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Olympiaforscher Jules Bokoff: "Sagt. Olympia. Ab"

Der Ruf nach einer Absage der Olympischen Spiele 2020 in Tokyo in diesem Sommer wird international immer lauter. Auch der Politologe Jules Boykoff, einer der profundesten Olympiaforscher und -Kritiker, fordert angesichts der weltweiten Verbreitung des Corona-Virus in der New York Times den einstweiligen Verzicht auf das Megaevent.

Die Stimmen, die eine Absage bzw. eine Verlegung der Olympischen und Paralympischen Spiele wegen der weltweiten Verbreitung des Corona-Virus fordern, mehren sich. In einer Situation, in der in Europa alle erdenklichen Arten von Veranstaltungen inklusive sämtlicher Sportveranstaltungen abgesagt werden, in der Schulen und Universitäten geschlossen werden, in der Ausländer in vielen Ländern in Quarantäne müssen, in der kaum noch eine Grenze übertreten werden kann und in der in manchen Ländern sogar Ausgangssperren verhängt worden sind, halten das Internationale Olympische Komitee (IOC) um den dreifachen deutschen Diplomatenpass-Inhaber Thomas Bach, Japans Premierminister Abe Shinzo und das Organisationskomitee von Tokyo 2020 trotzig an der Ausrichtung zum geplanten Zeitpunkt fest. Auch der US-amerikanische Politologe Jules Boykoff, einer der renommiertesten Olympiaforscher und -Kritiker, fordert die Absage der Spiele in diesem Sommer. "Zum Wohl der öffentlichen Gesundheit in aller Welt sollten die Olympischen Spiele 2020 in Tokyo abgesagt werden", schreibt Boykoff, ein früherer Fußballprofi und US-Olympia-Auswahlspieler 1992, in der New York Times (18. März 2020).

 

Es sei "rücksichtslos", noch nicht einmal eine Verlegung der Spiele in Erwägung zu ziehen, kommentiert der Autor von Büchern wie "Power Games", "Celebration Capitalism and the Olympic Games" oder "Activism and the Olympics". Anlass für seine Kritik war u.a. die von vielen als kaltschnäuzig und ignorant empfundenen Erklärungen, die tags zuvor von der japanischen Regierung, dem Organisationskomitee und dem IOC abgegeben wurden. Epidemiologen seien sich einig darin, dass der Corona-Virus eine Bedrohung von womöglich historischen Ausmaßen darstelle, so Boykoff. Europa, wo die meisten Olympiateilnehmer leben und - so lange die Lage dies jedenfalls zuließ - trainierten, sei laut WHO nun das Epizentrum der Pandemie. Aber auch in den USA sei die Lage kritisch, und dort könnten nach Expertenmeinungen zwischen 160 Millionen und 214 Millionen Menschen infiziert werden.

 

Olympische Spiele in diesem Sommer seien unweigerlich eine Schreckensvision von einer Corona-Virus-Krisenzone. "Es ist die perfekte Art, den Virus zu übertragen", zitiert Boykoff die Virologin Yvonne Maldonado von der Stanford University. Als Gipfel der Geschmacklosigkeit brandmarkt der Autor das sture Festhalten am ohenhin höchstproblematischen olympischen Fackellauf, der am 26. März im nationalen Trainingszentrum J-Village 20 Kilometer entfernt vom Atomkraftwerk Fukushima Daiichi starten soll. Dort wurden von Grennpeace und dann auch noch vom Energieversorger TEPCO Hotspots mit unfassbar hohen Luftdosen und Bodenkonzentrationen gefunden. Der Lauf zeichnet präzise den Weg nach, den ein umstrittenes Wiederbesiedlungsprogramm der japanischen Regierung im Umfeld des havarierten Atomkraftwerks nahm - auf Basis einer von vielen als Menschenrechts-verletzung gebranntmarkten Grenzwerterhöhung für die hinzunehmende jährliche Strahlendosis von 1 auf 20 Millisievert. Die euphemistisch so genannten "Wiederaufbau-Spiele" dienten in Wahrheit nicht der Erholung der Menschen und der Region vom Atomunglück, sondern der Wiederherstellung des nachhaltig angekratzten Rufes der Atomkraft in Japan und weltweit, kritisieren zahlreiche Betroffene. 

 

Während in Japan sich die Besucher und Teilnehmer des Fackellaufs einer gesundheitlichen Gefahr aussetzen würden, schreibt Boykoff und verweist auf einen besonderen olympischen Zynismus, habe man die Mitarbeiter am IOC-Sitz in Lausanne längst ins Homeoffice geschickt, "um die Gesundheit der Mitarbeiter und ihrer Familie zu schützen".  All jenen, die beruflich mit dem Fackellauf zu tun hätten, werde eine solch vorausschauende Maßnahme hingegen nicht zuteil. In Zeiten einer fragmentarisierten Welt würden die Olympischen Spiele internationale Zusammenarbeit und guten Willen symbolisieren. "Aber müssen sie das in Zeiten des Corona-Virus tun?", fragt der Politologe. Man wissen noch viel zu wenig über den Virus, und nach Ansicht von Epidemielogen würde die Verbreitung des Virus ihren Höhepunkt womöglich erst im kommenden Winter erreichen. "Es bedarf schon echter Hybris, darauf zu bestehen, dass die Olympischen Spiele stattfinden, während die Welt mit dem Rhythmus der Pandemie zu kämpfen hat", scheibt Boykoff.

 

Als wichtigsten Grund für das Festhalten der Organisatoren, der Ausrichter und der Regierung der Gastgebernation Japan vermutet der Olympiakritiker neben den drohenden Verlusten von Sponsoren- und Fernsehgeldern die fulminante Kostenexplosion von ursprünglich einmal einkalkulierten 7,3 Milliarden auf nun wahrscheinlich (mindestens) 26 Milliarden Dollar für Tokyo 2020. Boykoff: "Aber finanzielle Verantwortungslosigkeit rechtfertigt nicht die Verschärfung eines Notfalls in der globalen öffentlichen Gesundheit."

 

Anmerkung:

 

Ein ins Deutsche übersetzter Aufsatz von Jules Boykoff mit dem Titel "Feier-Kapitalismus, die Olympischen Spiele und Tōkyō 2020" erscheint demnächst in dem Band "NOlympics. Tōkyō 2020 in der Kritik", herausgegeben von Steffi Richter, Andreas Singler und Dorothea Mladenova im Leipziger Universitätsverlag.

 

Quelle:

The New York Times, 18 March 2020:

https://www.nytimes.com/2020/03/18/opinion/tokyo-olympics-coronavirus.html

 

Website Jules Boykoff: http://julesboykoff.org/

 




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