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Neun Jahre nach dem Atomunfall von Fukushima - Eine Botschaft von Mutô Ruiko

 

Mutô Ruiko, kämpfte bereits lange vor dem Atomunfall von Fukushima gegen Atomkraft. Nach "Tschernobyl"regte die Sonderschullehrerin aus Miharu in der Präfektur Fukushima in ihrer Schule an, künftig regelmäßig Katastrophenübungen wie für andere mögliche Unglücksereignisse üblich durchzuführen. Damals wurde sie noch ausgelacht, ein ähnlicher Unfall könne sich in Japan nie ereignen, hieß es. Im Interview mit Andreas Singler für den Band "Sayonara Atomkraft" sagte sie 2016: "Ich war nie jemand, der hätte Bücher schreiben oder reden halten wollen. Aber es musste einfach sein." - Hier ist, anlässlich des 9. Jahrestag der Dreifachkatastrophe von 2011, ihre Botschaft:

 

An die Menschen in aller Welt

 

Neun Jahre sind seit der Nuklearkatastrophe von Fukushima vergangen. Zunächst möchte ich mich bei all denen bedanken, die sich für eine atomfreie Zukunft einsetzen und deren Gedanken bei uns sind. 

 

Gerade ist Fukushima in aller Munde in ganz Japan wegen des Fackellaufs für die Olympischen Spiele 2020 in Tokio, der im März in Fukushima starten soll und eine willkommene Gelegenheit ist, um die durch den Atomunfall entstandenen Folgen und Probleme rücksichtslos beiseitezuschieben oder geschickt zu verbergen. Auch die Gebiete, die bisher als „schwer zugänglich“ gegolten hatten, sind teilweise für die Rückkehr freigegeben worden. Die Bahnstrecke „Jôban-sen“, die seit dem Unfall unterbrochen blieb, wird demnächst wieder durchgängig befahrbar.

 

Vom J-Village, einem Fußballstadion, das ca. 20 km vom havarierten AKW Fukushima Daiichi entfernt liegt, soll der Fackellauf starten. Hier spielen bereits viele Fußballer – Kinder wie Erwachsene – aus dem ganzen Land. Die Präfektur Fukushima hat auf der gesamten Strecke des Fackellaufs Strahlungsmessungen durchgeführt, dabei wurden teilweise Messwerte von 0,77 Mikrosievert oder 0,46 Mikrosievert pro Stunde an Straßenrändern und auf Autostraßen registriert. Bisher hat man mindestens an 13 Stellen der Laufstrecken innerhalb der Präfektur Fukushima über 0,23 Mikrosievert pro Stunde gemessen, also Werte über dem Grenzwert, ab dem eine Dekontaminierungsarbeit eigentlich obligatorisch sein soll. Wir sind daher in Sorge, dass der Lauf sowohl bei den Fackelläufern als auch bei den Zuschauern an den Straßen gesundheitliche Folgen verursachen könnte. Man bezeichnet diese Olympischen Spiele als „Wiederaufbau-Olympiade“, aber es ist fraglich, was dabei für die Betroffenen „Wiederaufbau“ sein soll.

 

Überhaupt waren die Olympischen Sommerspiele 2020 einst mit der Lüge von Japans Premierminister Abe beworben worden, der sagte: „Die Situation in Fukushima ist unter Kontrolle“. Die Menge des durch das Filtersystem ALPS gefilterten Wassers, das in Wassertanks auf dem Gelände des havarierten AKWs abgefüllt und gelagert ist, überschreitet mittlerweile 1,2 Millionen Tonnen. Das Komitee des Wirtschaftsministeriums zur Frage über das verseuchte Wasser einigte sich nun auf eine Empfehlung, das gefilterte, aber noch radioaktiv belastete Wasser entweder ins Meer abzuleiten oder in Form von Dampf in die Atmosphäre abzulassen, mit der Begründung, die Anwohner dadurch entlasten zu wollen.

 

Dabei ist über andere alternative Methoden zur Wasserlagerung oder zur weiteren Filterung von noch enthaltenen Radionukliden (Tritium und anderen) nicht genug diskutiert worden und die Möglichkeiten sind noch nicht ausgeschöpft. Sowohl die Fischer als auch die Anwohner der betroffenen Gebiete sind gegen diese Empfehlung. Die absichtliche Einbringung von radioaktiv verseuchtem Wasser ins Meer verstößt sowohl gegen das Seerechtsübereinkommen der Vereinten Nationen als auch die Londoner Konvention. Wir brauchen daher dringend Ihre Unterstützung aus der ganzen Welt: Bitte erheben Sie Ihre Stimme gegen dieses Vorhaben, damit Japan die Weltmeere nicht noch mehr verschmutzt.

