg“ (Jussai no natsu made, sensô datta  十歳の夏まで、戦争だった) geschrieben. Dinge, die ich der nächsten Generation mitteilen möchte. 

 

Kennen den Ausdruck kyôkasho no suminuri  教科書の墨塗り (Schwärzen von Schulbüchern)? Bis heute werden in Schulbüchern Dinge geschwärzt, die sich kritisch mit dem japanischen Militarismus (gunkoku shugi 軍国主義) auseinandersetzen. Wir wurden in die schlimme Zeit des Krieges hineingeboren, und wir möchten den Menschen in der Zukunft und den heutigen jungen Menschen die Not und das Leid und den Schmerz der Kriegszeit nahe bringen, dafür habe ich dieses Buch geschrieben. 

 

Während des Krieges hatten wir in der Schule kaum Unterricht. Wir gingen aufs Feld, wo man uns arbeiten ließ. Japan verfügt über keine Ölvorkommen, daher war damals das Öl für Flugzeuge oder Kriegsschiffe knapp, es wurde aus Südostasien importiert. Das wurde im Krieg gestoppt. Deshalb wurden Grundschüler dazu benutzt, Kiefern zu fällen und die tiefliegenden Wurzeln auszugraben. Aus ihnen wurde Öl gewonnen. Weil auch wir damals zehnjährigen Kinder nichts zu essen hatten, waren wir total erschöpft.

 

Ich möchte verhindern, dass unsere Kinder und Enkel solche Erfahrungen jemals selbst machen müssen. Deshalb habe ich auch einen Artikel mit dem Titel „Die Änderung der Verfassung geht nicht an“ geschrieben. 

 

"Wiederaufbaus-Spiele": "Es mag wohl bedeuten, dass die Regierung Atomkraftwerke wieder in Betrieb nehmen möchte"

 

Frage: Abschließend gefragt: Wie stehen Sie zu den Olympischen und Paralampischen Spielen in Tôkyô? Haben Sie Erinnerungen an die OS 1964?

 

Wakamatsu: An den Olympischen Spielen 1964 hatte ich kaum Interesse. Ob ich zum Zeitpunkt der Olympischen Spiele 2020 noch lebe, weiß ich nicht. Vielleicht bin ich bis dahin schon senil. Warum sie „Wiederaufbau-Spiele“ (fukkô gorin 復興五輪) heißen, begreife ich nicht. Wir hier wissen nicht, was der Ausdruck „Wiederaufbau-Spiele“ bedeutet. Mit Wörtern wie „Wiederaufbau“ und „Restauration“ (fukkyû  復旧) kann ich nichts anfangen. ... Es mag wohl bedeuten, dass die Regierung Atomkraftwerke wieder in Betrieb nehmen möchte.  

 

Wikipedia zu Wakamatsu Jôtarô: 

https://de.wikipedia.org/wiki/Wakamatsu_Jōtarō

 

Hintergrund (Japanisch): 

 Interview der Chûgoku Shimbun,  6. März 2013, abrufbar unter: 

http://www.hiroshimapeacemedia.jp/?p=18686

 

無断掲載お許し下さいでも、ちゃんと読んで考えたいその3

https://hoendo.jp/kou/kou03.html

 

Literatur zu Wakamatsu Jôtarô

Chappelow, Christian (2020): Wakamatsu Jôtarô und die Atomthematik im japanischen Gegenwartsgedicht nach „Fukushima“. Überarbeitete Dissertationsschrift an der  Japanologie Frankfurt am Main (in Vorbereitung)

 

Singler, Andreas (2018): Ein Dichter als Prophet des Untergangs: Wakamatsu Jôtarô. In: ders.: Sayônara Atomkraft. Proteste in Japan nach "Fukushima". Berlin: EB-Verlag, S. 326-332.

 

Brandner, Judith (2015): Der Prophet, der keiner sein wollte – Wakamatsu Jotaro und Fukushima

MINIKOMI Nr. 85,  S. 33-42.

Quelle: Wakamatsu Jotaro/Arthur Binard/Saito, Sadamu (2014, erstmals 2012): Hito no Akashi. What Makes Us. Seiryu Publishing, Tokyo, ISBN 978-4-86029-372-7. Deutsche Übersetzung durch A. Singler,  in "Sayonara Atomkraft", S. 330.
Quelle: Wakamatsu Jotaro/Arthur Binard/Saito, Sadamu (2014, erstmals 2012): Hito no Akashi. What Makes Us. Seiryu Publishing, Tokyo, ISBN 978-4-86029-372-7. Deutsche Übersetzung durch A. Singler, in "Sayonara Atomkraft", S. 330.

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