· 

Toyooka Kôji: „Haben Sie jemals einen Geist gesehen?“

 

 

Der buddhistische Mönch Toyooka Kôji war 15 Jahre alt, als seine Heimatstadt Hiroshima durch den Abwurf der ersten in einem Krieg eingesetzten Atombombe dem Erdboden gleichgemacht wurde. Wie viele andere Überlebende erzählt er - nachdem er ein halbes Jahrhundert lang darüber nicht sprechen konnte - heute seine Geschichte. 

Ich war in der vierten Klasse der Mittelschule, als sich der Atombombenabwurf ereignete, und damals 15 Jahre alt. 1944 wurden Jungen in meinem Alter zum Dienst bei der Feuerwehr oder zur Feldarbeit eingezogen. Vielerorts waren die Bauern zum Kriegsdienst eingezogen worden und die Frauen waren alleine auf ihren Feldern. Auch wurden Kinder zur Arbeit in Fabriken herangezogen.

Es gibt heute sechs Flüsse in Hiroshima, früher waren es einmal sieben. Hiroshima war eine Stadt mit viel Militär. Es gab zwei große Areale, auf denen Soldaten gedrillt wurden, eine im Westen und eine Osten. Es gab auch Fabriken, in denen Waffen hergestellt wurden, oder Gebäude, in denen Essen für die Soldaten zubereitet wurden. Es gab viele dieser Gebäude, und Hiroshima war eine Stadt, in der alle in die Unterstützung der Armee eingebunden waren. Das militärische Zentrum Japans befand sich in Tôkyô, die zweitwichtigste Stadt für das Militär war Hiroshima.

Hiroshima ist eine flache Stadt, ist aber von drei Seiten umgeben von Bergen. Das machte es ideal für das US-amerikanische Militär, die Schäden zu sehen, die der Abwurf der Bombe verursachen würde. Das ist der Grund, warum Hiroshima als erster Zielort ausgewählt worden war. Ein zweites potentielles Ziel war im Süden von Hiroshima, auf der Hauptinsel Kyûshû, die Stadt Fukuoka. Aufgrund der Wetterbedingungen entschied sich das US-Militär jedoch dafür, Nagasaki als zweites Ziel anzugreifen. 

Die Bombe zerstörte das Zentrum von Hiroshima vollständig. Ich arbeitete zu dieser Zeit im Süden der Stadt in einer Fabrik. An jenem Morgen begann ich um Punkt acht Uhr mit meiner Arbeit. Es war ein klarer, sonniger Tag. Wenn sich einmal eine Wolke vor die Sonne schob, wurde es dunkler, und wenn sie verschwand, wurde es wieder hell. Kurz nach dem Beginn der Arbeit, um 8.15 Uhr, sah ich dieses seltsame Licht. Es erinnerte mich zwar daran, wie es hell wurde, nachdem eine Wolke sich verflüchtigt hatte. Aber etwas war anders. „Heute ist ist das Licht aber hell“, dachte ich. Dann kam die Explosion. 

Die Fabrik, in der ich arbeitete, war vom Zentrum der Explosion vier Kilometer entfernt. Das Gebäude war ziemlich groß, 150 Meter lang und 50 Meter breit. Kurz, nachdem sich die Explosion der Atombombe ereignet hatte, war das Erdgeschoss in der Fabrik plötzlich voller Staub. Ich konnte weder sitzen noch stehen, und so kroch ich aus einem Fenster heraus. Viele Menschen berichten, dass sie damals jenen Atompilz sahen. Als ich auf das Stadtzentrum blickte, sah ich nur eine große weiße Wolke. Danach sah ich eine rote Wolke aus grellem Feuer auf die Stadt herniedergehen. Dann sah ich eine schwarze Wolke aufsteigen. Diese dunkle Wolke stammte vom Rauch der zerstörten Häuser. 

Wir wurden aufgefordert, uns in die Schutzbunker zu begeben. Einige von uns zitterten, ich selbst zitterte zwar nicht, aber ich hatte furchtbare Angst. Die Fabrikarbeiter wurden dann angewiesen, nach Hause zurückzukehren, da etwas Schlimmes mit Hiroshima passiert sei und die Arbeit nicht fortgesetzt werden könne.

Draußen kam mir eine Gruppe von 70 bis 80 Leuten entgegen, die sich in einer Reihe fortbewegten. Haben Sie jemals einen Geist gesehen? Auch ich habe noch nie Geister gesehen. Aber als ich diese Menschen sah, dachte ich, dass – wenn es Geister gäbe – sie so aussehen würden. Sie waren schwer verbrannt und hielten ihre Arme in die Höhe, denn wenn sie die Arme hätten hängen lassen, wäre das Blut nach unten geflossen und hätte die Schmerzen verschlimmert. All diese etwa 80 Menschen sprachen kein Wort miteinander. Sie gingen in die Fabrik hinein, was danach aus ihnen geworden ist, weiß ich nicht.