 

Bei dem Abbau von einem der Ablufttürme der havarierten Reaktoren, der letztes Jahr begonnen hatte, sollte die ganze Operation ursprünglich durch Fernsteuerung durchgeführt werden, da

sonst die Strahlung zu hoch ist, aber die Arbeit musste letztendlich doch durch Menschen fortgesetzt werden. Dabei mussten Arbeiter unter hoher Strahlungsgefahr mit dem Kran zur Spitze des Turms hinauffahren, um ihn Stück für Stück mit einer Fräsmaschine abzusägen. Die Unfälle von Arbeitern an der Atomruine häufen sich indes: Satoshi Haruhashi, ein japanischer Schriftsteller, berichtet in seinem Blog, dass es seit der Katastrophe bis zum Ende der ersten Jahreshälfte 2019 insgesamt 20 Tote, 24 Schwerverletzte, 29 Bewusstlose, 222 Verletzte und 101 Hitzeschläge gegeben habe, und dabei handele es sich nur um die offiziell von TEPCO bestätigten und anerkannten Zahlen.

 

Im September 2019 hat das Landesgericht von Tokio im Strafprozess gegen drei frühere Topmanager von TEPCO ein unglaubliches Urteil gefällt: Die Angeklagten wurden alle als „nicht schuldig“ freigesprochen. Das Urteil ist für alle Opfer der Nuklearkatastrophe inklusive derer in der Präfektur Fukushima inakzeptabel und hat uns bitter und tief enttäuscht. Der Staatsanwalt kritisierte: Das Urteil sei da, „um der Politik der Atomenergieförderung einen Gefallen zu erweisen“.

 

Das Urteil berücksichtigte kaum die zahlreichen Zeugenaussagen und Beweismaterialien, die in 37 Hauptverhandlungen offengelegt worden waren. Stattdessen wurden fast ausschließlich Beweise und Argumentationen zugunsten von TEPCO hintereinander aufgezählt. Die durch den Atomunfall verursachten Schäden erwähnte das Urteil kaum.

 

Außerdem bestritt das Gericht gänzlich die Zuverlässigkeit der auf neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen basierenden Erdbeben- und Tsunami-Langzeitprognosen, die sogar ein Regierungsorgan veröffentlicht hatte. Im Hinblick auf das Sicherheitsniveau von Atomanlagen behauptete das Urteil, dass die „gesellschaftlichen Konventionen“, die sich in staatlichen Vorschriften widerspiegeln würden, keine absolute Sicherheit in Atomanlagen verlangen würden.

 

Diese Interpretation widerspricht dem Urteil des Obersten Gerichtshofs zum AKW Ikata aus dem Jahr 1992, das die Notwendigkeit von allen möglichen Vorsichtsmaßnahmen anerkannte, die ergriffen werden sollen, damit jede Eventualität von Atomunfällen ausgeschlossen wird. Das ist ein klarer Rückschritt in der Justiz, und wir betrachten es als schwerwiegenden Fehler des Gerichtes.

 

Warum war es nicht möglich mit all den überzeugenden Zeugenaussagen und Beweismaterialien, die Verantwortlichen für schuldig zu befinden? Trotz der tiefen Enttäuschung haben wir Berufung eingelegt. Wir hoffen und erwarten sehr, dass das Gericht eine Burg der Gerechtigkeit ist, die komplett unabhängig von den anderen Gewalten urteilt. Jedenfalls sind wir entschlossen, weiter zu kämpfen, um unsere Würde wiederzufinden.

Lasst uns weiterhin die Kräfte vereinen, damit die Geschichte der Nukleartragödien so früh wie möglich zu Ende geht!

 

Fukushima, im März 2020

 

Mutô Ruiko, Vorsitzende der "Klägervereinigung für die strafrechtliche Verfolgung des Atomunfalls von Fukushima", Mitglied der "Frauen aus Fukushima gegen Atomkraft" 

(Übersetzung aus dem Japanischen: Yû Kajikawa)

 

Internet:

Betroffenen- und Klägergrupe Hidanren: 

http://hidanren.blogspot.de/

 

Website der TEPCO-Strafrechtsprozess-Klägergruppe: 

http://kokuso-fukusimagenpatu.blogspot.com/p/blog-page_5112.html

福島原発事故から9年 ー 武藤類子さんの世界へのメッセージ

 

 

世界の皆さまへ

 

