Mönch Tanaka Toku'un: "Und doch glaube ich, dass es Wandel im Herzen der Menschen gibt"

Am 11. März 2021 jährt sich mit dem "Großen Ostjapanische Erdbeben" (Higashi-Nihon daishinsai 東日本大震災) eine historisch beispiellose Dreifachkatastrophe aus Beben, Tsunami und dem in der Folge einsetzenden Atomunglück von Fukushima zum zehnten Mal. Mehr als 20.000 Todesopfer forderte die Katastrophe. Wegen des Atomunglücks sind noch immer mehr als 40.000 Menschen auf der Flucht.

 

Zum Auftakt des Oral-History-Projekts "Fukushima erzählt" (Fukushima ga kataru 福島が語る) berichtet der buddhistische Mönch Tanaka Toku'un, Vorsteher des 17 Kilometer vom AKW Fukushima Daiichi entfernt gelegenen Tempels Dôkei-ji 同慶寺 im Bezirk Odaka in der Gemein Minamisôma, von seiner Flucht am 11. März 2011 und in den Tagen und Jahren danach,  von seinen Bedenken in Bezug auf die Atomkraft bereits vor der Katastrophe und seiner Hoffnung auf den Atomausstieg in seinem Land.

 

Der 1974 in Iwaki/Präfektur Fukushima geborene Geistliche traf 2019 den Papst auf dessen Japan-Reise und gehört zu einer interreligiösen Gemeinschaft von Atomkraftgegnern, die vor Gericht gegen die Fertigstellung und Inbetriebnahme der nuklearen Wiederaufbereitungsanlage im nordostjapanischen Rokkasho-mura kämpft. Das Interview mit Tanaka Toku'un vom 19. Mai 2019 ist auf  YouTube im Japanischen zu sehen. Hier ist die deutsche Übersetzung: 

田中徳雲師 

福島県南相馬市大高区の同慶寺住職

http://doukeiji.org


 

Ich bin seit 16 Jahren verheiratet. Seit der Meiji-Zeit dürfen buddhistische Mönche auch heiraten. Hier in diesem Tempel (Dôkei-ji 同慶寺) geboren bin ich aber nicht. Ich kam vor 20 Jahren hierher. Zum Zeitpunkt des Erdbebens waren meine drei Kinder sechs, vier und zwei Jahre alt. Die beiden älteren waren damals im Kindergarten. Ein Besucher war gerade da, und meine zweijährige Tochter auf dem Arm haltend ging ich in die Küche, um Tee zu holen, als das Schwanken des Erdbebens begann. 

 

Ein Erdbeben von dieser Stärke hatte ich bis dahin noch nie erlebt, und deshalb sagte ich meinem Besucher, er solle unter dem Tisch Zuflucht suchen, während ich meine Tochter zu ihrem Schutz in der Toilette unterbrachte. Toiletten sind enge Räume, aber ich hatte gehört, dass sie sicher seien, weil sie von vier Stützpfeilern umgeben sind. Nur zwei bis drei Minuten nach Beginn des Bebens zerbrachen Gläser und es bildeten sich Risse in den Wänden, doch das Beben sollte noch längere Zeit andauern. Danach ging ich nach draußen, um die Umgebung zu inspizieren. Ich machte mir Sorgen, wie es den älteren Menschen ging. Die Straßen hatten sich abgesenkt. Die Abwasserrohre waren geborsten, das Wasser spritzte wie aus Springbrunnen heraus. 

 

Sofort kam mir das Atomkraftwerk in den Sinn. 2011 war ein Meilenstein für die Atomkraft, es gab sie zu diesem Zeitpunkt seit 40 Jahren in Japan. Es gab damals eine Aktion mit dem Titel „Nach 40 Jahren wird es Zeit, sich von der Atomkraft zu verabschieden“, über die ich mich informiert hatte. Sasaki Keiko aus Fukushima-City spielte bei dieser Aktion eine zentrale Rolle. 

