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Tanaka Shun'ichi, ehemaliger Leiter der Atomkraft-Kontroll-Kommission: „In dieser Form wird die Atomkraft verschwinden“

Tanaka Shun’ichi, frühere Vorsitzender der Atomkraft-Kontroll-Kommission, ärgert sich über den neuerlichen Vertrauensschwund der Branche durch die Korruptionsaffäre, in die zahlreiche Provinzpolitiker und Mitarbeiter des Energieunternehmens Kansai Denryoku (Kanden/KEPCO) verwickelt sind. „In dieser Form sieht die Atomkraft wahrscheinlich ihrem vollständigen Verschwinden entgegen“, so erklärte er im Interview mit der Zeitung Fukui Shimbun (11.12.2019). Gleichwohl plädiert der Nuklearphysiker für eine gesellschaftliche Debatte zur Erhöhung der Akzeptanz der Atomkraft in der Bevölkerung. 

Der 74-jährige Tanaka Shun’ichi war als Chef der Atomkraft-Kontroll-Kommission für die Ausstellung der Betriebsgenehmigung der wieder in Betrieb genommenen Meiler 3 und 4 des AKW Takahama zuständig. Der regionale Energiemonopolist Kansai Denryoku sei „eine große Enttäuschung“, erklärte Tanaka, da die Firma den eigenen Anspruch, anstelle von Tôkyô Denryoku (TEPCO) nach dem Fukushima-Unfall wieder Vertrauen in die Nuklearindustrie aufzubauen, verraten habe. 

 

Auch der Arbeit der Atomkraft-Kontroll-Kommission habe das Unternehmen geschadet: „Das durch den Atomunfall von Fukushima Daiichi verlorene Vertrauen konnte durch die Wiederinbetriebnahme von Atomkraftwerken nach den neuen Sicherheitsrichtlinien ein Stück weit wiederhergestellt werden“, glaubt Tanaka. „Aber die Vorwürfe, die in diesem Jahr bekannt geworden sind, haben erneut zu einem Vertrauensverlust geführt.“ - „Das Problem ist nicht nur auf die Struktur dieses ‚Gebens und Nehmens’ zwischen Kanden und der Gemeinde Takahama beschränkt“, sagte Tanaka. „Die japanische Atomkraftindustrie ist, freundlich ausgedrückt von einem System der ‚fruchtbaren Koexistenz’ geprägt. Negativ ausgedrückt handelt es sich um eine Struktur ‚gegenseitiger Abhängigkeit’“.

 

 

Politisch "starke Stimmung gegen Atomkraft" selbst im Regierungslager

 

Politisch habe die Branche derzeit wenig Unterstützung, denn selbst in der Liberaldemokratischen Partei von Premierminister Abe Shinzô gebe es „eine starke Stimmung gegen die Atomkraft. In dieser Form sieht sie wahrscheinlich ihrem vollständigen Verschwinden entgegen.“ 

 

Gleichzeitig machte der Atomkraft-Funktionär deutlich, dass er an eine Zukunft der Nuklearindustrie glaube – auch im Zeichen des Klimawandels. Japan müsse das Thema Atomkraft unter dem Aspekt der globalen Erwärmung und der sicheren Energieversorgung noch einmal neu diskutieren, fordert Tanaka.

 

„Würden wir uns mehr auf Kohlekraftwerke verlassen, würde dies den Klimawandel anheizen, würden wir uns stärker auf die erneuerbaren Energien verlegen, würde das den Geldbeutel der Bevölkerung zu stark belasten. Öl würde die Abhängigkeit vom Mittleren Osten verstärken“, so Tanaka. Anlässlich eines nunmehr halben Jahrhunderts der kommerziellen Verwendung von Atomkraft in Japan „sollten wir die Gelegenheit ergreifen, und in Bezug auf die Verwendung der Atomkraft zum Ausgangspunkt zurückkehren. Wir sollten als Nation aus verschiedenen Aspekten heraus eine Debatte darüber führen.“ 

 

Thesen zur Energiepolitik auf wackeligen Füßen

 

Im Rahmen dieser Debatte könnten dann sicherlich auch die ein oder andere auf wackeligen Füßen stehende These ausgeräumt werden, die der Atomkraftbefürworter in dem Interview bemühte. Denn zahlreiche internationale Studien der letzten Jahre belegen die Unwirtschaftlichkeit der Atomkraft und ihre mangelnde Wettbewerbsfähigkeit im Vergleich mit erneuerbaren Energien sowie ihre Untauglichkeit, effektive Beiträge im Kampf gegen den Klimawandel zu leisten (siehe zum Beispiel den World Nuclear Industries Status Report 2019). 

 

Tanaka Shun’ichi zählt seit Jahrzehnten zu den führenden Köpfen in Japans Atomkraftgemeinde. Er war hochrangiger Funktionär in verschiedenen Organisationen, leitete zeitweise das Japanische Atomkraft-Forschungsinstitut JAEA und die Japanische Gesellschaft für Atomkraft (AESJ). 2012 wurde er erster Vorsitzender der neu eingerichteten Atomkraft-Kontroll-Kommission, die neue Sicherheitskriterien für die Wiederinbetriebnahme von Atomkraftwerken oder den Bau neuer Meiler im Land entwickelte. Das  Gremium ersetzte die dem Wirtschaftsministerium unterstellte Atomaufsichtsbehörde NISA, die sich durch mangelnde Aufsicht nachhaltig diskreditiert hatte und  der in mehreren Gerichtsurteilen eine Mitschuld am Atomunfall von Fukushima zugesprochen wurde. 2017 ging der 1945 in Fukushima-Stadt geborene Physiker in den Ruhestand. Heute berät er die Gemeinde Iitate beim Thema Wiederaufbau. 

 

Quellen und Links: 

 

Fukui Shimbun, 11.12.2019

https://www.fukuishimbun.co.jp/articles/-/990893?fbclid=IwAR0VZJEOA58uHelxd3XK9-ym07pGRLWVkfiDRy2f5xx7MIC8Xh2HRFUKywQ

 

https://www.worldnuclearreport.org/-World-Nuclear-Industry-Status-Report-2019-.html

 

https://www.jaea.go.jp/english/

 

http://aesj.net/index.php

 


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