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Olympia 2020/21: Springen jetzt die Sponsoren ab?

Den auf das nächste Jahr verschobenen Olympischen und Paralympischen Spielen in Tôkyô drohen die Sponsoren von der Fahne zu gehen. Laut einer Umfrage des Fernsehsenders NHK unter den 67 nationalen Sponsoren (siehe Cover-Foto) denkt nur eine Minderheit daran, die im Dezember auslaufenden Verträge kostenpflichtig zu verlängern. Viele Geldgeber scheinen enttäuscht. Aus wirtschaftlicher Sicht erweist sich das Engagement für Tôkyô 2020 mehr und mehr als Schlag ins Wasser.

 

Nur 30 Prozent der sich an der Befragung beteiligten Unternehmen gaben an, die im Dezember auslaufenden Sponsorenverträge verlängern zu wollen. Diesen 16 Firmen stehen 33 Sponsoren gegenüber, die angaben, dazu noch „keine Entscheidung“ getroffen zu haben – für die meisten vermutlich lediglich eine Umschreibung dafür, dass sie das Sponsoring auslaufen lassen wollen. Denn kein japanisches Unternehmen regelt seine Förderprogramme für das kommende Jahr einen Monat vor Jahresschluss. Zumeist werden derlei Entscheidungen bis April des laufenden Jahres gefällt.

 

An der NHK-Umfrage beteiligten sich 54 Unternehmen (81 Prozent). 35 Unternehmen antworteten auf die Frage, ob der mit dem Engagement als Sponsor für Tôkyô 2020 erwartete Nutzen realisiert werden könne, mit „weiß nicht“. Fünf Unternehmen verneinten diese Frage und begründeten dies u.a. mit verminderten Werbemöglichkeiten und der Sorge um die Ausbreitung des neuen Coronavirus. Nur etwa jedes fünfte Unternehmen geht davon aus, dass sich die mit dem Sponsoring verbundenen Erwartungen erfüllen würden. 

 

Befragt nach den Einflussfaktoren für eine mögliche Vertragsverlängerung nannten die Unternehmen am häufigsten die Kategorien „Bedingungen wie zusätzliches Fördergeld“, „Realisierbarkeit der Spiele“ und „Nutzen für das eigene Unternehmen“.  Auf die Frage, was für eine Realisierung des erwarteten Nutzens Voraussetzung  wäre, antworteten Firmenvertreter: „Notwendig ist die Unterstützung der Bevölkerung“. Für diese wiederum würden „sorgfältige Erläuterungen von Seiten der Regierung und des Organisationskomitees gegenüber der Bevölkerung und anderen Beteiligten“ benötigt. 

 

Die Unternehmer wurden auch danach befragt, was ihrer Meinung nach Erfolgsfaktoren für die Olympischen Spiele seien. Dass viele Sponsoren diesbezüglich mit Sorge auf Olympia blicken, zeigen Antworten wie „Gegenmaßnahmen gegen die Infektionskrankheit“ und „Erreichung von Akzeptanz der Spiele in der Bevölkerung“. Lediglich Nachrichten zu verbreiten, die von der Durchführung der Veranstaltung ausgehen, reiche nicht aus, ein „echtes Gefühl der Einheit zu fördern“. Es bedürfe vor allem der sorgfältigen Erläuterung von Seiten der Administration und des Organisationskomitees gegenüber der Bevölkerung und anderen Beteiligten. 

 

Die Verträge mit den nationalen Sponsoren für Olympische und Paralympische Spiele laufen im Dezember 2020 aus. Danach gibt es keine vertragliche Grundlage, nach der sie noch mit den Symbolen der Spiele für ihre Unternehmen werben dürfen. Ein Unternehmen, das keinen Nutzen mehr in dem Sponsorenvertrag erkennen will,  teilte  NHK mit, es habe geplante Werbeveranstaltungen im vergangenen Sommer nicht abhalten und daher die Werberechte als Sponsor nicht im erforderlichen Maße ausschöpfen können. 

 

Wie wenig Geldgeber für ihr Engagement erhalten, zeigt alleine ein Blick auf die Website von Tôkyô 2020. Nationale Sponsoren der dritten Kategorie ("Official Supporters") finden nicht einmal ihre Firmenlogos in der Übersicht des Organisationskomitees wieder. 

 

Professor Ôishi Yoshihiro 大石 芳裕, Ökonom an der Meiji-Universität Tôkyô und Experte für Unternehmens-Marketing, erklärte gegenüber dem Sender vor dem Hintergrund der Coronakrise, dass sich die Situation für zahlreiche Unternehmen verschlechtert habe und es deshalb problematisch sei, nun auch noch zusätzliche Gelder für Olympia frei zu machen. Es sei darüber hinaus „offensichtlich, dass aus dem Sponsoring kein geschäftlicher Nutzen für die Unternehmen gezogen werden kann“.  Dabei wisse man derzeit noch nicht einmal, ob die Spiele überhaupt werden stattfinden können. Firmenchefs würde es daher schwer fallen, solch riskante Sponsoring-Entscheidungen vor den Aktionären zu vertreten. 

 

Die Einnahmen, die das Organisationskomitee bisher durch die 67 nationalen Sponsoren laut NHK erzielt hat, betragen – vor möglichen Vertragsverlängerungen – ca. 348 Milliarden Yen, rund 2,9 Milliarden Euro. Das sind 55 Prozent der vom Organisationskomitee insgesamt vereinnahmten Gelder in Höhe von 630 Milliarden Yen (5,25 Mrd. Euro). Nun hoffen die Veranstalter auf zusätzliche Einnahmen durch Vertragsverlängerungen inklusive der damit verbundenen Zusatzzahlungen, die die anwachsenden Kosten für die Verschiebung der Spiele in Milliardenhöhe abfedern sollen. 

 

Allerdings ist laut NHK unklar, ob die zusätzlichen Kosten selbst dann abgedeckt werden könnten, wenn alle bislang an Bord befindlichen Sponsoren dabei bleiben und zusätzliches Geld in das Projekt Tôkyô 2020 stecken würden. 

 

Nach dem Veranstaltungsvertrag, den das IOC mit der Hauptstadt-Regierung geschlossen hat, wäre zunächst Tôkyô dafür zuständig, ein anfallendes Finanzloch auszugleichen. Ist Tôkyô dazu nicht in der Lage, würde die Regierung einspringen müssen.

 

Quellen:

NHK, 14. November 2020 (Link nur zeitweilig gültig): https://www3.nhk.or.jp/news/html/20201114/k10012712421000.html?fbclid=IwAR0Eze5MjLO4BLr7ndz2KRVfOX3unyQT-kzxivJ-K4dyn824cvUwkTp_LIo

 

Cover-Foto und Übersicht über die Olympia-Sponsoren auf der Website Tokyo 2020: https://tokyo2020.org/en/organising-committee/marketing/sponsors/

 


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