 

Ein halbes Jahr vor dem Atomunfall gab es den Plan, für den Meiler 3 des AKW Fukushima Daiichi mit Mischoxid-Brennelementen (MOX) in den Probebetrieb zu gehen. Dies bewirkte einmal mehr den Antrieb in mir, mich in die Atomkraft-Problematik einzuarbeiten. Da ich zunächst niemanden in diesem Bereich kannte, nahm ich an Lernversammlungen teil, bei der man Fragen stellen konnte, die dann beantwortet wurden. Auf diese Weise lernte ich bereits vor dem Atomunfall, dass das, was einen an einem Atomkraftwerk am meisten ängstigen muss, der Ausfall der Kühlung ist. 

 

Nach dem Erdbeben am 11. März erfolgte die Warnung vor einem großen Tsunami. Ich habe davon über Twitter erfahren. Dort hatten Menschen, die den Funk der Selbstverteidigungsstreitkräfte gehört hatten, die Nachricht verbreitet. Wegen des starken Bebens waren sowohl das Fernsehen als auch das Internet ausgefallen, die Server waren zusammengebrochen. Twitter konnte ich über das Mobiltelefon benutzen. Beim Tsunami-Alarm wurde mitgeteilt, dass man von einem mehr als sieben Meter hohen Tsunami ausgehe. Hier bei uns liegt das Rathaus sieben Meter über dem Meeresspiegel. „Wenn sie ‚über sieben Meter hoch’ sagen, könnten es dann nicht auch zehn Meter sein?“, so dachte ich und kam zu dem Schluss, dass es besser wäre zu fliehen. So flohen wir auf einen Berg, der zwei Kilometer von hier entfernt ist. Nach einer Stunde kehrte ich, gegen 16.30 Uhr, von dem Berg zurück und fuhr mit dem Fahrrad in Richtung Meer, um zu sehen, wie es dort aussah. Das Auto zu benutzen war unmöglich.   

 

Bis hierher zum Tempel kam der Tsunami nicht. Von einem Ort, der etwa zweieinhalb Kilometer vom Meer entfernt liegt, gibt es eine etwas höher gelegene Fußgängerbrücke. Ich trug mein Fahrrad hoch und sah von dort, dass praktisch der gesamte Küstenbereich wie ein Meer geworden war. Ich machte ein Foto davon. Es war wirklich ein Schock. Was ich in dem Küstengebiet sah, war der Rückfluss der dritten Welle. Ein Junge sagte unter Tränen: „Meine Mutter rief mich noch an, bevor sie mitsamt ihres Autos davongetrieben wurde.“ Es war wirklich eine Katastrophe. „Schrecklich, wie die Hölle“, dachte ich.  

 

Nach Hause zurückgekehrt, gegen 16.30 Uhr, informierte ich mich über Twitter über die Lage. „Das Atomkraftwerk ist in Gefahr, die Stromversorgung wurde weggeschwemmt“, erfuhr ich. Weil ich ein halbes Jahr zuvor bei einer Informationsveranstaltung gelernt hatte, dass die größte Gefahr für ein Kernkraftwerk der Ausfall der Kühlung ist, teilte ich dem Bezirksbürgermeister mit: „Das wird eine schlimme Sache.“ Da zu diesem Zeitpunkt alle hier in der Gegend noch dachten, dass mit dem Atomkraftwerk alles in Ordnung sei, hörte mir niemand zu. „Alles in Ordnung? Nichts ist in Ordnung“, sagte ich, aber es half alles nichts. Ich dagegen glaubte, dass uns in Odaka aufgrund der geringen Entfernung zum Atomkraftwerk eine Gefahr drohte. Wenn sich eine Explosion ereignete, würde sofort Panik ausbrechen. Da dann alle auf einmal die Flucht ergreifen würden und wir auch an die Kinder denken mussten, entschlossen wir uns zur sofortigen Flucht.  

 

Die Flucht, Teil 1: von Minamisôma nach Iizaka-Onsen bei Fukushima-Stadt (11. März)

 

„Bis 18 Uhr rufen wir die Menschen in der Umgebung noch auf zu flüchten, danach nehmen wir die Kinder und bereiten uns darauf vor wegzugehen, am besten nur mit den Kleidern, die wir gerade auf dem Leib tragen“, sagte ich zu meiner Frau. Am Abend des 11. März flohen wir dann nach Iizaka. Unser Gast im Tempel stammte aus Iizaka, und weil die öffentlichen Verkehrsmittel nicht mehr fuhren, flohen wir, während wir unseren Besucher nach Hause brachten, eben nach Iizaka. Wir konnten ihm schlecht sagen, er möge, weil sich ein schreckliches Beben ereignet hatte, nun auf eigene Faust nach Hause zurückkehren. Es passten nur fünf Personen in den Wagen, deshalb blieben meine Schwiegermutter und ich zunächst zurück.  

