· 

"Wiederaufbau-Spiele": Die meisten Menschen in den Katastrophengebieten sehen in Olympia keine Unterstützung

Es sollten - auch im Baseball-Stadion des Azuma-Sportparks in Fukushima-City (Vorschaufoto) - die "Olympischen Spiele des Wiederaufbaus" (fukkô gorin 復興五輪) werden. Doch einmal mehr zeigt eine Meinungsumfrage: Die Menschen in den nordostjapanischen Katastrophen-Regionen glauben nicht an diesen "Werbeslogan". 

Die Ausrichtung der Olympischen und Paralympischen Spiele in Tôkyô unter dem Banner der „Wiederaufbau-Spiele“ (fukkô gorin 復興五輪) stößt wenige Monate vor der Eröffnung am 26. Juli in den von der am 11. März 2011 einsetzenden Großen Ostjapanischen Dreifachkatastrophe unter den Bewohnern der hauptsächlich betroffenen Präfekturen Iwate, Miyagi und Fukushima auf wenig Gegenliebe. Die Mehrheit der Menschen dort halten Olympia für kontraproduktiv.

 

61 Prozent der von der Forschungsabteilung der Tageszeitung Mainichi Shimbun (1. März 2021) befragten Menschen in der Region erklärten, die Durchführung der Spiele würden „keine Unterstützung für den Wiederaufbau“ darstellen. Nur 24 Prozent der Befragten bejahten einen positiven Effekt durch die Spiele, 14 Prozent waren unentschieden. 

 

Dass mit der Erzählung vom Wiederaufbau etwas nicht stimmen kann, zeigt alleine schon der Fachkräftemangel im Baugewerbe. Auf jeden Bauarbeiter in Japan kommen nach einer Erhebung 2019 mehr als vier offene Stellen. Somit ist jeder Arbeiter an einer olympischen Baustelle einer, der an anderer Stelle fehlt (vgl. Singler 2020: S. 140). Viele lehnen allerdings diese Spiele auch wegen ihrer problematischen Rolle bei der Rückführung der Bevölkerung in vormals wegen des Atomunfall von Fukushima evakuierte Gebiete ab. Wegen Olympia solle dort insbesondere auf Kosten der Gesundheit von Kindern der Eindruck vermittelt werden, der Atomunfall sei überstanden, so kritiseren viele. 

 

Das paradoxe Narrativ vom Wiederaufbau wird indessen nicht mehr so laut vertreten wie noch vor einigen Jahren. Bei der Bewerbung und der Vergabesession im September 2013 in Buenos Aires hatten das Bewerbungskomitee und die japanische Regierung die Losung von den „Wiederaufbau-Spielen“ noch stark in den Vordergrund gerückt. Als im vergangenen Jahr die Verschiebung der Olympischen Spiele um ein Jahr beschlossen wurde, war davon aber plötzlich kaum mehr die Rede. Der damalige Regierungschef Abe ebenso wie das Internationale Olympische Komitee um Präsident Thomas Bach betonten nun die Ausrichtung der Spiele 2021 als „Beweis für den Sieg der Menschheit über das neuartige Coronavirus“.

 

Literatur: Singler, A. (2020): Stimmen aus der Elektrizitätskolonie. Atomkraft, Fukushima und die "Wiederaufbau-Spiele". In: Richter, S./Singler, A./Mladenova, D. (Hg.): NOlympics. Tokyo 2020/21 in der Kritik. Leipzig: Leipziger Universitätsverlag, S. 137-166.

 

 

Kommentar schreiben

Kommentare: 0