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An der Schwelle zum exponentiellen Wachstum: Japan verspielt günstige Corona-Ausgangslage und gefährdet die Olympischen Spiele

"Olympische Spiele in Tokyo verschoben", Presseschau am 25. März 2020. Wenn Japans Politik ihr Krisenmanagement in der Corona-Krise nicht ändert, droht mittlerweile sogar die Absage (Foto: Sahara Maki)
"Olympische Spiele in Tokyo verschoben", Presseschau am 25. März 2020. Wenn Japans Politik ihr Krisenmanagement in der Corona-Krise nicht ändert, droht mittlerweile sogar die Absage (Foto: Sahara Maki)

Japan steht in der Corona-Krise bei der Zahl der bestätigten Neuinfektionen an der Schwelle zum exponentiellen Wachstum. Die lange Zeit günstige Ausgangslage angesichts vergleichsweise niedriger Zahlen ist Vergangenheit. Die Regierung droht mit ihrem Laissez-faire in der Corona-Bekämpfung nun sogar die Ausrichtung der Olympischen Spiele aufs Spiel zu setzen. Ein Kommentar.

Tôkyô, 8. Januar 2021: Lange Zeit war Japan in westlichen Erzählungen so etwas wie der Musterschüler der Pandemiebekämpfung. Die offiziellen Zahlen an Neuinfektionen mit dem Coronavirus waren fast lächerlich gering im Vergleich zu europäischen Ländern, von den USA gar nicht zu sprechen. Wenn im vergangenen Sommer in Tôkyô die Zahl der Neuinfektionen einmal auf 100 kletterte, wie während der in Japan im Juli sich aufbauenden  zweiten Welle,  dann sorgte dies bei vielen Bürger*innen bereits für sorgenvolle Gesichter. Inzwischen sind in der Hauptstadt fast 2500 Neuinfektionen pro Tag zu beklagen. Und Mediziner hatten durchaus frühzeitig vor der zu befürchtenden dritten Welle gewarnt. Die japanische Regierung aber, zumal unter ihrem neuen Ministerpräsident Suga Yoshihide, blieb gelassen. Sie hat inzwischen sogar einen Hashtag "Gelassenheit" (reisei #冷静) kreiert. Nicht Einschränkungen verordnete oder empfahl sie, nein, sie legte sogar noch Förderprogramme für die strauchelnde Wirtschaft auf, empfahl den Bürgerinnen "Go to travel" oder "Go to eat".

 

Währenddessen überschlugen sich deutsche Medien noch mit Lobpreisungen zum japanischen Modell der Pandemiebekämpfung. Dieses Modell bestand angeblich in einer als besonders ausgeklügelt beschriebene Konzentration auf Clusterbildungen bei gleichzeitig minimalistischer Anwendung der PCR-Corona-Tests und ansonsten im Vertrauen auf das angeblich so besondere japanische Vorsorge-Prinzip, auf die vermeintlich typische Selbstdisziplin einer zwischenmenschlich ohnehin ziemlich distanzierten Nation von traditionellen Maskenträgern. So einfach managte man also - ganz ohne Lockdown, nicht einmal "light" - in Japan eine Pandemie, gegen die der Rest der Welt ankämpft wie Don Quichote gegen Windmühlenflügel. 

 

Tja, die Party ist vorbei. Was immer das japanische Modell bislang ausgezeichnet haben mag, auch abseits orientalistischer Erklärungsmuster, das Konzept ist gescheitert. Japan hinkt hinter den deutschen Corona-Zahlen lediglich um einige Wochen hinterher. Das Land steht jetzt an der Schwelle zum exponentiellen Wachstum. Erstmals haben sich an diesem Freitag landesweit die Zahlen im Vergleich der Wochentage landesweit mehr als verdoppelt. 7882 bestätigte Neuinfektionen, so viele wie noch nie seit Ausbruch der Pandemie, meldeten die einzelnen Präfekturen am 8. Januar. Vor einer Woche waren es noch 3247 neue Fälle. Sollten keine tiefgreifende Maßnahmen ergriffen werden, dann wird Japan in nur wenigen Wochen wohl mehr neue Fälle inklusive schwerer Verläufe und Todesfälle zu beklagen haben als Deutschland. Und an den Ausländern dort kann es wohl kaum liegen - denen wird die Einreise derzeit praktisch unmöglich gemacht. Das Gute daran: auch die rechtskonservative japanische Regierung wird einsehen müssen, dass sie es nun mit einer hausgemachten Pandemie-Welle zu tun hat.

 

Ja, für den größten Hotspot im Land, den Großraum Tôkyô, wurde inzwischen der sogenannte Notstand verhängt. Fast die Hälfte aller Fälle landesweit ereigneten sich bislang in diesem urbanen Raum. Das bedeutet konkret: Die Hauptstadt und ihre Nachbarpräfekturen Kanagawa, Saitama und Chiba  - zusammen leben in diesen praktisch zu einer einzigen Giga-Stadt verschmolzenen vier Präfekturen ca. 38 Millionen Menschen - dürfen ihre Kneipenbesitzer jetzt anweisen, statt um 22 Uhr bereits um 20 Uhr den Laden zu schließen. Viel mehr ist es nicht. Ob das hilft? Dem Virus wird es zweifellos helfen, wenn sich künftig eben noch mehr Menschen in den Stunden direkt nach Büroschluss in den Zügen der Hauptstadt zusammendrängen - Hashtag Social distancing.

 

Japan ist mit der allmählich offensichtlich werdenden, fast schon fahrlässigen Kapitulation vor der Corona-Pandemie dabei, alles zu verspielen, was im neuen Jahr so an Hoffnungsschimmer in Nippon offiziell gehandelt wird. Gerade auch die Olympischen Spiele. Eine große Mehrheit der Bevölkerung ist - im Zeichen der Corona-Krise - ohnehin längst gegen eine Austragung 2021. Sofern sie eine Austragung überhaupt noch befürwortet. 


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