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Nur die wenigsten wollen noch Olympia wie ursprünglich geplant

Das Thema Olympische und Paralympische Spiele 2020/21 ist im Vorfeld der am 5. Juli anstehenden Gouverneurswahlen in Japans Hauptstadt-Präfektur zu einem der bestimmenden Themen im Wahlkampf geworden. Eine Mehrheit für die Spiele im nächsten Jahr ist laut einer gemeinsam von der Tageszeitung Tôkyô Shimbun, der Nachrichtenagentur Kyôdô und dem Fernsehsender Tokyo MX (Tokyo Metropolitan Television) in Auftrag gegebenen Umfrage in der Hauptstadt nicht mehr auszumachen. Und die meisten jener, die sich eine Austragung noch wünschen, fordern ein Olympia im kleineren Format.

 

Laut der zwischen dem 26. und 28. Juni durchgeführten Meinungsumfrage sind 51,7 Prozent von etwas mehr als 1000 zufällig ausgewählten Befragten der Meinung, dass man die Spiele entweder ganz absagen (27,7 %) oder sie um ein weiteres Jahr verschieben solle (24,4 %). Frappierend: Nur 15,2 Prozent der Befragten Bürger*innen sind noch der Ansicht, dass man die wegen der Coronakrise zunächst ins kommende Jahr verschobenen Sommerspiele wie geplant 2021 durchführen solle. 31,1 Prozent sprachen sich für Spiele 2021 unter der Bedingung aus, dass das Veranstaltungskonzept überarbeitet wird. Soll heißen:  das Milliardenevent soll kleiner und kostengünstiger gestaltet wird. 

 

Auf die Seite derer, die nun bescheidenere Olympische und Paralympische Spiele wünschen, hat sich inzwischen sogar die amtierende Gouverneurin Koike Yuriko geschlagen, deren Widerwahl angesichts der sich selbst schwächenden Opposition kaum ernsthaft in Frage steht. Ihre hochkarätigsten Gegner sind der bekannte Rechtsanwalt Utsunomiya Kenji (73), der es bei den vorletzten Gouverneurswahlen auf ca. 20 Prozent der Stimmen brachte, sowie der überraschend kandidierende frühere Schauspieler und Oberhausabgeordnete Yamamoto Tarô (45).

 

Beide Herausforderer eint eine in großen Teilen umwelt- und sozialpolitische Agenda, zu der die Forderung nach dem Atomausstieg ebenso gehört wie die Absage der Olympischen Spiele im Zeichen der Corona-Pandemie und die Verwendung der erforderlichen Mittel für sozial Schwächere. Durch die Kandidatur beider dem linken und linksliberalen Spektrum zugerechneten Kandidaten erhöhen sich die ohnehin sehr guten Chancen für die frühere Verteidigungsministerin Koike auf die Wiederwahl. 

 

Die 65-jährige Koike Yuriko konnte in der Coronakrise noch einmal an Beliebtheit zulegen. Ihre im Vergleich zur Regierung um Premierminister Abe Shinzô konsequentere Linie bei der Bekämpfung des Virus stieß laut Umfrage in der japanischen Hauptstadt auf Zustimmungswerte von insgesamt 70,7 Prozent unter den Befragten.

 

Dass sie in Bezug auf bescheidenere Spiele nicht unbedingt glaubwürdig agiert, stört die meisten anscheinend nicht. Koike unterschrieb als damals frisch ins Amt gewählte Gouverneurin einen Vertrag, mit dem die Hauptstadt städtischen Grund in bester Lage für einen Schleuderpreis an eine Gruppe von Bau- und Immobilienunternehmen verscherbelte, die mit dem Bau des Athletendorfes und dem anschließenden Weiterverkauf der Unterkünfte als Luxusapartments betraut sind (siehe Blogbeitrag "Olympisches Amakudari").

 

Tokyo Shimbun, Online-Ausgabe, 29.06.2020:

https://www.tokyo-np.co.jp/article/38504

 

The Japan Times zur Gouverneurswahl: 

https://www.japantimes.co.jp/news/2020/06/29/national/politics-diplomacy/yuriko-koike-polls-tokyo-gubernatorial-election/

 

Blogbeitrag "Olympisches Amakudari": https://www.andreas-singler.de/2020/03/29/olympisches-amakudari-tôkyô-2020-und-der-verdacht-der-institutionalisierten-korruption/

 

Blogbeitrag Utsunomiya Kenji: https://www.andreas-singler.de/2020/05/27/gouverneurs-kandidat-utsunomiya-kenji-olympische-spiele-schnellstmöglich-absagen/

 


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