 

Zeitweilig war der Tempel eine Katastrophen-Sammelstelle, aber wegen der starken Nachbeben bestand die Gefahr, dass die Haupthalle des Tempels einstürzen würde. Da immer wieder Gegenstände herunterfielen, gingen die in den Tempel geflüchteten Menschen bald schon wieder hinaus in ihre Autos auf dem Parkplatz.

Auch die Nachbeben waren schrecklich, und die Kinder waren deswegen sehr aufgewühlt. „Oma, warum kommst Du nicht mit uns?“, riefen sie panisch. Sie weinten und schrien, als wäre es ein Abschied für immer. Die Kinder waren in einem bemitleidenswerten Zustand. Gegen 22 Uhr erreichten schließlich auch wir das Haus unseres Gastes in Iizaka. Da die Kinder weinten, wollten wir uns nicht lange dort aufhalten. Gegen Mitternacht fuhren wir nach Fukushima-Stadt, auf den großen Parkplatz von Mac Donald’s. Mein Gedanke war, dass es dort keine herabfallenden Gegenstände geben würde und es daher sicher sei. Außerdem hoffte ich, dass es vielleicht einen Internet-Hotspot gäbe. Der McDonald’s war zwar geschlossen, aber ich hatte dort Empfang, und es war hilfreich, Nachrichten empfangen zu können. 

 

Am frühen Morgen des 12. März gegen 3 Uhr hörten die Staus auf den Straßen auf. „Wir fahren sofort weiter“, entschied ich. Zu diesem Zeitpunkt wurde auf der Homepage von TEPCO veröffentlicht, dass es zu einer Kernschmelze gekommen sei. Von da an wurde der erwartete Wasserstand im Reaktorkern übermittelt. Mir war sofort klar, dass der Ausdruck Kernschmelze gleichbedeutend war mit einer Explosion. 

 

Bis um 11 oder 12 Uhr war es noch zu keiner Explosion gekommen. Auf Twitter las ich, dass das US-Militär angeboten haben soll, einen Versuch der Kühlung mit Schwermetall zu unternehmen, jedoch habe Premierminister Kan abgelehnt. „Wie kann das sein?“, dachte ich. Ich hatte ein schlechtes Gewissen, als wir zur Flucht aufbrachen. „Sobald die Lage sich verbessert, kehren wir zurück“, hatte ich gesagt, als wir den Tempel verließen. Aber die Lage verschlimmerte sich nur immer weiter. Nach Odaka zurückzukehren, war keine Option mehr. 

 

Die Flucht, Teil 2: Von Fukushima-Stadt nach Aizu-Wakamatsu (12. März) 

 

Wir hielten es für besser, an einen weiter entfernten Ort zu fliehen. Ein Freund, mit dem ich gemeinsam bei Aktionen gegen Atomkraft aktiv war, war nach Aizu-Wakamatsu gegangen, wo in der Kirche von Wakamatsu-Sakae Frau Kataoka Terumi aktiv war. Die Vorsitzende unserer Anti-Atomkraft-Gruppe war Uno Saeko. Sie und ihr Mann wussten über die Atomkraft am besten Bescheid, und da sie zunächst nach Aizu-Wakamatsu geflohen waren und wir zusammen Aktionen durchgeführt hatten, wollten wir unbedingt auch dorthin. Gegen 3 Uhr morgens brachen wir von Fukushima-Stadt aus auf, da es aber schneite, warteten wir im Auto die Sicherheitsbestätigung ab und benötigten dann fünf Stunden für die Strecke nach Aizu-Wakamatsu. Morgens gegen 8 Uhr kamen wir dort an. In Aizu waren die Geschäfte geöffnet. Da ich wollte, dass die Kinder Jod zu sich nahmen, kaufte ich Konbu, einen Snack aus Seetang, und ließ sie das essen. 

