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Tôkyô 2020 und die Kosten: 16 Milliarden Dollar - ohne Infrastruktur (und Korruption)

Die Olympischen und Paralympischen Spiele in Tôkyô werden, unabhängig davon, ob sie überhaupt stattfinden können oder nicht, die teuersten Sommerspiele der modernen Geschichte sein. Ein Forscherteam der Universität Oxford sieht hinter den stetig steigenden Kosten für das größte Megaevent der Welt eine Reihe von Gesetzmäßigkeiten am Werk, die in eine Dauermisere geführt haben. Das IOC widerspricht den Ergebnissen der Forscher - und verweist auf eine Studie, die es angeblich selbst in Auftrag gegeben hat.

Besonderheiten der japanischen Olympiaausrichtung tragen erschwerend zu dem  verheerenden Eindruck bei, das Olympia im 21. Jahrhundert abgibt. 

 

Mindestens 1,68 Billionen Yen, rund 16 Milliarden Dollar soll das Projekt Tôkyô 2020 nach den Berechnungen der  Ökonomen Bent Flyvberg, Alexander Budzier und Daniel Lunn von der Saïd Business School der Universität Oxford kosten. Damit ist Tôkyô nach dieser konservativen Rechnung jetzt bereits teurer als der bisherige Spitzenreiter London mit knapp 15 Milliarden. Hinzu kommen indessen noch weitere Kosten in Milliardenhöhe für die Verlegung auf 2021.

 

Nicht eingerechnet sind darüber hinaus weitere Schäden , die dem japanischen Steuerzahler bzw. den Bewohner*innen Tôkyôs durch mutmaßliche Korruption entstanden sind, etwa beim Bau des Athletendorfes. Die erforderlichen Grundstücke wurden den großen Bauunternehmern für ein Butterbrot von Tôkyôs Metropolregierung überlassen, im Gegenzug wechselten rund zwei Dutzend hohe Beamte aus der Verwaltung der Hauptstadt, von denen die meisten mit den Vorgängen betraut waren, zu eben diesen Firmen  (vgl. Blogbeitrag "Olympisches Amakudari").

 

Infrastrukturprojekte, von der eine Stadt und mit ihr das Gastgeberland noch Jahrzehnte nach den Spielen theoretisch profitieren können, sind in diesen Berechnungen der Universität Oxford nicht enthalten. Wie groß die Kosten in Wirklichkeit sind, vermag das Forscherteam der Universität Oxford um Bjent Flyvbjerg mit Sicherheit  nicht zu sagen. Leider würden das IOC und die Olympia-Gastgeber über Kosten und Kostensteigerungen nicht korrekt informieren, schreibt die Nachrichtenagentur AP und zitiert Studienleiter Bent Flyvbjerg und Kollegen: "Deshalb konnten wir uns auf die Veranstalter, auf das IOC und die Regierungen  nicht verlassen, wenn es darum ging, uns zuverlässige Informationen über die wahren Kosten, die Kostensteigerungen und die Kostenrisiken Olympischer Spiele zur Verfügung zu stellen." Tôkyôs Organisatoren beziffern die Olympiakosten auf 12,6 Millionen Dollar, der japanische Rechnungshof geht allerdings fast vom Doppelten aus.

 

Die obligatorisch gewordenen Kostensteigerungen bei der Ausrichtung Olympischer Spiele gegenüber den prognostizierten Kosten führen die Forscher auf eine Reihe von Gesetzmäßigkeiten zurück: die im Prinzip unumkehrbare Entscheidung der Vergabe, der feststehende Termin, das feststehende Programm, die Verpflichtung der Gastgeber zur Übernahme von Kostensteigerungen ("Blanko-Scheck-Syndrom"), unzureichende Reserven im Budget, Unabwägbarkeiten durch die lange Planungs- und Umsetzungszeit sowie das "ewige Anfängersyndrom" bei der Ausrichtung von Olympischen Spielen.

 

Zusammen würden diese Faktoren zu einer sogenannten "Power law distribution", einer Potenzgesetz-Verteilung, führen. Dabei steigen Zusatzkosten nicht linear, sondern expotentiell an. Und die Risiken dafür liegen fast ausschließlich beim Veranstalter. Die zunehmende Aufblähung Olympias, so die Forscher, stelle eine - so auch der Titel der Publikation - "Regression to the tail" dar. Wie eine Katze, die sich in den Schwanz beißt. Das ist auch der Grund, warum sich jedenfalls in demokratischen Ländern kaum mehr eine Metropole finden lässt, die dazu bereit ist, sich vom IOC dermaßen schamlos über den Tisch ziehen zu lassen und sich um die Ausrichtung Olympischer und Paralympischer Sommerspiele zu bewerben. Diktatoren und Autokraten sind  daher in erster Linie die  Geschäftspartner der olympischen Gralshüter geworden.

 

Flyvbjerg, Budzier und Lunn kommen in ihrer Studie auch zu dem Schluss, dass derartige Kostensteigerungen ein olympisches Alleinstellungsmerkmal seien. Bei andere Megaevents würden die Kosten nicht derart und derart zwangsläufig aus dem Ruder laufen. Das IOC widersprach den Forschern aus Oxford in diesem Punkt umgehend und verwies auf eine Studie, die an den Universitäten Mainz und Paris durchgeführt worden war - und die das IOC selbst in Auftrag gegeben hatte. In der Oxford-Studie finden diese Ergebnisse keine Berücksichtigung. Zwar  schätze man den Mainzer Sportökonomen Holger Preuß und seine Arbeit im allgemeinen, so schreiben Flyvbjerg und Kollegen. Die fragliche Studie, die bei Kostensteigerungen von Großprojekten keine olympischen Besonderheiten auszumachen vermag, erscheine jedoch "pro-IOC": 

 

"Preuss et al. (2019) contains an additional study, which we do not consider in our review, despite generally holding Holger Preuss and his work in high regard. The study seems pro-IOC and was apparently funded by the IOC together with other concurrent work done by Preuss's team. The results of the study were first presented on the IOC website and were published in a book that is given away for free. Finally, Preuss serves on the IOC Sustainability and Legacy Commission. The IOC funding for the study seems to have gone undisclosed, i.e., it is not mentioned in the book, which appears to be a violation of the publisher's code of ethics and would also violate the code at most universities. In sum, at present we do not trust the results of this study due to possible, undisclosed conflicts of interest. We stress that this is not a general verdict on the work of Preuss and his co-authors, and that hopefully the study will be cleared by full disclosure and possibly an independent review of its data, methodology, and results."

 

Oxford-Studie: "Regression to the Tail: Why the Olympics Blow Up"

Flyvbjerg, Bent and Budzier, Alexander and Lunn, Daniel, Regression to the Tail: Why the Olympics Blow Up (September 1, 2020). Flyvbjerg, Bent, Alexander Budzier, and Daniel Lunn, forthcoming, "Regression to the Tail: Why the Olympics Blow Up," accepted for publication, Environment and Planning A: Economy and Space.

 

 

Mainz-Paris study:

"Cost and Revenue Overruns of the Olympic Games 2000-2018"

 

 

Press Release University of Mainz:

https://www.uni-mainz.de/presse/aktuell/6813_ENG_HTML.php

 

Entgegnung Bent Flyvbjerg zu IOC-Kritik:

https://www.sbs.ox.ac.uk/sites/default/files/2020-09/OpenLetterIOC1.1.pdf

 

 


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