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„Einen Ort, der durch Atomkraft leuchten würde, habe ich nicht gefunden“

Atomkraftgegner Hashimoto Hisao aus Iwaishima im Interview

Hashimoto Hisao 橋本久男(*1952) von der Insel Iwaishima (Präfektur Yamaguchi) ist einer der prominentesten Aktivisten gegen den vom Energieversorger Chûgoku Denryoku geplanten Bau des Atomkraftwerks Kaminoseki. Dieses soll auch nach dem seit 2011 fortdauernden Atomunfall von Fukushima weiterhin in der 3,5 Kilometer Entfernung von Iwaishima gelegenen Bucht von Tanoura auf der Insel Nagashima errichtet werden. 

Wegen seines Protests gegen 2009 zunächst aufgenommene Arbeiten wurde Hashimoto zusammen mit drei weiteren Aktivisten mit sogenannten SLAPP-Klagen (Strategic Lawsuit Against Public Participation) und irrationalen Schadenersatzforderungen belegt, die sich vor Gericht aber nicht durchsetzen ließen. Als ehemaliger Arbeiter im AKW Tsuruga (Präfektur Fukui) hatte Hashimoto anhand eines Zwischenfalls früh einen Eindruck von der Gefährlichkeit der Atomkraft erhalten Nach seiner Rückkehr auf die Insel schloss er sich vor 30 Jahren dem dortigen Widerstand gegen den geplanten AKW-Bau in der Japanischen Inlandsee an. Seither arbeitet er dort als Fischer.

 

 

 

Interview am 25. April 2018, Café Iwata, Iwaishima

Mehr zum Protest auf Iwaishima in „Sayonara Atomkraft“ (EB-Verlag Berlin 2018) und auf dieser Website: https://www.andreas-singler.de/proteste-gegen-atomkraft-反原発の抗議/iwaishima-insel-des-widerstands-gegen-das-geplante-akw-kaminoseki/

Frage: Wie war das Leben auf Iwaishima in Ihrer Kindheit?

Hashimoto: Ich lebte hier auf der Insel, bis ich 15 Jahre alt war. Wenn wir aus der Schule zurückkamen, spielten wir im Wald oder am Meer. Wir wollten nicht lernen, wir waren Lausbuben (warugaki). Ich hatte damals 73 Mitschüler. Mit 15 Jahren verließ ich die Insel und ging in der Präfektur Okayama zur Arbeit. Danach arbeitete ich auf dem Festland, bis ich 36 war und auf die Insel zurückkehrte. Damals gab es viele, die mit dem Schiff aufs Festland fuhren und Fisch oder Obst kauften, um ihn dann hier weiterzuverkaufen. 

Frage: Wann schlossen Sie sich der Anti-Atomkraft-Bewegung an?

Hashimoto: Als ich 29 Jahre alt war, schloss ich mich der Gegenbewegung zum Atomkraftwerk Tsuruga an, ich glaube, es ist das älteste AKW in Japan.

Frage: Gab es damals, in den 80er Jahren, viele Inselbewohner, die in Atomkraftwerken beschäftigt waren?

Hashimoto: Ich denke, es waren etwa 20 Männer von der Insel, die in AKW arbeiteten, wie Saisonarbeiter. Die meisten waren zur Zeit meiner Eltern aktiv. Die ältesten meiner Generation waren zwei Mitschüler, die wie ich nur einmal für etwas mehr als 20 Tage nach Tsuruga gingen. Ich wohnte damals in Iwakuni, und wenn es Arbeit gab, ging ich von dort aus dahin. 

Frage: Sie waren nicht direkt beim Betreiber des Atomkraftwerks angestellt?

Hashimoto: Nein.

Frage: Es handelte sich um ein Subunternehmen (shita’uke) ?

Hashimoto: Es war das unterste aller Subunternehmen. 

Frage: Was für Arbeit mussten Sie da verrichten?

Hashimoto: Es waren Installationsarbeiten, wir haben Rohre installiert. Unsere Bezeichnung war Ingenieur, aber wir hatten keine Qualifikation (shikaku) als Ingenieure oder fürs Schweißen (yôsetsu).    

Frage: Wann stellten Sie fest, dass Ihre Arbeit gefährlich war?

Hashimoto: Das wusste ich schon vorher. Aber ich wusste nicht genau, warum. Als ich ins AKW ging, erhielt ich eine Untersuchung, als ich zurückkam, wurde ich wieder untersucht. „Scheint wirklich gefährlich zu sein“, dachte ich nach meiner Rückkehr erstmals konkret.  

