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"Seika" - "Heiliges Feuer": Wie im Japanischen das Nazi-Wort für das olympische Feuer weiterlebt

Zeitschrift "Die Woche", Ausgabe "Olympia 1936"
Zeitschrift "Die Woche", Ausgabe "Olympia 1936"

In der japanischen Präfektur Fukushima hat der Olympische Fackellauf begonnen. Bis zum Auftakt der Olympischen Spiele in Tôkyô am 23. Juli wird das Olympische Feuer durch sämtliche Präfekturen im Land getragen und gefahren. Die Wortwahl für das Olympische Feuer im Japanischen - seika 聖火, also "heiliges Feuer" - ist indessen verstörend: Sie geht zurück auf einen Sprachgebrauch der Nazis bei den Olympischen Spielen in Berlin 1936 und den Winterspielen in Garmisch-Partenkirchen ein halbes Jahr zuvor. In diesem Zusammenhang ist der Ausdruck ins Japanische übertragen worden. Danach wurde er nie korrigiert.

Spätestens mit dem Beginn des Olympischen Fackellaufes am 25. März ist in Japan ein Wort in aller Munde: Seika 聖火. Wörtlich übersetzt heißt das: „Heiliges Feuer.“ Die gängigen Wörterbücher geben dies indessen als „Olympisches Feuer“ wieder. Der im J-Village in der Präfektur Fukushima unweit des havarierten Atomkraftwerks Fukushima Daiichi gestartete Olympische Fackel-Staffellauf müsste - wörtlich übertragen - im Japanischen eigentlich orinpikku tôchu rirê  heißen. Genannt wird der ohnehin schon heftig umstrittene Lauf in aller Regel jedoch orinpikku seika rirê, was zutreffend als „Staffel des olympischen heiligen Feuers“ zu übertragen wäre. Dahinter verbirgt sich ein großes Problem: Wie geht eine Gesellschaft mittels ihrer Sprache mit Geschichte um?

 

Denn seika, heiliges Feuer, ist ein im Deutschen wie in den meisten anderen Sprachen der Welt – wenn überhaupt jemals verwendet – längst nicht mehr gebrauchter Terminus. Der vom Internationalen Olympischen Komitee (IOC) verwendete offizielle Ausdruck für den präolympischen Fackelzug lautet „Olympischer Fackel-Staffellauf“ (Olympic torch relay). Und als „Olympisches Feuer“ brannte die in Griechenland an antiker Stätte in Olympia entzündete Flamme im Leichtathletik-Stadion von Amsterdam 1928 erstmals für die Zeitdauer der Spiele. Niemand, auch nicht in Japan, nannte sie damals „heilige Flamme“ oder „heiliges Feuer“.

 

Im Japanischen taucht nach derzeitigem Wissensstand der Begriff „heiliges Feuer“ im Zusammenhang mit Olympia 1936 erstmalig auf, und zwar erst in der Berichterstattung über die Winterspiele in Garmisch-Partenkirchen und die Sommerspiele in Berlin. Darauf macht ein Artikel in der Asahi Shimbun (12. Juli 2012) aufmerksam. In der Berichterstattung zu den Winterspielen 1936 ist der Ausdruck „orimupikku tôchu no seika“ (heilige Flamme der olympischen Fackel) in einer Bildunterzeile nachweisbar.

 

Dem damals offiziellen olympischen Sprachgebrauch entsprach dies nicht. Offenkundig wurde hier ein in den gleichgeschalteten deutschen Medien häufig auftauchender Begriff übernommen und ins Japanische übersetzt. Danach wurde der Ausdruck anscheinend unreflektiert weiterverwendet – bis heute. Massenmedien, Olympia-Organisationen oder Politiker*innen in Japan sowie selbst zahlreiche Olympiagegner*innen verwenden den Ausdruck. Eine Ausnahme stellen die olympiagegnerischen Verbindung Nein Danke zu Olympischen Desastern 2020 (2020-nen Orinpikku Saigai Okotowari Renraku Kai) und die Hangorin no Kai (Versammlung gegen die Fünf Ringe) dar. Sie verwenden in ihrem gemeinsamen Aufruf zu einer Anti-Fackellauf-Demonstration zum Start des Events in Fukushima die Begriffe „seika“ oder „seika-rirê“ lediglich in An- und Abführungszeichen.

 

Der Fackellauf als Verbindung antiken Hellenentums mit dem Nationalsozialismus

 

Für das IOC repräsentiert die in Olympia im antiken Zeus-Heiligtum entzündete Flamme heute „die positiven Werte, die die Menschheit seit je her mit Feuer assoziiert hat. Die Reinheit der Flamme wird durch die Art ihrer Entzündung durch Sonnenstrahlen gewährleistet. Die Wahl Olympias als Abkunftsort der Flamme betont die Verbindung zwischen den antiken und den modernen Spielen und unterstreicht die profunde Verbindung zwischen diesen beiden Ereignissen“ (vgl. IOC: https://www.olympic.org/olympic-torch-relay).