Ich ging nach Hause zurück. Auf dem Weg dahin brach direkt vor mir ein zweistöckiges Gebäude zusammen. Ich hatte so große Angst, dass ich zum Eingang in die Fabrik zurückkehrte. Später ging ich um die Stadt herum, um nach Hause zu gelangen. Auf dem Weg dahin standen alle Häuser in Flammen. Ich benetzte mich mit Wasser und lief weiter in Richtung meines Zuhauses. Es dauerte eineinhalb Stunden. Gegen 8.30 Uhr war ich losgegangen, gegen zehn Uhr kam ich dort an. 

Am Bahnhof sah ich in den Himmel, und er war zu diesem Zeitpunkt recht klar. Aber zu diesem Zeitpunkt hörte ich schon den Donner. Ich streckte meine Hände aus und fühlte Regen. Zuerst ganz leicht und dann immer stärker. Aber es war kein normaler Regen, er war tiefschwarz. Aller Staub, alle Asche, die durch die Atombombe entstanden war, stieg zum Himmel auf und formte eine radioaktive, schwarze Regenwolke.

Wir alle trugen Mützen aus dicker Baumwolle. Ich hatte einen Regenschutz dabei, so dass der Regen nicht direkt meine Haut berührte oder in meinen Mund laufen konnte. Deshalb versuchte ich, durch den Regen weiter in Richtung unseres Hauses zu gehen. Es war aber ziemlich weit dorthin, und so versuchte ich, in das Haus meiner Tante zu flüchten. Es waren ungefähr zwei Kilometer, und ich lief so schnell ich konnte. Als ich das Haus erreicht hatte, rief ich nach ihr, und sie kam heraus. Als sie von drinnen meine Stimme hörte, war sie sehr froh. 

Im Haus war alles zu Bruch gegangen. Es gab keinen Platz, an den man sich hätte hinsetzen können. Wir richteten einen Raum so weit her, dass wir uns wenigstens hinsetzen konnten. Sie bereitete Tee für mich zu, und wir tranken Tee zusammen und aßen etwas Reis. Meine Tante erzählte mir, dass es im Haus nebenan eine große Explosion gegeben hatte und deshalb ihr Haus so zerstört sei. Später erst erfuhr ich, dass sehr viele Menschen glaubten, dass die Explosion der Bombe ganz in ihrer Nähe stattgefunden hätte. Niemand konnte sich vorstellen, dass eine einzige Bombe dies bewirken könne. Als sie später davon erfuhren, waren alle sehr überrascht. 

Nach dem Tee hörte der Regen auf, und ich entschloss mich, nach Hause zurückzukehren. Meine Tante sagte: „Bitte bleibe noch etwas.“ Ich sagte ihr, dass ich mir Sorgen um meine Familie machte und deshalb zurückgehen wolle. Der Regen hatte aufgehört, und meine Kleidung war nass, so ging ich eilig nach Hause. Aber überall brannte es in der Stadt und ich kam nicht auf dem üblichen Weg durch. Jemand sagte mir, ich solle den Eisenbahnschienen entlang gehen. Die Züge fuhren natürlich nicht, und die Leute nutzten die Schienen, um auf ihnen weiterzukommen. 

Ich ging den Gleisen entlang in Richtung zum nächsten Bahnhof im Bezirk Hakushima, und als ich eine Eisenbahnbrücke überquerte, hatte ich große Angst. In Hakushima fand ich kein Haus mehr vor, das gestanden hätte. Viele tote Körper lagen auf dem Boden, Menschen schrien vor Schmerz, sahen sich mit verzweifelten Gesichtern um, und viele Menschen verlangten nach Wasser. 

Damals war ich 15 Jahre alt und dafür vorgesehen, meinem Vater in das Amt des Mönches nachzufolgen. Bis dahin jedoch hatte ich noch nie einen toten Menschen gesehen, und an diesem Tag sah ich viele tote Gesichter und ich spürte die Angst vor dem Tod. In unserer Gegend gab es eine Hängebrücke, und davor lagen viele Soldaten verletzt am Boden und baten mich um Wasser. Ich sagte: „Ich habe leider kein Wasser.“ Ich versuchte, ihnen Mut zuzusprechen und ging weiter.  

Die Brücke überquerend erreichte ich mein Stadtviertel Ushida. Von der Brücke aus sah ich, dass in meiner Heimatstadt so viel niedergebrannt war. Ich sah den Tempel, in dem meine Familie lebte, und ich sah, dass Teile von ihm schief standen. Als ich sah, dass alles um uns herum niedergebrannt war und nur der Tempel, der auch unser Zuhause war, noch stand, spürte ich ein Glücksgefühl in mir und ich lief so schnell wie ich konnte dorthin. Mein Vater hatte sich am Kopf verletzt, deshalb trug er eine Bandage. Meine Mutter war am Arm verletzt, daher war er verbunden. 