Frage: Waren Sie selbst von Radioaktivität betroffen?

Hashimoto: Nicht in der Form, dass ich krank geworden wäre, aber bis zu einem gewissen Grad wurde auch ich der Radioaktivität ausgesetzt. Es hat sich aber bislang nicht in Form gesundheitlicher Probleme niedergeschlagen. Bevor man ins Atomkraftwerk hineinging, gab es eine Untersuchung, bei der der Normalwert festgestellt wurde, beim Austritt gab es wieder eine Untersuchung, und die Arbeiter hatten auch ein Strahlen-Notizbuch. 

Frage: Gab es in Ihrer Zeit Zwischenfälle? 

Hashimoto: Es gab verschiedene Komplikationen (kujô), so entschied ich mich, zurückzukehren. 1981 ereignete sich ein Leck in einer Kühlwasserableitung (reikyakusui haisui), bei der Radioaktivität austrat. Das wurde wohl wieder geregelt. Bei der Arbeit im Reaktorkern war beängstigend, dass nach wenigen Minuten Arbeit die Alarmklingel läutete. Danach wurden neue Leute in den Reaktorkern geschickt. Solche Dinge. In Japan gab es kaum Fachleute für diese Arbeit. 

         Frage: Wie lange haben Sie im AKW gearbeitet?

Hashimoto: Ich habe sofort wieder aufgehört, war nur einmal dort. 1988 bin ich dann auf die Insel zurückgekehrt, ein Jahr vor dem Beginn der Heisei-Ära. Hier habe ich mich mit Fischerei beschäftigt. Mein Vater war Fischer, betrieb Stellnetzfischerei und Lampenschirmfischerei. In der Nacht fischte er mit Lichtern Makrelenhechte. Als Fischgrund ist das hier der beste Ort. Es ist ein schönes Leben, es ist der Mühe wert. Wäre das Problem mit dem AKW nicht, es wäre ein glücklicher Ort.

Frage: Wann haben Sie zum ersten Mal davon gehört, dass das AKW Kaminoseki gebaut werden soll?

Hashimoto: Das war etwa um 1987 herum, ich war 35 Jahre alt und arbeitete damals in Hiroshima. Mein Vater erzählte mir davon am Telefon. Ich sagte, dagegen musst du sofort etwas unternehmen.

Frage: Wie war damals das Meinungsbild auf der Insel?

Hashimoto: Damals verstanden die Inselbewohner nicht wirklich, was das bedeutete. Als die Rede davon aufkam, waren jedoch mehr als 90 Prozent dagegen. 

Frage: Der Widerstand auf Iwaishima drückt sich zum Beispiel anhand von Montagsdemonstrationen aus, die es seit den frühen 1980er Jahren gibt. 

Hashimoto: Bald findet die Montagsdemonstration zum 1300. Mal statt. Im Prinzip findet sie jede Woche statt. Wenn es regnet, fällt sie aus. Wenn es einen Trauerfall gibt, ebenfalls. Wie oft ich selbst teilgenommen habe, weiß ich nicht. 

Frage: Was glauben Sie, wie wird es mit den Plänen zum AKW hier weitergehen?

Hashimoto: Ich werde etwas dagegen unternehmen, solange mein Körper das mitmacht, und wenn es nach mir geht, dann bleiben die AKW-Baupläne unbeschriebenes Papier. Iwaishima lehnt jetzt seit 36 Jahren die Annahme von Fischerei-Entschädigungsgeldern (gyogyô hoshô) ab. Wir werden niemals aufgeben. Auch vor Gericht kämpfen wir. Wir müssen das tun. Zuletzt waren wir Beklagte, davor haben wir geklagt. Die SLAPP-Klagen haben lange gedauert. Es kam zu einem Vergleich, letztlich haben wir gewonnen, aber es hat lange gedauert. 

Frage: Der Vergleich beinhaltete das Verbot, nicht mehr mit dem Boot in das Gebiet der Bauarbeiten zu fahren.

Hashimoto: Im Augenblick stehen die Bauarbeiten still, und ich rechne auch nicht damit, dass sie wieder aufgenommen werden, aber wer weiß schon, wie der Staat sich entscheidet.

Frage: Wie würden Sie reagieren, wenn die Landaufschüttungen beginnen?

Hashimoto: Das, was ich bisher auch gemacht habe: mit meinem Boot in Richtung Tanoura fahren und dort gegen die Arbeiten protestieren.

