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Olympisches Amakudari: Tôkyô 2020 und der Verdacht der institutionalisierten Korruption

 

Tôkyô 2020 ist nicht nur durch einen Korruptionsskandal um mutmaßlichen Stimmenkauf belastet. Nun gerät auch der Bau von olympischen Einrichtungen und der Verkauf städtischen Bodens für weniger als ein Zehntel des ortsüblichen Preises ins Zwielicht. Wie die Zeitung Shimbun Akahata (22. März 2020) enthüllte, haben nämlich mittlerweile alleine zehn Immobilien-und Beratungsfirmen, die in die Entwicklung des Athletendorfes im Stadtteil Harumi im Süden des Bezirks Chûô eingebunden sind, 22 frühere mit eben diesen Vorgängen betraute Spitzenbeamte der Stadtverwaltung, sogenannte Old Boys (OB), in ihren Reihen aufgenommen.

 

2016 hatte Gouverneurin Koike Yuriko mit den Projektentwicklern einen Vertrag über den Verkauf von 13 Hektar städtischen Grundes für den Bau des olympischen Athletendorfes zu einem Spottpreis unterschrieben. Sie wird deshalb im Zuge einer verwaltungsrechtlichen Erstattungsklage (jûmin soshô  住民訴訟) von einer Reihe von Bürger*innen auf Zahlung der Differenzsumme verklagt - gemeinsam mit ihrem Vorgänger Masuzoe Yôichi. Dieser hatte 2016 wegen eines Finanzskandals um private Verwendung von Steuergeldern zurücktreten müssen. 

 

Das Athletendorf auf der künstlich aufgeschütteten Insel Harumi in der Bucht von Tôkyô beherbergt 21 Hochhäuser mit 5632 Wohnungen. Der Gesamtverkaufspreis betrug 12,96 Milliarden Yen, rund 108 Millionen Euro. Das entspricht einem Quadratmeter-Preis von 96.784 Yen, also lediglich ca. 800 Euro. Der Marktwert für derlei Filetstücke städtischen Grundes, nur etwa drei Kilometer entfernt von der Prachtstraße Ginza, betrage aber mehr als zehn Mal so viel, so kritisieren viele.

 

Nun fällt es schwer, hier keinen Zusammenhang mit der Übertrittswelle pensionierter Beamter in die Welt der Bau- und Immobilienwirtschaft zu sehen. Das Phänomen ist in Japan als amakudari  (天下り) bekannt, als von hohen Beamten vollzogener „Abstieg aus dem Himmel“ in jene irdische Sphären, mit denen sie häufig zuvor als einflussreiche Verwaltungsbeamte beruflich zu tun hatten. Damit steht nichts weniger als der Eindruck institutionalisierter Korruption um Bauvorhaben für Tôkyô 2020  im Raum.

 

Die Umverteilungsaktion von öffentlichem Eigentum in privatwirtschaftlichen Besitz – um nichts anderes nämlich handelt es sich hier, wenn man der Darstellung der Akahata folgt – wurde mittels eines „Tricks“ oder einer „Intrige“ (karakuri) bewerkstelligt. Das City Property Price Council (tosaisan kagaku shingikai  都財産価格審議会), ein dem Finanzdezernat der Hauptstadt zugeordneter Ausschuss für die Preisbestimmung städtischen Besitzes, sei bei der Preisfestsetzung ganz einfach umgangen worden, so das Blatt.

 

Stattdessen habe der Projektentwickler Pacific Consultants, der nun laut Akahata zwei mit den Vorgängen zum Athletendorf vormals betraute städtische Beamte in seinen Reihen zählt, einen Verkaufswert von elf Milliarden Yen (91,6 Millionen Euro) vorgeschlagen. Die Stadt habe daraufhin auf Basis eines bei der Stiftung Japan Real Estate Institute (Nihon Fudôsan Kenkyûjo) in Auftrag gegebenen Gutachtens den Verkaufspreis geringfügig auf 12,9 Mrd. Yen angehoben und den Verkauf hinter verschlossenen Türen mit der „Harumi Smart City Group“, einer Gruppe von Einzelfirmen, die mit dem Bau des Athletendorfes betraut sind, zum Schleuderpreis verabredet.