 

„Kommt erst einmal zur Ruhe“, sagte Frau Kataoka von der Kirche in Wakamatsu-Sakae. Nebenan befand sich ein Kindergarten, und schließlich kamen unsere Kinder endlich auch zur Ruhe und fanden tiefen Schlaf. Das war eine Erleichterung. Zusammen mit den Pfarrern bereiteten wir Curry mit Reis vor. Wir hatten nicht geschlafen, aber wir befanden uns im Wachzustand.

 

Am Abend sahen wir im Fernsehen, wie das Atomkraftwerk Fukushima Daiichi explodierte. Das Ehepaar Uno brach auf in Richtung Kyôto. Aizu-Wakamatsu ist 100 Kilometer entfernt vom Atomkraftwerk. In Tschernobyl verbreitete der Wind mindestens 300 Kilometer weit Radioaktivität, deshalb hielten wir auch Aizu für gefährlich. In meiner Grundschulzeit hatte ich ein Buch zu den Atombombenexplosionen von Hiroshima und Nagasaki gelesen. Ich erinnerte mich, gelesen zu haben, warum Hiroshima und Nagasaki in unterschiedlichem Ausmaß vom radioaktiven Fallout der Atombombenabwürfe betroffen waren. Während Hiroshima in einer Ebene liegt, liegt Nagasaki in einem Talkessel und Bergen gegenüber. Wenn man jenseits der Berge flüchtete, dann ist man sicher, so war meine Überlegung. 

 

Die Flucht, Teil 3: Von Aizu-Wakamatsu nach Nagano-Ômachi (12./13. März) 

 

Jenseits der Japanischen Alpen lebt ein Freund von mir in Ômachi in der Präfektur Nagano (ca. 340 km). Ich schickte ihm eine E-Mail, und er antwortete: „Kommt sofort hierher!“ Am Abend gegen 18 Uhr verließen wir daher Aizu, um nach Nagano aufzubrechen. Zwischen 2 und 3 Uhr am Morgen des 13. März erreichten wir Nagano-Ômachi. Dort telefonierte ich in der Nacht mit einem Freund aus Fukushima. „Du hast ja schon vorher gesagt, dass es gefährlich ist und bist geflohen“, sagte er. Ich fühlte mich schuldig und sagte, dass es mir leid tue, meine Freunde zurückgelassen zu haben. Dabei kamen mir die Tränen, im Badezimmer war ich für mich alleine und weinte. Ich war geflohen, um meine Kinder zu schützen, aber ich weinte, weil ich an die Menschen dachte, die mir Hilfe hatten angedeihen lassen und die mich von klein auf geliebt hatten.   

 

Ich sagte meinen Freunden, Eltern und Schwiegereltern, dass ich die Menschen in Nagano gebeten hatte, für die Aufnahme von Betroffenen zu arbeiten und Flüchtlingsunterkünfte zu schaffen – und dass sie nach Nagano kommen sollten. „Wir würden gerne kommen“, sagten sie, „aber es gibt kein Benzin“. In Nagano-Ômachi wurden wir wirklich sehr gut behandelt. Es gab dort auch einige Neugeborene und Kleinkinder, insgesamt lebten drei Familien in der Notunterkunft, zusammen etwa 15 Personen. 

 

Am Morgen des 13. März ging ich zum Bezirksbürgermeister und begrüßte einige einflussreiche Personen aus der Region. Der Evakuierungsschutz hatte Hilfsgüter wie Feuerlöschmittel, Futons, Lebensmittel, Gasherde und andere Notvorräte in der Garage, und in kürzester Zeit wurde eine Notunterkunft gebaut. Auch konnten wir für die Kinder warmes Essen, z.B. Curry, zubereiten. Das war sehr hilfreich. 

