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Corona-Krise: Umstrittene Massenveranstaltungen als Testlauf für Olympia

Um bei den Olympischen und Paralympischen Spielen im nächsten Jahr Wettbewerbe in vollen Stadien zu ermöglichen, finden derzeit Testläufe bei Baseball-Spielen statt. Am vergangenen Wochenende probte das Olympia-Gastgeberland in Yokohama, ein weiterer Test im Tôkyô Dome steht am kommenden Wochenende an. Gesundheitsexperten sind besorgt, Olympiagegner sprechen von "Humanexperimenten".

 

Schauplatz für den ersten Versuch wurde das Yokohama-Stadion, wo zwischen dem 30. Oktober und 1. November drei aufeinanderfolgende Central-League-Begegnungen der Yokohama DeNa Baystars gegen die Hanshin Tigers aus Nishinomiya (Präfektur Hyôgo) ausgetragen wurden. An den Eingängen der Baseball-Arena waren Thermographen zur Messung der Körpertemperatur installiert. Die Mitarbeiter im Stadionservice forderten die Fans nach einem Bericht der Nihon Keizai Shimbun auf, die vom Gesundheitsministerium zur Verfügung gestellte Kontakt-App COCOA zu installieren. 

 

In den Testlauf waren nach dem Bericht neben dem Profiklub auch lokale Einheiten der Selbstverteidigungs-Streitkräfte eingebunden sowie die Elektronikfirma NEC, das Telekomunikations-Unternehmen KDDI und die Kommunikations-App-Anbieter LINE. Neben den mit Hochauflösungs-Kamera untersuchten Zuschauerflüssen bei Betreten und Verlassen des Stadions wurde die Feststellung des Massenandrangs an Toiletten oder Verkaufsständen per Smartphone getestet.

 

Im Verlauf des ersten Spiels hätten die Fans Gesänge angestimmt, teils ohne Maske. Vor den Verkaufsständen hätten sich Schlangen gebildet und es sei zur Überfüllung in den Gängen gekommen. Die angestrebten mehr als 80 Prozent an Fassungsvermögen wurden allerdings deutlich verfehlt. Um ausreichend Besucher anzulocken, damit mehr als 80 Prozent der Fassungsmenge des Stadions ausgefüllt sein würden, wurden Preisnachlässe bis 35 Prozent des Eintrittspreises für das Serienticket gewährt. Am 30. Oktober kamen so 16.594 Besucher*innen zusammen, mehr als in anderen Begegnungen der laufenden Spielzeit, aber lediglich 51 Prozent der maximal möglichen Zuschauerzahl. 

 

Am Wochenende des 7. und 8. November werden weitere Untersuchungen im Tôkyô Dom im Stadtteil Suidôbashi stattfinden, bei denen erneut versucht werden soll, die geltenden Begrenzungen auf über 80 Prozent des Fassungsvermögens auszuweiten.

 

Nach der Aufhebung der zuvor geltenden Notstandserklärung am 25. Mai hat die japanische Regierung Veranstaltungen mit Zuschauerbeteiligung wieder erlaubt und die Zahl an Teilnehmenden schrittweise erhöht. Mit dem 10. Juli sind zunächst Sportveranstaltungen erlaubt worden, bei denen bis zu 5000 Besucher zugelassen waren, sofern die Hälfte des Fassungsvermögens von Sportarenen dabei nicht überschritten wurde. Die Begrenzung auf 5000 Zuschauer*innen wurde am 19. September abgeschafft, allerdings wurde die Regel, dass mehr als 50 Prozent der Zuschauerkapazität eines Stadions nicht ausgeschöpft werden dürfen, beibehalten. Diese Regel soll bis Ende November weiter gelten, danach wird man nach Auswertung der Ergebnisse der derzeitigen Probeläufe entscheiden, ob eine weitere Milderung der Vorsichtsmaßnahmen erfolgen soll. 

 

Politisch ist das gewollt. Ein Vertreter des Organisationskomitees erklärte laut Mainichi Shimbun (30.10.2020), man strebe Olympische Spiele mit voll besetzten Arenen an, letztlich würde der im nächsten Jahr aktuelle Stand des Infektionsgeschehens darüber entscheiden. Ein Regierungs-Beteiligter erklärte nach dem Bericht: „Es geht nicht darum, nur bei den Olympischen Spielen möglichst viel Zuschauer zuzulassen. Das Zuschaueraufkommen  bei nationalen Sportereignissen wird ein Maßstab für die Olympischen Spiele sein. Die jetzt erzielten Ergebnisse werden ein Indikator dafür sein.“  

 

Gesundheitsexperten äußerten sich indessen besorgt über die Durchführung des Massenversuchs. „Experten schlagen Alarm“, so lautete der Untertitel zum Bericht der Mainichi Shimbun: „Schlechter Zeitpunkt“. Die Verbreitung des Corona-Virus habe zuletzt in Japan wieder leicht zugenommen, mit dem bevorstehenden Winter sei eine weitere Zunahme der Verbreitung absehbar, sagte der Arzt Sugaya Norio 菅谷 憲夫, Direktor des Keiyû-Hospitals in Yokohama. „Ich verstehe, dass die Regierung im Hinblick auf die Olympischen Spiele Erfolge sammeln will, aber aus medizinischer Sicht sind die Prioritäten jetzt andere. Wir sind besorgt, dass uns gleichzeitig eine Influenzawelle trifft. Wir müssen für den Winter Vorsorge treffen und die Stärkung des Gesundheitssystems in Angriff nehmen.“

 

Bislang sind in Japan nach Regierungsangaben mit Stand vom 4. November 2020 insgesamt 101.778 Menschen an dem Virus erkrankt - rund ein Fünftel der in Deutschland laut Robert-Koch-Institut laborbestätigten 577.593 Fälle. Ob allerdings in Japan tatsächlich bislang auch nur annähernd die wirklichen Erkrankungsraten festgestellt worden sind, ist fraglich. Japan testet vergleichsweise extrem wenig - Deutschland führte mehr als zehn Mal so viel PCR-Tests durch. Im Oktober wurden in Deutschland innerhalb von zwei Wochen mehr Tests durchgeführt als in Japan während der gesamten Pandemie. 1785 Menschen sind in Japan bislang mit oder an einer Corona-Infektion gestorben (vgl. Ministry of Health, Labour and Welfare). In Deutschland waren es 10.661 Menschen.

 

Auch Professor Hamada Atsuo 濱田 篤郎von der Medizinischen Universität Tôkyô sieht die Zuschauerversuche kritisch und läutete, so die Mainichi Shimbun, „die Alarmglocke“:  „Gegenwärtig steht eine dritte Welle vor der Tür, der Zeitpunkt für so etwas ist gerade schlecht. Das Zeitlimit für die Vorbereitung Olympias mag sich dem Ende zuneigen, aber wenn jetzt etwas passiert, dann wird es schwierig sein, überhaupt noch Olympische Spiele abzuhalten.“ Die Entstehung von Clustern könne nicht ausgeschlossen werden. Zuschauer, so Hamadas beim ersten Test teilweise enttäuschte Hoffnung, sollten unbedingt Masken tragen und es unterlassen zu jubeln. 

 

Olympiagegner zweifelten die ethische Basis der Zuschauertests an und bezeichneten die Probeläufe als „Humanexperimente“. Selbst Minderjährige würden, angelockt von freiem Eintritt, in die Tests mit eingebunden, teilte die Hangorin no Kai („Versammlung gegen die Fünf Ringe“) über Twitter mit (s.u.). 

 

 


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