 

Zu dem Grundstücksverkauf befragt, habe die Stadt lapidar geantwortet, dass „der Grundstückspreis olympische Faktoren widergespiegelt“ habe, schreibt die Akahata. Zum Auftakt des Prozesses gegen Gouverneurin Koike verteidigte sich die Stadt 2017 laut Nihon Keizai Shimbun (17.08.2017) mit dem Argument, dass es schließlich dauere, bis die Wohnungen nach den Spielen verkauft und bezogen werden könnten, da sie erst renoviert werden müssten. Das alles ist schwer zu glauben, wenn man bedenkt, dass für die  nach Tôkyô 2020 in den Verkauf gelangenden Wohnungen dem Bericht zufolge bis zu 230 Millionen Yen (1,9 Mio. Euro) für die teuersten Einheiten bezahlt werden muss. 

 

Nicht allen ehemaligen Mitarbeitern der Hauptstadtpräfektur gefällt, was sich da rund um Tôkyô 2020 ereignet hat. Ein „Old Boy“ der Metropolregierung spielte der Akahata als Whistleblower eine Personalliste zu, anhand derer das Blatt rekonstruieren konnte, welche früheren Beamten zu Unternehmen wechselten, die vom Verkauf von städtischem Grund zum Schleuderpreis profitieren. Das Ergebnis war schockierend: Von den 13 Firmen, die über die „Harumi Smart City Group“ von der Veräußerung der städtischen Grundstücke zu Ramschpreisen profitieren, haben neun Unternehmen mindestens 20 „Old Boys“ der Metropolregierung angeheuert. Einer von ihnen sei für gleich zwei Firmen aktiv geworden. Hinzu kommen die beiden Fälle bei Pacific Consultants. 

 

Projektentwickler Pacific Consultants ist ein Unternehmen, das rund 2000 Mitarbeiter beschäftigt und von Bahnhöfen und Tunneln über Brücken und Flughafen-Landebahnen bis hin zu Solar- und Windenergie-Projekten so gut wie alles plant und koordiniert. Nach Unternehmensangaben war Pacific Consultants schon während der gescheiterten Olympiabewerbung Tôkyôs für die Sommerspiele 2016 für die Gesamtplanung „einer Reihe von Veranstaltungsorten und anderer Einrichtungen“ zuständig. 

 

14 der „herabgestiegenen“ Beamten hatten vorher im Rang eines Ministerialdirektors oder in vergleichbarer Position gearbeitet. Sie ergatterten bei ihren neuen Arbeitgebern lukrative  Führungspositionen, wurden Geschäftsführer, Direktoren, Berater oder Vorstandsmitglieder. Als amakudari-Hotspot  entpuppte sich, wenig überraschend, das Stadtentwicklungsbüro Tôkyôs, in dessen Zuständigkeit der Bau des olympischen Athletendorfes fällt. 13 der beruflichen Formwandler stiegen alleine aus dieser Abteilung herab. 

 

Besonders aktive Beamten-Anwerber waren Mitsubishi Estate (Mitsubishi Jisho 三菱地所) mit sechs Mitarbeitern bzw. zwei weiteren beim Tochterunternehmen Mitsubishi Estate Residence, sowie Mitsui Real Estate (Mitsui Fudôsan 三井不動産) mit vier bzw. zwei weiteren beim Tochterunternehmen Mitsui Fudôsan Residential. Wenig schüchtern auch Fernmeldelogistik-Unternehmen NTT (Nippon Telegraph and Telephone/Nihon Denshin Denwa 日本電信電話) mit drei "Amakudaristen". 

  

Shimbun Akahata übt heftige Kritik am Konzept der Sportlerunterkünfte für Tôkyô 2020 insgesamt: „Das aus Luxuswohnungen bestehende Athletendorf als 'olympisches Erbe' zu bezeichnen, während man den starken Wunsch der Bevölkerung nach öffentlichem Wohnungsbau ignoriert, ist lächerlich.“ 

 

Die Akahata ("Rote Fahne") ist die Parteizeitung der Kommunistischen Partei Japans. Sie genießt jedoch wegen ihrer journalistischen Qualität durchaus breiteren Respekt über Parteigrenzen hinaus. Dass dieser Skandal nicht durch eine der großen, landesweiten Zeitungen enthüllt oder mittlerweile wenigstens aufgegriffen wurde, gibt wiederum Anlass zur Kritik am breiten publizistischen Embedding japanischer Verlagshäuser in das Projekt Tôkyô 2020. Fünf landesweit erscheinende Tageszeitungen zählen nämlich zu den Werbepartnern der Olympia-Veranstalter. Die Sorgen sind groß, dass das auf den redaktionellen Inhalt der Blätter durchschlagen könnte - und tatsächlich: kürzlich zog die eigentlich sehr angesehene Asahi Shimbun ihre renommierte Reporterin Aoki Miki von der "Fukushima"-Berichterstattung ab (siehe dazu den Offenen Brief an Asahi-Chef Watanabe vom 18. März 2020).