 

Unter den Betroffenen gab es einen Vater mit einem neugeborenen Kind. Er fragte den Bezirksbürgermeister, woher man hier das Trinkwasser beziehe. „Wir trinken hier das Wasser, das über Gebirgsbäche aus den Bergen kommt. Es ist sauber und schmeckt gut, machen Sie sich bitte keine Sorgen. Die Eltern des Babys entgegneten: „Die radioaktive Wolke ist auch hier in der Gegend niedergegangen, wir halten es für gefährlich, das Wasser zu trinken. Am Abend besprachen wir uns untereinander und kamen zu dem Schluss: „Wegen der Kinder wollen wir besser an einen sichereren Ort gehen.“

 

Innerhalb nur eines Tages hatten die Menschen dort eine großartige Flüchtlingsunterkunft errichtet und mehr als 30 Menschen aufgenommen. Aber, wie gesagt, wollten wir an einen Ort, der sicherer war. Also räumten wir die Unterkunft auf und erklärten dem Bezirksbürgermeister zum Abschied unsere Bedenken wegen des Gebirgswassers und dass wir an einen weiter südlicher gelegenen Ort weiterziehen wollten. „Ach so ist das. Daran haben wir noch überhaupt nicht gedacht. In welch gefährlichen Zeiten wir doch leben“, sagte er. 

 

Die Flucht, Teil 4: Von Nagano nach Eiheiji-chô (Präfektur Fukui/14. März)

 

Am 14. März fuhren wir gegen Mittag mit drei Autos weiter in Richtung Süden. Gegen 15 Uhr bekam eines der Kinder in der Nähe von Kanezawa Fieber. An einer Tankstelle legten wir eine Pause ein und maßen das Fieber. Es handelte sich um hohes Fieber. Die Mutter hatte aus Rücksicht nicht gesagt, dass das Kind schon seit dem Morgen Fieber hatte. Geld hatten wir auch keines, da standen wir nun mit 15 Leuten. „Wie geht es jetzt weiter?“, dachte ich.

 

In meiner Jugend erhielt ich in dem Tempel Eihei-ji 永平寺 meine Ausbildung als buddhistischer Mönch. Der Eihei-ji (Präfektur Fukui, Eiheiji-Stadt/-chô) ist eine große Organisation und besonders konservativ. Einfach kurzfristig anzurufen und auf die Bitte, dort die Betroffenen des Unglücks übernachten zu lassen, eine Erlaubnis zu erhalten, geht nicht. Unser dringendes Anliegen musste also bis zur Konsultation am nächsten Tag warten.  

Deshalb sprach ich mit dem Inhaber einer direkt vor dem Tempel gelegenen Herberge (minshuku 民宿). Mehr als zehn Jahre zuvor hatte er mir sehr viel geholfen. Er erinnerte sich an mich, und er sagte: „Eine schreckliche Sache ist in Fukushima passiert, nicht wahr. Natürlich könnt Ihr hierbleiben. 15 Leute sind kein Problem.“ Es waren kaum Wintergäste da, so dass es freie Zimmer gab. Die Minshuku öffnete für uns ihr großes Gemeinschaftszimmer.  

In der Notunterkunft des Hotels hielten sich einige Tage lang etwa 30 Menschen auf. Ich war ein wenig zur Ruhe gekommen, und während ich mir ständig um die Windrichtung Sorgen machte, dachte ich darüber nach, Benzin nach Minamisôma zu transportieren. So fuhr ich zwei Mal zwischen der Präfektur Fukui und Fukushima hin und her. Danach waren Notunterkünfte fertiggestellt, und ich kümmerte mich um diese. 

 

Damals gab es viele Autos, die aus der Präfektur Fukushima herausfuhren. Es gab aber – abgesehen von den Fahrzeugen der mobilen Hilfseinheiten, der Selbstverteidigungsstreitkräfte oder der Polizei – keine Wagen, die nach Fukushima hineinfuhren. Meine Familie war dagegen, dass ich nach Fukushima fuhr, aber ich konnte die Menschen, die sich um Fukushima kümmerten, nicht im Stich lassen. Benzin und andere Hilfsgüter kamen zwar bis nach Kôriyama durch, aber wegen der Gefahr  (durch das Atomkraftwerk) konnte niemand ins Küstengebiet gehen.

 

Der Fahrer eines Tankwagens sagte: „Bis Kôriyama (ca. 60 km von Fukushima Daiichi entfernt) kann ich fahren, aber ins Küstengebiet nicht.“ Erst danach fuhren Tankwagen wieder nach Minamisôma. Das Benzin war auf zehn Liter pro Person begrenzt, damit erst konnten die Menschen aus dem Küstengebiet mit ihrer Flucht beginnen. Ich hatte bereits davor begonnen, Benzin dorthin zu bringen. 