福島原発事故から 9 年の月日が経ちました。皆さまの長い間の福島への思いと、核をなくすため のたゆまぬ活動に感謝いたします。

 

今、福島は 3 月に行われるオリンピック聖火リレーが最大の話題となり、それを利用して事故が もたらした様々な問題や困難を、強引に片付けようとしたり、上手に隠したりしています。今まで 帰還困難区域だった地域も、部分的に避難指示を解除し人を帰し、不通となっていた常磐線も帰還 困難区域を含めて、全線開通させます。聖火リレーが出発する J ヴィレッジというサッカー場(福 島第 1 原発から約 20km)には、既に全国から大人も子どもも集まりサッカーに興じています。 福島県が行った聖火リレーコースの放射線量測定では、沿道や車道で 0.77 や 0.46μSv/h が記録さ れています。少なくても県内の 13 ルートで、除染目安の 0.23μSv/h を超えている地点が見つか っています。聖火ランナーや沿道で応援する人々を危険に晒すのではないかと心配です。このオリ ンピックは「復興五輪」と呼ばれています。しかし、被害者にとっての復興などいったいどこにあ るのでしょうか。

 

そして、このオリンピックは恥ずべきことに「汚染水はアンダーコントロールされている」とい う、日本の首相の嘘から始まりました。原発サイト内のタンクに貯められたALPS処理汚染水は 120 万トンを超えました。経産省の汚染水に関する小委員会はそれを海洋や蒸気放出する提案を、 地元町民のためにと、強引に取りまとめました。陸上で保管するための代替案やトリチウム以外に 含まれている他の核種の二次処理についても、十分な議論がされていません。漁業者や地元町民も 反対しています。人為的に放射能汚染した水を海に流すことは、国連海洋法条約にもロンドン条約 にも応えていません。今、世界からの声が必要です。どうか皆さん、日本が世界の海をこれ以上汚 染させないように、力を貸してください。昨年始まった原発サイト内の排気筒解体工事は、トラブ ルが続き、完全に遠隔操作で行うはずの工事でしたがゴンドラで人が登り、外側からグラインダー で切る事態まで起こりました。原発作業員の事故は頻発し、「発災から 2019 年上半期までに、東 電が公表・認めているだけで死者 20 人・重症 24 人・意識不明等 29 人・負傷 222 人・熱中症 101 人(2019.12.1 春橋哲史氏ブログより)」となっています。

 

昨年 9 月に東京地方裁判所が下した東電旧経営陣の、原発事故の責任を問う刑事裁判の判決 は信じられないことに被告人全員が「無罪」でした。この判決は、福島県民をはじめ多くの被害者 にとってはおおよそ納得のできないものであり、更なる苦悩と失望を与えました。検察官役の指定 弁護士は「原子力行政に忖度した判決」とコメントしました。37 回に渡って行われた公判で明ら かにされた、多くの証拠や証言をほとんど反映せず、東電に有利な証拠ばかりを拾った判決文でし た。原発事故の被害については、具体的にはほとんど触れることはありませんでした。また、政府 機関が公表した、最新知見としての津波地震の長期評価の信頼性を全面的に否定しました。原発の 安全性に関しても、「社会通念」が国の規制に反映されていて、それは「絶対的な安全を求めてい ない」ものだったと認定し、「万が一にも事故が起きないように」とした 1992 年の伊方最高裁判 決から後退してしまいました。裁判所は間違った判断をしました。あれだけの証言や証拠がありな がら、「これでも罪が問えないのか」と悔しく思います。今後裁判は、控訴審に移ります。裁判所 には、他の権力から完全に独立した正義の砦であって欲しいと望み続け、私たちの尊厳を取り戻す ために元気に控訴審を闘って行きたいと思います。一日も早く世界中の、核の悲劇の歴史を閉じる ために、ともに手をつなぎましょう。

 

福島より 武藤類子

 

Nine years after the Fukushima nuclear accident - a message from Mutô Ruiko

Mutô Ruiko fought against nuclear power long before the Fukushima nuclear accident. After the nuclear accident in Chernobyl, the special school teacher from Miharu in Fukushima Prefecture suggested in her school to carry out regular disaster drills as usual for other possible accidents. At that time she was laughed at, a similar accident could never happen in Japan, most people said. In an interview with Andreas Singler for the volume "Sayonara Atomkraft", she said in 2016: "I was never someone who would have wanted to write books or talk. But it just had to be." - Here is her message on the occasion of the 9th anniversary of the triple disaster of 2011:

 

To everyone around the world

 

It has been nine years since the Fukushima Daiichi nuclear power plant disaster of the 11th of March 2011. I would like to thank you all for your continuous support to Fukushima and for your tireless anti-nuclear activity.