 

So ähnlich hat das die Nazi-Presse 1936 auch ausgedrückt, nur dass nach Verständnis der deutschen Propaganda das moderne Olympische Feuer dadurch ein „heiliges Feuer“ wurde, dass der antike Hellenismus im deutschen Nationalsozialismus nach fast zwei Jahrtausenden endlich seine wahre Bestimmung  gefunden habe. „Im Fackellauf wurde das heilige Feuer von Olympia nach Berlin gebracht“, hieß es in dem Magazin „Die Woche“ nach den Spielen von Berlin. Das Feuer symbolisiere „die Verknüpfung des Alten mit dem Neuen“, sprich: dem Nationalsozialismus: „So wurde die Fortdauer der hellenischen Schöpfung sinnfällig.“

 

Das Magazin nahm für sich in Anspruch, „Geschichte und Kulturgeschichte unserer Zeit“ in Bildern zu reflektieren, für das Olympia-Heft schrieb auch Propagandaminister Joseph Goebbels in seinem Geleitwort von der „heiligen Flamme“. Das Blatt verfolgte in Bild und textlichen Erläuterungen den Weg der olympischen Flamme von ihrem Herkunftsort über sieben Nationen und 3000 Kilometer hinweg bis nach Berlin – von einer „heiligen Flamme“ war aber nur im Zusammenhang mit der antiken Wettkampfstätte, wo bei Verabschiedung auch das Horst-Wessel-Lied gespielt wurde, und dann wieder in Berlin die Rede. 

 

Anders als das IOC, das durch die Flamme aus dem antiken Zeus-Heiligtum positive Werte der Menschheit symbolisiert sieht, war die tiefere Bedeutung des von den Nazis so genannten „heiligen Feuers“ eine andere. Nach einem Beitrag des Historikers Ralf Schäfer in der Zeitung Jüdische Allgemeine (23. Juli 2012, siehe: https://www.juedische-allgemeine.de/juedische-welt/gestohlenes-feuer/) wurden Feuer und Fackellauf seinerzeit in ein Schema integriert, das „den Opfertod im Krieg als historischen Normalfall“ zeige. 

 

Alfed Schiff: Der wahre Erfinder des olympischen Fackellaufs

 

Dabei war der Olympische Fackellauf ursprünglich weder eine Idee der Nazis noch ihres Cheforganisatoren der Berliner Spiele, Carl Diem (1882 - 1962). Sie geht, wie der Archäologe Stefan Lehmann schreibt, auf Diems Mitarbeiter an der Berliner Hochschule für Leibesübungen zurück, den jüdischen Archäologen und Verwaltungsdirektor unter Diem, Alfred Schiff (1863 - 1939) (vgl. Spiegel Geschichte, 16. August 2008: https://www.spiegel.de/geschichte/olympia-1936-a-947704.html). Nach dem zweiten Weltkrieg habe Diem den wahren Urheber des Olympischen Fackellaufes dann nie erwähnt, bemerkt Ralf Schäfer. 

 

Pierre de Coubertin (1863 – 1937) übrigens, der Erfinder der modernen Olympischen Spiele, pflegte das Wort von der „heiligen Flamme“ ebenfalls. Man wäre vielleicht eher geneigt, ihm lediglich Altersnaivität gegenüber den Nazis zuzubilligen, wenn er sich nicht so unterwürfig an den Diktator der Deutschen rangeschmissen hätte. Coubertin war augenscheinlich hingerissen von der ganz großen Inszenierung Olympias durch die Nazis. Mit diesen Spielen fühlte sich der Baron, der sich längst von der aktuellen Sportbewegung entfremdet hatte, noch einmal - oder besser vielleicht: endlich einmal - so richtig verstanden.

 

In einer in „Die Woche“ abgedruckten „Schlussansprache von Baron Coubertin für die Olympischen Spiele in Berlin“ überschlug dieser sich ein Jahr vor seinem Tod noch mit Respektsbezeugungen an die Nazis und an Adolf Hitler. „Erinnerungen an mutige Taten sodann“, kamen dem Franzosen in den Sinn, wenn er an „le Führer“ dachte: „Denn solcher bedurfte es, um die Schwierigkeiten zu überwinden, denen der Führer von vorneherein das Wort seines Willens: ‚Wir wollen bauen!’ entgegengesetzt hatte, und um den unlautereren Angriffen Widerstand zu leisten, mit denen man hier und da versuchte, den Bau, der sich erhob, einzureißen“ (Übersetzung aus dem Französischen nach "Die Woche" 1936).

 

Ungeliebtes Tôkyô 2020/1 - unkritischer Sprachgebrauch

 

Viele Menschen in Japan sind gegen diesen Staffel-Lauf, und fast eben so viele sind gegen Olympische Spiele, entweder kategorisch oder wenigstens unter den derzeitigen Vorzeichen. Den einen gilt der Fackellauf mit dem Start in Fukushima als Marginalisierung des noch immer nicht beendeten Atomunglücks und seiner Opfer. Den anderen sind derartige Massenereignisse in Zeiten von Corona suspekt. Zudem sind alle - ohnehin unrealistischen - Hoffnungen auf eine Belebung der Wirtschaft durch Olympia längst zerstoben. Über ein Nazi-Wort im aktiven japanischen Wortschatz hat bislang aber kaum jemand kritisch nachgedacht.

 

Letzte Aktualisierung: 27.03.2021, 10.30 Uhr. 

 

Hintergrund:

Abschnitt "'Heiliges Feuer': Zur Vitalität eines Nazibegriffs im zeitgenössischen japanischen Sprachschatz - ein Exkurs" (Singler 2020: S. 151 f.):

Singler, Andreas (2020). Stimmen aus der Elektrizitätskolonie. Atomkraft, Fukushima und die "Wiederaufbau-Spiele". In Richter, Steff/Singler, Andreas/Mladenova, Dorothea (Hg.), NOlympics. Tokyo 2020/1 in der Kritik. Leipzig: Leipziger Universitätsverlag, S. 137 - 166.

Quelle: No Thanks!! 2020 Olympics (2020 orinpikku okotowari!) & Hangorin no Kai
Aufruf zu Protesten gegen den Olympischen Fackellauf und die Olympischen Spiele am 25. März 2021. Der Begriff "seika" ist mit An- und Abführungszeichen versehen

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