Frage: Auch wenn es verboten ist? 

Hashimoto: Ich gehe trotzdem. Ich bin immer wieder in die Zone hineingefahren und bin nicht zur Zahlung von Schadenersatz (songai baishô) verpflichtet worden, obwohl es heißt, einmal hineinzufahren, würde mit der Forderung von fünf Millionen Yen belegt werden. Es gab eine Forderung von 48 Millionen, aber diesbezüglich gab es einen Vergleich. In Zukunft wird es fünf Millionen kosten, einmal hineinzufahren, aber auch hier ist das letzte Wort noch nicht gesprochen. Chûden muss erst einmal beweisen, was dabei für ein Schaden entstehen soll. Das letzte Mal haben sie ihren Antrag zurückgezogen (toriageta). Damals kamen viele Zuschauer (bôchônin) zum Gericht, viele kamen in den Gerichtssaal nicht hinein. Rund 300 Unterstützer waren da.

Frage: Sie sprechen die sogenannten SLAPP-Klage an, mit der Sie gemeinsam mit Ihren Mitstreitern vom Energieversorger Chûden belegt wurden. Wie haben Sie das durchgestanden?

Hashimoto: Das hat natürlich viel Geld gekostet. Die Kosten haben wir vollständig aus Spenden, die wir aus dem ganzen Land erhalten haben, bestritten. Weil Iwaishima eine Insel ist, deren Bewohner ihre Haltung gegen Atomkraft zum Ausdruck bringen, kommen viele Gäste zu uns, auch aus Deutschland. Orte wie diesen gibt es nicht viele. Wenn ein Atomkraftwerk einmal gebaut ist, ist es schwer, etwas dagegen zu unternehmen. 

Frage: Wie ist die Stimmung in den übrigen Teilen der Verbandsgemeinde Kaminoseki-chô?

Matsumoto: Eine Volksabstimmung nach Zustimmung oder Ablehnung von Atomkraft gab es noch nicht. Wenn es sie gäbe, wären überwältigend viele gegen Atomkraft. Aber bei Bürgermeisterwahlen oder Wahlen zum Gemeinderat sieht das anders aus, da wird oft nach menschlichen Verbindungen (ningenteki tsunagari) entschieden. Wir sind hier eben in der Provinz. 

Frage: Inwieweit ist Atomkraft für Sie auch ein Problem, das über die technische Seite hinausgeht? 

Hashimoto: Atomkraft ist ein technologisches Problem, und man kann ihr nicht trauen. Der Staat, die Politik, das Stromunternehmen Chûden, sie alle – kaum, dass es irgendein Problem gibt – entscheiden sich sofort dafür, es zu verschweigen. Sie geben nichts bekannt. So war es früher, und so setzt es sich immer weiter fort. Der Atomkraft-Administration kann man einfach nicht vertrauen. Sie sagen, ohne Atomkraft gehe nichts, aber es gibt im Augenblick kaum Atomkraft, und trotzdem geht es weiter. Wir brauchen die Atomkraft nicht.

Frage: Wie verändert sich durch die Atomkraftfrage die Beziehung zwischen den Menschen vor Ort? 

Hashimoto: In Bezug auf Iwaishima ist der Schaden fürchterlich. Selbst Familien werden dadurch zerstört. Die Familie meiner Eltern ist an der Frage dafür oder dagegen zerbrochen. Danach hat sie auch nicht mehr zu einem familiären Umgang gefunden.    

Frage: Es heißt, man brauche die Atomkraft für die wirtschaftliche Entwicklung auf dem Land.

Hashimoto: Der Staat und die Verwaltung sagen das. Sie sagen, dadurch kämen Steuereinnahmen (zeishû) und Subventionen (kôfukin) in die Kassen. Aber das ist nur eine temporäre Sache. Ich habe mich in Japan umgesehen, einen Ort, der durch die Atomkraft leuchten würde (sakaeta tokoro), gibt es nicht. Reichtum ist eine temporäre Sache, aber von einem Segen für die normalen Menschen kann man nicht sprechen. 

Frage: Was wäre, wenn Sie und ihre Mitstreiter in der Vergangenheit nicht dagegen protestiert hätten? 

Hashimoto: Wenn wir – mit der Hilfe von Unterstützern aus dem ganzen Land und besonders durch die starke Rolle der Frauen – nichts dagegen unternommen hätten, wäre das Atomkraftwerk schon längst gebaut worden.

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