 

Recently, there has been a lot talked about the Tokyo 2020 Olympic torch relay. This has been used as a means to take arbitrary measures or cover up issues and difficulties caused by the nuclear disaster in 2011.

Even in the areas designated as “difficult-to-return-to” due to high radiation levels, the evacuation order has partially been lifted and people are allowed to return. The Joban railway line, part of which is in the highly contaminated exclusion zones, will also be fully reopened.

 

The starting point of the torch relay, the J-Village football training facility, is only about 20 km away from the wrecked nuclear power plant. Nevertheless, many people, including children, visit this facility to enjoy playing football. On the torch relay route, spots of worryingly high radiation levels, such as 0.46μSv/h or even 0.77μSv/h, were found during a survey conducted by Fukushima prefecture.

 

The number of route sections where radiation levels exceeded 0.23μSv/h, the threshold above which decontamination procedures become mandatory, amounted to at least 13. I am worried that the health of individual torch runners and spectators will be exposed to harmful radiation. Although the Tokyo 2020 games are dubbed as “Reconstruction Olympics”, I wonder what reconstruction has been brought to the victims of Fukushima.

 

It was shameful that Japan’s Prime Minister Shinzo Abe lied to the world by declaring “the situation (in Fukushima) is under control” in order to host the Tokyo 2020 games. More than 1.2 million tons of “ALPS- treated water” (the Advanced Liquid Processing System failed to show sufficient effectiveness and the water is still highly contaminated) is currently stocked on the premises of the disaster-struck power plant.

 

Officials in the Ministry of Economy, Trade and Industry hastily put forward plans to release the contaminated water into the ocean and/or vaporise it, claiming that these measures should be in the best interest of local people. Discussions over different options to keep storing it on the ground, or possible re- treatment of the water that contains tritium and other radioactive nuclides, have not been sufficient. The local fishing industry and residents are opposed to dumping it into the ocean. It contravenes the UN Convention on the Law of the Sea and the London Convention. Now, we need your voices from all over the world. Please help us stop further contamination of the ocean.

 

The Tokyo Electric Power Company (TEPCO) started dismantling an exhaust tower in the Fukushima Daiichi nuclear power plant last year. The whole procedure was mired in troubles. All the operations were supposed to be remotely controlled, but it eventually turned out that workers had to be lifted up to the tower and

manually use a grinding saw to cut it. The rate of incidents among nuclear plant workers is high. According to a blog posted by the writer Satoshi Haruhashi, TEPCO admitted that 20 workers died, 24 were in a serious condition, 29 lost consciousness, 222 were injured and 101 had heat stroke by the end of June 2019.

 

In September 2019, the Tokyo District Court ruled that all three prosecuted former executives of TEPCO were not guilty of professional negligence in the 2011 disaster. The verdict was not what I expected at all. It seemed largely unreasonable to many people in Fukushima and others who have been affected by the disaster, causing them further distress and disappointment. The prosecutors declared that it was “a verdict that is meant to give favour to the government’s commitment to the nuclear industry”. Many proofs and testimonies given over the course of 37 hearings were not reflected by the verdict. The court cherrypicked the proofs that favour TEPCO. Damages and suffering caused by the disaster were not mentioned in specific terms.

 

The judges also completely denied the credibility of an official long-term forecast of earthquakes and tsunamis provided by the latest scientific finding in 2002 regarding the necessary safety level of nuclear power plants. They claimed that “social conventions” that are reflected in the relevant regulations do not mandate the industry to ensure the “absolute level of safety”. This is a setback from the Supreme Court decision on the Ikata nuclear power plant in 1992 that required the nuclear industry to make efforts to remove even the slightest possibility of an accident.

 

The court gave a wrong decision this time. I feel devastated because the former TEPCO executives were found not guilty despite such an abundant amount of proofs and testimonies. An appeal has been filed with the Tokyo High Court. I continue to hope that the court is still a source of justice and truly independent of other authorities. I will also keep my spirits high during the coming court proceedings in the hope of restoring our dignity. Let’s hold our hands together to end the history of nuclear tragedies in this world as quickly as possible.

 

March 2020 Ruiko Mutô

Chair of the Complainants for the Criminal Prosecution of the Fukushima Nuclear Disaster Member of Fukushima Women Against Nuclear Power

 

http://hidanren.blogspot.com

http://kokuso-fukusimagenpatu.blogspot.com/p/blog-page_5112.html

 

(Translated from Japanese by JAN UK)

 


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