 

Wir sollten zwei Jahre lang in der Präfektur Fukui bleiben. Aber wir konnten nicht ewig in der Minshuku bleiben. Deshalb begannen wir nach zwei Wochen damit, ein Haus oder Apartments zu suchen. 

 

Zunächst war ich am späten Nachmittag des 15. März mit der Bitte um Hilfe zum Gebäude der Präfekturs-Regierung gegangen. Ich hoffte auf die Gründung einer Zufluchtsstätte. Dabei wurde ich auch von lokalen Medien interviewt. Ich hatte am Tag zuvor mit dem Besitzer der Unterkunft gesprochen, der mir den Rat gegeben hatte, das Potential der Medien zu nutzen. Ich ging zur Präfekturs-Verwaltung, um die Bewohner von Fukui um Hilfsgüter, Windeln, Essen, Wasser und anderes zu bitten. Dort trafen mehr und mehr Hilfsgüter ein, die Mitarbeiter*innen dort halfen bei der Einteilung.

 

Dazu kam auch der Fernsehsender NHK zur Recherche. „Wir sind gestern Nacht aus Fukushima geflüchtet“, erzählte ich. Sofort begannen die Fragen, das Interview mit mir wurde noch am selben Tag in den 18-Uhr-Nachrichten gesendet. Es war schauderhaft, mich mit bleichem Gesicht und unrasiert in dem Film zu sehen. Die Reaktion der Präfektur auf den Beitrag aber war großartig. Es gab zahlreiche Anfragen von hilfsbereiten Menschen beim Sender, die sagten: „Ich habe ein leeres Haus, bitte nutzen Sie es doch“. NHK fertigte eine Liste mit leerstehenden Häusern an und überbrachte sie uns in die Unterkunft. 

 

Ich übergab die Liste einem jungen Ehepaar zur Überprüfung. Sie fanden ein Haus im alten Stil, in dem 30 Menschen unterkommen konnten. Dort lebten wir ein halbes Jahr lang. Wir haben es das „Jedermann-Haus“ genannt. Auch Leuten, die Benzin nach Fukushima brachten, sagten wir, sie sollten das im Bezirk des Eihei-ji gelegene Jedermann-Haus ansteuern, und auch sie blieben dann einige Tage dort. 

 

Im April fing die Schule wieder an. Diejenigen, die in Fukushima zur Schule hätten gehen müssen, standen vor dem Problem des Schulwechsels. Wir erfuhren damals sehr viel Hilfe, und die Menschen in der Region waren außergewöhnlich gut zu uns. Da wir uns in dieser Zeit ausschließlich mit unserer Flucht beschäftigt waren, hatten wir überhaupt keine Zeit gehabt, über Schulfragen nachzudenken. Die Menschen vor Ort nahmen uns Tätigkeiten wie Schulvorbereitungen und Eingemeindung ab, und sie versorgten uns mit Schuluniformen oder Schulranzen für die Kinder. 

 

Fukui ist eine ähnlich wie Fukushima mit Atomkraftwerken ausgestattete Präfektur. Daher war die Hilfe und Unterstützung, die wir erfuhren, phantastisch. Wir sind wirklich dankbar dafür. Nachdem wir insgesamt zwei Jahre lange in Fukui gelebt hatten, zogen wir nach Iwaki im Südwesten der Präfektur Fukushima, wo wir seither leben. „Diese Art an herzlicher Unterstützung, die wir in Fukui erhalten hatten, ist normalerweise nicht möglich“, sagte meine Frau. Sie und die Kinder sind auch jetzt noch in Iwaki. An Tagen, an denen hier im Tempel keine Arbeit anfällt, besuche ich sie.   

