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Olympischer Fackellauf in Fukushima: Keine direkten Bezüge zum Atomunglück

Am 1. Juni 2019 präsentierte das Organisationskomitee für die Olympischen Spiele 2020 in Tôkyô seine Pläne für den Kurs des olympischen Fackellaufes. Als Startpunkt ist am 26. März 2020 das Nationale Trainingszentrum J-Village vorgesehen, das einst hauptsächlich vom Energieversorger Tôkyô Denryoku (Tôden/TEPCO) finanzierte größte Sportgelände Japans. Nach dem Atomunfall diente es als Basis für die Arbeiter im 20 Kilometer entfernten Atomkraftwerk Fukushima Daiichi, inzwischen wird es - auch für Jugendliche - wieder als Trainings- und Wettkampfstätte genutzt. Laut Organisationskomitee ist das J-Village "Symbol für den Wiederaufbau nach dem Großen Ost-Japanischen Erdbeben" von 2011. Über den Atomunfall von Fukushima oder verbleibende Probleme mit der dortigen Radioaktivität verlieren Japans Olympia-Organisatoren allerdings kein Wort.

 

Nach dem Auftakt im J-Village, zwischen den Gemeinden Naraha und Hirono gelegen und seit 20. Februar 2019 mit einem eigenen Bahnhof versehen, werde die olympische Flamme "angefangen von den vom Großen Ost-Japanischen Erdbeben sich stetig erholenden Küstengemeinden aus in alle Regionen der Präfektur Fukushima weitergetragen", so heißt es in den Schriftstücken des Organisationskomitee, die der unabhängige Internetsender OurPlanet-TV veröffentlichte. Drei Tage lang soll die im Japanischen als "heiliges Feuer" (seika) bezeichnete olympische Fackel durch die Präfektur Fukushima getragen werden. Nach Hamadôri, dem dem Pazifik zugewandten Küstenabschnitt im Nordosten der Hauptinsel Honshû, wird das olympische Feuer durch die mittlere Region Nakadôri und der am weitesten von der Küste entfernten Region Aizu-Wakamatsu getragen werden und schließlich am dritten Tag in der 300.000-Einwohner-Stadt Kôriyama (Nakadôri) ankommen. Nach insgesamt 121 Tagen und ihrem Weg durch 47 japanische Präfekturen wird mit der in Griechenland an antiker olympischer Stätte entzündeten Flamme bei der Eröffnungsfeier am 24. Juli das olympische Feuer im derzeit noch in Bau befindlichen Neuen Nationalstadion in Tôkyô entfacht werden.

 

Am ersten Tag führt der Weg der Staffel auch durch jene von den multiplen Kernschmelzen in der sechs Meiler umfassenden Nuklearanlage Fukushima Daiichi besonders betroffenen Gemeinden, die innerhalb der einstigen 20-Kilometer-Evakuierungszone liegen und für die die Evakuierungsanordnung mittlerweile aufgrund der umstrittenen 20-Millisievert-Regelung zumindest teilweise wieder aufgehoben worden ist, also auch durch Hirono, Naraha, Tomioka, Ôkuma, Namie und Minamisôma. Der Grenzwert für die jährlich zu tolerierende Dosis an radioaktiver Strahlung war nach dem Atomunglück von 1 auf 20 Millisievert pro Jahr - auch für Kinder - per Gesetz angehoben worden, einer Dosis, die zuvor nur AKW-Mitarbeitern zugemutet worden war - wie auch in Deutschland.

 

Ob die derzeit noch vollständig gesperrte Gemeinde Futaba, die mit Ôkuma zusammen das AKW Fukushima Daiichi beherbergt, auch Gastgeber des quasisakralen Staffellaufes werden wird, ist noch offen. Für Teile Futabas soll im März 2020 die Evakuierungsanordnung aufgehoben werden. „Wenn die Umwelt in Ordnung gebracht ist, möchten wir den Fackellauf auch dort durchführen“, hieß es. „Sobald wir uns mit der Regierung und der Gemeinde beraten haben, werden wir das entscheiden“, so zitiert OurPlanet-TV das Organisationskomitee.