 

Anmerkung: Dieser Inhalt wird nur temporär angeboten. Mehr über Korruptionsvorwürfe im Zusammenhang mit den Olympischen Spielen 2020/21 bereitet der Autor für die 2. Auflage von "Tôkyô 2020. Olympia und die Argumente der Gegner" (BoD-Verlag Norderstedt) vor. Einiges dazu bietet bereits die Erstausgabe:

https://www.bod.de/buchshop/tokyo-2020-olympia-und-die-argumente-der-gegner-andreas-singler-9783744802321 

 

Quellen und Hintergründe: 

Shimbun Akahata, 22. März 2020: 

https://www.jcp.or.jp/akahata/aik19/2020-03-22/2020032201_02_1.html

The Japan Times, 15.06.2016, zum Rücktritt von Gouverneur Masuzoe: 

https://www.japantimes.co.jp/news/2016/06/15/national/politics-diplomacy/masuzoe-resigns-over-expenses-scandal-dealing-further-blow-to-tokyo-ahead-of-olympics/#.Xomk6y_5zm1

 

Nihon Keizai Shimbun (Nikkei) zur Klage gegen Gouverneurin Koike und Ex-Gouverneur Masuzoe, 17.08.2017: 

https://www.nikkei.com/article/DGXLASDG17H4I_X10C17A8CC1000/

 

Asahi Shimbun zu Harumi-Athletendorf:
https://www.asahi.com/articles/ASN3X658SN3XUTIL021.html

Website Pacific Consultants: 

https://www.pacific.co.jp/e/service/project/gorin/

Hintergrund: „Get to the bottom of amakudari“ (The Japan Times, 25.01.2017 ):

https://www.japantimes.co.jp/opinion/2017/01/25/editorials/get-bottom-amakudari/#.XoBciC_5zm0

Offener Brief an den Präsidenten des Verlags Asahi Shimbun-sha:

https://www.andreas-singler.de/2020/03/16/bitte-erweisen-sie-frau-aoki-den-respekt-den-sie-verdient-offener-brief-an-den-präsidenten-des-verlags-asahi-shimbun-watanabe-masataka/

 

Olympic Amakudari: Tôkyô 2020 and the suspicion of institutionalized corruption

Tôkyô 2020 is not only burdened by a corruption scandal about the alleged purchase of votes of IOC members in 2013. Now the sale of metropolitan land for the construction of the athlete village for a ridiculous price throw a light on another scandal: almost two dozen former officials of the city administration, who were entrusted with the development of the Olympic Village, hired on the opposite side of construction and estate companies after leaving the municipal service. Institutionalized corruption? At least a classic case of "Amakudari".

Tôkyô 2020 is not only burdened by a corruption scandal around the suspicion of buying votes from members of the International Olympic Committee in 2013. Now the construction of Olympic facilities and the sale of urban land for less than a tenth of the local price are in twilight, too. As the newspaper Shimbun Akahata (March 22, 2020) revealed, ten real estate and consulting companies that are involved in the development of the athletes' village at the small Harumi island in the south of the Chûô district have not less than 22 former top officials from the city administration entrusted with these processes, so-called Old Boys (OB), added to their ranks.

 

In 2016, Governor Koike Yuriko signed a contract with developers to sell 13 hectares of land owned by the city for the construction of the Olympic athletes' village, that by many observers is criticized as far too cheap. Therefore she is under pressure now, being sued by a number of citizens for payment of the difference in the course of an administrative reimbursement claim (jûmin soshô 住民 訴訟) - together with its predecessor Masuzoe Yôichi. He had to resign in 2016 due to a financial scandal over the private use of taxpayers' money.

 

The athletes' village on the artificial island of Harumi in the Bay of Tôkyô houses 21 high-rise buildings with 5632 apartments. The sales price was 12.96 billion yen, around 108 million euros. This corresponds to a price per square meter of 96,784 yen, i.e. only about 800 euros. According to the newspaper, the market price for such fillets of land owned by the Metropolitan City of Tôkyô is more than ten times as much.

