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"Schlecht für Fukushima, schlecht für die Demokratie"

Ein Jahr vor Eröffnung der Olympischen Spiele in Tokyo beleuchtet eine internationale Gruppe von Gegnern die dunklen Seiten Olympias


Der 24. Juli mag für viele Anhänger der olympischen Bewegung ein Tag der Vorfreude auf die in genau einem Jahr beginnenden Olympischen Spiele in Tokyo gewesen sein. Für Olympiagegner dagegen war dieser Tag jedoch Anlass für Protest gegen Olympische und Paralympische Spiele 2020. Sie führten eine Kundgebung an einem der belebtesten Plätze der japanischen Hauptstadt, in unmittelbarer Nähe zum Bahnhof Shinjuku, durch, der sich eine Demonstration anschloss. Die Aktion war einer der Höhepunkte einer einwöchigen Zusammenkunft internationaler Olympiagegner, die es so in der Geschichte der modernen Olympischen Spiele noch nicht gegeben hat.

  

Die Kritik der Olympiagegner aus Rio des Janeiro, Pyeongchang, Tokyo, Paris und Los Angeles lässt sich auf einen Nenner bringen: Das größte Sportereignis der Welt sei schlecht für die von der Atomkatastrophe 2011 betroffene Region Fukushima und darüber hinaus schlecht für die Demokratie. Die voraussichtlich mehr als zwanzig Milliarden Euro teure Veranstaltung, so sagen auch viele Atomkraftgegner in Japan, würde Ressourcen in Form von Geld, Arbeitskräften und Material an Tokyo 2020 binden, die das Land für die von Erdbeben, Tsunami und Atomunglück betroffenen Regionen dringender benötigen würde.

 

Die von Organisatoren und der japanischen Regierung ausgerufene Devise von den „Wiederaufbau-Spielen“ empfinden weite Teile der Bevölkerung als puren Zynismus. Einer Umfrage des öffentlich-rechtlichen Senders NHK gemäß glauben nicht einmal drei Prozent der Befragten in den Katastrophenregionen Nordostjapans rückhaltlos an Rückenwind im Wiederaufbau durch Olympia 2020 „Wir nennen diese Olympischen Spiele nur Wiederaufbau-Behinderungs-Spiele“, sagt Satoshi Ukai, Professor für französische Literatur an der Hitotsubashi-Universität und einer der Gründer der die Protestwoche mitveranstaltenden „Verbindungskonferenz Nein Danke zu olympischen Desastern“ (Okotowarinku).

 

„Für uns sind Olympische Spiele vor allem beängstigendes Entertainment“, erklärte die Aktivistin Misako Ichimura, die 2013 die „Versammlung gegen die fünf Ringe“ (Hangorin no Kai) in der Hauptstadt mitbegründete, bei einer Pressekonferenz vor internationalen Journalisten im Foreign Correspondents’ Club of Japan. Ichimura, deren Gruppe Mitveranstalter der aktuellen Protestwoche ist, gehört einer Zeltbewohner-Gemeinschaft im Yoyogi-Park an, unweit des derzeit noch im Bau befindlichen neuen Nationalstadions. Sie kämpft seit Jahren nicht nur gegen die „gewaltsame Vertreibung“ von Obdachlosen. Ichimura und ihre Mitstreiter engagierten sich auch für die Betroffenen von Umsiedlungsmaßnahmen eines inzwischen abgerissenen Apartmentkomplexes, deren überwiegend ältere Bewohner teils schon einmal Zwangsumsiedlungen hatten hinnehmen mussten: 1964 für die ersten Olympischen Spiele in Tokyo.

 

Einige von ihnen seien nach der Umsiedlung zugunsten des Stadionbaus verstorben, berichtet die Hangorin no Kai. Daher, und weil nach Angaben der internationalen Bauarbeitergewerkschaft BWI bereits drei Menschen aufgrund der teils katastrophalen Arbeitsbedingungen auf den Olympiabaustellen ums Leben gekommen sind, davon einer durch Suizid aufgrund permanenter Überarbeitung (karôshi), rührt der Slogan der Hangorin no Kai: „Olympia tötet die Armen“.

 

Die Probleme mit steigenden Grundstückspreisen, Gentrifizierung und Vertreibung von Obdachlosen oder Bewohnern günstiger Wohnungen zugunsten privatwirtschaftlicher Prestigeprojekte seien ein Problem aller Olympischer Spiele der jüngeren Geschichte und Ausdruck eines olympiatypischen „Feier-Kapitalismus“, erläuterte US-Politologe und Olympiaforscher Jules Boykoff während eines Symposiums an der Waseda-Universität. Wie sich steigende Grundstückspreise auf die Situation von ärmeren Menschen in Gastgeberstädten auswirkt, veranschaulichte die US-Aktivistin Anne Orchier, Sprecherin von 25 kalifornischen Organisationen gegen Olympia in Los Angeles 2028, bei der Pressekonferenz. Rund 60.000 Obdachlose gebe es mittlerweile in Los Angeles, im vergangenen Jahr sei die Zahl der Ärmsten um mindestens 16 Prozent  gestiegen, so Orchier. „Und jeden Tag kommen 150 neue hinzu.“

 

„Vertreibungen, Militarisierung der Polizei und des öffentlichen Raumes und Einschränkung von Freiheitsrechten“ seien Grundpfeiler undemokratischer Entwicklungen im Zeichen Olympischer Spiele, erläuterte Boykoff, ein früherer US-Fußball-Nationalspieler, vor den Auslandsjournalisten. Hinzu kämen eine lediglich vordergründige ökologische Rhetorik („Greenwashing“) sowie Korruption als typische Merkmale Olympias im 21. Jahrhundert. Seine wissenschaftlichen Analysen lesen sich für viele wie eine Blaupause auf derzeitige gesellschaftliche Prozesse in Japan. „Wir wollen Olympische Spiele überall verhindern“, erklärte die japanische Aktivistin Ichimura daher vor der Auslandspresse. „Sie sind für uns ein Desaster.“

 

Andreas Singler ist Journalist, Japanologe und Sportwissenschaftler. Seit vielen Jahren setzt er sich mit den problematischen Aspekten des modernen Hochleistungssports auseinander. Als Japanologe beschäftigt er sich mit japanischer Protestkultur, insbesondere mit der Anti-Atomkraft-Bewegung und dem Widerstand gegen Tokyo 2020. Im Berliner EB-Verlag erschien 2018 der Band „Sayonara Atomkraft. Proteste in Japan nach ‚Fukushima'“. Im Herbst erscheint seine Monographie „Tokyo 2020: Olympia und die Argumente der Gegner.“

 


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