 

Bezüge zum Atomunglück oder zu Fragen der Radioaktivität sind im olympischen Sprachschatz grundsätzlich praktisch unauffindbar. Auch das Internationale Olympische Komitee und ihr deutscher Präsident Thomas Bach meiden Hinweise auf das Atomunglück und sprechen im Zusammenhang mit den propagierten "Wiederaufbau-Spielen" stetig von dem Großen Ost-Japanischen Erdbeben als Ursache. Die olympische Bewegung ist daher aus Sicht vieler Atomkraftgegner längst teil des sogenannten Atomdorfes (genshiryoku mura), jenes Konglomerats aus Wirtschaft, Politik oder Massenmedien, das trotz des Atomunfalls von Fukushima unverdrossen auf die Nutzung der Atomkraft setzt, ja sogar neue Atomkraftwerke in Japan bauen will.

 

Nach dessen Narration wäre die Dreifachkatastrophe bestehend aus Beben, Tsunami und Atomunglück, die am 11. März 2011 ihren Anfang nahm, als reines Naturereignis zu kategorisieren. Dieser Diktion gegenüber stehen die Erkenntnisse aus Untersuchungsberichten und Gerichtsurteilen, wonach das Atomunglück menschliche Ursachen hat, für die sowohl der AKW-Betreiber Tôkyô  Denryoku (TEPCO) als auch der japanische Staat rechtlich und moralisch verantwortlich zeichnen. 

 

Das Atomunglück im Zusammenhang mit dem Wiederaufbau-Begriff mit keinem einzigen Wort zu erwähnen, stellt nach dem Empfinden vieler Kritiker eine Marginalisierung der Betroffenen der Atomkatastrophe dar, insbesondere jener, die freiwillig geflüchtet sind, kaum Anspruch auf Entschädigung haben und für die die staatlichen Unterstützungsleistungen zusehends gestrichen worden sind. Olympia steht damit zugleich für einen Zwang zur Rückkehr in Gebiete, die nach Meinung der meisten Strahlenexperten insbesondere für Kinder mit einem erhöhten multiplen Erkrankungsrisiko verbunden ist (siehe dazu die Ärzteorganisation IPPNW; https://www.ippnw.de/atomenergie/gesundheit/artikel/de/gesundheitliche-folgen-von-fukushima-3.html). 

 

Kritik an der Staffelroute mitten durch das atomare Katastrophengebiet äußerte Kowata Masumi, Stadträtin in Ôkuma-machi: 

„Entlang der (am AKW Fukushima Daiichi vorbeiführenden, Anm. d. Verf.) Nationalstraße 6 ist die radioaktive Strahlung hoch. Es gibt Gegenden, in die fast niemand zurückgekehrt ist, und das ist keine Umwelt, in der die Bevölkerung die Läufer unterstützen kann“, so Kowata. Sie wies gegenüber OurPlanet-TV darauf hin, dass für die Olympischen Spiele auf den Baustellen wegen des Zeitdrucks die Personal- und Materialkosten steigen würden. „Bauarbeiten für den Wiederaufbau dagegen verspäten sich. Wofür sind diese Olympischen Spiele? Die Bedeutung von Wiederaufbau wurde hier auf den Kopf gestellt“, klagte sie. 

 

Die Route, sagen viele Kritiker, stelle eine Bestätigung der von ihnen vehement bekämpften Rückführungspolitik der japanischen Regierung dar und diene damit letztlich auch einer Reetablierung der Atomkraft im Land.

(Stand vom 20. Juni 2019)

 

Quelle: Our-Planet-TV: http://www.ourplanet-tv.org/?q=node%2F2403&fbclid=IwAR0YCCiQm0yaB7CtZLV5oBFfeDPLZr8ad6kruRU3viTyvEC9hhV5KWbIr6s

 

Tokyo 2020 zum olympischen Fackellauf: https://tokyo2020.org/en/special/torch/olympic/map/

 

 

Der Weg zum olympischen Staffellauf führt über Coca Cola


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