 

Ich habe die Arbeit im Tempel nie eingestellt. Wenn die Überreste von Menschen gefunden wurden, die bei dem Tsunami am 11. März ums Leben gekommen sind, waren Totenandachten zu halten. Auch unter den bettlägerigen Patienten in den Kliniken, die während den Evakuierungen über Nottransporte verlegt wurden, sind viele Menschen gestorben. Mir wurden Todesfälle von Menschen mitgeteilt, die in der Provinz Yamagata oder in Aizu-Wakamatsu gestorben sind. Deshalb bin ich jeweils dorthin gereist, um Trauerfeiern und Totenandachten abzuhalten. In den mittlerweile mehr als acht Jahren seit der Evakuierung habe ich mehr als 650.000 Kilometer mit dem Auto zurückgelegt. Die Entfernungen, die ich mit dem Zug oder dem Flugzeug zurückgelegt habe, sind dabei nicht mitgerechnet.

 

Unmittelbar nach dem 11. März betrug die Luftdosis hier etwas 3 Mikrosievert pro Stunde. Die Bodenkonzentration betrug mehr als 700.000 Becquerel pro Kilogramm. Es fanden Dekontaminierungsarbeiten statt. Bevor die staatlichen Maßnahmen begannen, haben wir selbst dekontaminiert. Dadurch konnten wir die Radioaktivität um etwa die Hälfte reduzieren. Jetzt beträgt sie 0,13 Mikrosievert pro Stunde. Ich möchte das Dach neu decken lassen. Ich denke, dadurch wird sich die Strahlung weiter reduzieren.  

 

„Es ist indiskutabel, dass Japan weiter auf Atomkraft setzen will“

 

Es ist indiskutabel, dass Japan auch weiterhin auf Atomkraft setzen will. Ein Teil der Menschen in Japan legt das Augenmerk auf die Wirtschaft. Menschen, die auf Geld versessen sind, wollen die Atomkraftwerke in Betrieb sehen, aber das geht nicht an. Nach dem 11. März hat sich das Bewusstsein der Welt gewandelt. Gegenwärtig (Mai 2019) sind vier Meiler wieder in Betrieb genommen, aber mehr werden es hoffentlich nicht noch mehr werden. 

Natürlich hatte ich schon vor dem Atomunfall ein ungutes Gefühl wegen der Atomkraft. Was von Menschen erbaut wurde, kann auch kaputt gehen. Immerzu zu sagen, „Es ist sicher, es ist sicher“, war seit je her  zweifelhaft, aber dass alle dieses Mantra unreflektiert übernommen haben, ist die Verantwortung, die die Bevölkerung unseres Landes zu tragen hat. Natürlich trifft auch TEPCO und die japanische Regierung Schuld. Aber auch die Menschen, von denen jeder einzelne die Atomkraft akzeptiert hat, tragen Verantwortung. 

 

Heutzutage braucht man nur auf einen Knopf zu drücken, dann geht das Licht an oder das Bad wird heiß. Wir können Reis mit elektrischem Strom kochen. Jeder einzelne, der dieses praktische Leben angenommen hat, trägt auch Verantwortung. TEPCO existiert im Herzen jedes einzelnen. Wir alle müssen jetzt gründlich nachdenken. Dinge wie diese möchte ich gerne vermitteln.  

 

Japan kann sich vielleicht nicht von selbst verändern. Sicherlich bewegen auch wir uns, aber ältere Menschen oder die Geschäftswelt erfahren nur wenig Druck aus dem Ausland. Ich wünsche mir Stimmen aus dem Ausland, die fragen: „Ist, was in Japan geschieht, nicht eine Schande?“ 

 

Es scheint sich nichts verändert zu haben, und doch glaube ich, dass es Wandel im Herzen der Menschen gibt. Mit der Erfahrung eines solchen Unfalls können wir nicht zum alten Sicherheitsmythos zurückkehren. Auch wenn es jetzt schon wieder heißt, „Kein Problem“ und „Es ist sicher“, so hat sich das Bewusstsein der Menschen doch verändert, und die Menschen glauben das nicht mehr. Selbst wenn die Regierung sagt, „Es ist wieder sicher, bitte kehren Sie nach Hause zurück“, so glaubt die Bevölkerung dies nicht. „Ich will zurückkehren, um in meiner Heimat zu sterben“, so etwas gibt es in der Tat. 70 Prozent der Einwohner im Bezirk Odaka kehren jedoch nicht zurück. Niemand vertraut der Regierung.  

 


Kommentar schreiben

Kommentare: 0