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Prozess zum Schutz der Kinder vor Verstrahlung - Klägervertreter Konno Sumio: "Gedanken im Mai 2020"

 

 

 

Im wenigen Wochen wird vor dem Bezirksgericht Fukushima im "Prozess zum Schutz der Kinder vor Verstrahlung" das erstinstanzliche Urteil erwartet. Es geht in dem Prozess um das Recht auf Evakuierung und daraus sich ergebenden Zahlungsverpflichtungen des Staates und der Präfektur Fukushima sowie um die Rechtmäßigkeit von Grenzwerten. Konno Sumio, Sprecher der Klägervereinigung, schrieb dazu im Mai 2020 einen persönlichen Beitrag in der Gewerkschafts-Zeitschrift Rôdô Jôhô (http://www.rodojoho.org). Hier ist die deutsche Übersetzung:

 

 

 

 

 

 

Ich bin ein Familienvater, der mit Frau und Sohn aus Namie-machi innerhalb der Präfektur Fukushima nach Iizaka Onsen geflüchtet ist. Wir sind dort zu dritt in einer „Wiederaufbau-Wohnung“ untergebracht. Bis zum März 2011 war ich Beschäftigter in Atomkraftwerken, ich habe auch in Forschungseinrichtungen und in Wärmekraftwerken gearbeitet. Ich war in Atomkraftwerken wie Fukushima Daiichi und Daini sowie in Tôkai Daini oder Onagawa tätig. Dort war ich mit Bau- oder Wartungsarbeiten betraut. Am Tage des 11. März 2011 befand ich mich in Onagawa auf Dienstreise, und ich bereitete meine Heimkehr vor, als sich das Erdbeben ereignete. Deshalb konnte ich Onagawa bis zum 15. März nicht verlassen. Ich sah direkt vor meinen Augen, wie der Tsunami kam und Häuser sowie alles andere  wegspülte. Es waren Bilder wie aus der Hölle.

 

In diesem Jahr bin ich mit meinem Sohn am 11. März nach Onagawa gefahren. Wegen Corona waren die Schulen geschlossen, deshalb haben wir zusammen etwas unternommen. Ich wollte meinem Sohn den Ort zeigen, an dem ich zu jener Zeit war und ihm erklären, was sich damals dort ereignet hatte. 

 

Was mag mein Junge wohl dabei empfunden haben? Ich denke, es war eine gute Erfahrung für ihn. Als sich das Erdbeben ereignete, war er fünf Jahre alt und ging noch in den Kindergarten. Nun ist er Mittelschüler im dritten Jahr und wird im Juni 15 Jahre alt. Im nächsten Jahr wird er doppelt so lange das Leben eines Flüchtlings geführt haben als das des Jungen, der in Namie geboren und im Haus seiner Familie die ersten Jahre seines Lebens aufwuchs. 

 

Im Februar bin ich zum ersten Mal mit meinem Sohn zusammen in jenes Haus zurückgekehrt, in dem wir zuletzt in Namie lebten. Es ist jetzt 18 Jahre her, dass wir das Haus neu gebaut haben. Neun Jahre lang haben meine Frau und ich dort zusammen gelebt, unser Sohn fünf Jahre und neun Monate. Wir glaubten fest daran, dass wir dort bis zu unserem Lebensende wohnen würden. Wir haben dorthin auch unseren familienrechtlichen Wohnsitz verlegt.  

 

Im vorletzten März habe ich beim Umweltministerium den Antrag auf Abriss unseres Hauses eingereicht, denn wenn ein Unternehmen des Umweltministeriums den Abriss vornimmt, ist es für mich kostenlos. Unser Haus wurde nicht durch das Erdbeben zerstört. Jedoch sind das Dach und die Außenwand so furchtbar kontaminiert, dass man dort auch in Zukunft nicht mehr leben kann. Die radioaktive Verunreinigung beträgt im Garten 0,3 bis 0,5 Mikrosievert pro Stunde, innerhalb des Hauses sind es mitunter sogar bis zu 0,8 Mikrosievert pro Stunde. Ein Richtwert von 0.23 μSv/h ist trügerisch. 0.11μSv/h ergeben einen Jahreswert von einem Millisievert (ein Richtwert für zusätzlich zur natürlichen Hintergrundstrahlung jährlich zu tolerierenden Strahlung, der nach Empfehlungen z.B. der Ärztevereinigung IPPNW nicht überschritten werden sollte, Anm. A. Singler).

 

Im März dieses Jahres endete das Wohnungsangebot für Menschen aus der Evakuierungszone, dem sogenannten „Rückkehrproblembereich“. Der Atomunfall hat uns unserer Arbeit, unserer Häuser, unseres Besitzes und nicht zuletzt unserer Community beraubt. Und trotz alledem ist man nun auch noch so weit gegangen, uns dort, wohin wir geflohen sind, unserer Wohnung zu berauben. Das Opfer des Atomunfalls, die Präfektur Fukushima, hat sich mit dem Täter, dem Staat, verschworen. Sie tut den eigenen Bewohnern letztlich sogar noch Gewalt an, in dem es sie vor Gericht zerrt. Die Präfektur führt, statt die Bevölkerung zu schützen, Vertreibungen durch. 

 

Für Menschen innerhalb und außerhalb des Evakuierungsbereichs könnte man Mietwohnungen für acht Milliarden Yen (ca. 67. Mio. Euro) anbieten. Das ist weniger als ein einziges F-35A-Kampfflugzeug, das über zehn Milliarden Yen kostet. Wenn Japan 100 Kampfflugzeuge kaufen sollte, würde man mit diesem Geld mehr als 100 Jahre lang die Lebenshaltungskosten von Atomflüchtlingen bestreiten können. Aber stattdessen verklagen die Täter in Form der Gemeinden die Opfer. Dieses Land beschützt seine Bevölkerung nicht. Auch die Präfektur Fukushima beschützt seine Bürger nicht, sie macht sich zum Handlanger der Regierung. Ist der Staat schon schlecht – die Präfektur Fukushima ist noch schlechter! Sie beteiligt sich auch noch an dem Unrecht.