 

Now it is difficult not to see any connection here with the wave of retired civil servants entering the world of construction and real estate. The phenomenon is known in Japan as amakudari (天下り), a "descent from heaven" performed by high officials into those earthly spheres with which they had often previously worked as influential administrators. This leaves nothing less than the impression of institutionalized corruption around construction projects for Tôkyô 2020.

 

The redistribution of public property in private ownership - nothing else here, if one follows the representation of the Akahata - was accomplished by means of a "trick" or an "intrigue" (karakuri). The City Property Price Council (tosaisan kagaku shingikai 都財産価格審議会), a committee for the price determination of urban property assigned to the finance department of the capital, was easily circumvented when setting the price, the paper said.

Instead, the project developer Pacific Consultants, who, according to Akahata, now counts two urban officials who had been entrusted with the operations of the athletes' village, has proposed a sales value of 11 billion yen (91.6 million euros). The city then raised the sales price slightly to 12.9 billion yen based on an expert opinion commissioned by the Japan Real Estate Institute (Nihon Fudôsan Kenkyûjo) and realized the closed-door sale at a throwaway price with the “Harumi Smart City Group”, a group of construction and estate companies involved in the construction process of the athletes' village.

 

Asked about the sale, the city replied that "the price reflected Olympic factors". At the opening of the lawsuit against the Metropolitan Government in 2017, the city defended itself, according to Nihon Keizai Shimbun (Aug. 17, 2017), arguing that the apartments will have to be renovated after the Games and that it will take time to do that and to sell them. All of this is hard to believe when you consider that the apartments to be sold after Tôkyô 2020 will cost up to 230 million yen (1.9 million euros) for the most expensive units. Per unit.

 

Not all former employees of the capital prefecture like what happened around Tôkyô 2020. An "Old Boy" of the Metropolitan Government served as a whistleblower for the Akahata and gave a personnel list of former cities’ employees which helped the newspaper to identify the group of former officials switched to companies that benefit from the sale of urban land at that overly cheap price. The result was shocking: Of the 13 companies that benefit from the sale of the urban properties through the "Harumi Smart City Group", nine companies have hired at least 20 "old boys" from the metropolitan government. One of them had become active for two companies. There are also two cases at Pacific Consultants.

 

Project developer Pacific Consultants is a company that employs around 2000 people, and it plans and coordinates almost everything from train stations and tunnels to bridges and airport runways to solar and wind energy projects. According to company information, Pacific Consultants was already responsible for the overall planning of “a number of venues and other facilities” during Tôkyô's failed Olympic bid for the 2016 Summer Games.

 

14 of the "descended" officials had previously worked as ministerial directors or in comparable positions. They secured lucrative management positions with their new employers, became managing directors, directors, consultants or board members. Unsurprisingly, the Tôkyôs city development office, which is responsible for the construction of the Olympic athletes' village, turned out to be an amakudari hotspot. 13 of the professional shapeshifters descended from this department alone.

 

Particularly active recruiters were Mitsubishi Estate (Mitsubishi Jisho mit 三菱地所) with six employees or two others at the subsidiary Mitsubishi Estate Residence, and Mitsui Real Estate (Mitsui Fudôsan 三井不動産) with four or two others at the subsidiary Mitsui Fudôsan Residential. The telecommunications logistics company NTT (Nippon Telegraph and Telephone / Nihon Denshin Denwa 日本電信電話) with three "amakudarists" hasn’t been overly shy, too.  

 

Shimbun Akahata criticizes the conception of the athletes’ village for Tôkyô 2020 as a whole: "To call the athletes' village consisting of luxury apartments an 'Olympic legacy' while ignoring the strong desire of the people for public housing is ridiculous."

 

The Akahata ("Red Flag") is the party newspaper of the Communist Party of Japan. However, because of its journalistic quality, it enjoys broader respect beyond party borders. The fact that this scandal was not unveiled by one of the large, nationwide newspapers or has at least been taken up later gives rise to criticism of the broad journalistic embedding of Japanese publishing houses in the Tôkyô 2020 project. Five nationwide newspapers are among the advertising partners of the Olympic organizers. There are great concerns that this could affect the editorial content of the papers - and indeed: recently the actually very respected Asahi Shimbun pulled her renowned reporter Aoki Miki from the "Fukushima" reporting (see the Open Letter to Asahi Shimbun president and CEO Watanabe, March 18, 2020 on my website).





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