Ich hatte drei ältere Schwestern. Die älteste war schon verheiratet und lebte nicht mehr zu Hause. Meine zweitälteste Schwester war zu Hause. Die Jüngste war zum Studium in Kyôto. Dann hatte ich noch einen jüngeren Bruder, er war im ersten Jahr in der Mittelschule und zwölf oder 13 Jahre alt. Er wurde wie auch die Mädchen in diesem Alter zu Abrissarbeiten abkommandiert. Sie sollten damit Brandschneisen herstellen im Fall von Feuern durch Bombardierungen. Ich habe später erfahren, dass an diesem Tag von den 8.000 Schülerinnen und Schüler, die für diese Arbeiten eingeteilt worden waren, mehr als 6.000 gestorben sind. Mein Bruder und seine Mitschüler befanden sich gerade beim Morgenappell auf dem Schulhof, und genau in diesem Augenblick, während der Direktor eine Rede hielt, fiel die Bombe. 

Mein kleiner Bruder hatte Verbrennungen am ganzen Körper. Einige waren sofort gestorben, andere, wie er, hatten schwere Verletzungen davongetragen. Er überlebte aber und konnte gehen, und Soldaten, die ihm begegneten, benetzten seine Brandwunden mit Öl. Ich stelle mir vor, dass das Gehen ihm sehr schwer gefallen sein muss und dass er vermutlich mehr kroch als ging, und dass er wohl den selben Weg zurück nach Hause ging, auf dem auch ich unterwegs war. 

Mein Bruder schaffte es nicht ganz nach Hause, und so hielt er in der Nähe an und bat um Wasser. Die Frau dort, Frau Tadokoro, sagte ihm, dass wenn er so schwer verbrannt sei und Wasser trinke, er sterben würde. „Bitte trinke kein Wasser!“ Die Frau fragte, wohin er gehöre, und mein Bruder sagte, er sei ein Junge aus dem Tempel. Sie sagte: „Dort brennt es jetzt, Du bleibst besser hier und ruhst Dich aus.“ Frau Tadokoro war sehr, sehr nett. Auch ihr Haus war völlig zerstört, aber sie nahm einen Futon und legte ihn außen im Vorbereich aus. Darauf bettete sie meinen Bruder. 

Gegen 16.30 oder 17 Uhr am Nachmittag erfuhren wir, dass mein Bruder im Haus der Familie Tadokoro war. Deshalb gingen meine Familie und ich dorthin. Frau Tadokoro sagte: „Dies ist dein Bruder.“ Ich sah in sein Gesicht, es war ganz rot, seine Lippen angeschwollen, und ich erkannte ihn nicht. Seine Kleidung war total zerstört. Ich hätte nicht gewusst, wie ich hätte erkennen können, dass dies mein Bruder war. Aber ich erkannte ihn an seiner Gürtelschnalle. Ich sprach ihn mit seinem Namen an, und erst als er antwortete, war ich sicher, dass er es war. Wir dankten Tante Tadokoro von ganzem Herzen und brachten meinen kleinen Bruder nach Hause. 

Auch wenn der Tempel schief stand, so konnten wir doch hinein gehen. Es schien ihn irgendwie zu beruhigen. Meine Mutter kümmerte sich Tag und Nacht um meinen Bruder, aber auch sie selbst hatte Schäden davon getragen, die ich auf die radioaktive Strahlung zurückführe. Ihre weißen Blutkörperchen verringerten sich. Uns war klar, dass es meinem Bruder nicht gut ging, und so versammelten wir uns eines Tages um ihn und hielten eine buddhistische Zeremonie ab. Mein Bruder berührte das Gesicht meines Vaters, meiner Mutter, meiner Schwester und auch mein Gesicht. „Danke“, sagte er. Wenig später starb er. Im Angesicht seines Todes habe ich meinem Bruder versprochen: „Ich werde es ihnen heimzahlen.“ Der Ehemann meiner älteren Schwester war Soldat, er war Offizier in der Armee. Auch er ist gestorben.

Was ich Ihnen heute erzählt habe, kann ich erst seit kurzer Zeit erzählen. Es dauerte 50 Jahre, bis ich meine Erinnerungen an die Atombombe, an die Verstrahlung, an den schwarzen Regen, an den Tod meines jüngeren Bruders versammeln und darüber erzählen konnte. Bis dahin hatte ich zu viel Angst, diese Geschichten zu teilen. Damals war ich 15 Jahre alt, heute bin ich 89. Nächstes Jahr, im Januar, werde ich 90 Jahre alt. Vor fünf Jahren wurde bei mir Krebs festgestellt, und mein Arzt sagte, es sei eine Art von Krebs, die bei Atombombenopfern häufig auftrete.

So etwas sollte niemals mehr passieren. Ich spreche im Friedensunterricht, den Schüler in Hiroshima haben, vor Drittklässlern. Seit über 20 Jahren spreche ich mittlerweile über meine Erfahrungen. Ich erzähle den Schülern, dass es untereinander zwar immer wieder einmal zu Streit kommt, dass es aber besser ist, sich zu vertragen. Und dass Japan früher auch viel im Streit mit anderen lag, wir aber versuchen müssen, ein friedliebendes Land zu sein. 

(Übersetzung ins Englische: Tashiro Mirei)

Aufgezeichnet am 16. Mai 2019 im Social Book Café in Hiroshima, siehe: 

https://hachidorisha.com

https://hiroshimaforpeace.com/en/sdgs-and-peace/hiroshimasdgs/page-27/

 


Kommentar schreiben

Kommentare: 0