 

Im Juli blickt die „Klage zum Schutz der Kinder vor Radioaktivität“ (kodomo datsuhibaku saiban), die im August 2014 am Bezirksgericht Fukushima eingereicht worden ist, nun der Entscheidung entgegen. Bis dato haben wir vor Gericht von Seiten des Staates und der Präfektur blödsinnige Antworten und neue wissenschaftliche Meinungen als Beweismittel vor Gericht präsentiert bekommen. Und auch die Lüge von „Mr. 100 Millisievert“ Yamashita Shun’ichi (wegen seiner als verharmlosend kritisierten Äußerungen nach dem Atomunfall in Fukushima umstrittener Strahlenexperte der Universität Nagasaki und Vizepräsident der Medizinischen Universität Fukushima, Anm. A. Singler), die er bei Vortragsveranstaltungen nach dem Atomunglück verbreitet hatte, ist vor Gericht als solche enthüllt worden.

 

Ich erwarte eine Entscheidung, die dem Schutz der Kinder dient. Ich verbringe meine Tage mit dem sehnlichen Wunsch, dass den betroffenen Kindern geholfen wird, in dem das Gesetz zur Katastrophenhilfe für betroffene Kinder (kodomo hisaisha shien-hô 子ども被災者支援法) verbessert und indem eine japanischen Version des Tschernobyl-Gesetzes verabschiedet wird. 

 

Konno Sumio 今野寿美雄

 

Klägervertreter „Prozess zum Schutz der Kinder vor Verstrahlung“ (kodomo datsuhibaku saiban 子ども脱被ばく裁判)

http://datsuhibaku.blogspot.com

 

Meinungserklärung des Klägers Arakida Takeru vor Gericht: https://www.andreas-singler.de/2017/10/19/荒木田岳さんの陳述書/

子ども脱被ばく裁判結審を前に

2020.05に思う ー 2011.03.11より丸9年と2か月が過ぎました

 

 

私は、福島県浪江町から福島市飯坂温泉にある復興住宅に中3の息子、妻と共に避難中の身です.

201103まで原子力従事者として原発や研究所、その他、火発、科学プラント等で働いていました。

福島第一、第二、東海第二や女川等の原発の建設やメンテナンスに従事しました。3.11当日は、女川に出張中で帰省準備中に地震が発生し、3.15まで女川から出る事ができませんでした。

 

迫りくる津波と流されていく家屋等を目の当たりにしました。まるで地獄絵図の様でした。

 今年の3.11に息子を連れて女川原発まで行ってきました。コロナで学校が休みになった為、一緒に出掛けました。息子に現地を見せたかったのです。あの日、あの場所で起きた事を伝えたかったのです。

息子は、何を感じ取ったでしょうか?いい経験になったと思います。

 

震災当時、息子は5歳で幼稚園の年中組でした。今は、中3で6月には15歳になります。生まれ育った浪江の自宅の生活より、避難先の生活の方が来年でWスコアになります。今年の2月始めに息子は、震災後、浪江の自宅に最初で最後の一時帰宅をしました。

 

今から18年前の2002年に新築した我家です。私達夫婦は、9年間この家で過ごしました。息子は5年9ヶ月

をこの家で過ごしました。終の棲家となる筈でした。本籍もここに移しました。一昨年3月、環境省に自宅の解体申請を出しました。環境省の事業で無償で解体してもらう為です。地震で家が壊れたからではないのです。屋根や外壁の汚染が酷い為、これから住むことが出来ないからです。除染をしたのですが、庭で0.3~0.5μSv/hで、家の中では、0.8μSv/hもあります。家の外より中の方が高いのです。0.23μSv/hはまやかしの基準です。0.11μSv/hで年間1mSvです。

 

今年の3月で帰還困難区域の住宅提供が打切りになりました。原発事故で仕事も家も財産もそしてコミュニティも奪われました。それなのに避難先の住宅まで奪われました。被害者であるはずの福島県は加害者である国と結託し、住民を追出し、挙句の果てに裁判で住民達を訴えるという暴挙を振るいました。県民を護らなければいけない立場の県が、追出しを行っています。

 

避難指示区域内外を含めて、年間80億円あれば借上げ住宅を提供できるのです。1機当り100億円を超え

るF35A戦闘機より安いのです。戦闘機を100機も買うのであれば、避難者が100年以上も暮らせます。

大体、加害者が被害者を訴える事自体が異常な事です。この国は、国民を護ろうとしません。福島県も県民を護ろうとせず、国の手先となっています。国も悪いが、福島県はもっと悪い!悪事の片棒を担いでいます。

 

2014.08に福島地裁に提訴された「子ども脱被ばく裁判」も、いよいよ7月に結審を迎えます。

これまでの裁判で、国や県の出鱈目な対応や新たな科学的知見、証拠が法廷で示されました。

又、Mr.100mSvの山下俊一氏の講演会の嘘も暴かれました。子ども達を護る判決を期待しています。

 子ども被災者支援法の充実やチェルノブイリ法日本版の制定等、被害者の救済を熱望しながら日々を過ごしています。これからもよろしくお願いします。

 

 

「子ども脱被ばく裁判」原告代表 今野寿美雄

Konno Sumio bei Strahlenmessungen in seiner evakuierten Heimatgemeinde Namie-machi, Bezirk Tsushima: Direkt am Straßenrand misst Konno mehr als 20 Mikrosievert pro Stunde (Aufnahme 2019)



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